Kontroversen in Militärethik und Sicherheitspolitik
"Es reicht oft nicht, Belasteten einfach eine Adresse zu geben"
Oberstleutnant Matthias Dommes ist wegen einsatzbedingter Traumatisierung in psychotherapeutischer Behandlung. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern haben seine Frau Mojca und er auf ihrem Anwesen in Brandenburg den Verein EHRfurcht e.V. gegründet, um traumatisierten Menschen aus ihrer oft verfahrenen Lage herauszuhelfen. Mittlerweile hat der Verein 88 Mitglieder. Ein Interview über die Situation von Belasteten, die Rolle der Angehörigen, die Bedeutung sozialer Unterstützung sowie das Besondere an der Arbeit mit Tieren.
Herr Dommes, können Sie zunächst erzählen, wie es zu Ihrer Erkrankung kam?
Matthias Dommes: Als ich nach meinem letzten Afghanistan-Einsatz im Jahr 2008 nach Hause kam, ging das Martyrium los: Ich hatte keinen Antrieb mehr, habe keinen Sinn mehr gesehen im alltäglichen Tun. Ich habe mich selbst und auch die Beziehung vernachlässigt. Das Schlimme daran ist: Als Belasteter erkennt man es selbst nicht, weil es schleichend passiert.
Bei Ihnen haben auchmoralische Belastungen eine Rolle gespielt. Würden Sie eventuell ein Beispiel nennen?
Matthias Dommes: (an seine Frau gerichtet) Wenn ich das jetzt nicht schaffe, dann machst du bitte weiter … Bei meinem letzten Einsatz habe ich gesehen, wie ein Hirte seinen Esel zu Tode schlug. Das Tier war unter seiner schweren Last zusammengebrochen … (verlässt im Anschluss vorübergehend den Raum)
Mojca Dommes: Wir leben hier mit Tieren, und ich kann sehr gut verstehen, was es bedeutet, so etwas mit eigenen Augen mitanzusehen. Und die Soldaten durften nicht eingreifen – das war nicht der Auftrag. Ich habe auch seine Berichte gelesen und kenne daher einige seiner Erlebnisse. Es ging dabei nicht nur um Tiere. Das sind Dinge, die man keinem wünscht.
Wie haben Sie als Ehefrau die Veränderungen erlebt?
Mojca Dommes: In den ersten Jahren lief alles noch normal. Erst 2011/12 habe ich deutlich bemerkt, dass etwas nicht mehr stimmt – die depressiven Zustände häuften sich, Albträume sind verstärkt aufgetreten und vor allem diese absolute Demotivation. Meinem Mann war nichts mehr wichtig, außer sich zurückzuziehen; er hat so eine passive Aggressivität entwickelt.
Und wie haben Sie darauf reagiert?
Mojca Dommes: Zuerst habe ich nicht darüber nachgedacht, dass die Ursache eventuell bei ihm liegen würde. Man stellt alles infrage: sich selbst, die Beziehung … Zu diesem Zeitpunkt hätte ich dringend eine Möglichkeit gebraucht, mit jemanden darüber zu sprechen, weil ich die Welt nicht verstanden habe. Schließlich habe ich ihn dann doch gedrängt, sich im Bundeswehrkrankenhaus vorzustellen und untersuchen zu lassen, ob nicht eine psychische Belastung dahintersteckt.
Matthias Dommes: (wieder zurück)Ich kann nur sagen, ich hätte mich niemals irgendwo gemeldet oder auch niemals um Hilfe gebeten, wenn meine Frau mich nicht dazu gezwungen hätte. Ich kann nachvollziehen, wie es jedem anderen damit geht.
Was macht es aus Ihrer Erfahrung so schwer, diesen ersten Schritt zu gehen?
Matthias Dommes: Die Bundeswehr bietet inzwischen viele Hilfsmöglichkeiten an, aber es sind auch Voraussetzungen daran geknüpft. Manche Menschen fallen möglicherweise durchs Raster oder sind psychisch schon in so einem schlechten Zustand, da fehlt einfach die Energie. Wenn dann keine Familie oder kein Partner mehr da ist, der sie pusht und unterstützt, dann passiert nichts. Es reicht nicht, ihnen einfach eine Adresse zu geben.
Mojca Dommes: Körperliche Wunden sind für jeden sichtbar, seelische nicht. Von den Belasteten, die zu uns kommen, hören wir immer wieder: Ich hätte lieber keine Beine mehr als das, was ich habe. Die größte Hürde für die, die im Einsatz waren und sich als „Krieger“ sehen, ist zuzugeben, dass sie eine Schwäche haben. Das würden sie aber tun, wenn sie Hilfe annehmen würden.
Oft ist auch Vertrauen missbraucht worden, weil sie ihr Herz ausgeschüttet haben, ihre Ängste, ihre Nöte angedeutet haben. Und dann wird hintenrum geredet, oder man wird in eine Schublade gesteckt.
Sie sind beide in therapeutischer Behandlung. Abgesehen davon, was hat Ihnen am meisten geholfen, mit der Erkrankung und der Situation umzugehen?
Mojca Dommes: Das waren tatsächlich unser Haus und Hof und unsere Tiere. 2009 haben wir unser Anwesen in Brandenburg gekauft und sind aus Berlin hierhergezogen. Wir haben mittlerweile sechs Pferde, drei Hunde und eine Katze; die müssen versorgt werden, und zwar frühmorgens. Diese Verantwortung kann man auch als depressiver Mensch nicht so leicht ausblenden. Wenn man den Tag so startet und nicht im Bett bleibt, dann hat man schon den ersten ganz großen Schritt gemacht. Wir haben uns manchmal auch ein bisschen gegenseitig ausgespielt und gesagt, ich muss morgen um fünf dringend zur Arbeit fahren, du musst dich kümmern.
Und aus dieser Erfahrung ist die Idee Ihres Vereins entstanden?
Matthias Dommes: Unser Tierarzt fragte einmal: „Ich hatte das Glück, nie die Freiheit Deutschlands am Hindukusch verteidigen zu müssen. Wie kann ich helfen?“ Daraus entstand nach und nach die Idee, genau das weiterzugeben, was meine Frau und ich als hilfreich erfahren haben.
Mojca Dommes: Das Entscheidende ist dabei: Wir sprechen auf Augenhöhe; wer zu uns kommt, muss uns keine Fachbegriffe oder Gefühle erläutern. Nicht nur Soldaten mit PTBS und moralischen Verletzungen, auch Veteranen, Reservisten, Angehörige – alle, die noch nicht beim Arzt waren, aber sich fragen, vielleicht stimmt wirklich was nicht mit mir? – sollen hier Netzwerke aufbauen und Unterstützung bekommen. Wir versuchen, die Einstiegshürde so niedrig wie möglich zu halten.
Wie genau sieht dann die Arbeit mit den Betroffenen aus? Wie läuft so etwas ab?
Mojca Dommes: Wir haben kein festes Programm, sondern passen es individuell an, weil Menschen mit unterschiedlicher psychischer oder körperlicher Belastung und Bedürfnissen zu uns kommen. Manche wollen Holz hacken, anderen wollen lieber Bogen schießen, malen oder basteln. Das wird immer individuell angepasst und von unseren Mitgliedern betreut. Die Tiere begleiten es aber auf jeden Fall; zwar nicht den ganzen Tag, aber mit unterschiedlichen Einheiten, je nachdem, wie tieraffin die jeweiligen Menschen sind.
Matthias Dommes: Mit Unterstützung durch unsere Mitglieder haben wir unser Angebot Stück für Stück ausgebaut. Wir haben ein Sägewerk, sodass wir mittlerweile auch altes Handwerk anbieten. Wir können mit den Pferden Bäume aus dem Wald holen, Bohlen daraus machen und mit den Belasteten Tische, Stühle oder Ähnliches bauen. Mittlerweile haben wir auch eine Esse, wo wir zum Beispiel Beschläge schmieden. Die Projekte sind so angelegt, dass man sie innerhalb des Aufenthalts hier fertigstellen kann. Das gibt den Menschen, die hier sind, wieder das Gefühl, doch etwas wert zu sein.
Mojca Dommes: Genau das fehlt ganz vielen, die hierherkommen. Für die funktioniert die Welt nicht mehr. Sie haben keine Arbeit mehr, oft auch kein Geld, alles, was zur gesellschaftlichen Norm gehört, ist nicht mehr vorhanden. Hier sagen wir: Es ist egal, was du bringst; und wenn dann am Ende des Tages noch etwas dasteht, auf das man stolz sein kann, umso schöner.
Das erfordert aber viel Abstimmung.
Mojca Dommes: Wir besprechen schon eine Tagesstruktur und die Aufteilung der Aufgaben.
Matthias Dommes: Struktur ist definitiv wichtig. Als Erstes werden morgens um sechs die Pferde versorgt und auf die Koppel gebracht, und man schaut, ob alles in Ordnung ist. Dann gibt es gemeinsames Frühstück, und da heißt es dann, kochst du Kaffee oder heizt du im Winter den Ofen an, damit wir nachher warm sitzen können? Eigentlich ein ganz normaler Tagesablauf, aber manche müssen sich das schon aufschreiben, damit sie sich daran halten können.
Mojca Dommes: Wenn es mal zu viel wird, besteht immer die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, aber das steht nicht im Vordergrund. Das kein Ponyhof hier; die Leute müssen wirklich etwas leisten, jeder in seinen Grenzen natürlich.
Und im besten Falle merken sie dann, dass es ihnen auch guttut?
Matthias Dommes: Genau das ist der Sinn und Zweck des Ganzen.
Genesung ist gewissermaßen auch Arbeit, kann man das so sagen?
Das Wort Genesung passt bei einer psychischen Belastung nicht. Wir werden nicht genesen; es geht darum, mit dem Umstand zu leben
Mojca Dommes: Viele bekommen tatsächlich Muskelkater. Wenn man belastet ist, versucht man das meiste zu verdrängen und bleibt nur in seinem stillen Kämmerlein. Hier ist man den ganzen Tag draußen und tut etwas.
Matthias Dommes: Frische Luft und Tiere und eine haptische Arbeit, allein das tut wirklich gut. Nur das Wort Genesung passt bei einer psychischen Belastung nicht. Wir werden nicht genesen; es geht darum, mit dem Umstand zu leben.
Mojca Dommes: Wir versuchen auch, mit gutem Beispiel voranzugehen. Wir verheimlichen nicht, dass auch uns eine Therapie hilft. Wenn uns jemand seine Probleme erzählt, dann hören wir aktiv zu und halten das aus. Aber es belastet uns natürlich auch, deswegen nehmen wir uns immer mal eine Ruhepause, dann kommt einer der Betreuer und übernimmt. Auf die eigene Seelenhygiene legen wir großen Wert. Und wir spielen keine perfekte Ehe vor.Zwischen uns kracht es immer wieder mal, das bekommen die Leute durchaus mit.
Was trägt Ihre Beziehung? Welche Wege haben Sie gefunden?
Matthias Dommes: Für mich ist es der unerschütterliche Glaube an die Beziehung. Dankbarkeit dafür, dass meine Frau das alles mitgemacht hat, als es immer schwerer wurde mit meiner Belastung. Dieses Vertrauen darf man nie missbrauchen. Es ist immer wieder schwierig, ein bisschen schwieriger als im normalen Leben, aber man wächst dadurch zusammen, und zwischendurch spricht man sich aus.
Mojca Dommes: Es ist schwierig, ja, es gibt gute und weniger gute Zeiten, aber solange wir darüber reden können – was wir am Anfang überhaupt nicht konnten –, ist es einfacher für mich. Dann beziehe ich es nicht auf mich persönlich, dass er sich manchmal zurückzieht, weil er gerade Probleme hat, überhaupt mit der Welt klarzukommen.
Wir ergänzen uns auch. Bei mir geht es eher um das Thema Burnout. Als ich versucht habe, die ganzen Aufgaben, die Arbeit zu Hause, den Beruf, den Verein, die Tiere und so weiter, auf meine Schultern zu nehmen, hat er gesagt, pass auf, du rennst zu schnell. Ohne ihn hätte ich das nicht so früh erkannt.
Und wenn es wirklich mal nicht geht, dann schnappt man sich ein Pferd oder einen Hund. Es ist unglaublich, was die Tiere einem Menschen zurückgeben können.
Ihre Tiere spielen eine wichtige Rolle in Ihren Angeboten. Was bewirken zum Beispiel Pferde, was andere Menschen oder Worte nicht bewirken?
Matthias Dommes: Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Eines unserer Vereinsmitglieder ist ein ehemaliger Personenschützer bei der Bundeswehr, dem sieht man keine Art von Angst oder Belastung an. Wir stehen so bei einem unserer Pferde und reden, da fühlt er sich sicher und akzeptiert und es brechen Mauern ein – Mauern, die sich jeder psychisch Belastete baut, damit er nicht verletzbar ist. Aber sie brechen nicht ein, weil das Pferd irgendetwas geschafft hat, sondern weil es seinen Herzschlag übernommen hat, seine Atmung beeinflusst und er sich damit entspannt und entlastet fühlt; nichts zerrt mehr an ihm. In solchen Momenten fließen auch Tränen, und er kann auf einmal über Dinge reden.
Mojca Dommes: Jeder sagt, so etwas habe ich noch nie erlebt. Ich wusste gar nicht mehr, dass ich solche Gefühle habe. Das ist der Punkt, an dem wir sagen, merk dir das – dann kannst du auch mit einem Psychologen darüber reden. Über das Medium Pferd ins Gespräch zu kommen, funktioniert bei jedem, der sich darauf einlässt. Es ist viel einfacher, als wenn man sich gegenübersitzt und zu erzählen versucht.
Hr. Dommes: Das liegt auch daran, dass die Tiere nicht nach Rang und Namen, nach Aussehen und Kleidung bewerten.
Mojca Dommes: Unsere Pferde sind keine Therapiepferde, die dastehen und warten. Sie sind sehr sensibel und spiegeln authentisch. Wenn jemand aufgeregt und gestresst auf die Koppel kommt, ziehen sie sich erst mal zurück. Bei der Arbeit schauen wir auch, was die Menschen jeweils zulassen. Um einfach mal die Verantwortung abzugeben oder Vertrauen zu fassen, kann man zum Beispiel mit geschlossenen Augen das Pferd führen oder sich vom Pferd führen lassen.
Eine letzte Frage: Oft heißt es, Betroffene suchten tendenziell zu spät Hilfe. Teilen Sie diese Einschätzung?
Mojca Dommes: Nein, dann denken die Menschen vielleicht nur, ich brauche mich nicht zu melden, es ist ja eh schon zu spät. Wir erleben es ja, dass Menschen, die zum ersten Mal kommen, oft nach unten blicken, scheu und wenig kommunikativ sind – und schon nach drei Tagen mit einem Lachen im Gesicht den Hof verlassen, sich ein Herz fassen und versprechen wiederzukommen.
Matthias Dommes: Sagen wir es mal so: Solange sie noch kommen, ist es nie zu spät.
Frau Dommes, Herr Dommes, vielen Dank für das Gespräch.