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Die Preisgabe moralischer Werte im militärischen Kontext: Moral Injury als Proprium ethischer Reflexion in der Bundeswehr

Einleitung

Die Diskussion um die moralische Verletzung in Psychiatrie und Psychologie hat als Nebeneffekt eine (neuerliche) Vergegenwärtigung der Ethik als eine militärische Schlüsselkompetenz zur Folge gehabt, die sich nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Herausforderungen einer Landes- und Bündnisverteidigung als bedeutsam erweist. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die erschreckenden Infragestellungen, denen sich aktuell das Humanitäre Völkerrecht und die Genfer Konventionen ausgesetzt sehen. In Zeiten, da die Befolgung der hiermit einhergehenden rechtlichen und moralischen Selbstverpflichtung offen mit Blick auf eigene Nützlichkeitserwägungen diskutiert wird, bedarf es dringend einer Rückbesinnung auf individuelle und gemeinschaftlich geteilte ethisch-moralische Wegmarken, die selbst in Zeiten des militärischen Konfliktes erlauben, einem Mindestmaß an Menschlichkeit zum Durchbruch zu verhelfen.

Dass die Preisgabe ethisch-moralischer Standards mit erheblichen Konsequenzen verbunden ist, lässt sich nicht zuletzt an jenen Beobachtungen ablesen, die seit den 1990er-Jahren mit dem Begriff der moralischen Verletzung (Moral Injury) umschrieben werden. Moral Injury stellt ein Phänomen an der Schnittstelle von Psychiatrie und Ethik dar, wobei moralischen Fragen hierbei eine direkte klinische Relevanz zukommt. Zu deren Erörterung bedarf es sowohl auf Patienten- als auch auf Therapeutenseite eines Mindestmaßes ethischer Bildung, die es ermöglicht, moralische Konflikte überhaupt als solche zu erkennen und ins Wort fassen zu können respektive in einem klinischen Setting zu thematisieren. Was für Diagnostik, Therapie und Rehabilitation gilt, erweist sich nicht zuletzt auch für eine mögliche Prävention moralischer Verletzungen als bedeutsam.

Die Tatsache, dass Moral Injury ein interdisziplinärer Charakter eignet, hat zur Konsequenz, dass nicht nur Psychiatrie und Psychologie, sondern insbesondere auch die Ethik auskunftsfähig sein muss, wenn es um das Phänomen der moralischen Verletzung geht. Moral als Bezeichnung für individuelle oder gemeinsam geteilte Werte, Prinzipien und Normen stellt zunächst einen Gegenstand ethischer Reflexion dar. Die Ethik wird sich deshalb insbesondere durch eine neuerliche Vergegenwärtigung ihres Gegenstandes in die Diskussion um Moral Injury einzubringen haben. Es gilt, im Rahmen ethischer Bildung eine Kompetenz zu vermitteln, die es erlaubt, die moralische Verletzung als das zu erkennen, was sie ist: eine potenzielle Gefährdung des einzelnen Individuums, die bereits im Vorfeld eine eingehende Beschäftigung erfordert, um einen angemessenen Umgang mit ihr zu ermöglichen.

Die immer wieder im Rahmen ethischer Ausbildung zu beobachtende Sprachlosigkeit der Soldatinnen und Soldaten im Hinblick auf Begriffe wie Ethik und Moral geht nicht selten einher mit einer Unkenntnis der eigenen Werte und der hieraus resultierenden moralischen Überzeugungen und Erwartungen. Eine ethische Bildungsarbeit, die eine präventive, diagnostische und therapeutische Unterstützung im Umgang mit moralischen Verletzungen zum Ziel hat, wird hier anzusetzen haben: Was bedeutet Ethik? Was bedeutet Moral? Welche Rolle spielen Ethik und Moral für den Menschen als moralisches Subjekt? Warum erweisen sich moralische Überzeugungen und Erwartungen im militärischen Kontext als besonders gefährdet? Wie lässt sich Moral Injury aus ethischer Perspektive erhellen?

Moral Injury als Phänomen an der Schnittstelle von Psychiatrie und Ethik        

Das Phänomen der moralischen Verletzung erscheint unter ethikgeschichtlichen Gesichtspunkten nicht neu, wurde jedoch als solches in seiner psychiatrisch-psychologischen Bedeutung erstmals durch Jonathan Shay in seinem 1995 publizierten Werk Achilles in Vietnam: Combat Trauma and the Undoing of Character[1] im Kontext kriegsbedingter Traumafolgestörungen beschrieben und von Bret Litz et al. im Jahr 2009 in seinem wegweisenden Aufsatz „Moral Injury and Moral Repair in War Veterans“[2] aufgegriffen. Beide Publikationen beleuchten die moralische Verletzung nicht als ethisches, sondern als psychiatrisches Phänomen, das in der Folgezeit von einer Vielzahl unterschiedlicher Autorinnen und Autoren eingehende Beachtung fand.[3]

Die Besonderheit, die der moralischen Verletzung zukommt, besteht aus medizinischer und ethischer Sicht vor allem darin, dass es sich hierbei nicht um eine die klinische Medizin in Forschung, Diagnostik und Therapie flankierende (medizin-)ethische Fragestellung handelt, sondern vielmehr um ein Phänomen mit direkter klinischer Relevanz: Verletzte Moral bedingt eine moralische Verletzung, das heißt ein ethisches Phänomen zeitigt eine psychopathologische Konsequenz. Dies stellt für Ethik und Medizin eine besondere Herausforderung dar. Die Moral Injury erweist sich als klinisch relevant, das heißt, die Frage nach der Befolgung respektive Nichtbefolgung ethischer Grundsätze steht im Zentrum einer behandlungsbedürftigen psychiatrischen Erkrankung. Ethik und Moral kommen in diesem Zusammenhang also nicht nur die Bedeutung einer metaklinischen Reflexion zu, vielmehr stehen sie im Zentrum einer klinischen Interaktion, die sowohl Patientinnen und Patienten als auch ihren Therapeutinnen und Therapeuten ein erhebliches Maß ethischer Kompetenz abverlangt.

Ethik, Moral und Beruf

Ethik und Moral sind als Begriffe in den Medien allgegenwärtig und finden auch in der Bundeswehr in unterschiedlichen Kontexten breite Verwendung. Dennoch bedarf es immer wieder einer Klarstellung, was mit den Begriffen eigentlich gemeint ist. Den nicht selten zu beobachtenden synonymen Gebrauch gilt es nicht zuletzt mit Hinblick auf eine differenzierende Sichtweise auf das Phänomen der moralischen Verletzung immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Ethik meint die wissenschaftlich-kritische Reflexion moralischer Handlungen und der diesen Handlungen zugrunde liegenden moralischen Werte, Prinzipien und Normen. Sie lässt sich als akademische Disziplin weiter untergliedern. Neben der Fundamentalethik, die sich grundlegenden Fragen widmet, lassen sich eine Vielzahl von Bereichsethiken ausmachen. Für den Bereich der Bundeswehr wären hier paradigmatisch angewandte Ethiken wie die Militärethik, die Wehrmedizinethik, die Cyberethik oder die Friedensethik zu nennen.[4]

Die Ethik ist Teil der Humanwissenschaften, das heißt derjenigen Wissenschaften, die den Menschen und seine Besonderheiten erforschen. Hierzu gehört seine Befähigung, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und entsprechend zu handeln; etwas, das sich mit den Begriffen Moralität und Sittlichkeit beschreiben lässt. Ethische Kompetenzvermittlung lädt dazu ein, darüber nachzudenken, was Moralität und Sittlichkeit bedeuten. Sie ist eng gekoppelt an die Einsicht, dass wir Menschen moralisch und sittlich begabte Wesen sind und uns als solche wahrnehmen können und müssen.

Unser Leben ist gekennzeichnet durch unzählige Handlungen, die wir tagtäglich vollziehen. Nicht immer machen wir uns darüber Gedanken, ob eine Handlung richtig oder falsch ist. Wird diese Frage bei der Handlungsentscheidung zum Thema, lässt sich von einer moralischen Handlung im engeren Sinne sprechen, das heißt, einer Handlung, die bewusster Ausdruck unserer moralischen Werte, Prinzipien und Normen ist.    

Die Rede von moralischen Werten, Prinzipien und Normen ist Ausdruck unserer moralischen Orientierung. Sie spielen als Orientierungshilfe bei der Handlungsentscheidung eine wichtige Rolle. Als ein bedeutsamer Wert lässt sich zum Beispiel das Leben benennen und hiervon ausgehend das Prinzip des Lebensschutzes ableiten. Das Prinzip wiederum spiegelt sich in einer Reihe von Normen wider, wie beispielsweise „Rette Ertrinkende!“ oder „Gib Verhungernden zu essen!“. Wir Menschen verfügen über eine Vielzahl gemeinsam geteilter, aber auch individueller Werte, Prinzipien und Normen. Ihre Vermittlung und Aneignung erfolgt in unterschiedlichen Kontexten, beispielsweise in der Familie, der Schule oder auch der Bundeswehr. Die Summe der Werte, Prinzipien und Normen eines Individuums oder einer Gemeinschaft lässt sich mit dem Begriff Moral zusammenfassen.

Um eine Handlungssituation moralisch zu beurteilen und entsprechend handeln zu können, braucht es eine moralische Kompetenz. Alternativ könnte man auch von moralischer Fitness (Moral Fitness) sprechen. Dabei ist die Analogie zum Fitnessbegriff im Sport durchaus gewollt. Der Entschluss, einmal im Leben einen Marathon zu laufen, macht den Menschen noch lange nicht zur Marathonläuferin oder zum Marathonläufer. Es bedarf vieler, oft mühseliger Vorbereitungen, bis es so weit ist. Vielleicht wird man ein Buch zum Thema lesen oder sich mit anderen austauschen, die das schon einmal gemacht haben. Es lohnt sich sicherlich, sich Gedanken über die Ernährung zu machen. Vor allem aber wird es darum gehen, mit dem Lauftraining zu beginnen. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Entschluss, ein moralischer Mensch zu sein. Nur die Einsicht, dass es erstrebenswert ist, beispielsweise ein gerechter Mensch zu sein, macht einen noch lange nicht zu einem gerechten Menschen. Es gilt auch hier, mit dem theoretischen und praktischen Training zu beginnen.

Dies ist umso wichtiger, als es eine Vielzahl von Handlungssituationen gibt, in denen es eine einfache Lösung im Sinne von moralisch richtig oder falsch nicht gibt. Diese moralischen Dilemmata kennzeichnen sich dadurch, dass zwei oder mehr gleichrangige moralische Werte, Prinzipien oder Normen aufeinandertreffen. In diesen Fällen hat eine Handlungsentscheidung stets sowohl positive als auch negative Folgen, was sehr belastend, manchmal traumatisierend sein kann. Im militärischen Kontext kann ein moralisches Dilemma nicht selten den Charakter eines doppelten Loyalitätskonfliktes (Dual Loyalty Conflict) annehmen. Hierbei handelt es sich um eine Konfliktsituation, die sich beispielsweise aus ärztlichen und militärischen Doppelverwendung ergibt. Hier kollidieren Werte, Prinzipien und Normen der Angehörigen eines Heilberufes mit soldatischen Werten, Prinzipien und Normen. Dies kann zum Beispiel im Einsatz der Fall sein, wenn aus einsatztechnischen Gründen eine Versorgung der Zivilbevölkerung nicht möglich ist und militärischen Zielen untergeordnet werden muss (military necessity vs. medical urgency).

Ethische Herausforderungen im militärischen Alltag

Dieses Beispiel zeigt, wie sehr Handlungsentscheidungen an konkrete Rollenfragen gekoppelt sind. Die Frage „Was für Soldatinnen und Soldaten möchten wir sein?“ ist untrennbar verbunden mit einer Reihe weiterer Fragen, die sich aus den Rollen ergeben, die Menschen im Leben einnehmen. So lässt sich darüber hinaus fragen: „Was für Eltern möchten wir sein?“ oder „Was für Ärztinnen und Ärzte?“ oder „Was für Staatsbürgerinnen und Staatsbürger?“. Diese Fragen münden in der übergeordneten Frage „Was für Menschen möchten wir sein?“. Und die Beantwortung dieser Frage steht und fällt mit der Annahme der ethischen und moralischen Herausforderungen im militärischen oder privaten Alltag. Beide Bereiche sind untrennbar miteinander verbunden. Ethische Entscheidungen im Dienst wirken zurück auf das Privatleben und umgekehrt. Die verschiedenen Rollen, die Menschen kennzeichnen, lassen sich nur integrativ, niemals losgelöst voneinander, geschweige denn gegeneinander verwirklichen. Dies stellt eine nicht zu unterschätzende Aufgabe dar.

Die verschiedenen Rollen, die Menschen kennzeichnen, lassen sich nur integrativ, niemals losgelöst voneinander, geschweige denn gegeneinander verwirklichen

Wenn es um die unterschiedlichen Sphären soldatischer Kompetenz geht, kommt also der Ethik eine wichtige Funktion zu. In Modifikation des Comprehensive Soldier Fitness Model der US-Army lässt sich ein dreigliedriges Modell formulieren, das mit drei soldatischen Kompetenzbereichen arbeitet.[5]Neben der körperlichen Fitness und der mentalen Fitness weist dieses Modell auch die moralische Fitness aus. 

Von körperlichen, seelischen und moralischen Verletzungen

Dies scheint nicht zuletzt mit Blick auf die Bedeutung möglicher moralischer Traumata geboten. Neben physischen und psychischen Verletzungen spielen moralische Verletzungen eine zunehmend wichtige Rolle und werden heute infolge der interdisziplinären Moral-Injury-Forschung auch in der Öffentlichkeit vermehrt wahrgenommen. Dabei treten moralische Verletzungen im Rahmen psychischer Traumafolgestörungen auf. Über Letztere hält die Internationale Definition von Krankheiten (ICD-11) der Weltgesundheitsorganisation fest: „Die Betroffenen waren einem kurzen oder langanhaltenden Ereignis oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß ausgesetzt.“ Ein eingehender Blick auf die Ursachen erlaubt hier eine Differenzierung zwischen akzidentiellen und interpersonellen Traumata. Während akzidentielle Traumata vor allem den Charakter von Natur- oder Technikkatastrophen haben, charakterisiert interpersonelle Traumata eine zwischenmenschliche Handlung (man-made trauma).[6]Beispielhaft wären hier zu nennen: kriminelle Gewalt, sexueller Missbrauch, bewaffneter Raub, häusliche Gewalt, Krieg, Kampf, Folter, Geiselnahme oder Gefangenschaft im Konzentrationslager. Diese interpersonellen Traumata lassen allesamt erkennen, dass es hierbei im Unterschied zu den akzidentiellen Traumata um schwerwiegende moralische Fragen geht. Diesem Unterschied trägt auch die traditionelle philosophische Unterscheidung möglicher Übel Rechnung, die Menschen widerfahren können: Neben den als malumphysicum bezeichneten Naturkatastrophen wird menschenverursachtes Übel als malummorale ausgewiesen. Es ist interessant zu sehen, dass sowohl die Rede vom interpersonellen Trauma als auch vom malum morale indirekt schon immer auf das heute als Moral Injury bezeichnete Phänomen verwiesen haben.

Auch wenn Moral Injury ein junges Krankheitsbild darstellt, das im Rahmen von Traumafolgestörungen auftreten kann, hat es moralische Verletzungen der Sache nach immer schon gegeben. Interpersonelle Traumata (oder die Erfahrung eines moralischen Übels) und die von ihnen bedingte tiefgreifende Wert-, Prinzipien- und Normenkonflikte stellten seit jeher eine besondere Herausforderung dar und fanden vielfältigen Niederschlag nicht zuletzt in Kunst und Literatur.

Vor dem Hintergrund des derzeitigen Wissens- und Forschungsstandes lässt sich Moral Injury wie folgt definieren: Moral injury bezeichnet eine tiefgreifende moralische Erschütterung im Rahmen psychisch traumatisierender Ereignisse, bei der eigenes oder fremdes Handeln/Nichthandeln im Widerspruch zum Werte-, Prinzipien- und Normenbewusstsein der Betroffenen steht und mit demselben nicht mehr zur Deckung gebracht werden kann. Hierbei lassen sich drei Aspekte besonders hervorheben: Es handelt sich um eine tiefgreifende moralische Erschütterung im Rahmen psychisch traumatisierender Ereignisse; es geht um eigenes oder fremdes Handeln/Nichthandeln; dieses Handeln/Nichthandeln steht im Widerspruch zum Werte-, Prinzipien- und Normenbewusstsein der Betroffenen. Die Betroffenen können also durch eigenes Handeln/Nichthandeln eine moralische Verletzung erleiden, indem sie beispielsweise zu einer Handlung/Nichthandlung gezwungen wurden. Oder sie können durch fremdes Handeln/Nichthandeln eine moralische Verletzung erleiden; als Opfer, weil sich die Handlung/Nichthandlung direkt gegen die Betroffenen richtet, oder als Zeuge oder Zeugin, weil man die entsprechende Handlung/Nichthandlung beobachtet und nicht intervenieren kann.   

Das Moral-Fitness-Modell

Für die Ethik hat das Thema der Moral Injury in mehrfacher Hinsicht eine erhebliche Bedeutung. Es zeigt sich, dass ethische und moralische Fragen eine direkte klinische Relevanz haben im Hinblick auf Diagnostik, Therapie, Rehabilitation und Prävention moralischer Verletzungen. Im Hinblick auf den therapeutischen Dialog gilt zu bedenken, dass das Erkennen, Benennen und Besprechen moralischer Konflikte als solcher sowohl auf therapeutischer Seite als auch auf Seite des Patienten oder der Patientin ein nicht unerhebliches Maß an ethischer Kompetenz voraussetzt.

Entsprechend lässt sich das Phänomen der Moral Injury in den größeren Zusammenhang ethischen Lernens und ethischer Kompetenz stellen. Die Literatur zur Moral-Injury-Thematik beleuchtet in der Regel unterschiedliche Aspekte, ohne diese jedoch so miteinander in Verbindung zu bringen, dass sich eine Art Zusammenschau ergibt. Das Moral-Fitness-Modell on Coping with Moral Harm stellt das Phänomen der Moral Injury in den größeren Zusammenhang ethischen Lernens und Kompetenzerwerbs (vgl. Abbildung 1).

Das Modell stellt einen sich selbst verstärkenden Regelkreis dar, der sich in zehn Einzelschritte untergliedern lässt. Das Ethical Training, an dem die Soldatinnen und Soldaten teilnehmen, dient der Erarbeitung einer individuellen Moral Fitness. In der Bundeswehr wären hierzu unterschiedliche Ausbildungsformate zu zählen, die vom niederschwelligen Angebot des Lebenskundlichen Unterrichts über entsprechende Lehrgangsformate an den Schulen und Akademien bis hin zu ethischen Lehrveranstaltungen an den Universitäten der Bundeswehr reichen. Moral Fitness meint zunächst einmal die Erkenntnis, dass wir Menschen moralische Wesen sind. Hiermit einher geht ein Verständnis für die Bedeutung ethischer Fragen und die Bereitschaft, sich damit zu beschäftigen. Eine wichtige Rolle spielt für den ethischen Kompetenzerwerb sicherlich auch das Arbeiten an und Eintreten für moralische Werte, Prinzipien und Normen.

Die Moral Fitness spielt eine wichtige Rolle in der Auseinandersetzung mit einem moralisch schädigenden Ereignis (Moral Harm) im Einsatz. Moral Harm gilt es terminologisch vom Begriff der Moral Injury zu unterscheiden. Moral Harm meint die Ursache, also das traumatisierende interpersonelle Ereignis, während Moral Injury die mögliche pathopsychologische Folge bezeichnet. Beispielhaft kann hier auf folgende Ereignisse verwiesen werden: Erleben von Gewalt und Zerstörung, Waffengebrauch, Verletzung und Verwundung, Tod und Verstöße gegen die Genfer Konventionen. Im Zusammenhang mit Gewalt und Zerstörung spielen folgende Aspekte eine wichtige Rolle: der Anblick zerstörter Häuser und Ortschaften, die Zeugenschaft von Brutalität, Gewalt und Misshandlungen, aber auch das Erleben eines Angriffs oder Überfalls. Hinsichtlich des Waffengebrauchs erweisen sich der Befehl zum Beschuss gegnerischer Kräfte und die Verantwortung für den Tod gegnerischer Kräfte als bedeutsam. Bei Verletzungen und Verwundungen sind vor allen der hilflose Anblick kranker und verletzter Frauen und Kinder, der Anblick schwer verwundeter Kameradinnen und Kameraden oder das eigene Verwundet- oder Verletztwerden von großer Bedeutung. Der Umgang mit dem Tod stellt immer eine besondere Herausforderung dar, verschärft sich jedoch in der Einsatzsituation durch den Anblick oder die Identifikation von Leichen und Leichenteilen. Ferner wäre hier zu nennen: Zeuge des Todes eines Kameraden oder einer Kameradin zu sein und die Verantwortung für den Tod eines Kameraden oder einer Kameradin. Bei Verstößen gegen das Humanitäre Völkerrecht handelt es sich um ein weites Feld. Im Hinblick auf moralische Verletzungen sind jedoch insbesondere folgende Punkte zu nennen: Folter, Missachtung des Schutzzeichens und Waffengebrauch durch Sanitätspersonal.

Dass diese Erlebnisse zum Teil mit erheblichem moralischem Stress (Moral Stress) einhergehen, versteht sich von selbst. Dieser moralische Stress kann – analog zum klassischen Stressmodell und je nach Resilienzlage – entweder als moralischer Dystress (Moral Distress) oder als moralischer Eustress (Moral Eustress) erfahren werden. Moralische Resilienz (Moral Resilience) meint in diesem Zusammenhang das individuell ausgeprägte Verhältnis von moralischer Verletzbarkeit (Moral Vulnerability) und moralischer Stärke (Moral Strength).

Je nachdem prägt im Weiteren eine Moral Challenge oder eine Moral Injury die individuelle Entwicklung der Betroffenen. Entsprechend kann zwischen einem Moral-Challenge-Complex (M-C-Complex) und einem Moral-Injury-Complex (M-I-Complex) unterschieden werden. Im Rahmen des Moral-Challenge-Complex kann es über verschiedene Zwischenstufen (Moral Awareness, Moral Processing und Moral Adaption) zu einem moralischen Wachstum (Moral Growth) kommen. Auf der anderen Seite (Moral-Injury-Complex) steht die klinische Auseinandersetzung mit Moral Injury im Fokus (Diagnostik, Therapie und Rehabilitation), die im Idealfall in eine Moral Recovery münden.

Ein wichtiger Aspekt des Modells sind die unterstützenden Faktoren (Institutional Support, Spiritual Support, Mental Support und Social Support). Unter Institutional Support lässt sich die Unterstützung seitens der Institution Bundeswehr festhalten. Das reicht von den Kameradinnen und Kameraden über militärische Vorgesetze, die ein offenes Ohr für die Probleme der Soldatinnen und Soldaten haben, bis hin zu den Mitgliedern des Deutschen Bundestages. Spiritual Support bezeichnet in diesem Zusammenhang die Militärseelsorge. Hier findet sich zumeist eine erste Anlaufstelle, wenn es zu entsprechenden Konflikten kommt. Auch die Psychologinnen und Psychologen wirken als wichtiger unterstützender Faktor im Sinne eines Mental Support. Von großer Wichtigkeit ist der Social Support. Hierunter lässt sich die Unterstützung der Familie und Freunde zusammenfassen. Die unterstützenden Faktoren spielen eine wichtige Rolle bei der Be- und Verarbeitung potenziell traumatisierender Ereignisse. Eine mangelhafte Unterstützung kann dazu führen, dass ein moralisch eustressiges Erleben in moralischen Dysstress umschlägt und umgekehrt.

Eine mangelhafte Unterstützung kann dazu führen, dass ein moralisch eustressiges Erleben in moralischen Dysstress umschlägt und umgekehrt

Abschließend gilt es festzuhalten, dass es in der Folge zu einer Reevaluierung des Ereignisses und einer Stärkung der Moral Fitness kommen kann. Die gemachten Erfahrungen und ihre Verarbeitung werden im Idealfall durch die Betroffenen in den weiteren ethischen Lernprozess (Ethical Training) eingebracht.

Zusammenfassung und Ausblick

Moral Injury findet zunehmend Beachtung als neues Krankheitsbild, dessen Erforschung durch einen interdisziplinären Ansatz in Psychiatrie, Psychologie, Soziologie und Ethik erfolgt. Hierbei zeigt sich die Bedeutung ethischer Kompetenz im Hinblick auf Prävention, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation der Moral Injury.

Die Bedeutung ethischen Lernens für den militärischen Alltag verdeutlicht das Moral-Fitness-Modell für den Umgang mit potenziell moralisch schädigenden Ereignissen. Die klinische Relevanz moralischer Verletzungen unterstreicht die Bedeutung der Weiterentwicklung ethischer Lehrformate in Theorie und Praxis im Rahmen einer kompetenzorientierten Ausbildung der Soldatinnen und Soldaten. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Vermittlung ethischer Bildung und Kompetenz in der Bundeswehr in den nächsten Jahren nicht zuletzt mit Blick auf die Moral-Injury-Problematik wichtige Impulse erhalten wird. Dabei wird die Moral Fitness als soldatische Kernkompetenz zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Die Sorge um eine Moral Fitness der Soldatinnen und Soldaten erweist sich im Hinblick auf die Landes- und Bündnisverteidigung vor allem dann als relevant, wenn die Einhaltung der rechtlichen und ethischen Standards, wie sie durch international verbindliche Referenztexte formuliert sind, durch den militärischen Gegner keine Befolgung mehr finden. Diese Entwicklung darf keinesfalls dazu führen, die eigene Bindung an rechtliche und ethische Standards infrage zu stellen. Vielmehr bedarf es vor dem Hintergrund dieser Entwicklung einer neuerlichen Vergewisserung des eigenen und gemeinsam zu teilenden moralischen Selbstverständnisses. Eine Moral-Injury-Prävention wird genau hier anzusetzen haben und im Rahmen der Persönlichkeitsbildung eine Stärkung der Soldatinnen und Soldaten als verantwortungsvolle moralische Subjekte voranzutreiben haben.     

 

 


[1] Vgl. Shay, Jonathan (1994): Achilles in Vietnam: Combat Trauma and the Undoing of Character. New York. (Dt.: Achill in Vietnam: Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust. Hamburg 1998.)

[2] Vgl. Litz, Brett T. et al. (2009): Moral injury and Moral Repair in War Veterans: A Preliminary Model and Intervention Strategy. In: Clinical Psychology Review 29, S. 695−706.

[3] Vgl. Wiinikka-Lydon, Joseph (2019): Mapping Moral Injury: Comparing Discourses of Moral Harm. In: Journal of Medicine and Philosophy 44, S. 175−191.

[4] Vgl. Fischer, Dirk (2023): Sanitätsdienstliches Handeln im militärischen Konflikt. Eine Einführung in die Wehrmedizinethik. In: Zeitschrift für Medizinische Ethik 69, S. 59−73.

[5] Vgl. Fischer, Dirk (2019): Medizinische Ethik im militärischen Kontext. Eine Herausforderung für Forschung und Lehre. In: Ethik und Militär (2), S. 50–56.

[6] Vgl. Schellong, Julia et al. (Hg.) (2018): Praxisbuch Psychotraumatologie. Stuttgart, S. 29.

DOI: 10.48701/opus4-825

Zusammenfassung

Dirk Fischer

Dr. Dr. Dirk Fischer studierte Humanmedizin, Philosophie und katholische Theologie und promovierte in Humanmedizin und katholischer Theologie. Er ist medizinethischer Berater des Sanitätsdienstes der Bundeswehr sowie Leiter des Instituts für Wehrmedizinische Ethik an der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München.

dirk3fischer@bundeswehr.org

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