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Die spirituelle Dimension moralischer Verwundungen

Von Andreas Trampota

Moralische Verletzungen, die durch die Teilnahme an, das Nicht-verhindern-Können von oder das bloße Bezeugen von unmenschlichen oder gewaltsamen Handlungen ausgelöst werden, sind eine besondere Art der Traumatisierung. Als Manifestation einer Form von reaktiver Einstellung haben sie neben der emotionalen eine kognitive, implizit wertende Komponente. In ihrem speziellen Fall betrifft sie vor allem die grundsätzliche Frage nach der Sinnhaftigkeit einer moralischen Welt, mit der die spirituelle Dimension der Moralität angesprochen wird. Das kommt in den Beschreibungen Betroffener zum Ausdruck, die oft von verlorenem Vertrauen in die Fähigkeit und Motivation zu moralischem Handeln sowie von massiver Entfremdung sprechen. Mit dieser Erschütterung der moralischen Identität durch wahrgenommenes moralisches Versagen gehen (Selbst-)Verurteilung, Gefühle von Scham, Schuld oder Zorn und häufig ein Rückzug aus sozialen Beziehungen einher.

In Anlehnung an Hannah Arendts Überlegungen zum Umgang mit extremem Unrecht kann die Auseinandersetzung mit moralischen Verletzungen als ein Ringen darum beschrieben werden, sich wieder in der Welt zu Hause zu fühlen. Anknüpfungspunkt für eine mögliche Versöhnung mit der Wirklichkeit ist dabei nicht nur der wahrgenommene Verstoß gegen tief verwurzelte moralische Überzeugungen und Werte sowie die damit verbundenen Gefühle, sondern auch eine vernunftbasierte intersubjektive Betrachtung, die möglicherweise helfen kann, das Gewissensurteil der Betroffenen zu ergänzen und gegebenenfalls zu revidieren.

Für die Einbindung der spirituellen Dimension in die Therapie spricht, dass durch sie Erfahrungsdimensionen ins Spiel kommen, die wie die moralische Verletzung das Ganze der menschlichen Existenz betreffen, etwa die Erfahrung von Schuld und Sünde sowie Barmherzigkeit und Vergebung. Unabhängig von der spezifischen religiösen Prägung und inhaltlichen Bestimmung solcher Begriffe verweisen sie auf die zumindest als moralische Anlage gegebene gemeinsame Humanität aller Menschen und die daraus erwachsende Notwendigkeit einer sinnstiftenden moralischen Kultur.

Originalartikel