Kontroversen in Militärethik und Sicherheitspolitik
"Im Einsatz wird man ‚grau an der Seele‘"
Jonathan Göllner ist katholischer Militärseelsorger im Dekanat Köln. Zurzeit befindet er sich in der beruflichen Wiedereingliederung. Zweimal hat er Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan begleitet. Hier spricht er über verschiedene psychisch und moralisch belastende Ereignisse, die Spuren, die sie hinterlassen haben - und das, was er trotz seiner Erkrankung gewonnen hat.
Herr Göllner, bei Ihnen wurden eine Posttraumatische Belastungsstörung und eine Depression diagnostiziert. Wie geht es Ihnen gerade? Es geht mit gut, ich habe in der ersten Jahreshälfte noch einmal eine Therapie gemacht und bin im Moment sehr stabil.
Wie kam es zu Ihrer Erkrankung? Sie geht auf die Einsatzbegleitung in Afghanistan im Jahr 2009 zurück. Nach mehreren Therapien und stationären Aufenthalten in den Folgejahren ging es mir lange Zeit relativ gut, bis ich durch den Ukrainekrieg retraumatisiert wurde. Der Gazakrieg im Oktober 2023 war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich ging spontan ins Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz. Allerdings hatte ich erst im März 2025 wieder einen stationären Therapieplatz in einer anderen Einrichtung.
Was haben Sie in Afghanistan erlebt? Das erste Mal 2006/2007 in Masar-i-Sharif blieb ohne Folgen. Als ich von August bis November 2009 in Kundus war, gab nicht das eine auslösende Ereignis, sondern viele aufeinanderfolgende Stressoren; der sogenannte „Luftschlag von Kundus“ spielt dabei, gerade im Zusammenhang mit Moral Injury, eine große Rolle.
Können Sie das genauer erklären? Ich hatte mir angewöhnt, morgens auf dem Fernseher in meiner Stube sämtliche Nachrichtenkanäle durchzuschauen. Als ich davon erfuhr, habe ich mich direkt ins Kommandogebäude begeben, wo alles schon seinen Lauf nahm. Ich habe das als Kontrollverlust erlebt. Die Weltpresse tobt, spricht von Kriegsverbrechen deutscher Soldaten, im Bundestag wird debattiert, und man sitzt am Ende der Welt und kann sich nicht wehren. Es kamen viele Journalisten zu uns ins Camp, auch der amerikanische Kommandeur war ständig mit Pressetross vor Ort. Die afghanische Bevölkerung dagegen bejubelte unsere Patrouillen und bewarf sie mit Kleingeld. Auch der regelmäßige Raketenbeschuss hörte auf.
Ich hatte erst wenige Wochen vor meinem Einsatz ein Vorbereitungsseminar für Seelsorger in Berlin besucht. In dem Bewusstsein zu kommen, wir bringen etwas Gutes mit, und dann diese Verunsicherung zu erleben – das war einer der entscheidenden Faktoren.
Hatten Sie überhaupt eine Möglichkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden? Als Militärseelsorger begleiten wir auch ein Stück weit kritisch den Einsatz. Dafür ist es natürlich wichtig, Dinge einzusortieren, um sich nicht einfach vorbehaltlos hinter Entscheidungen zu stellen, aber auch nicht alles pauschal zu verurteilen. Wenn man nun eine widersprüchliche Botschaft bekommt, dann werden Werte, die man selbst oder die ich in dem Moment mitgebracht hatte, radikal infrage gestellt, und genau in dem Moment gibt es eben nicht die Zeit dafür. Das ist auch ein Faktor von Trauma: die Überwältigung. So wie es auf der psychologischen Ebene eher die Verarbeitung im Gehirn betrifft, gibt es auf der moralisch-ethischen Ebene nicht genügend Raum für die Verarbeitung.
Waren Sie dadurch als Seelsorger nicht überfordert? Als Seelsorger war ich völlig in meiner Rolle. Ich habe selten so viele und intensive Gespräche geführt. Ich war angefragt, was sagen Sie dazu als Pfarrer? Plötzlich musste ich mit Deutschland Kontakt aufnehmen, im Camp präsent sein, mich mit der Führung austauschen, alles gleichzeitig, aber es funktionierte. Entscheidend für das Trauma war das Infragestellen unseres eigenen moralischen Status. Ich habe es einmal so formuliert: Man wird im Einsatz „grau an der Seele“, man kommt nie mit sauberen Fingern raus.
Selbst wenn man sich „objektiv“ nichts vorzuwerfen hat, ist dieses Gefühl offenbar recht häufig? Man wird von außen in Kollektivhaftung genommen; als Seelsorger bin ich noch dazu in einer besonderen Position. Ich nehme keine Waffe in die Hand, trotzdem schlägt die Verantwortung auch auf mich zurück, oder sogar erst recht, weil ich auch so etwas wie das „Gewissen“ der Mission bin.
Nach ein paar Wochen und dem regulären Kommandeurswechsel hatte sich alles wieder etwas beruhigt. Aber als ich nach Hause kam und mir die Geschichte von jedem Zeitungsständer entgegenschrie, da merkte ich: Der Einsatz ist nicht zu Ende, obwohl er zu Ende ist.
Neben dieser moralischen Überwältigung gab es aber noch andere Ereignisse, wie Sie sagten? Ja, ich erinnere mich noch gut an den regelmäßigen Raketenbeschuss. Als mein Vorgänger und ich mit den neuen und alten Mitarbeitern der Seelsorgegruppe grillen wollten, ging die Sirene los und wir mussten erst mal 200 Meter bis zum Schutzraum sprinten. Da kommt es zu absurden Reaktionen: Der Angriff war schlimm, aber schlimmer war, dass währenddessen das Steak verkokelt ist. Einmal saß ich montagmorgens in meinem Büro, hatte gerade das „Wort zum Tag“ ins Netz gestellt und wollte frühstücken gehen. In dem Moment knallte es und die Tür kam mir durch eine Druckwelle von außen entgegen. Ein Selbstmordattentäter hatte sich in Nähe des Camps in die Luft gesprengt; außer ihm war aber niemand zu Schaden gekommen. Als es Entwarnung gab, dachte ich, ach, ich wollte doch frühstücken, und bin frühstücken gegangen.
Hatten Sie keine Angst um Ihr Leben? Man kann nicht vier Monate lang Angst ums eigene Leben haben, das wird in den Hintergrund verdrängt. Aber es gibt eine permanente Grundanspannung. Am schlimmsten ist es für die, die passiv bleiben müssen und ständig das Gefühl haben, Zielscheibe zu sein. Einmal fuhr ich außerplanmäßig im Konvoi zu einem anderen Stützpunkt und es gab eine Warnmeldung. Als ich die Soldaten in dem stickigen Transportpanzer fragte, was mache ich denn, wenn wir angegriffen werden, wurde mir klar: Ich bin darauf angewiesen, dass andere mich verteidigen oder schützen. Das war erschreckend. Solche Momente des Ausgeliefertseins, der Hilflosigkeit haben mich am stärksten geprägt.
Wann und wie haben Sie die Einsatzfolgen bemerkt? Und wie sind Sie damit umgegangen? Ich kann genau sagen, wann es anfing: am 25. Dezember 2009. Während des Mittagsschlafs träumte ich, dass ich einen Unterschenkeldurchschuss hätte. Als ich aufwachte, habe ich mich erst nach einiger Zeit getraut, die Decke wegzuziehen und mein Bein anzuschauen, so real war der Traum. Als weiter Albträume folgten, habe ich mich an einen Arzt in der Kaserne gewandt, mit dem ich gut zusammengearbeitet habe. Dadurch bekam ich sehr schnell einen Ersttermin bei Oberstarzt Zimmermann in Berlin.
Hatten oder haben Sie weitere Symptome? Ja, vor allem die sogenannte Hypervigilanz, ein Grundgefühl von Unsicherheit. Zum Beispiel sitze ich nie mit dem Rücken zu einer Tür, wenn wir in ein Restaurant gehen. Natürlich ist das unheimlich anstrengend, wenn man sozusagen ständig die Lage checkt.
Auch körperlich? Es ist sehr erschöpfend. Aber es hat nicht nur negative Seiten. Ich nehme viel mehr wahr, im Guten wie im Schlechten. Ich rieche in einem Garten die Rosen, gleichzeitig rieche ich Lkw-Abgase und habe die Panzer in Kundus im Kopf. Ich höre die Vögel singen, aber ich bin auch viel schreckhafter. Außerdem weiß ich mittlerweile, welche Dämonen in meinem Keller hausen und wie ich damit einigermaßen gut umgehe.
Das Trauma ist eine Verletzung, aber es bietet auch eine Chance zum Wachstum
Lernt man sich durch die Therapie tatsächlich besser kennen? Ja, man spricht auch von post-traumatic growth. Das Trauma ist eine Verletzung, aber es bietet auch eine Chance zum Wachstum. Viele sagen, o Gott, du armer Kerl … Ja, es ist schlimm, was ich erlebt habe, ich habe es mir nicht gewünscht; aber es ist Teil meiner Biografie, und auf gewisse Art habe ich auch persönlich gewonnen, ich habe neue Ressourcen entwickelt.
Was hat Ihnen während oder nach der Therapie am meisten geholfen? Ein wichtiger Faktor war, dass ich mich vor dem Einsatz auf das Thema „Traumatisierung“ vorbereitet hatte. Als ich zum ersten Mal bei Professor Zimmermann war, sagte ich ihm direkt: Entschuldigung, aber normalerweise sitze ich da, wo Sie sitzen. Dadurch, dass ich gewissermaßen mein eigenes „Diagnoseobjekt“ wurde, konnte ich das Erlebte schneller einsortieren.
Ich würde Trauma mit diesem Bild beschreiben: Es brechen ganz viele Sachen über einen herein. Die stopfe ich völlig ungeordnet in den Schrank rein und drücke ihn zu, damit er zubleibt. Aber irgendwann lässt meine Kraft nach, und alles stürzt wieder über mich herein. Dann versuche wieder alles reinzustopfen und drücke gegen die Türen, aber diesmal hält es weniger lange. Bis ich an dem Punkt bin, wo ich mir den Raum und die Zeit nehme, alles anzuschauen und es geordnet einzuräumen. Und auf einmal bleiben die Türen von allein zu.
Im Übrigen gehören auch Medikamente zur Therapie dazu – mal mehr, mal weniger. Aber vor allem die Arbeit an den eigenen Ressourcen. Ich mir habe ganz neue Resilienzquellen erschlossen.
Können Sie ein Beispiel nennen? Körpererfahrung erlebe ich als eine sehr starke Quelle. Während meines letzten Klinikaufenthalts habe ich zum Beispiel Qigong für mich entdeckt.
Inwiefern haben Glaube und Spiritualität eine Rolle gespielt? Spiritualität spielt natürlich eine wichtige Rolle; weniger in Form der klassischen Frömmigkeit, sondern eher als stiller Rückzug, Meditation. Ich lebe aus einem gesunden Grundvertrauen: Es ist etwas da, da ist Gott, der mich trägt und hält. Der Einsatz hat mir geholfen, viele Glaubensthemen zu schärfen. Es ist etwas anderes, ob man im Sonntagsgottesdienst über Tod und Auferstehung predigt oder ob man die Chance von Tod und Auferstehung quasi jeden Tag vor der Haustür hat. Mittlerweile ist vieles für mich peripher. Im Einsatz gibt es eben nur ein Zelt oder einen Container, einen Kelch, eine Schale Brot ... Dieser Grundbestand war Gott sei Dank sehr tragfähig.
Auch für die Soldatinnen und Soldaten? Die messen einen nicht am Titel, sondern daran, wie man als Mensch glaubwürdig seine Botschaft vertritt. Es braucht vor allem eine gute Kaffeemaschine und einfach eine offene Tür, alles andere ergibt sich. Auch der Raum der Stille, der immer offen war, wurde viel genutzt, auch von denen, die nicht zum Gottesdienst kamen. Viele haben dort Station gemacht, haben Kerzen angezündet, manchmal auch ein Herz oder eine Sonne in die mit Sand gefüllte Schale gemalt und ein Teelicht hineingestellt. Es gibt ein Bedürfnis nach spiritueller Kameradschaft. Aber ich habe auch kritische Worte gefunden, wenn ich den Eindruck hatte, da kippt etwas.
Haben Sie auch die viel beschriebene Intensität des Einsatzes erlebt? Für ganz viele Soldaten bedeutet der Einsatz Kameradschaft, Vertrautheit, füreinander einstehen. Das habe ich selbst nie so intensiv erlebt wie dort. Von vielen weiß ich auch, dass ihre Ehe oder Beziehung die Einsätze nicht überlebt hat – die Erfahrungen sind einfach zu anders. Bei mir war es einer der Gründe für die Entfremdung von der Gemeinschaft der Benediktiner, der ich damals noch angehörte.
Noch einmal zurück zu den Ereignissen in Kundus: Sind Zweifel, Schuldgefühle oder Ähnliches geblieben, oder haben Sie für sich eine abschließende moralische Einordnung gefunden – und auf welchem Weg? Zweifel auf jeden Fall: Was hat der Einsatz in Afghanistan gebracht? Vor allem da er dann so überstürzt abgebrochen wurde. War es das wert, dass Soldaten dort ihr Leben verloren haben? War der Preis für das Wenige was erreicht wurde nicht zu hoch? Schuldgefühle? Nein. Enttäuschung? Ja. Vor allem das Gefühl, von Politik und Gesellschaft im Stich gelassen worden zu sein. Die Verantwortung für den Einsatz in Afghanistan wurde an die Bundeswehr delegiert, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass Menschen dafür einen hohen Preis zahlen müssen. Es gehört aber auch immer ein Stück Distanzierung dazu. Als Seelsorger begleite ich die Menschen im Einsatz, nicht den Einsatz an sich. Ich persönlich bin mit meiner eigenen Zeit in Afghanistan versöhnt – meistens. Die Erfahrungen in Kundus habe ich als Teil meiner Biografie angenommen und hoffentlich bestmöglich integriert. Aber mein „Schaden“ bleibt – vermutlich für immer.
Viele Einsatztraumatisierte haben nicht nur Qualitäten verloren, sondern auch neue gewonnen. Dafür die passende Verwendung zu finden, darum geht es
Sind Sie nach Ihrer letzten Therapie wieder als Standortpfarrer tätig? Ich bin noch in der beruflichen Wiedereingliederung, habe einen Dienstposten im Militärdekanat in Köln und arbeite projektorientiert. Das zeigt Verständnis für meine Situation und greift zum Teil auch auf meine Ressourcen zurück. Viele Einsatztraumatisierte haben nicht nur Qualitäten verloren, sondern auch neue gewonnen. Dafür die passende Verwendung zu finden, darum geht es. Und darum, Freiräume zu schaffen. Dass ich nicht so belastbar bin, ist ein Faktum.
Manche haben Schwierigkeiten, das zu akzeptieren. Kennen Sie das auch? Ganz viele Einsatztraumatisierte wollen sofort wieder in den Einsatz zurück. Ich auch, trotz allem. Meine Berufszufriedenheit war noch nie so hoch wie dort, da konnte ich genau das machen, für das ich Seelsorger bin. Gott sei Dank darf ich nicht. Aber das Gefühl, ich muss mir noch mal beweisen, dass ich es kann, das ist da. Sich einzugestehen, es geht nicht mehr, das kratzt schon.
Gibt es noch andere Erkenntnisse, die Sie teilen möchten? Jeder ist verletzlich, auch Pfarrer! Alles wegbeten funktioniert nicht; sucht euch Hilfe, und zwar schnell. Und: Versteckt euch nicht. Man muss nicht mit der Tür ins Haus fallen, aber wenn man gefragt wird, sollte man darüber sprechen, zumindest in einer entschärften Form. Selbst wenn man sich eigentlich in die hinterste Ecke zurückziehen will.