Kontroversen in Militärethik und Sicherheitspolitik
"Mein Wertekonstrukt wurde völlig durcheinandergewirbelt"
André Hassan Khan ist Oberstabsfeldwebel im 30. Dienstjahr. Als ausgebildeter Sensorbediener an der Heron 1 war er ein viel gefragter Spezialist und hat 27 Auslandseinsätze absolviert. Im Team mit dem Piloten, der das unbemannte Luftfahrzeug fernsteuerte, war er für die Steuerung der Kameras sowie die Erstbewertung der gelieferten Bilder verantwortlich. Seine Erlebnisse und seine posttraumatische Belastungsstörung hat er in einem Buch (s. unten) verarbeitet, aus dem wir im Interview kurze Passagen wiedergeben. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs hat er eine ambulante Therapie in Kiel abgeschlossen und befindet sich in einer Dienststelle der Bundeswehr in der Wiedereingliederung. André Hassan Khan engagiert sich auch politisch bei den Liberalen Soldaten und Veteranen e.V., die der FDP nahestehen.
Herr Hassan Khan, wie und wann sind Sie zur Bundeswehr gekommen? 1995 machte ich als Wehrpflichtiger die Grundausbildung im Heer. Nach meiner Verpflichtung wechselte ich zum Nachschub und später zum Flugberatungsdienst beim Lufttransportgeschwader 63 in Rendsburg. 2009 las ich eine E-Mail, dass man sich auf die Ausbildung an einem unbemannten Aufklärungssystem bewerben könne. Mit ihrer Größe und ihren Fähigkeiten war die Heron 1 damals etwas völlig Neues; das interessierte mich, ich bewarb mich und wurde genommen.
Und dann ging es in die Einsätze? In Afghanistan war ich schon als Flugberater zweimal gewesen; ab 2010 begannen die Einsätze mit Heron 1. Anfangs dreimal im Jahr; in der Regel sechs Wochen, mal kürzer, mal länger, wie eine Art Hopping. Als Spezialisten wurden wir oft gebraucht.
Was sieht man denn durch die Kamera? Tatsächlich sind mehrere Kameras eingebaut gewesen. Es gibt eine normale Zoomkamera und eine, mit der man extrem nah heranzoomen kann, wenn man zum Beispiel wissen will, was ist denn das da gerade rechts neben der Mauer? Zusätzlich gibt es eine Infrarotkamera, die Wärmesignaturen liefert. Damit kann man auch erkennen, ob eine Person noch lebt. Wenn man etwa schwarz für warm und weiß für kalt einstellt, dann ist umso weniger Leben in einem Objekt, je heller es erscheint.
Empfanden Sie Ihren Dienst und solche Bilder als belastend? Anfangs überhaupt nicht. Ich habe ohne Probleme die Koordinaten feindlicher Schützen weitergegeben, damit diese Ziele, wie man es so unschön nennt, neutralisiert werden können. In Mali haben wir einmal nachträglich einen Anschlag auf ein Camp in Gao aufgeklärt, bei dem rund 100 Menschen getötet wurden. Auch das war nicht so belastend, weil es schon passiert war.
Aber dann gab es einen Einsatz, bei dem das anders war … Ja, das war in Afghanistan im Frühjahr 2017. Taliban hatten sich als afghanische Soldaten getarnt und sich mit einem Krankenwagen und angeblich Verletzten darin Zutritt zu einem Stützpunkt der afghanischen Armee verschafft, um dann die wehrlosen Menschen während des Freitagsgebets einfach niederzumetzeln. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon mindestens 15 Einsätze hinter mir, aber so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Zum einen, weil es so konfus war; wer war überhaupt unschuldig, wer nicht? Überall im Feuer gab es kleinere Explosionen, wahrscheinlich wegen der brennbaren Stoffe, die an verschiedenen Stellen lagerten.
Und warum noch? Afghanische Kräfte, die schließlich anrückten, versuchten, die Angreifer, die wir irgendwann nach zwei Stunden Gemetzel identifiziert hatten, zu töten. Wir konnten wieder nur hilflos zusehen, wie sie von ihren Humvees aus ohne Rücksicht auf Freund oder Feind in das umzäunte Gelände hineinfeuerten. Das hat mein Wertekonstrukt völlig durcheinandergewirbelt.
„Ich hätte erleichtert sein können, aber die Art, wie sie [die Taliban] gestoppt wurden, war für mich ein Schock. Der Gegenschlag der afghanischen Armee erinnerte mich an eine Exekution. […] Das traf mich auf eine Art und Weise, die ich selbst jetzt, Jahre später, kaum in Worte fassen kann. […] Für eine kurze Weile machte es den Eindruck, als sei dort unten, in der Kaserne, jede Idee von Menschenwürde, Empathie und Humanismus außer Kraft gesetzt worden.“
Haben Sie nach diesem Erlebnis sofort eine Veränderung bemerkt? Natürlich war das extrem belastend, aber das habe ich zu dem Zeitpunkt noch nicht gewusst. Wir sitzen zwar in der Bodenkontrollstation, sind aber mental immer vor Ort. Für Außenstehende ist das schwer zu verstehen.
Eine posttraumatische Belastungsstörung oder Moral Injury ist ein bisschen wie eine Demenz: Sie kommt schleichend, und wenn sie erst mal da ist, ist es zu spät
Wie üblich gingen wir relativ zügig zur Tagesordnung über; nach der Landung haben wir die Papiere gemacht und das Ganze abgetan, nach dem Motto „Das war jetzt aber ganz schön heftig“. Aber schon das Nachhausekommen fühlte sich nicht mehr so an wie sonst; dann habe ich Asthma und andere körperliche Beschwerden entwickelt. Irgendwann war es nicht mehr aushaltbar, abgesehen davon, dass auch die Ehe darunter gelitten hat. Es war, als wollte mir der Körper sagen: Hey, mit dir stimmt was nicht, du solltest das langsam mal wahrnehmen.
Man spürt also tatsächlich zuerst die körperlichen Symptome? Bei mir war es so, erst danach kamen zum Beispiel die Stimmungsschwankungen, bis es auch psychisch extrem wurde. Eine posttraumatische Belastungsstörung oder Moral Injury, um die es in meinem Fall ja auch geht, ist ein bisschen wie eine Demenz: Sie kommt schleichend, und wenn sie erst mal da ist, ist es zu spät.
Sie waren aber auch nach dem Erlebnis noch in Einsätzen? Ja, ich bin auch gern im Einsatz gewesen. Es gab da dieses Wir-Gefühl, und wir konnten die Heron nur im Einsatz richtig fliegen – zu Hause gab es nur den Simulator. Ich hatte dort in der Regel auch keine Schlafprobleme. Aber plötzlich ging das alles nicht mehr. Ich habe nur noch gegrübelt. Man weiß gar nicht genau worüber, aber es lässt einen nicht mehr los. Nur vier Stunden Schlaf, das ist einfach selbstzerstörerisch.
Wann und wie kam der Punkt, an dem Sie etwas unternommen haben? Meine Frau hatte mir schon lange gesagt: Irgendwas ist nicht okay mit dir, lass dich untersuchen. Anfangs habe ich das nicht geglaubt und sogar erwidert, dass sie sich vielleicht mal untersuchen lassen müsste … Wir hatten schön Stress zu Hause.
„Die Angst um meinen Job und vor allem mein Ansehen innerhalb der Bundeswehr war so groß, dass ich lieber meine Frau und unsere Beziehung belastete, als Schritte zur Lösung meiner Probleme zu gehen. Vor allem hätte ich mit keinem Wort zugegeben, dass ich vielleicht die Kontrolle über mein Leben verloren hatte. […] Es gibt den Witz von dem Geisterfahrer, der im Radio hört: „Achtung, auf der A1 kommt ihnen [sic!] ein Geisterfahrer entgegen“, und daraufhin empört ruft: „Einer? Hunderte!“ Genau das ist es, was die PTBS im Kopf des Erkrankten anrichtet. Sie vermittelt den Eindruck, dass die ganze Welt um einen herum immer seltsamer wird, man selbst aber nicht.“
Irgendwann hatte ich im Homeoffice einen Ausraster, und als meine Frau etwas dazu sagte, hat sie auch noch verbal einen abbekommen. Das war der Moment, wo ich gesagt habe, jetzt nehme ich meine Sachen und fahre sofort zum Arzt.
Und wie ging es dann weiter? Ich hatte meine Mappe mit den Troops in Contact-Formularen mitgenommen. Damit werden im Einsatzführungskommando, wie es damals noch hieß, belastende Ereignisse wie Raketenangriffe und Ähnliches dokumentiert. Der Truppenarzt schaute sich das an, klappte den Deckel wieder zu und sagte: Dann fangen wir jetzt mal an. Schon bald darauf hatte ich im Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg meinen ersten Termin.
Sie haben drei Pflegekinder. Haben die unter Ihrer Krankheit gelitten? Meine Frau und ich haben tunlichst vermieden, dass sie etwas mitbekommen. Die beiden Jüngeren waren ohnehin zu klein. Nein, die Kinder waren eher der der Lebensretter. Wenn die Familie nicht mehr da ist, was nicht selten passiert, dann fehlt oft die Struktur – morgens aufstehen, waschen, zur Arbeit gehen, einkaufen – und dann kann alles den Bach runtergehen. Gerade weil unsere Kinder besondere Bedarfe haben, mussten wir uns kümmern. Das war zwar umso fordernder, aber ich kann nur Danke dafür sagen, dass sie da waren und noch da sind.
Welche Art von Therapie haben Sie gemacht? Ich habe mich für eine ambulante Therapie in Kiel entschieden, weil ich nicht wieder ständig wegwollte. Außerdem bekam ich von einem freien Träger in der Nähe von Rostock meine Assistenzhündin. Ein sehr guter Kamerad hat das durch eine Spendensammlung während seines Einsatzes in Gao möglich gemacht. Natürlich war die Psychotherapie wichtig, aber als Byrdie da war, schon nach der ersten Schulung, sah man sofort eine größere Veränderung.
Das Schreiben des Buchs zusammen mit meinem Koautor war dann wie eine zweite Therapie. Nicht nur weil ich mich mit meiner Biografie auseinandersetzen musste, sondern auch mit der PTBS, dem Tag, an dem alles passierte, der Zeit danach und so weiter.
Wie war oder ist für Sie der Alltag mit der PTBS? Was war für Sie das Schwierigste? Einkaufen zum Beispiel war so gut wie unmöglich, weil ich die ganzen Menschen nicht kontrollieren konnte. Das ständige Scannen der Umgebung war unwahrscheinlich einschränkend. Auch das Nachdenken und die Angst bei Dunkelheit waren sehr, sehr stark. Man verspannt und verhärtet dadurch völlig im Nacken und im Schultergürtel. Ich hatte begleitend auch Physiotherapie. Wenn ich über die Dinge rede, spannt es sich auch heute noch an … Interessant, gerade ist Byrdie hier aufgetaucht …
… die spürt das also? Genau, sie ist auf mich trainiert.
Und wie hat Ihre Therapeutin mit Ihnen gearbeitet? Wir gingen zum Beispiel ins Einkaufszentrum. Ich hörte Schritte hinter mir, vor mir, neben mir, habe den Bäcker vor meinem geistigen Auge explodieren sehen, das war ganz schrecklich … Aber sich dem zu stellen war hilfreich, um festzustellen, das Piepen der Kasse ist eben ein Piepen der Kasse, es werden keine Flammen aus dem Bäcker schlagen und der Mann am Postschalter, der sein Paket so umständlich verpackt, will nicht gleich etwas in die Luft sprengen. Es dauert ein bisschen, das zu verstehen.
Sind Sie dadurch die PTBS und ihre Symptome wieder vollständig losgeworden? Nein, es bleibt alles da. Aber man kann lernen, damit umzugehen – der eine besser und der andere nicht. Meine Therapeutin sagt, mit der PTBS sei es ähnlich wie mit dem ungeliebten Nachbarn: Wenn er klingelt, geht man an die Tür und sagt: Ach, heute nicht, und macht wieder zu. Aber das Minarett, das bei dem Einsatz 2017 immer wieder im Bild war, das hat sich bei mir ganz tief eingebrannt. Unweit von mir steht auch eine Moschee, und bis heute vermeide ich, daran vorbeizufahren, weil das Minarett Erinnerungen hervorruft, die ich nicht unbedingt möchte.
Und dass Ihre Werte durcheinandergeraten sind, Ihr Grübeln – haben Sie sich auch damit auseinandergesetzt? Absolut, weil es ja auch Hauptbestandteil des Problems war. Anfangs war es ein bisschen schwierig, weil man keinen Hebel hat. Es klingt ein bisschen banal, aber meine Therapeutin sagte oft: Machen Sie sich nicht so einen Kopf, alles ist super. Am Anfang glaubt man das nicht, aber die Gespräche waren sehr klärend und hilfreich. Außerdem war die EMDR-Therapie (Eye Movement Desensitization and Reprocessing, d. Red.) ein Game-Changer. Man imitiert damit den REM-Schlaf, um an verschlossene Erinnerungen heranzukommen. Dadurch soll es zu einer emotionalen Überladung und einem Ausbruch kommen. Ich bekam einen Lachflash.
„Am Tiefpunkt meines Lebens angekommen, sitze ich bei meiner Psychologin und kann nicht mehr aufhören zu lachen. Ich kann nicht einmal sagen, worüber ich lache, denn es gibt keinen wirklichen Auslöser. […] Ein solches Gefühl hatte ich seit Monaten nicht mehr gespürt. Doch jetzt saß ich hier, berichtete von meinem Leidensweg und konnte nicht mehr anders. […] Dieses Lachen brach den Panzer auf, den meine Krankheit im Verlauf von drei Jahren um meine Gefühle und zunehmend auch um meinen Körper gelegt hatte.“
Für mich war das zuerst sehr verstörend, weil das Thema eigentlich nur zum Weinen ist. Aber wenn man sich nicht mehr spürt, dann ist es großartig, wenn man das zulassen kann.
Welche Lehren ziehen Sie im Rückblick aus Ihrer Geschichte? Haben Sie wichtige Botschaften an Ihre Kameraden oder an die Gesellschaft? Einerseits hat es uns und unsere Beziehung sehr stark gemacht, trotzdem ist es grundsätzlich betrachtet eine Katastrophe. Ich will mich nicht beschweren, nur manchmal gibt es auch Rückfälle, da muss man durch. Ich komme jetzt damit klar, aber das kann eben nicht jeder.
Selbstfürsorge, Eigenverantwortung, ist das A und O, speziell für uns Soldatinnen und Soldaten
Selbstfürsorge, Eigenverantwortung, ist das A und O, speziell für uns Soldatinnen und Soldaten, das ist unsere Resilienz. Was die Gesellschaft betrifft, wissen wir aus Umfragen, dass die Bundeswehr im Prinzip gut angesehen ist. Der Veteranentag hat schon Großes bewirkt, aber es wäre schön, wenn die Gesellschaft noch mehr den Kontakt sucht und die Menschen generell wieder mehr aufeinander achten und aufpassen – wie bei uns hier auf dem Dorf.
Und ich wünsche mir, dass man PTBS als Krankheit ernst nimmt. Es gibt immer noch sehr viele Menschen, die das einfach belächeln oder auch im Scherz benutzen: „Da kriege ich ja ein Trauma“ oder so ähnlich. Es wäre toll, wenn das anders wäre.
Herr Hassan Khan, vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Rüdiger Frank.
Die Auszüge stammen aus André Hassan Khans Buch „Heute fühlt sich alles an wie Krieg: Ein Drohneneinsatz, ein Trauma und seine Folgen“. Hamburg: Rowohlt, 2024.