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Indien und Europa: Partner für eine stabile Weltordnung?

Der Präsident des Europäischen Rates, António Costa, und die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen waren die ersten führenden Repräsentanten der EU, die am 26. Januar 2026 als Ehrengäste an der Parade zum Tag der Republik in Indien teilnahmen. Die Symbolik war unmissverständlich. Am folgenden Tag, beim 16. Indien-EU-Gipfel in Neu-Delhi, schlossen beide Seiten nach fast zwei Jahrzehnten Vorbereitung ein Freihandelsabkommen (FTA) sowie eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft (SDP). Zwar dominierte das FTA als „Mutter aller Deals“[1] (von der Leyen) die Schlagzeilen, aber auch die SDP war ein historischer Meilenstein. Doch hinter der triumphalen Rhetorik kam eine traurige Wahrheit zum Vorschein: Dieser Meilenstein verdankte sich nicht einem wiedererstarkten Vertrauen in die Globalisierung, sondern vielmehr ihrer Rückabwicklung. Unter dem Druck dreier zusammenwirkender Belastungen – US-Präsident Trumps Zolloffensive, Chinas zunehmende Einflussnahme und Russlands Krieg in der Ukraine – waren Brüssel und Neu-Delhi letztlich dazu gezwungen, einander ohne den Austausch von Plattitüden als ernst zu nehmende Partner zu behandeln. Während das internationale System in eine von Zerfall, technologischer Disruption und institutioneller Dysfunktionalität geprägte Phase eintritt, entdecken Brüssel und Neu-Delhi ihre Gemeinsamkeiten in der Weltpolitik. In weniger als sechs Monaten untermauerte Premierminister Narendra Modi diese enger werdende Partnerschaft durch einen fünftägigen Besuch in Europa (15.–20. Mai), bei dem er vier Länder bereiste (die Niederlande, Schweden, Norwegen, Italien), gefolgt von einer weiteren Reise nach Frankreich und in die Slowakei weniger als einen Monat später (14.–20. Juni), am Rande des G7-Gipfels. Dies spiegelt den Trend zu einem verstärkten Engagement[2] über die Bereiche Handel und Einwanderung hinaus, da Verteidigungs- und strategische Fragen zunehmend zu regulären Themen der Zusammenarbeit werden; ein langjähriger Beobachter benannte neben dem Handel wichtige Fortschritte in den drei Bereichen „Technologie, grünes Wachstum, Verteidigung“[3]. Zwar waren die wirtschaftlichen Beziehungen schon immer eine treibende Kraft in den Beziehungen zwischen Indien und der EU, doch diese neuen Entwicklungen im Sicherheitsbereich verdienen eine genauere Betrachtung.

Europa und Indien: Geschichte, Politik und Zukunftsaussichten

Europa (aus Gründen des Umfangs hier mit der EU gleichgesetzt) und Indien haben einen gemeinsamen Hintergrund als Großmächte mit erheblichem wirtschaftlichen, diplomatischen und normativen Einfluss; dennoch besitzt keine der beiden Seiten die umfassenden Fähigkeiten einer Supermacht wie die USA und China. Dies wirkt sich auf die Logik hinter der entstehenden Partnerschaft zwischen der EU und Indien aus und bestimmt zugleich ihre Grenzen. Die wachsenden Spannungen in den Beziehungen mit den USA und das abnehmende Interesse Amerikas, als ultimativer Garant der internationalen regelbasierten Ordnung aufzutreten, haben für Europa und Indien Unsicherheiten geschaffen. Zunehmend schwierige Beziehungen mit Washington in einer Reihe von Bereichen – Handel, Technologieregulierung, Industriepolitik – in Kombination mit unterschiedlichen Ansätzen gegenüber China und Russland haben beide Akteure dazu veranlasst, ihre externen Partnerschaften zu diversifizieren. Im Kern reflektiert die derzeitige Entwicklung der Beziehungen zwischen der EU und Indien eine umfassendere Veränderung der globalen Ordnung. Diese kann als die jüngste Manifestation einer „Konvergenz der mittleren Mächte“[4] interpretiert werden, da Mittelmächte angesichts der von den Großmächten erzeugten Instabilität nach Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten streben. Der kanadische Premierminister Mark Carney bezeichnete in seiner Rede im Januar 2026 in Davos[5] Europa als strategischen Partner in der Rolle einer strategischen „Mittelmacht“, der bei der Bewältigung globaler Instabilität helfen könne, und machte dieses Konzept bekannt; dies ist auch für die Beziehungen zwischen der EU und Indien relevant, obwohl beide aufgrund ihrer Größe, ihres wirtschaftlichen Gewichts und ihres politischen Einflusses genuine Großmächte sind, selbst wenn sie andererseits nicht über die militärischen oder geopolitischen Machtprojektionsfähigkeiten einer Supermacht verfügen.

Die EU und Indien streben nach Multipolarität anstatt nach einer bipolaren Konfrontation. Sie erkennen an, dass der Machtverlust der USA das internationale System destabilisieren könnte, und stehen einer übermäßigen Abhängigkeit von den USA dennoch skeptisch gegenüber. Beide unterstützen grundsätzlich die regelbasierte Ordnung – ungeachtet unterschiedlicher Interpretationen von Souveränität und strategischer Autonomie – und suchen zuverlässige Partner, die in der Lage sind, auch ohne verpflichtende Angleichung den Wettbewerb zwischen den Supermächten auszugleichen. In den Bereichen neue Technologien, strategische Innovation und Klimawandel ist diese Konvergenz besonders deutlich. Initiativen wie globale KI-Gipfel und Digital-­Governance-Foren offenbaren ein wachsendes Bewusstsein bezüglich neuer Technologien, gemeinsamer Standards und Daten-Ökosystemen. Hier ergeben sich potenzielle Synergien zwischen der regulatorischen Expertise Europas und der digitalen Reichweite Indiens, wobei die EU nach vertrauenswürdigen Technologiepartnern außerhalb der USA und Chinas sucht und Indien bestrebt ist, technologische Abhängigkeiten zu vermeiden. In der Vergangenheit kam die Zusammenarbeit zwischen Indien und der EU kaum über reine Absichtserklärungen hinaus; auf beiden Seiten fehlte die Dringlichkeit. Europa betrachtete Indien hauptsächlich unter wirtschaftlichen oder entwicklungspolitischen Gesichtspunkten und nicht als wichtigen geopolitischen Partner. Für Indien erschien die EU trotz bestimmter bilateraler Synergien mit großen europäischen Staaten (etwa Frankreich und Deutschland) fragmentiert, überreguliert und im Vergleich zu Beziehungen mit Großstaaten wie den USA und Russland zweitrangig. Bisher bestand die Herausforderung darin, gemeinsame Interessen in konkrete Politik und abgestimmte Maßnahmen zu übertragen. Die konsensbestimmte Multilevel-Governance der EU und ihr Schwerpunkt auf Menschenrechten, Nachhaltigkeit und regulatorischen Standards standen in Konflikt mit Indiens zentralisierter Außenpolitik und seinen Prioritäten auf Entwicklung und Souveränität. Die Rückabwicklung der Globalisierung, der Einsatz von wirtschaftlichen Abhängigkeiten als Waffe und die Intensivierung des Konkurrenzkampfes zwischen den USA und China beschränken zusammen den geopolitischen Raum für Mittel- und Großmächte gleichermaßen. Trotz diverser Hindernisse und institutioneller Asymmetrie lässt dies eine tie­fergreifende Kooperation zwischen der EU und Indien folgerichtig erscheinen.

Die Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft: Licht am Ende des Tunnels?

Weder Europa noch Indien können die sich wandelnde internationale Ordnung im Alleingang gestalten, aber indem sie ihre komplementären Potenziale erschließen, begünstigen sie die entstehende Synergie. Wenn Europa Kapital, technologische Fähigkeiten, institutionelle Steuerung und Marktzugang beisteuert, dann bietet Indien demografische Größe, geopolitische Reichweite, militärische Kapazitäten und politische Legitimität im gesamten Globalen Süden. Dementsprechend müssen Neu-­Delhi und Brüssel dem Prinzip der themenbezogenen Diversifizierung von Partnerschaften als strategische Notwendigkeit treu bleiben, geduldig bestimmte Aspekte der bestehenden regelbasierten Ordnung bewahren und sie zugleich so anpassen, dass die neuen Realitäten darin zum Ausdruck kommen. Außerdem müssen sie erkennen, dass die Partnerschaft über Handelsabkommen und diplomatische Symbolik hinausgehen kann, um erfolgreich einen neuen Weg jenseits der US-amerikanischen und chinesischen Konfliktlogiken einzuschlagen. Unter Berücksichtigung dieser Tatsachen gewinnt die von der Hohen Vertreterin der EU Kaja Kallas und Indiens Außenminister S. Jai­shankar unterzeichnete Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft an Bedeutung. Es ist das erste übergreifende Sicherheitskonzept zwischen der EU und Indien und umfasst die Zusammenarbeit in den Bereichen maritime Sicherheit, Cyber- und hybride Bedrohungen, Terrorismusbekämpfung, Weltraumsicherheit, Rüstungsindustrie und -technologie und künstliche Intelligenz. Es institutionalisiert auch einen jährlichen Sicherheits- und Verteidigungsdialog auf Ministerebene zwischen der EU und Indien und schafft thematische Arbeitsgruppen, um die Beziehungen jenseits von Gipfelbekenntnissen auf Arbeitsebene zu verstetigen. Durch die Vereinbarung wird die Kooperation über traditionelle Eckpunkte hinaus signifikant erweitert. Zwar wird noch über den exakten Implementierungsmechanismus verhandelt und viele Aspekte werden sich schrittweise entwickeln, aber die Vereinbarung deckt mehrere strategisch wichtige Dimensionen ab, die nicht zu unterschätzen sind. Ausschlaggebend sind drei Kernbereiche, die den Informationsaustausch, die engere rüstungsindustrielle Abstimmung und die maritime Sicherheit fördern. Diese sind von Bedeutung, da noch vor einem knappen Jahrzehnt Konvergenzen[6] im Sicherheitsbereich undenkbar waren, obwohl es in einigen strategischen Bereichen bereits eine begrenzte Zusammenarbeit gab.

Das Geheimschutzabkommen (SoIA) legt einen rechtsverbindlichen, klassifizierten Rahmen für Informationsaustausch fest; durch diese formale Bestätigung gegenseitigen Vertrauens werden der Zugang zu Gefahreneinschätzungen, Technologietransfer und nachrichtendienstliche Zusammenarbeit ermöglicht. Dies bildet den gesetzlichen Rahmen für offiziellen Austausch und signalisiert eine erste vorsichtige, aber dennoch bedeutsame Institutionalisierung von strategischem Vertrauen in den Bereichen Cyberbedrohungen, Terrorismusbekämpfung, hybride Kriegsführung und kritische Infrastruktur. Gleichermaßen bildet maritime Sicherheit ein entscheidendes Merkmal der Partnerschaft; dahinter stehen konvergierende Interessen im wesentlichen geopolitischen Spannungsfeld Indopazifik. Die EU strebt danach, die indopazifischen Seewege, die die Grundlage für ihren Wohlstand bilden, zu sichern, und institutionalisiert ihre Präsenz als Sicherheitsakteur in der Region durch einen glaubwürdigen regionalen Partner wie Indien. Unterdessen nutzt Indien das Engagement der europäischen Seestreitkräfte als ergänzendes Gegengewicht zu Chinas expansiven maritimen Ambitionen. Die praktische Umsetzung – gemeinsame Übungen, Hafenbesuche, Austausch von nachrichtendienstlichen Informationen und Koordination bei der Pirateriebekämpfung – vertieft die Kooperation, indem sie auf etablierte Strukturen und bestehende Praktiken im Westen des Indischen Ozeans und im Golf von Aden aufbaut. Entscheidend ist, dass Indien aufgrund seiner geografischen Lage im Indischen Ozean einen unverzichtbaren Dreh- und Angelpunkt jeder glaubwürdigen europäischen Indopazifik-Strategie bildet; das Partnerschaftsabkommen geht damit über eine bilaterale marine Vereinbarung hinaus und sichert die umfassendere globale Rolle Europas strukturell ab. In der rüstungsindustriellen Dimension der Partnerschaft kommt zudem eine bewusste Konvergenz komplementärer Ziele zum Ausdruck. Europas Bestreben, Lieferkettenabhängigkeiten zu reduzieren, verzahnt sich mit Indiens „Make in India“-Agenda zur Ergänzung seiner technologisch-industriellen Basis. Das Indien-EU-Rüstungsindustrie-Forum bringt Indien auf den Weg einer echten partnerschaftlichen Entwicklungspolitik, deckt sich mit Indiens Initiative Aatmanirbhar Bharat („Unabhängiges Indien“) und ermöglicht dem Land den Zugang zum 150-Milliarden-Euro-Finanzierungsinstrument SAFE der EU für den Verteidigungsbereich. Durch Kombination europäischer Technologiekompetenz mit Indiens Größe schafft die Partnerschaft Bedingungen für wichtige Joint Ventures und einen Technologietransfer, der potenziell Lieferantenbeziehungen neu strukturieren könnte. Die Bedeutung geht über bilaterale Gewinne hinaus, da eine Ausweitung der Zusammenarbeit die Abhängigkeit von externen Lieferanten – den USA auf der einen und Russland auf der anderen Seite – verringern und den globalen Handel mit Rüstungsgütern langfristig neu strukturieren kann.

Ebenso bedeutsam ist die ausdrückliche Einbeziehung von KI-Regulierung und Technologiesicherheit. Dies spiegelt die gemeinsame Erkenntnis wider, dass sich der geopolitische Wettbewerb grundlegend über konventionelle militärische Bereiche hinaus auf digitale Infra­struktur, Halbleiter-Lieferketten, Daten-Governance und die Festlegung von Standards im Bereich neuer Technologien ausgeweitet hat. Beide Seiten sind sich bewusst, dass der normative Einfluss auf KI und Rahmenwerke zu kritischen Technologien eine entscheidende Achse zukünftiger Macht sein wird. Es geht bei dieser Dimension um mehr als einen technischen Anhang, sondern um eine strategische Wette auf die Zukunft – dies rückt das Partnerschaftsabkommen an die Schnittstelle zwischen „harter“ Sicherheit und dem sich abzeichnenden Wettstreit um technologische Souveränität. Darüber hinaus dient es einem breiter gesteckten politischen Ziel: der Institutionalisierung des strategischen Dialogs zwischen Brüssel und Neu-Delhi. Dies beinhaltet regelmäßige Konsultationen zu den Themen regionale Krisen, Sicherheit im Indopazifik, Global-Governance-Reform und Resilienz gegen wirtschaftlichen Zwang. Damit werden nicht nur die zunehmende Synergie und das gegenseitige Verständnis zwischen beiden Parteien, sondern auch ihr Interesse an der Ausweitung und Nachhaltigkeit dieser Beziehung betont – trotz entscheidender Differenzen und unterschiedlicher Prioritäten bezüglich Handelsbedingungen sowie der Rolle Russlands und Chinas. Diese veränderte strategische Ausrichtung ist nicht über Nacht und aus dem Nichts entstanden. Mit Blick auf äußere Erschütterungen – Corona-Pandemie, Störungen in den Lieferketten, Instrumentalisierung von Energie und Handel sowie zunehmende Spannungen mit China – und Befürchtungen bezüglich einer instabilen Allianz mit den USA strebt die Europäische Union nach strategischer Autonomie und diversifiziert ihre globalen Partnerschaften, um so ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken, obwohl die transatlantischen Beziehungen für die Sicherheit Europas nach wie vor von zentraler Bedeutung sind[7].

Dementsprechend beruht Indiens Attraktivität für Europa auf einer seltenen Kombination: einer schnell wachsenden demokratischen Wirtschaft mit beachtlicher militärischer, nuklear hinterlegter Schlagkraft, einem starken Einfluss im Globalen Süden und vor allem – im Gegensatz zu China und Russland – der fehlenden systemischen Rivalität. Das macht Indien zu einem glaubwürdigen Partner bei den Bemühungen um eine multipolare Ordnung. Für Indien dient die Partnerschaft seinem seit Langem verfolgten Konzept der strategischen Autonomie und Mehrfach-Kooperation (multi-alignment). Neben der Kooperation mit den USA im indopazifischen Raum, verbleibenden verteidigungspolitischen Bindungen zu Russland und der Führung im Globalen Süden dient Europa als zusätzliche, aber unerlässliche Stütze. Es liefert konkreten strategischen Mehrwert durch Zugang zu Spitzentechnologie, Investitionen und Märkten und eine regulatorische Partnerschaft; für Indiens Ziel, ein führender Global Player zu werden, ist all dies entscheidend. Weniger quantifizierbar, aber ebenso signifikant ist der Gewinn an Legitimität. Engere institutionelle Beziehungen zu großen europäischen Partnern stärken Neu-Delhis Bestrebungen nach Anerkennung, nicht nur als regionales Schwergewicht in Asien, sondern auch als globale Macht, die Normen und Praktiken über die unmittelbare Nachbarschaft hinaus prägt. Dies stärkt unmittelbar Indiens Position, dass „der Weg zu einer multipolaren Welt, wie sie von der EU angestrebt wird, nur über ein mulitpolares Asien führt“[8] – im Gegensatz zu Chinas Ziel, ein unipolares Asien und eine bipolare Welt zu schaffen. Die Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft befürwortet diesen Status, generiert „eine Logik ko-strategischer Autonomie“[9] und stellt eine bedeutsame Absicherung gegen die Abhängigkeit von einer einzigen Supermacht dar. Dementsprechend erstreckt sich die Beziehung über Fragen der Wirtschaft und Einwanderung hinaus in sensible Bereiche wie die Zusammenarbeit zwischen zahlreichen europäischen Ländern und Indien in den Bereichen Verteidigung, Austausch von Geheimdienstinformationen und strategische Dual-Use-Technologien. Qualitativ werden die Beziehungen zwischen der EU und Indien dadurch auf ein neues Level gehoben – ein Wendepunkt, dessen Auswirkungen noch nicht absehbar sind.

Unterschiedliche strategische Kulturen, Implementierungsrisiken und gegenseitige (Fehl-)Wahrnehmungen

Die Partnerschaft zwischen der EU und Indien ruht trotz absolut gegensätzlicher Weltanschauungen, strategischer Kulturen und historischer Zusammenhänge zunehmend auf einem Fundament gemeinsamer Interessen. Aus Sicht von Brüssel bietet Indien Lösungen für eine strukturelle Verwundbarkeit an, die nicht länger auf die lange Bank geschoben werden kann: die extreme Abhängigkeit von China bei kritischen Lieferketten (seltene Erden, Pharmazeutika, Halbleiter) in einer Zeit, in der gegenseitige Abhängigkeiten als Druckmittel eingesetzt werden und geopolitische Risiken bestehen. Indiens Größe, seine Demokratie und seine industriellen Ambitionen verschaffen dem Land eine einzigartige Position als Partner. Wirtschaftlich bietet das Freihandelsabkommen vorrangigen Zugang zu fast dem gesamten bilateralen Handelsvolumen und zielt auf eine Verdoppelung des Warenhandels bis 2032 ab. Strategisch verschafft es Europa einen glaubwürdigen Anker im indopazifischen Raum; ein Land, das weder Kunde noch Konkurrent ist, sondern den „Mittelweg“[10] zwischen der Unberechenbarkeit der USA und der Einflussnahme Chinas darstellt. Für Neu-Delhi wiederum haben Strafzölle und die Bereitschaft der USA, Handelsbeziehungen als geopolitisches Druckmittel einzusetzen, die Kosten einer unzureichenden Diversifizierung vor Augen geführt, sodass ein bevorzugter Marktzugang zur EU sowohl wirtschaftlich als auch strategisch unerlässlich geworden ist. Die Sicherheitspartnerschaft fügt durch beschleunigten Zugang zu europäischer Verteidigungstechnologie und Vereinbarungen zu gemeinsamer Produktion eine weitere Ebene hinzu. Sie fügt sich hervorragend in Indiens Bemühungen ein, seine historische Abhängigkeit von russischen Rüstungsgütern zu verringern und zugleich bestehende Beziehungen (etwa zu Frankreich mit Blick auf Rafale-Jets und Scorpène-U-Boote) auszubauen. Dennoch stellte das European Policy Centre[11] est: „Eine der entscheidenden Herausforderungen der Partnerschaft wird die Erwartung der EU sein, dass Indien sich von Moskau distanziert.“ Russland hat Indien in der Kaschmir-Frage fünf Jahrzehnte lang im UN-Sicherheitsrat unterstützt; bis heute ist dies ein strategischer Mehrwert, den Neu-Delhi nicht der Anerkennung durch Europa opfern wird. Beiden Seiten gelang es jedoch, diese Differenzen durch eine sorgfältig gewählte Formulierung in einer gemeinsamen Erklärung zu überbrücken, in der eine „regelbasierte internationale Ordnung mit der UNO als Kernstück“ betont und die Initiative „Towards 2030: India–EU Joint Comprehensive Strategic Agenda“ zur weiteren Vertiefung der Beziehungen ins Leben gerufen wurde[12].

Europa betrachtet die Geopolitik aus einer ganz eigenen historischen und institutionellen Perspektive, die durch die europäische Inte­gration, Multilateralismus und die Bewahrung einer regelbasierten Ordnung geprägt ist. Die russische Invasion in der Ukraine veränderte diese Annahmen grundlegend und führte dazu, dass harte Sicherheitsüberlegungen von einer Nebensache zu einer zentralen Priorität geworden sind. Der Krieg ist kein regionaler Konflikt, sondern stellt die Prinzipien der territorialen Souveränität und der politischen Unabhängigkeit sowie die Sicherheitsarchitektur Europas nach 1945 unmittelbar infrage. Dies hat Europa dazu gezwungen, seinen Status als wirtschaftliche Supermacht anzuerkennen, die als Sicherheitsakteur jedoch nachhaltigen Einschränkungen unterliegt. In der Folge legt die EU vermehrt Wert auf Abschreckung, Resilienz, rüstungsindustrielle Kapazitäten und Sicherheitskooperation zwischen den Mitgliedstaaten – allerdings mit gemischten Resultaten. Der Konflikt hat einen fundamentalen Widerspruch enthüllt: Obwohl die EU über ein beachtliches wirtschaftliches Gewicht, regulatorischen Einfluss und diplomatische Reichweite verfügt, wurde zugleich ihre tiefe Abhängigkeit von den USA bezüglich glaubwürdiger Sicherheitsgarantien deutlich. Das hat zu der unbequemen Erkenntnis geführt, dass Europa trotz seiner Ambitionen, ein Global Player zu sein, die militärischen Fähigkeiten und Entscheidungsfindungsstrukturen fehlen, um autonom zu handeln. Zugleich ist Indiens Position des multi-alignment tatsächlich der Nachfolger der Blockfreiheit im 21. Jahrhundert. Sie ist keineswegs bloße Rhetorik, sondern Ausdruck einer tiefen Überzeugung, die durch den Ausschluss des Globalen Südens nach dem Zweiten Weltkrieg bestärkt und immer dann bestätigt wurde, wenn Großmächte selektiv „regelbasierte“ Rahmenwerke implementierten. Von Bedeutung ist dabei, dass themenbezogene minilaterale Formate und Gipfeldiplomatie Wege für konkrete Partnerschaften ebnen können, wie der 3. India-Nordic Summit (19. Mai 2026) zeigte, auf dem trotz unterschiedlicher Auffassungen der nordischen Staaten und Indiens zu Russland Vereinbarungen zu maritimer Sicherheit, Verteidigungszusammenarbeit, KI und Weltraum getroffen wurden.[13]

Hinter diesen offensichtlichen taktischen Gemeinsamkeiten verbirgt sich eine tiefgreifendere strukturelle Symmetrie: Sowohl die EU als auch Indien nehmen in der sich abzeichnenden globalen Hierarchie eine vergleichbare Position ein – sie sind Großmächte von enormem Gewicht und Potenzial, jedoch ohne die Dominanz einer Supermacht und stehen vor strukturell ähnlichen (wenn auch nicht identischen) Herausforderungen. Die herausfordernde Situation, die beiden gemeinsam ist, bildet die Grundlage für eine natürliche strategische Affinität, die durch echte Komplementarität von Interessen und Stärken untermauert wird. Sowohl die EU als auch Indien empfinden die chinesisch-amerikanische Bipolarität als problematisch, plädieren für Multipolarität und halten zugleich sorgfältig ihre Beziehung mit Washington aufrecht, mit dem Ziel, die regelbasierte Ordnung zu bewahren. Europa bringt Technologie, Kapital, institutionelle Tiefe und Regulierungskapazitäten ein, während Indien demografische Größe, Hard Power, Reichweite im indopazifischen Raum und unerreichten Einfluss im Globalen Süden beiträgt. Eine gemeinsame, wenn auch nicht perfekte demokratische Identität bildet die übergeordnete Ebene – zwei pluralistische Systeme, die versuchen, Souveränität und externes Engagement in einer zerfallenden globalen Ordnung mit Großmachtkonkurrenz, technologischen Umwälzungen und wirtschaftlichem Zwang in Einklang zu bringen. Damit hängt die Zukunft der Beziehungen zwischen der EU und Indien davon ab, dass ein Übergang von rein transaktionalen Beziehungen zu echten strategischen Kooperationen stattfindet. Die noch aufschlussreichere Frage lautet, ob eine Vertiefung der Beziehungen unbedingt eine Angleichung erfordert. Die im Aufbau befindliche institutionelle Architektur – das Rüstungsindustrie-Forum, das Rahmenwerk des Informationssicherheitsabkommens, jährliche Dialogformate – erzeugt ein selbsterhaltendes institutionelles und politisches Moment. Diese neuartige Form der „modularen Partnerschaft“ konzentriert die Kooperation auf Bereiche echter Konvergenz (maritime Sicherheit, kritische Mineralien, Cybersicherheit, Rüstungsindustrie), während Meinungsverschiedenheiten (Russland und China) konstruktiv gehandhabt werden. Sie baut nicht darauf auf, „Meinungsverschiedenheiten zu leugnen, sondern die Partnerschaft so zu gestalten, dass sie im Bereich sich überschneidender Interessen funktioniert und auch dort tragfähig bleibt, wo dies nicht der Fall ist“[14]. Dies kann sehr wohl ein tragfähiges Modell für konkrete Partnerschaften sein, die über die herkömmliche Bündnispolitik hinausgehen und zwischen Großmächten bestehen, die ihre strategische Autonomie wahrnehmen.

Schlussbemerkungen: Stabilität durch das Management von Differenzen

Innerhalb eines Monats nach dem Abschluss des EU-Indien-Freihandelsabkommens und der Sicherheits- und Verteidigungsparnerschaft empfing Neu-Delhi nacheinander den deutschen Bundeskanzler Merz (12.–13. Januar), den französischen Präsidenten Macron (17.–19. Februar) und den slowakischen Präsidenten Pellegrini (17.–20. Februar), was zu einer Reihe bedeutender bilateraler Fortschritte in wirtschaftlichen, technologischen und strategischen Fragen führte. Offensichtlich handelt es sich hierbei nicht um vereinzelte Trends, da die Zusammenarbeit weiter ausgebaut wird. Die neueste Entwicklung ist eine „Umfassende Partnerschaft“ (15. Juni) zwischen der Slowakei und Indien, die Zusammenarbeit bei der Verteidigung, neuen Technologien und im zivilen nuklearen Sektor umfasst[15]. Die stärker werdende Partnerschaft zwischen der EU und Indien ist ein Produkt der sich entfaltenden globalen (Un-)Ordnung und stellt ein Echtzeit-Experiment in pragmatischer multipolarer Kooperation dar. Es geht um eine flexible Partnerschaft zwischen zwei völlig unterschiedlichen Akteuren, die sich in einer Zeit der Machtverschiebungen und des Großmachtwettbewerbs ihrer gemeinsamen Bestrebungen und Fähigkeiten versichern. Daher liegt die Bedeutung dieses Moments mehr, als es die traditionellen Prämissen der Internationalen Beziehungen vermuten lassen, in dem Abkommen selbst. Es handelt sich weder um den Beginn einer unerschütterlichen Allianz noch um banale diplomatische Symbolik, sondern um eine interessantere historische Entwicklung: Zwei große, komplexe multikulturelle demokratische Kulturen mit einer völlig unterschiedliche Geschichte und Bedrohungslagen entscheiden sich für eine strukturierte Zusammenarbeit anstatt für bequeme Distanz – gerade weil die Welt für beide zu unberechenbar geworden ist, um allein darin zu bestehen. Die Entwicklung dieser Partnerschaft trotz eines gegensätzlichen institutionellen und historischen Erbes (transatlantische Zusammenarbeit und die Entstehung der EU einerseits, die Bewegung der Blockfreien Staaten andererseits) sowie fehlender gemeinsamer Bedrohungswahrnehmungen (Europas Angst vor russischer Subversion; Indiens Besorgnis über chinesische Übergriffe im Himalaja und im Indischen Ozean) verdient Aufmerksamkeit. Vielleicht ist es eine schwierigere, langsamere und anspruchsvollere Form der Annäherung als eine herkömmliche Allianz. Doch in dieser sich entwickelnden multipolaren Welt, die eher von Wechselfällen als von unverbrüchlichen Überzeugungen geprägt ist, haben sich Brüssel und Neu-Delhi damit möglicherweise auf einen Weg begeben, der nicht nur erfrischend ehrlich ist, sondern potenziell zu mehr Resilienz führt.

 

[1] Europäische Kommission (2026): „Statement by President Von Der Leyen With President Costa and Indian Prime Minister Modi.” 27. Januar. https://ec.europa.eu/commission/presscorner/api/files/document/print/en/statement_26_210/STATEMENT_26_210_EN.pdf (Stand: 13. Juni 2026).

[2] Kulkarni, Nihar (2026). „India’s Expanding Strategic Engagement With Europe.” Boym Institute, 25. Mai. https://instytutboyma.org/en/indias-expanding-strategic-engagement-with-europe/ (Stand: 8. Juni 2026).

[3] Sachdeva, Gulshan (2026): Technology, green growth, defence: Key highlights of PM Modi’s Europe visit. In: The Indian Express, 3. Juni. https://indianexpress.com/article/upsc-current-affairs/upsc-essentials/how-indias-engagement-with-europe-is-becoming-more-strategic-diversified-10722562/ (Stand: 8. Juni 2026).

[4] Mohr, Christoph P. (2025): Strategic Convergence Between India and the European Union. In: The Diplomat, 14. Mai. https://thediplomat.com/2025/05/strategic-convergence-between-india-and-the-european-union/ (Stand: 13. Juni 2026).

[5] World Economic Forum (2026): Davos 2026: Special Address by Mark Carney, Prime Minister of Canada. In: World Economic Forum, Januar 20. https://www.weforum.org/stories/2026/01/davos-2026-special-address-by-mark-carney-prime-minister-of-canada/ (Stand: 20. Juni 2026).

[6] Klossek, Lara/Set, Shounak/Lukaszuk, Tomasz (2020): Breaking Glass Ceiling? Mapping EU-India Security Cooperation. In: ORF Issue Brief Nr. 410, Oktober 2020. https://www.orfonline.org/research/breaking-glass-ceiling-mapping-eu-india-security-cooperation (Stand: 13. Juni 2026).

[7] Transatlantic Task Force, “Europe at the Crossroads: Navigating Political and Economic Turbulence Amid Trump’s Return.” Beyond the Horizon ISSG, 24. März 2025. https://behorizon.org/europe-at-the-crossroads-navigating-political-and-economic-turbulence-amid-trumps-return/ (Stand: 13. Juni 2026).

[8] “Concluding Remarks by External Affairs Minister, Dr. S. Jaishankar at the EU-Indo-Pacific Ministerial | Ministry of External Affairs , Government of India,” 13. Mai 2023, https://www.mea.gov.in/Speeches-Statements?dtl/36548 (Stand: 13. Juni 2026).

[9] Bamberger, Chloé (2026): EU–India Launch First-Ever Security and Defence Partnership. In: European Relations, February 1. europeanrelations.com/briefing/eu-india-launch-first-ever-security-and-defence-partnership/ (Stand: 13. Juni 2026).

[10] Peri, Dinakar (2026): The EU and India in Tandem. In: Strategic Europe (Carnegie Endowment for International Peace), January 22. carnegieendowment.org/europe/strategic-europe/2026/01/the-eu-and-india-in-tandem (Stand: 13. Juni 2026).

[11] Bamberger, Chloé (2026), siehe Endnote 9.

[12] Europäische Kommission (2026): EU-India Joint Statement on the State Visit of H.E. Mr. Antonio Costa, President of the European Council, and H.E. Ms. Ursula von der Leyen, President of the European Commission, to India, and the 16th EU-India Summit (25–27 Januar 2026). 27. Januar. https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/statement_26_225 (Stand: 23. Juni 2026).

[13] Ministry of External Affairs, Government of India (2026): Joint Statement: 3rd India-Nordic Summit. 19. Mai. https://www.mea.gov.in/outoging-visit-detail?41190/joint_statement_3rd_india_nordic_summit_may_19_2026 (Stand: 13. Juni 2026).

[14] Bomassi, Lizza (2026): Living with Friction: Three Anchors of the EU-India Partnership. In: European Union Institute for Security Studies (EUISS), 26. Januar. https://www.iss.europa.eu/publications/briefs/living-friction-three-anchors-eu-india-partnership (Stand: 13. Juni 2026).

[15] “India-Slovakia Joint Statement,” 15. Juni. https://www.pib.gov.in/PressReleasePage.aspx?PRID=2273091&reg=3&lang=1 (Stand: 19. Juni 2026).

This work is licensed under CC BY-NC-ND 4.0

Zusammenfassung

Shounak Set

Dr. Shounak Set, FHEA, ist Research Fellow im Südasien-Programm der S. Rajaratnam School of International Studies (RSIS) an der Nanyang Technological University in Singapur. Er promovierte im Fach Internationale Beziehungen am King’s College London (KCL). Außerdem hat er einen MPhil in Diplomatie und Abrüstungsstudien von der Jawaharlal Nehru University in Neu-Delhi. Shounak Set befasst sich mit der Wechselwirkung zwischen Technologie, Strategie und Geopolitik, wobei sein Forschungsschwerpunkt auf Südasien und dem indopazifischen Raum liegt. Bevor er zur RSIS kam, war er Dozent für Verteidigungsstudien am KCL und an der UK Defence Academy. Er hat im Rahmen der militärischen Fortbildung am Royal College of Defence Studies (RCDS) und am Joint Services Command & Staff College in Shrivenham unterrichtet.

Ben Kienzle

Dr. Ben Kienzle ist außerordentlicher Professor für Sicherheitskooperation an der School ofSecurity Studies des King’s College London. Von 2020 bis 2025 war er als Direktor für akademische Studien und akademischer Berater des Kommandanten am Royal College ofDefence Studies (RCDS) tätig. Er promovierte (summa cum laude) in InternationalenBeziehungen an der Universitat Autònoma de Barcelona (2010) und erwarb einen Master-Abschluss mit Auszeichnung in Friedens- und Konfliktforschung an der University of Ulster (2003).


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Die EU als sicherheitspolitischer und militärischer Akteur in unsicheren Zeiten: Gefangen im expectations-capabilities gap?
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