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Die Person unter der Uniform: Moralische Ambivalenz und moralische Belastung im Militär

Einleitung

Die niederländischen Streitkräfte stehen erneut im öffentlichen Blickfeld. Dies geschieht nach etlichen Jahren, die von Budgetkürzungen, reduzierter Personalstärke und der Marginalisierung des Militärs als Organisation nach dem Fall der Berliner Mauer geprägt waren.[1] Viele glaubten, die Welt sei sicherer geworden, und in Abwesenheit substanzieller Bedrohungen rückten die Streitkräfte an den Rand der Gesellschaft. Heute jedoch ist der Krieg auf den europäischen Kontinent zurückgekehrt, Militärs treten in Primetime-Talkshows auf, und militärische Ausbildung wird zum Thema von Fernsehunterhaltung. Militärische Erfahrung wird nun als Quelle persönlicher Entwicklung und geistiger Resilienz dargestellt – insbesondere in Krisenzeiten. Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Streitkräften in den Bereichen Forschung und Ausbildung hat sich intensiviert. Selbst Kronprinzessin Amalia hat eine militärische Ausbildung begonnen – als erstes weibliches Mitglied des niederländischen Königshauses. Die Zeiten ändern sich.

Dies wirft zahlreiche Fragen auf – nicht nur zu steigenden Verteidigungsausgaben und militärischer Einsatzbereitschaft, sondern auch über die moralischen Dimensionen soldatischen Handelns und die Konsequenzen militärischen Vorgehens. Erleben wir eine Militarisierung der Gesellschaft, oder stärken wir lediglich die zivile Resilienz und Eigenverantwortung? Verstehen wir als Gesellschaft tatsächlich, was ein bewaffneter Konflikt bedeutet? Welche Alternativen gibt es, um Frieden und Sicherheit zu erreichen? Hier bietet der niederländische Humanist Desiderius Erasmus (1469–1536) eine zeitgemäße Warnung: „Dulce Bellum Inexpertis“ – „Krieg ist süß für jene, die ihn nicht erfahren haben.“ Seine Worte mahnen uns, denen zuzuhören, die ihn erlebt haben: niederländische Veteranen, die ihrem Land in verschiedenen Kriegen gedient haben – nahe und ferne, gerechte und ungerechte, gewonnene oder verlorene. Ihre Geschichten helfen uns zu verstehen, was Soldatentum bedeutet, und bewahren uns vor der Täuschung, Krieg sei nicht nur bitter.

Wir alle wissen, dass militärischer Dienst körperlich und mental anspruchsvoll ist, doch die moralischen Belastungen werden oft übersehen. Soldaten sind regelmäßig mit Konflikten, Gefahr, Ungerechtigkeit und Verletzungen der Menschenwürde konfrontiert. Solche Erfahrungen können tiefe emotionale Spuren hinterlassen – Machtlosigkeit, Wut und moralische Belastung. Um diese Dynamiken zu beleuchten, stütze ich mich auf meine Doktorarbeit „Moralische Erfahrungen in den Streitkräften: Eine konzeptionelle und empirische Analyse moralischer Belastung bei Veteranen“. Die zentralen Forschungsfragen lauten: Welche Arten von Ereignissen während eines Einsatzes empfinden Veteranen als moralisch belastend? Können diese Erfahrungen als Rollenkonflikte verstanden werden? Was sind ihre kognitiven und emotionalen Komponenten? Meine Forschung kartiert die Situationen, die Veteranen als moralisch belastend betrachten, und hebt die moralischen Dimensionen von Einsätzen hervor.

Die Rollentheorie erwies sich als hilfreich, um zu verstehen, wie Soldaten in ihren persönlichen oder beruflichen Rollen mit unterschiedlichen Wertesystemen arbeiten. Soldaten fühlen sich oft hin- und hergerissen zwischen ihren Rollen als Beschützende und Schädigende – sie wollen schützen und unterstützen, verursachen jedoch manchmal am Ende Schaden. Diese Doppelrolle ist emotional komplex und schwer zu verarbeiten.

Neben der Identifikation moralischer Vorfälle befasst sich ein Teil dieses Artikels auch mit der Frage, was aus diesen Erkenntnissen folgt.

Die folgenden Themen werden behandelt und anhand von Beispielen aus meiner Forschungsarbeit illustriert:

  • Moralische Belastung als integraler Bestandteil militärischer Professionalität
  • Methode und Ergebnisse
  • Gescheiterte Selbstkonstitution aufgrund moralischer Belastung
  • Handlungsspielräume als Rollenstrategie zur Prävention moralischer Belastung
  • Anerkennung als Rollenstrategie zum Umgang mit moralischer Belastung und moralischer Verantwortung
  • Abschließende Gedanken

Moralische Belastung als integraler Bestandteil militärischer Professionalität

Die moralische Spannung, die Soldaten erleben können, hat zwei Hauptquellen. Sie operieren

  1. innerhalb eines Feldes der Gewalt (an den Rändern der Zivilisation),
  2. innerhalb einer hierarchischen Struktur (die die persönliche moralische Integrität unter Druck setzt).

Das bedeutet, dass moralische Ambivalenz und daraus resultierende moralische Belastung als integraler Bestandteil des Militärdienstes betrachtet werden können. Soldaten sollten während ihrer Ausbildung darauf vorbereitet, vor dem Einsatz unterstützt und nach Missionen betreut werden.[2] Die Veteranenversorgung und insbesondere die Militärseelsorge[3] sollten der moralischen Last, die die mentale und körperliche Gesundheit und das Wohlbefinden von Veteranen beeinträchtigt, große Aufmerksamkeit schenken. Glücklicherweise hat das Konzept der Moral Injury („moralische Verletzung“) zunehmende Aufmerksamkeit erlangt und ist unter Veteranen weithin anerkannt.[4]

Jonathan Shay gilt als einer der ersten Wissenschaftler, die den Begriff Moral Injury verwendeten. Er definiert ihn wie folgt:

„Moral injury is a betrayal of what’s right by a person in a position of authority in a high-stakes situation.“[5]

Das Gefühl des Verrats entsteht aus der Tatsache, dass Soldaten innerhalb einer Befehlsstruktur handeln und ihre Handlungen daher nicht selbst bestimmen können. Shay betont die institutionelle Ursache moralischer Verletzung. Litz et al. bieten eine breitere Definition, die widerspiegelt, wie Veteranen sie typischerweise erleben:

„The lasting psychological, biological, spiritual, behavioral and social impact of perpetrating, failing to prevent, bearing witness to, or learning about acts that transgress deeply held moral beliefs and expectations of the self.“[6]

Symptome moralischer Verletzung ähneln manchmal denen der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Sie können schwer zu unterscheiden sein, da Moral Injury häufig in Kombination mit PTBS auftritt.[7] Kurz gefasst basiert PTBS auf Angst infolge lebensbedrohlicher Situationen, während Moral Injury aus Verletzungen tief verankerter moralischer und ethischer Überzeugungen und Erwartungen entsteht.

Zweifel, Fragen und Enttäuschung treten jedoch nicht nur in Situationen mit hohem Risiko auf; sie können auch durch scheinbar „unbedeutende“ Dinge ausgelöst werden. Dies übersehen wir, wenn wir uns ausschließlich auf Moral Injury in einem engen, klinischen Sinn konzentrieren (obwohl Moral Injury dennoch aus fortgesetzter moralischer Belastung entstehen kann). Moralische Belastung ist der geeignetere Begriff für diese Art von Erfahrungen. Er wurde 1984 von Andrew Jameton geprägt:

„Moral distress arises when one knows the right thing to do, but institutional constraints make it nearly impossible to pursue the right course of action.“[8]

Die schmerzhaften Gefühle, von denen die Veteranen berichten, zeigen, dass ihr Gewissen gut funktioniert

Die schmerzhaften Gefühle, von denen die Veteranen berichten, zeigen, dass ihr Gewissen gut funktioniertMoral Injury und moralische Belastung sind verwandt, unterscheiden sich allerdings in ihrer Schwere.[9] In meiner Forschung bevorzuge ich jedoch aus zwei Gründen den Begriff moralische Belastung. Erstens ist er weiter gefasst, was ihn für alle Militärangehörigen in ihrer beruflichen Rolle anschlussfähig macht. Moralische Belastung umfasst kleinere Wertkonflikte, die zunächst gering erscheinen mögen, jemanden aber dennoch tief betreffen. Dies ermöglicht ein breiteres und nuancierteres Verständnis der Erfahrungen von Veteranen. Zweitens ist moralische Belastung meiner Ansicht nach keine Verletzung, die behandelt oder geheilt werden kann. Stattdessen stimme ich Wissenschaftlern zu, die argumentieren, dass Moral Injury und moralische Belastung nicht ausschließlich in den klinischen Bereich gehören, da sie eine gesunde Reaktion darstellen, die das Bewusstsein einer Person für ihre moralischen Verpflichtungen signalisiert[10] und somit Ausdruck eines guten Charakters ist[11]. Die schmerzhaften Gefühle, von denen die Veteranen berichten, zeigen, dass ihr Gewissen gut funktioniert. Zudem sind moralische Erfahrungen nicht notwendigerweise mit psychischen Problemen oder moralischer Last verbunden. Moralische Belastung kann als Zeichen mentaler Gesundheit, nicht von Krankheit, verstanden werden.

Methode und Ergebnisse

Ziel meiner Forschung war es zu verstehen, welche Arten von Ereignissen Veteranen als moralisch belastend empfinden. Ich habe mit der Self-Confrontation Method (SCM) gearbeitet, einem narrativen Ansatz, der die Identifikation und Analyse sowohl kognitiver als auch emotionaler Aspekte persönlicher Erfahrungen ermöglicht.[12] Die Einbeziehung der affektiven Ebene zeigt, dass es für Außenstehende manchmal schwierig ist zu verstehen, wie ein Veteran ein (moralisches) Ereignis empfindet.

Die Auswahl umfasste 25 Veteranen, sowohl aktive als auch ehemalige Soldatinnen und Soldaten, mit verschiedenen militärischen und persönlichen Hintergründen. Sie wurden in drei Gruppen eingeteilt: solche ohne psychische Gesundheitsprobleme, solche mit leichten Problemen und solche mit schweren Problemen.

Es traten große Unterschiede in der Anzahl der negativen Affekte zutage, die die Veteranen äußerten. Viele nannten ambivalente Gefühle, und die Mehrheit beschrieb moralisch belastende Erfahrungen. Die häufigsten Emotionen waren Machtlosigkeit, Wut und Enttäuschung. Es gibt zwei Hauptquellen moralischer Belastung: Gewalt und Beziehungen.

Erfahrungen mit Gewalt können auf drei Ebenen auftreten. Manchmal mussten die Veteranen selbst Gewalt anwenden, manchmal sahen sie andere in Gefahr, und manchmal wurden sie Zeugen von Schaden an Zivilisten. Die Veteranen rangen mit ihren eigenen Handlungen, den Handlungen anderer und Entscheidungen des Militärs als Institution.

Beziehungen zu Kameraden können eine Quelle der Stärke, aber auch des Schmerzes sein. Veteranen berichteten von Mobbing, Sexismus und Machtmissbrauch. Diese Erfahrungen waren besonders schmerzhaft, weil sie von Kameraden ausgingen. Gleichzeitig wurden starke Bindungen und gegenseitige Unterstützung als äußerst wertvoll beschrieben. Wenn ein Kamerad verletzt oder getötet wird, fragen sich Überlebende oft, ob sie mehr hätten tun können.[13] Diese sogenannte „survivor’s guilt“ kann intensiv und lang anhaltend sein.

Moralische Erfahrung und wahrgenommene Problemintensität unterscheiden sich stark zwischen Individuen. Die folgenden Beispiele sind Vorfälle, die Veteranen als ihre emotional negativsten Erfahrungen während des Einsatzes beschrieben:

  • „Bosnien-/Kroatien-Einsatz, 19 Jahre alt, einzige Frau im Verband: Es gab eine Beschwerde wegen eines farbigen Haargummis. Ich durfte keine Frau sein.“
  • „Auf meinem Bildschirm (UAV) sehe ich, wie sie in einen Graben geworfen wird – nur mit einer Bluse bekleidet, blutbeschmiert – und dort vor meinen Augen stirbt. Ich fühle mich so machtlos. Das ist das Schlimmste, was ich je erlebt habe.“
  • „Als ich Wettervorhersagen machen musste, sah ich oft zuvor Luftaufnahmen des Ziels. Manchmal sah ich dort spielende Kinder oder einen Hund, der dalag. Dann wusste man, dass es in ein paar Stunden bombardiert werden könnte.“
  • „Ich sitze vor der Tür zu Role 2 [Feldlazarett]. Mulder ist dort mit einigen anderen. Ich will hineingehen, aber ich kann nicht.“

Gescheiterte Selbstkonstitution als Ergebnis moralischer Belastung

Die Rollentheorie hilft zu verstehen, warum moralische Spannung im militärischen Kontext entsteht. Soldaten haben in ihrer beruflichen Rolle eingeschränkte Autonomie und können nicht unbedingt ihrem eigenen moralischen Kompass folgen, sondern müssen innerhalb der Befehlskette gehorchen. Diese institutionell eingeschränkte Autonomie erfordert Regelbefolgung[14] und kann zu Rollenspannungen auf persönlicher Ebene führen.

Soldaten können Konflikte zwischen Rollen und den damit verbundenen Erwartungen und Werten erleben, was zu einer Dissonanz zwischen Identität und Handlungen führen kann. Biddle definiert Rollenspannung als “current appearance of two or more incompatible expectations for the behavior of a person”.[15]

Rollenspannung kann zwischen persönlicher und beruflicher Rolle bestehen (Rollendiskontinuität) oder innerhalb der beruflichen Rolle (Rollenüberlastung), z. B. wenn Soldaten verschiedene professionelle Rollen wie Krieger, Diplomaten und Entwicklungshelfer innehaben[16], die oft unterschiedliche Wertesysteme haben.

Moralische Belastung infolge von Rollenspannung kann die persönliche Identität beeinträchtigen. Diese Behauptung lässt sich mit Christine Korsgaards Theorie der Selbstkonstitution begründen, die Identitätsbildung mit Ethik verbindet. Diese Theorie besagt, dass die Quelle der Normativität im menschlichen Projekt der Selbstkonstitution liegt.[17] In unseren Handlungen drücken wir aus, was uns wichtig ist. Handeln ist somit der Weg, Identität zu bilden. Dies setzt voraus, dass wir wählen können, welche Handlungen wir ausführen oder unterlassen. Dies trifft jedoch auf die militärische Rolle nicht zu, da diese die individuelle Freiheit, das eigene Handeln zu bestimmen, einschränkt. In der militärischen Einsatzpraxis bedeutet dies, dass Soldaten möglicherweise Handlungen ausführen müssen, die ihren Werten widersprechen, oder auf Handlungen verzichten müssen, die ihren Werten entsprechen. Aber diese Handlungen, ausgeführt in der beruflichen Rolle und auf Befehl, werden dennoch Teil der Identität. Dies kann zu gescheiterter Selbstkonstitution führen – einer Dissonanz zwischen „wer man ist“ und „was man getan hat“.

Die folgenden Aussagen zeigen, wie die militärische Rolle die Identität beeinflussen kann:

  • „Ich kann mich selbst nicht im Spiegel ansehen. Ich schaue mir nie in die Augen. Wenn ich es tue, sehe ich jemanden, der versagt hat.“
  • „Das Militär hat mir das Gefühl ausgetrieben. Woran es lag? Kultur, Hierarchie, Dienstalter, Gehorsam, Zuhören und mangelndem Raum für Initiative.“
  • „Eine Hälfte von mir ist nie zurückgekehrt, sondern ist immer noch dort draußen und verbrennt Müll oder fertigt Flugzeuge ab.“

Nicht alle Veteranen erlebten tiefe Rollenkonflikte. Einige empfanden sich als „verschiedene Personen“ bei der Arbeit und zu Hause. Interessanterweise bewerteten die meisten Veteranen, insbesondere jene mit psychischen Gesundheitsproblemen, ihre Soldatenidentität positiver als ihre zivile Identität.

Die Veteranen beschrieben auch ihre positivsten Einsatzerfahrungen, verbunden mit Gefühlen wie Glück, Kameradschaft und Selbstvertrauen. Die Analyse zeigte zwei Rollenstrategien, die helfen, moralische Belastung zu verringern. Die erste ist Handlungsspielraum. Veteranen, die zumindest in gewissem Maße selbst entscheiden konnten, hatten mehr positive Erfahrungen. Die zweite ist das Erleben sozialer Anerkennung. Beide werden in den nächsten Abschnitten vertieft.

Handlungsspielraum als Rollenstrategie zur Prävention moralischer Belastung

Regelbefolgung ist ein wesentlicher Faktor in den Streitkräften – einer Organisation, die auf Zwang basiert. Soldaten können mit Akzeptanz oder (stillem) Widerstand reagieren.[18] Doch das Ausdrücken von Unbehagen oder Einwänden kann sehr wichtig sein, denn die Anerkennung von Rollenkonflikten würdigt die Person hinter der Uniform. Ambivalente Gefühle über Missionsziele gehören zum Beruf und sollten nicht vernachlässigt werden.

Im folgenden Beispiel äußerte der Veteran klar seine Einwände. Dies war mit Selbstvertrauen und positiven Emotionen verbunden:

  • „Im Managementteam habe ich meine Unzufriedenheit über die Sicherung von Fabrikschiffen geäußert, die die ausschließliche Wirtschaftszone Somalias leerfischten.“

Auf der anderen Seite führten Situationen, in denen Regelbefolgung und Gehorsam erzwungen wurden, zu negativen Gefühlen oder sogar dem Gefühl des Verrats. Veteranen, die einen Befehl ausführten, obwohl sie bereits Zweifel hatten, behalten sehr negative Emotionen zurück. Obwohl Soldaten in einer Befehlskette handeln, scheinen sie in kritischen Situationen keinen Unterschied zwischen funktionaler und persönlicher Verantwortung zu machen; vielmehr fühlen sie sich persönlich beteiligt.[19] Wenn sich eine Handlung von Anfang an falsch anfühlt, ist sie schwer zu verarbeiten. Auch wenn sie das eigene Urteil bestätigt, führt sie zu negativer Selbsteinschätzung.

Das folgende Beispiel illustriert dies:

  • „Ich frage mich, ob ich doch hätte schießen sollen. Dass ich nicht gehandelt habe, belastet mich. Ich frage mich, was mit dieser Frau geschehen ist.“

Manchmal fühlten sich die Veteranen im Stich gelassen oder mussten komplexe Situationen ohne Regeln oder offizielle Dienstwege bewältigen. Interessanterweise kann jedoch das Fehlen organisatorischer Vorgaben oder strenger Aufsicht während des Einsatzes positive Effekte haben: Es verschafft Handlungsspielraum zur Problemlösung. Gerade im Einsatz erleben Soldaten oft die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, und werden sich ihrer durch diese Entscheidungen entstehenden militärischen Identität bewusst.[20] Obwohl Regelbefolgung ein zentrales Element der militärischen Organisation ist, blicken Veteranen oft sehr positiv auf Situationen zurück, in denen sie die Initiative ergreifen konnten. Das gilt auch für Fälle von Ungehorsam oder schwierigen moralischen Dilemmata:

  • „Mir wurde befohlen, einen 14-jährigen Jungen mit einem Walkie-Talkie auszuschalten. Einer unserer Wagen steckte in einem Wadi fest. Aber ... ich habe es nicht getan.“

Ein gewisser Handlungsspielraum kann Rollenspannung reduzieren und zu weniger konflikthaften Erfahrungen von Handlungsmacht führen. In solchen Momenten wird der Konflikt zwischen militärischer und persönlicher Rolle minimiert. Diese Erfahrungen bewerten Veteranen als ihre positivsten – Erlebnisse, in denen sie die Rolle des Helfers einnahmen und ihre Werte in Handlungen ausdrücken konnten. Ein Beispiel aus meiner Studie unterstreicht dies:

  • „Während meiner Einsatzes machten wir eine Fußpatrouille. Als wir an einer kleinen Gruppe von Kindern vorbeikamen, winkten sie uns zu und lächelten. Da fühlte ich: Das ist der Grund, warum ich diesen Job mache.“

Anerkennung als Rollenstrategie im Umgang mit moralischer Belastung und moralischer Verantwortung

Die zweite Rollenstrategie betrifft die gesellschaftliche Anerkennung. Wir bauen unsere Identität nicht nur dadurch auf, dass wir Werte in Handlungen ausdrücken; es gibt auch eine soziale Dimension. Das bedeutet, dass das Selbstbild eines Veteranen nicht nur durch Handlungen und Erlebnisse im Einsatz geprägt wird, sondern auch durch die Art, wie andere diese bewerten. Nach Honneth hat Identität nicht nur eine individuelle Seite, sondern benötigt Bestätigung durch andere. Der Kampf um Anerkennung, basierend auf gegenseitiger Abhängigkeit, ist eine Grundmotivation menschlichen Handelns: „Die Beziehung zu sich selbst ist keine Angelegenheit eines isolierten Ego, das sich selbst beurteilt, sondern ein intersubjektiver Prozess, in dem die eigene Haltung zu sich selbst aus der Begegnung mit den Haltungen anderer entsteht.“[21] Diese Beziehungen müssen entwickelt werden – dies umfasst soziale Auseinandersetzungen. Wenn Beziehungen scheitern, fühlen sich Menschen missverstanden oder nicht beachtet; eine negative Erfahrung, die motiviert, soziale Verbindungen aufzubauen und an einer gerechteren Gesellschaft mitzuwirken. Dies sind ethische Beziehungen, geprägt von Liebe, Gerechtigkeit und Solidarität. Nicht beachtet zu werden motiviert uns, Verbindungen aufzubauen. Menschen sind daher für die Bildung ihrer Identität wechselseitig voneinander abhängig.

Das Selbstbild eines Veteranen wird nicht nur durch Handlungen und Erlebnisse im Einsatz geprägt, sondern auch durch die Art, wie andere diese bewerten

Veteranen sehnen sich nach Anerkennung, weil sie oft weit entfernt von zu Hause, unter schwierigen Bedingungen und sogar unter Lebensgefahr eingesetzt werden. Sie sind moralisch ihrem Auftrag verpflichtet und handeln im Namen des Landes, dem sie dienen. Gleichzeitig ist ihre Arbeit für Zivilisten unsichtbar – aus Sicherheitsgründen oder weil Einsätze im Ausland stattfinden. Wichtig ist, dass Anerkennung nicht notwendigerweise Wertschätzung bedeutet, sondern schlicht die Anerkennung ihrer Bemühungen. Ein wahrheitsgemäßer Rechenschaftsbericht über militärische Unternehmungen muss Erfolge, Versuche, Ideale beinhalten – aber auch Fehler, Versagen und traumatische Erfahrungen.

Sherman ergänzt einen weiteren Aspekt: Ein einfaches „Danke für Ihren Dienst“ genüge nicht.[22] Die Gesellschaft als „moralische Gemeinschaft“ teilt die moralische Verantwortung der Veteranen und könne diese nicht einfach an sie delegieren. Veteranen zu unterstützen und ihnen bei der Reintegration zu helfen, besonders wenn sie mit psychischen oder moralischen Belastungen kämpfen, sei auch eine zivile Aufgabe. Doch hier sollten wir nicht stehen bleiben: Ihr Leiden verweist auf eine weitere Realität – die gesichtslosen, namenlosen Opfer des Krieges, deren Menschenwürde verletzt wurde.

Die Ergebnisse meiner Forschung verdeutlichen die Bedeutung von (Miss-)Anerkennung auf verschiedenen Ebenen:

1. Selbstanerkennung:
Einige Veteranen sahen sich aus unterschiedlichen Gründen nicht als „echte“ Veteranen – etwa aus Angst vor Stigmatisierung („Veteranen haben PTBS“). Paradoxerweise klagen Veteranen über gesellschaftliche fehlende Anerkennung, tragen aber gleichzeitig selbst zum negativen Framing bei.[23] Die zweite Ebene betrifft die Anerkennung durch enge Verwandte und Freunde. Drittens erwarten sie Anerkennung auf der gesellschaftlichen und institutionellen Ebene. Ich zitiere Beispiele für fehlende Anerkennung auf jeder dieser Ebenen:

  • „Alte Veteranen haben für die Niederlande gekämpft. Das war sinnvoll. Sie können zufrieden darauf zurückblicken.“

2. Anerkennung durch das nähere Umfeld:

  • „Ich hatte einen Streit mit einem Freund, weil er meinte, Sterben sei ‚Teil des Militärberufs‘. Ich stimme nicht zu. Vielleicht gilt das für das Risiko, aber nicht für das Ergebnis.“

3. Anerkennung durch Gesellschaft/Institution:

  • „Ich bin Teil einer Gesellschaft, die sich nicht dafür interessiert, was im Libanon passiert ist.“
  • „Ich habe für die Crew ein Gefechtsabzeichen beantragt, aber es wurde abgelehnt, weil es nicht der Definition entsprach.“

Andere berichteten von sehr positiven Anerkennungserfahrungen, verbunden mit starkem Selbstwertgefühl und Verbundenheit:

  • „Ich lief in der Parade mit; das Publikum klatschte und jubelte, und das bedeutete mir viel. Ich dachte: ‚Ja, ich war in all diesen Einsätzen, und ich kann stolz darauf sein.‘“

Abschließende Gedanken

Das moralische Leiden, das Soldatinnen und Soldaten während und nach Einsätzen erfahren, sollte in der Gesellschaft breit geteilt werden, um ein gemeinsames Engagement für Frieden und Sicherheit zu wecken und „einander zum Nächsten zu werden“[24]. Das bedeutet, dass angemessene Betreuung und Unterstützung essenziell sind, doch die zugrunde liegenden moralischen Fragen können nicht allein durch individuelle klinische Behandlung beantwortet werden. Die moralische Belastung unserer Veteranen verlangt mehr – nämlich eine moralische Antwort. Fragen militärischer Einsätze, nationaler und globaler Sicherheit in den Niederlanden und der Welt, Gerechtigkeit und Menschenwürde gehen uns alle an. Ich plädiere dafür, diese moralischen Fragen gesellschaftlich zu thematisieren, um herauszufinden, wie wir zu einer gerechteren und friedlicheren Welt beitragen können.
 

 


[1] Moskos, C. C., Williams, J. A., & Segal, D. R. (2000): The Postmodern Military: Armed Forces After the Cold War. Oxford/New York.

[2] Wildering, G. und Iersel, F. v. (2014): Morele vorming in de krijgsmacht: een katholiek perspectief. Budel.

[3] Schuhmann, C. et al. (2023): How military chaplains strengthen the moral resilience of soldiers and veterans: Results from a case studies project in the Netherlands. In: Pastoral Psychology 72(5), S. 605−624. doi.org/10.1007/s11089-023-01097-5.

[4] Vermetten, E. et al. (2018): Moral Decisions and Military Mental Health. https://www.sto.nato.int/document/moral-decisions-and-military-mental-health-2/. DOI: 10.14339/STO-TR-HFM-179.

[5] Shay, J. (1994). Achilles in Vietnam: Combat Trauma and the Undoing of Character. New York.

[6] Litz, B. T. et al.: (2009). Moral Injury and Moral Repair in War Veterans: A Preliminary Model and Intervention Strategy. In: Clinical Psychology Review 29 (8), S. 695−706, S. 697. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2009.07.003.

[7] Barnes, H. A., Hurley, R. A. und Taber, K. H. (2019): Moral Injury and PTSD: Often Co-Occurring Yet Mechanistically Different. In: The Journal of Neuropsychiatry and Clinical Neurosciences 31 (2), A4-103. https://doi.org/10.1176/appi.neuropsych.19020036; Gray, M. J.et al. (2012): Adaptive disclosure: An open trial of a novel exposure-based intervention for service members with combat-related psychological stress injuries. In: Behavior Therapy 43 (2), S. 407−415. https://doi.org/10.1016/j.beth.2011.09.001.

[8] Jameton, A. (1984): Nursing Practice: The Ethical Issues. Englewood Cliffs, N.J. https://books.google.nl/books?id=whFtAAAAMAAJ.

[9] Litz, B. T. und Kerig, P. K. (2019): Introduction to the special issue on moral injury: Conceptual challenges, methodological issues, and clinical applications. In: Journal of Traumatic Stress32(3), S. 341−349. doi.org/10.1002/jts.22405.

[10] Brodie, B. und Lifton, R. J. (1975): Home from the War: Vietnam Veterans, Neither Victims nor Executioners. In: Journal of Interdisciplinary History 5 (4), S. 772. https://doi.org/10.2307/202878; Farnsworth, J. K. et al. (2017): A functional approach to understanding and treating military-related moral injury. In: Journal of Contextual Behavioral Science 6 (4), S. 391−397. https://doi.org/10.1016/j.jcbs.2017.07.003.

[11] Wiinikka-Lydon, J. (2018): Dirty Hands and Moral Injury. In: Philosophy 93 (3), S. 355−374. doi.org/10.1017/S0031819118000050.

[12] Hermans, H. J. M. und Hermans-Jansen, E. (1995): Self-Narratives: The Construction of Meaning in Psychotherapy. New York/London.

[13] Kubany, E. S. (1994): A cognitive model of guilt typology in combat-related PTSD. In: Journal of Traumatic Stress7(1), S. 3−19.

[14] Etzioni, A. (1975): A Comparative Analysis of Complex Organizations: On Power, Involvement, and Their Correlates. Revised and enlarged ed. New York.

[15] Biddle, B. J. (1986): Recent Developments in Role Theory. In: Annual Review of Sociology 12, S. 67−92, S. 82. doi.org/10.1146/annurev.so.12.080186.000435.

[16] Broesder, W. A. (2008): ‘Peacekeeping Warrior’: Krijger en vredessoldaat: paradox? In: Militaire Spectator 10, S. 535−548. militairespectator.nl/artikelen/peacekeeping-warrior.

[17] Korsgaard, C. M. (2009): Self-Constitution: Agency, Identity, and Integrity. Oxford/New York, S. 4.

[18] NATO (2019): A psychological guide for leaders across the deployment circle. In: Allied Medical Publication AMedP-8.10. Brüssel, S. 80.

[19] van Bruggen, J. P. (2025): Morele grenzen in oorlogsgebied: Persoonlijke verantwoordelijkheid van Nederlandse militairen. Utrecht, S. 240. https://research.tilburguniversity.edu/en/publications/349b2b45-c04a-420a-bb58-fd8a9845b1c0.

[20] van Bruggen, J. P. (2025), s. Endnote 18.

[21] Honneth, A. (1995): The Struggle for Recognition: The Moral Grammar of Social Conflicts. Trans. J. Anderson. Cambridge, Mass., p. xii. (Übersetzung aus dem Englischen.)

[22] Sherman, Nancy (2015): Afterwar. Healing the Moral Injuries of our Soldiers. New York.

[23] De Reuver, Y. (2022): Veteran under construction: Identification processes among Dutch veterans who served in military missions in Lebanon, Srebrenica, and Uruzgan. Radboud Universiteit, Nijmegen. https://www.nlveteraneninstituut.nl/content/uploads/2022/05/PDF-Veteran-Under-Construction-Yvon-de-Reuver.pdf.

[24] Halík, T. (2018): Raak de wonden aan: Over niet zien en toch geloven. Trans. K. d. Wildt and H. d. Wildt. Utrecht. https://books.google.nl/books?id=B6ZyDwAAQBAJ. (Übersetzung aus dem Englischen.)

DOI: 10.48701/opus4-826

Zusammenfassung

Sanneke Brouwers

Sanneke Brouwers, Jahrgang 1979, hat einen Master-Abschluss in Theologie von der Radboud-Universität in Nimwegen, Niederlande. Seit 2008 ist sie Militärseelsorgerin bei den niederländischen Streitkräften und war mehrfach mit der niederländischen Task Force für ballistische Raketenabwehr im Einsatz. Von 2019 bis 2025 arbeitete sie am Niederländischen Veteraneninstitut. Im Dezember 2025 promovierte sie an der Tilburg School of Catholic Theology.


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Alle Artikel dieser Ausgabe

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Über Sinn und die Bedeutung von Empathie im Militär
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