Kontroversen in Militärethik und Sicherheitspolitik
Die spirituelle Dimension moralischer Verwundungen
Das Interesse an moralischen Verletzungen
In bestimmten Lebensbereichen, in denen Menschen mit extremen Erfahrungen konfrontiert werden,[1] tritt ein Phänomen auf, das „moralische Verletzung“ bzw. „moralische Verwundung“ (Englisch: moral injury) genannt wird.[2] Es handelt sich dabei um seelische Verletzungen, die durch Handlungen unmenschlicher, gewaltsamer oder grausamer Art ausgelöst werden, (a) an denen man selbst partizipiert hat oder (b) die man nicht verhindern konnte oder (c) die man bezeugt hat oder (d) von denen man erfahren hat.[3] Bei den Handlungen, die diese Verletzungen auslösen, handelt es sich um schwerwiegende moralische Übertretungen, die tief verwurzelte moralische Überzeugungen verletzen und dadurch eine Form von Leid mit einer spezifisch moralischen Qualität auslösen.[4]
Für das Interesse an diesen moralischen Verwundungen gibt es verschiedene Gründe. Der naheliegendste ist sicher der, dass man selbst davon betroffen ist und darunter leidet oder als Psychologe bzw. Psychiater berufsbedingt damit konfrontiert wird und ein wissenschaftliches Interesse an den entsprechenden Phänomenen entwickelt. In der Tat hat sich der Begriff in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts dadurch etabliert, dass Psychologen bzw. Psychiatern, die Vietnamkriegsveteranen in den USA behandelten, zunehmend bewusst wurde, dass eine bestimmte Art von seelischer Störung, die häufig pauschal als „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) klassifiziert wurde, mit diesem Begriff nur äußerst unzureichend beschrieben wird. Der Kern des Leidens war in diesen Fällen keine Angststörung infolge einer lebensbedrohlichen Situation, wie das üblicherweise bei Posttraumatischen Belastungsstörungen der Fall ist, sondern eine Traumatisierung moralischer Natur (also eine normative Traumatisierung), die mit Schuld- und Schamgefühlen bis hin zum Selbsthass einhergeht (in einigen Fällen auch mit Wut und Zorn)[5] und in einer erheblichen Zahl von Fällen bis zum Selbstmord oder einem Selbstmordversuch führt.[6]
Darüber hinaus gibt es einen weiteren Grund dafür, dass der Phänomenkomplex der moralischen Verletzungen unsere Aufmerksamkeit verdient, nämlich der, dass bei ihnen in vielen Fällen[7]das Ganze der Moralität auf dem Spiel steht. Denn für ihre Auswirkungen auf die Moralität eines Menschen gilt: „[…] rather than being limited to this or that moral principle, [the moral transgression] cuts to the heart or core of one’s very identity as a moral being (one’s sense of morality)“[8].
Moralische Verletzungen: eine spezifische Form von reaktiver Einstellung
Um die gerade erwähnte „umfassende“ Dimension moralischer Verletzungen zu verstehen, ist es wichtig vorauszuschicken, dass sie – wie die Namensgebung vermuten lässt – auf die passiv-rezeptive Seite der menschlichen Moralität gehören: Sie werden erlitten! Es handelt sich bei ihnen um Widerfahrnisse psychischer Art. Sie sind also nicht die Folge einer Entscheidung, jedenfalls nicht die unmittelbare Folge davon. Aber sie werden in einer ganz spezifischen Weise erlitten. Das, was erlitten wird, hat nämlich einen kognitiven Gehalt, der in einem impliziten moralischen Urteil zum Ausdruck kommt. Deshalb werden moralische Verletzungen zu den sogenannten reaktiven Einstellungen (reactive attitudes) gerechnet.[9] Deutlich wird ihre implizite wertende Dimension im Kontext von menschlichen Beziehungen, sowohl in der Beziehung eines Menschen zu sich selbst (intrapersonale Beziehung) als auch in seiner Beziehung zu anderen Menschen (interpersonale Beziehung). Diese Beziehungen gehen mit bestimmten Erwartungen und Forderungen einher. Wenn Menschen diesen Erwartungen und Forderungen nicht gerecht werden, reagieren wir unwillkürlich darauf. Und die Reaktion sagt uns etwas über die Einstellung dessen, der reagiert, zur Welt.[10] Im speziellen Fall der moralischen Verletzung sagt sie uns etwas über seine moralische Einstellung, die in der Regel als ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein beschrieben werden kann.[11] Im Unterschied zu anderen reaktiven Einstellungen (wie zum Beispiel Ressentiment, Groll, verletzte Gefühle, Dankbarkeit, Vergebung, Liebe, moralisches Lob, moralischer Tadel) kommt es bei moralischen Verletzungen – wie gesagt – zu einer Erschütterung der Moralität in ihrer Gänze. Die, die davon betroffen sind, sprechen häufig davon, dass ihre moralische Identität erschüttert wurde bzw. verloren gegangen ist.
Moralische Verletzungen betreffen das Ganze der Moralität
Wie ist es zu verstehen, dass es bei moralischen Verletzungen um das Ganze der Moralität geht? Ganz grundsätzlich geht es beim ethischen Handeln zunächst einmal immer darum, (1.) das, was man als gut und richtig erkannt hat, zu tun (die normative Dimension). Dann kommt es aber auch darauf an, (2.) dafür im Einzelfall die nötige ethische Motivationskraft aufzubringen (die motivationale Dimension). Diese zweite Dimension ist unlösbar mit der ersten verbunden.[12] Last, but not least geht es beim moralischen Handeln aber auch – und dieser Dimension wird häufig zu wenig Beachtung geschenkt – um (3.) den Glauben an die Sinnhaftigkeit der moralischen Welt.[13] Um auch in schwierigen und extremen Situationen als moralische Wesen zu bestehen, dürfen wir den Glauben an die Sinnhaftigkeit der moralischen Welt nicht verlieren.[14]
Ich möchte das mit ein paar Formulierungen im Anschluss an Hannah Arendt beleuchten,[15] die zwar aus einem anderen Kontext stammen (ihre Auseinandersetzung mit dem Holocaust), die aber deshalb zutreffend sind, weil sie der Reflexion über Moralität in Anbetracht extremer menschlicher Erfahrungen entstammen: nämlich der Erfahrungen von extremem Unrecht.
In der Konfrontation mit solchen Erfahrungen kommt es darauf an, den Glauben an eine moralische Welt bzw. die Sinnhaftigkeit einer moralischen Welt aufrechtzuerhalten, damit man sich zumindest in der Weise in der Welt zu Hause fühlt, die ein moralisches Handeln unterstützt. In extremen Situationen stellt sich nämlich die Frage, ob Menschen überhaupt in die Welt (so wie sie erlebt wird) passen.[16] Und auf diesem Hintergrund ist es erhellend, die Auseinandersetzung mit moralischen Verletzungen, die oft als eine Gefährdung der moralischen Identität erlebt werden, als ein Ringen darum zu beschreiben, sich wieder in der Welt zu Hause zu fühlen. Man könnte das die spirituelle Dimension der Ethik nennen.[17]
Wenn im Kontext unserer Überlegungen von der „spirituellen Dimension“ die Rede ist, ist damit diejenige Dimension im menschlichen Leben gemeint, die der Vorstellung einer moralischen Welt Sinn verleiht. Das kann ein theistischer Glaube sein, aber auch eine Spiritualität ohne Bezug zu einer in diesem Sinn transzendenten Wirklichkeit. Entscheidend ist, dass sie für einen Menschen eine existenzielle Antwort auf die Frage nach dem Sinn seiner Moralität darstellt, die heute oft in der Frage zum Ausdruck kommt: Warum moralisch sein? Der Begriff des Spirituellen ist in der Weise, wie ihn viele Autoren gebrauchen, weiter und auch vager als der Begriff des Religiösen.[18] Wegen dieser Offenheit für eine Vielzahl unterschiedlicher inhaltlicher Bestimmungen wird hier von „der spirituellen Dimension der Ethik“ gesprochen. Es handelt sich dabei jedenfalls um eine über die je unmittelbare Wirklichkeit eines Menschen (zum Beispiel seine unmittelbaren Bedürfnisse) hinausweisende personale Wirklichkeit, die als sinnstiftend erlebt wird.[19]
Bei Arendt taucht die Frage, wie wir – gerade auch als moralische Wesen – in der Welt zu Hause sein können, in ihren Schriften immer wieder an prominenter Stelle auf. Für die, die unter moralischen Verletzungen leiden, stellt sie sich mit existenzieller Wucht.
Vertrauensverlust und Entfremdung von dem, was dem Leben Sinn gibt
Wenn Betroffene das Phänomen der moralischen Verletzungen beschreiben, spielen verschiedene Begriffe eine zentrale Rolle. So ist zum Beispiel von der Erfahrung eines Verrats an dem, was richtig ist,[20] die Rede, oder von Erfahrungen schwerwiegender moralischer Überschreitungen und den daraus resultierenden inneren Konflikten und der moralischen Not.[21] Aber sie sprechen auch von Vertrauensverlust und nachlassender Zuversicht hinsichtlich der Fähigkeit und Motivation, moralisch zu handeln – sowohl der eigenen als auch der von anderen.[22]Dadurch wird deutlich, dass es um eine tiefer liegende „spirituelle Wunde“ mit den entsprechenden emotionalen Auswirkungen geht.[23]Die Betroffenen ringen mit einer Erschütterung der moralischen Grundlagen ihrer personalen Identität, die bis zu deren Zusammenbruch führen kann und als moralischer Untergang erlebt wird. Jonathan Shay gibt in seinem Buch Achilles in Vietnam: Combat Trauma and the Undoing of Character[24]wieder, was ein Soldat, der drei Einsatzphasen in Vietnam bei der Panzertruppe verbracht hatte, im Rückblick über sich sagt. Da heißt es:
„[…] I look back today and I’m horrified at what I turned into. What I was. What I did. I just look at it like it was somebody else. […] War changes you […] strips you of all your beliefs, your religion, takes your dignity away. […] You know, it’s unbelievable what humans can do to each other. I never in a million years thought I would be capable of doing that. Never, never, never.“[25]
Die inneren Prozesse, von denen derartige Aussagen einen kleinen Eindruck vermitteln, haben massive Auswirkungen auf die Beziehung, die ein Mensch mit einer moralischen Verletzung zu sich selbst, zu anderen Menschen und bei religiösen Menschen auch zu Gott[26]hat – weswegen er sich von dem entfremdet fühlt, was seinem Leben Sinn gibt.
Isolation, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit sind häufige Begleiterscheinungen von moralischen Verletzungen
Diese Entfremdung wird dadurch verstärkt, dass Menschen mit moralischen Verwundungen dazu tendieren, sich infolge des in ihrer Wahrnehmung von moralischem Versagen verankerten negativen Selbstbildes (das mitunter in die Überzeugung mündet, der Vergebung unwürdig zu sein) zurückzuziehen. Dadurch, dass sie sich von anderen distanzieren, entziehen sie ihnen auch die Möglichkeit, dem, was sie erleben, korrigierend etwas entgegenzusetzen – etwa in Form ganz anderer zwischenmenschlicher Erfahrungen wie der Erfahrung bedingungsloser Liebe oder bedingungslosen Vertrauens. Isolation, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit sind häufige Begleiterscheinungen von moralischen Verletzungen.[27]
Versöhnung mit der Wirklichkeit
Wenn man sich auf dem Hintergrund des Gesagten fragt, was die Quelle für das implizite moralische Urteil ist, das für die Reaktion im Falle der moralischen Verletzungen charakteristisch ist, muss die Antwort meines Erachtens lauten:[28] der innere (= subjektive) Gerichtshof des Gewissens.[29] Und der Anknüpfungspunkt für eine mögliche Versöhnung mit der Wirklichkeit, von der Arendt unter anderem im Kontext von extremen Erfahrungen von Ungerechtigkeit spricht, wäre der öffentliche Gerichtshof der praktischen Vernunft. Die Moralphilosophin Nancy Sherman, die als Psychologin auch mit Menschen arbeitet, die an moralischen Verwundungen leiden, hat im Blick auf das für viele Fälle von moralischer Verwundung charakteristische Phänomen der harschen Selbstanklage geschrieben:
„The right therapy in these cases involves redrawing the lines around agency and accountability. It’s a case where letting go is understanding the limits of control. It’s also a case where compassion and mercy may have to come from others so you can learn to show it toward yourself.“[30]
Damit skizziert sie die Umrisse eines psychologischen Ansatzes, der den Betroffenen helfen kann. Dabei spielen an zentraler Stelle moralische und religiöse Kategorien eine Rolle, weil es ganz wesentlich auch um die Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Handlungsfähigkeit und um die Zurechenbarkeit der eigenen Handlungen geht. Es kommt auf die für den Standpunkt der Vernunft charakteristische intersubjektive Betrachtung an, bei der gegebenenfalls Mitgefühl und Barmherzigkeit ins Spiel kommen.
Des Weiteren setzt der Versuch der Versöhnung mit der Wirklichkeit im Falle der moralischen Verwundungen bei der Wahrnehmung eines Verstoßes gegen tief verwurzelte moralische Überzeugungen und Werte und den daraus resultierenden Gefühlen von Selbstverurteilung, Scham, Schuld und Wut an. Davon ausgehend soll durch ein tieferes Verstehen das verloren gegangene Vertrauen in die Wirklichkeit mit ihrer moralischen Dimension wiedergefunden werden.
Hannah Arendts Charakterisierung des Verstehens in ihrem Aufsatz Understanding and Politics (der ursprünglich The Difficulties of Understanding hieß) passt sehr gut zu dem Versuch des Verstehens im Falle von moralischen Verletzungen. Demnach ist das Verstehen „eine nicht endende Tätigkeit, durch die wir Wirklichkeit, in ständigem Abwandeln und Verändern, begreifen und uns mit ihr versöhnen, das heißt durch die wir versuchen, in der Welt zu Hause zu sein“[31]. Der Versuch eines tieferen Verstehens kann bis zu einem gewissen Grad heilsam sein. Aber wie bei allen Versöhnungsversuchen hängt dieser Prozess von Faktoren ab, über die man nicht verfügen kann.
Die spirituelle Dimension in der Therapie
Da die spirituelle Dimension bei moralischen Verletzungen eine zentrale Rolle spielt, ist die Frage naheliegend, ob sie auch Ansatzpunkte für deren Therapierung bietet. Wenn man eine Antwort darauf versucht, sollte man sich zunächst in Erinnerung rufen, was erfahrene klinische Psychologen grundsätzlich zu den Therapiemöglichkeiten sagen, um sich keine Illusionen zu machen. Der US-amerikanische Traumaexperte Brett T. Litz ist eine international anerkannte Autorität auf diesem Gebiet. In einem Gespräch mit Kollegen hat er gesagt, „[…] that there is no cure, that suffering cannot be eradicated, that on an individual, communal, cultural, and societal level we did this, and this is the aftermath[32][…] We can’t make this person what he or she was before this happened. It is just not possible.“[33]
Wenn es also etwas Heilsames im Umgang mit moralischen Verletzungen gibt, dann ist das nicht die Rückkehr zum Status quo ante, dem Zustand vor der Verwundung. Aber die spirituelle Dimension kann möglicherweise einen wichtigen Beitrag leisten, wenn es darum geht, einen Weg zu finden, der im Umgang mit der Verwundung weiterführt.[34]
Wenn es etwas Heilsames im Umgang mit moralischen Verletzungen gibt, dann ist das nicht die Rückkehr zum Status quo ante, dem Zustand vor der Verwundung
Grundsätzlich ist die spirituelle Dimension – wie fast alles im menschlichen Leben – äußerst ambivalent: Sie kann einen Menschen noch verletzlicher machen, als er es ohnehin schon ist, aber sie kann auch eine entscheidende Rolle beim Umgang mit Verletzungen spielen, weil durch sie Erfahrungsdimensionen ins Spiel kommen, die wie die moralischen Verletzungen das Ganze der menschlichen Existenz betreffen, wie zum Beispiel die Erfahrung von Schuld bzw. Sünde als eine menschliche Urerfahrung und der Umgang damit, etwa in Form von Barmherzigkeit und Vergebung. Das kann ein fruchtbarer Ansatz dafür sein, mit der beängstigenden, schmerzhaften und traurigen Realität moralischer Verwundungen[35] in einer Weise umzugehen, die einen Weg in die Zukunft eröffnet.
Dass die spirituelle Dimension beim Umgang mit moralischen Verletzungen einbezogen wird, ist schon allein deshalb sinnvoll, weil bei vielen Menschen verschiedene Formen von Wertorientierung (außermoralische, moralische und religiöse Formen von Wertorientierung) eng miteinander verflochten sind. Wenn dies gelingt, wird damit ein Zugang zu „tieferen Lebensquellen“ geschaffen, der in vielen Fällen eine heilsame Wirkung entfalten kann, weil Religion oft als sinnstiftend erlebt wird und religiöse Gefühle eine starke Motivationskraft darstellen.[36]
Ganz unabhängig davon, welche besondere religiöse Prägung Begriffe wie Schuld und Vergebung im Einzelfall haben, spielt beim therapeutischen Umgang mit moralischen Verletzungen unter anderem die Wahrnehmung und das Urteil eines wohlwollenden und barmherzigen Freundes eine entscheidende Rolle. Sie ist Teil der adaptive disclosure genannten Therapie, die von Brett Litz zusammen mit anderen für die Behandlung von aktiven Soldaten und Kriegsveteranen konzipiert wurde.[37] An einem kritischen Punkt der Therapie werden die Patienten gebeten, sich einen leeren Stuhl im Raum vorzustellen. Es soll ein Platz für einen vertrauenswürdigen und wohlwollenden Freund mit moralischer Autorität sein, der ihnen eventuell helfen kann, das verlorene Vertrauen in die eigene Güte zurückzugewinnen. Damit geht die Hoffnung einher, dass der moralisch verletzte Mensch durch die Augen dieser Person allmählich wieder liebenswerte Aspekte seiner Persönlichkeit zu sehen vermag. Alternativ werden die Betroffenen manchmal aufgefordert, sich selbst als einen mitfühlenden Freund zu imaginieren, an den sich ein Kamerad wendet, der wie sie selbst von Schuldgefühlen geplagt und in ihnen gefangen ist und sich, wie es oft der Fall ist, selbst verletzt. Würde man ihm unbarmherzig mit Schuldvorwürfen begegnen?[38] Durch den vorgestellten Perspektivenwechsel kommt es zur Entstehung von Empathie auf der Grundlage der gemeinsamen Humanität.
Das gemeinsame Menschsein als Auftrag für eine sinnstiftende moralische Kultur
Beim Umgang mit den Erfahrungen von extremem Unrecht und dem psychischen Leid, das – wie im Falle der moralischen Verletzungen – dadurch hervorgerufen wird, werden wir an einen wichtigen Aspekt des gemeinsamen Menschseins aller Menschen erinnert, den wir ohne die Konfrontation mit solchen Erfahrungen oft vergessen: Mit der gemeinsamen Humanität aller Menschen, zu der ganz wesentlich ihre moralische Anlage gehört, ist auch der Auftrag verbunden, die gemeinsame, politische Welt so zu gestalten, dass Menschen sich als moralische Wesen darin zu Hause fühlen und Menschen mit moralischen Verletzungen sich darin wieder beheimatet fühlen können, weil sie auf die Sinnhaftigkeit der moralischen Welt vertrauen können. Dass wir Verantwortung für unser Handeln übernehmen, auch für unser moralisches Versagen, ist ein wesentlicher Beitrag dazu. Aber für eine moralische Kultur, die sinnstiftend ist, braucht es noch vieles andere wie zum Beispiel den Umgang mit der Erfahrung von Schuld, etwa in Form der Möglichkeit von Vergebung und Barmherzigkeit.
[1] Im militärischen Bereich, bei der Polizei, in der Notfallmedizin, bei der Kriegsberichterstattung …
[2] Vgl. Shay, Jonathan J. (1994): Achilles in Vietnam. Combat Trauma and the Undoing of Character. New York, S. 20. Die historischen Wurzeln des Konzepts finden sich im 18. Jahrhundert bei Joseph Butler (Fifteen Sermons Preached at the Rolls Chapel, 1723) und Adam Smith (The Theory of Moral Sentiments, 1759).
[3] Litz, Brett T. et al. (2009): Moral Injury and Moral Repair in War Veterans. A Preliminary Model and Intervention Strategy. In: Clinical Psychology Review 29 (8), S. 695−706, S. 700.
[4] Vgl. Lang, Johannes und Schott, Robin May (2024): The Moral Challenges of Moral Injury. In: Cohen, Andrew I. und McClymond, Kathryn (Hg.): Moral Injury and the Humanities. Interdisciplinary Perspectives. New York, S. 17−34, S. 22 f.
[5] Diese Gefühle kommen vor allem dann ins Spiel, wenn die Verletzung durch ein gravierendes Fehlverhalten einer anderen Person ausgelöst wird, zum Beispiel das eines militärischen Vorgesetzten.
[6] Vgl. Lang, Johannes und Schott, Robin May (2024), s. Endnote 4.
[7] Es gibt auch moralische Verletzungen, deren Auswirkung auf die moralische Identität eines Menschen weniger umfassend ist. Aber die Rede von moralischen Verletzungen sollte auf Fälle beschränkt bleiben, in denen es zu einem schweren moralischen Konflikt infolge einer schwerwiegenden moralischen Übertretung kommt. Janine di Giovanni hat vorgeschlagen, dass von moralischer Verletzung gesprochen werden kann, „only when symptoms get to a point of impeding a person’s ability to function“ (di Giovanni, Janine (2020): On Moral Injury. Can a New Diagnosis Help Heal Our Souls. In: Harper’s Magazine, August.)
[8] La Fleur, Richard (2021): Disruption of Moral Reasoning and Moral Judgment. Moral Injury and Healing Through Forgiveness. In: Journal of Mental Health and Social Behaviour 3 (1), S. 2.
[9] Der Begriff wurde von Peter Strawson eingeführt: Strawson, Peter F. (1974) [1962]: Freedom and Resentment. In: Ders. Freedom and Resentment and Other Essays. New York, S. 1−28. Moralische Verletzungen wurden aber erst später zu den reaktiven Einstellungen gerechnet.
[10] Vgl. Mason, Michelle (2013): Reactive Attitudes. In: LaFollette, Hugh et al. (Hg.): The International Encyclopedia of Ethics. Oxford, S. 393−399.
[11] Vgl. Derbyshire, Jonathan: Nancy Sherman on War and Homecoming. The Philosopher Asks What We Owe to Returning Soldiers. In: Prospect, May 27. https://www.prospectmagazine.co.uk/ideas/philosophy/47601/nancy-sherman-on-war-and-homecoming (Stand: 20.10.2025); Molendijk, Tine, Kramer, Eric-Hans und Verweij, Désirée (2018): Moral Aspects of “Moral Injury”. Analyzing Conceptualizations on the Role of Morality in Military Trauma. In: Journal of Military Ethics 17 (1), S. 36−53, S. 41.
[12] Bei Fragen, die das menschliche Handeln betreffen, geht es immer auch um die Motivationsfrage. Vgl. Trampota, Andreas (2010): Kants Konzeption der Tugend als Habitus der Freiheit. Baden-Baden, S. 139 ff.
[13] Meine Rede vom Glauben an die Sinnhaftigkeit der moralischen Welt ist von pragmatistischen Religionsphilosophen wie William James (u. a. seiner Schrift The Will to Believe), John Dewey und Charles Sanders Peirce inspiriert sowie Reflexionen, die mein Lehrer Friedo Ricken in verschiedenen Kontexten anstellt, u. a. in folgendem Aufsatz: Ricken, Friedo (1984): Kann die Moralphilosophie auf die Frage nach dem ‚Ethischen‘ verzichten? In: Theologie und Philosophie 59, S. 161−177.
[14] Die Rede von „verlorenem Vertrauen“ (lost trust) spielt im Zusammenhang mit Erfahrungen von moralischen Verletzungen eine wichtige Rolle. Darauf komme ich im Folgenden zurück.
[15] Die folgenden Überlegungen sind inspiriert von: Lang, Johannes und Schott, Robin May (2024): s. Endnote 4, S. 27. Siehe auch: Biesta, Gert (2016): Reconciling Ourselves to Reality. Arendt, Education and the Challenge of Being at Home in the World. In: Journal of Educational Administration and History 48 (2), S. 183−192. Eine wichtige Primärquelle findet sich in Endnote 31.
[16] Vgl. Arendt, Hannah (2006) [1963]: Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil. London, S. 233. Sie spricht von „a place fit for human habitation“ (in der deutschen Übersetzung: „einem Ort, wo Menschen wohnen können“). Siehe auch: Neiman, Susan (2003): Theodicy in Jerusalem. In: Aschheim, Stephen E. (Hg.).: Hannah Arendt in Jerusalem. Berkeley, S. 65−90, S. 85 ff.
[17] Vgl. La Fleur, Richard (2021), s. Endnote 8, S. 2.
[18] Vgl. Grom, Bernhard (2007): Religionspsychologie. 3. Aufl. München, S. 16.
[19] Spiritualität. In: Dorsch – Lexikon der Psychologie, hrsg. von Markus Antonius Wirtz. Bern. https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/spiritualitaet. Ich greife lediglich ein paar Formulierungen aus diesem Lexikoneintrag auf, die ich für gelungen halte!
[20] Vgl. Shay, Jonathan (2002): Odysseus in America. Combat Trauma and the Trials of Homecoming. New York, S. 240.
[21] Vgl. Litz, Brett T. et al. (2009), s. Endnote 3, S. 700 ff.
[22] Vgl. Barrett, Edward (2023): Moral Injury. A Typology. In: Journal of Military Ethics 22 (3-4), S. 158−167, S. 159; Drescher, Kent D. et al. (2011): An Exploration of the Viability and Usefulness of the Construct of Moral Injury in War Veterans. In: Traumatology 17 (1), S. 8−13, S. 9.
[23] Vgl. La Fleur, Richard (2021), s. Endnote 8, S. 2.
[26] Vgl. La Fleur, Richard (2021), s. Endnote 8, S. 2.
[27] Vgl. Litz, Brett T. et al. (2009), s. Endnote 3, S. 701.
[28] Ich greife an dieser Stelle auf Kant’sche Terminologie zurück. Vgl. Vossenkuhl, Wilhelm (2022): Was vor dem Gerichtshof der Vernunft gelten kann. Immanuel Kant und der wahre Gerichtshof für alle Streitigkeiten. In: Zur Debatte 52 (2), S. 122−125.
[29] Der subjektive Charakter wird auch vonseiten der Moralpsychologie bestätigt: „Subjective meaning-making is at the core of moral injury, as Litz and his colleagues define it.“ (Vgl. Lang, Johannes und Schott, Robin May (2024), s. Endnote 4, S. 24)
[30] Sherman, Nancy (2021): Stoic Wisdom. Moral Injury and Stoic Resilience. https://modernstoicism.com/stoic-wisdom-moral-injury-and-stoic-resilience-by-nancy-sherman/ (Stand: 22.10.2025), S. 2 (meine Hervorhebung). Siehe auch: Sherman, Nancy (2005): Stoic Warriors. The Ancient Philosophy Behind the Military Mind. Oxford; Sherman, Nancy (2015): Afterwar. Healing the Moral Wounds of Our Soldiers. Oxford.
[31] Arendt, Hannah (2012) [1953]: Verstehen und Politik. In: Dies. Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Hrsg. von Ursula Ludz. München/Zürich, S. 110−127, S. 110.
[32] Mit diesem nicht leicht verständlichen Teilsatz wird zum Ausdruck gebracht, dass die moralischen Verwundungen, unter denen Einzelne leiden, ganz wesentlich auch die Folge von gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen sind. Die sollten beim therapeutischen Blick auf Einzelne und deren Leid nicht vergessen werden!
[33] Lang, Johannes und Schott, Robin May (2024), s. Endnote 4, S. 22.
[34] Vgl. Lang, Johannes und Schott, Robin May (2024), s. Endnote 4, S. 22.
[35] So beschreibt Litz ihre Realität: vgl. Lang, Johannes und Schott, Robin May (2024), s. Endnote 4, S. 22.
[36] Vgl. Joas, Hans (2017): Die Macht des Heiligen – Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung. Berlin. Mit „heilsam“ ist in diesem Zusammenhang nicht die Heilung körperlicher Krankheiten gemeint. Spiritualität und Religion sind ein positiver Bewältigungsgrund und Schutzfaktor und in diesem Sinn „heilsam“. Vgl. Grom, Bernhard (2011): Wie gesund macht der Glaube? In: Stimmen der Zeit 229, S. 111.
[37] Vgl. Litz, Brett T. et al. (2017): Adaptive Disclosure. A New Treatment for Military Trauma, Loss, and Moral Injury. New York.
[38] Vgl. Litz, Brett T. et al. (2009), s. Endnote 3, S. 703 f. Siehe auch: Sherman, Nancy (2021), s. Endnote 30.
Andreas Trampota ist seit 2022 wissenschaftlicher Projektleiter am Institut für Theologie und Frieden (ithf) in Hamburg und unterrichtet Friedens- und Konfliktethik im Masterstudiengang „Peace and Security Studies“ am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) der Universität Hamburg. Er studierte Philosophie und Theologie in Freiburg im Breisgau, München, London und Tübingen. Von 2002 bis 2022 unterrichtete er an der Hochschule für Philosophie in München, ab 2015 als Professor für Philosophische Ethik. Forschungsaufenthalte führten ihn an die Fordham University in New York und an die UCLA in Los Angeles. Seine Arbeitsschwerpunkte sind antike Ethik, moderne Moralphilosophie, zeitgenössische analytische Philosophie, Medizinethik und Friedensethik.