Kontroversen in Militärethik und Sicherheitspolitik
„Ich halte es für den klügeren Ansatz, mit strategischer Geduld zu reagieren“
Die sogenannte russische Schattenflotte besteht Schätzungen zufolge aus mehreren hundert oder sogar über tausend oft älteren Tankern, mit deren Hilfe Russland westliche Sanktionen zu umgehen versucht. Seit einigen mutmaßlichen Sabotage- und Spionagevorfällen in den vergangenen Jahren wird auch verstärkt über die Bedrohung diskutiert, die von ihr ausgeht. „Ethik und Militär“ hat mit einem militärischen Experten über das Thema gesprochen.
Herr Fregattenkapitän Adrians, was genau versteht man unter der russischen Schattenflotte?
Von russischer „Schattenflotte“ zu sprechen, ist irreführend: Auch wenn sich der Begriff hierzulande wie international etabliert hat, darf nicht davon ausgegangen werden, es handele sich um einen organisierten Schiffsverband. Vielmehr wird mit „Schattenflotte“ das Phänomen von Seetransport außerhalb etablierter Kontrollmechanismen beschrieben, also das Umgehen oder Missachten von zum Beispiel bestimmten Versicherungsnachweisen oder Pflichten zur Dokumentation der Ladung. So etwas hat es schon gegeben, bevor Russland systematisch dazu übergegangen ist, für den Export von Öl Tanker zu nutzen, die nicht internationalen Sicherheits- und Umweltnormen entsprechen sowie deren Eigentums- und Registrierungs- beziehungsweise Flaggenstatus oft und wahrscheinlich bewusst undurchsichtig ist.
Das mag alles kompliziert klingen – ist es auch! Allerdings handelt es sich um kein neues Phänomen: Bis 2022 wurden „Schattenflotten“ – im Englischen auch „grey fleets“ oder „dark fleets“ genannt – vor allem mit Staaten im Globalen Süden assoziiert, etwa mit dem Iran und mit Venezuela. In vielen Staaten Europas fand das Phänomen hingegen wenig Beachtung.
Warum ist diese Flotte aber gerade für Russland politisch und wirtschaftlich so wichtig?
Dass Russland nun in besonderem Maße auf alternativen Seetransport zurückgreift, liegt daran, dass es nur auf diese Weise große Mengen Öl gewinnbringend exportieren kann. Denn infolge des Überfalls auf die Ukraine im Februar 2022 führten westliche Staaten im Dezember 2022 eine sogenannte Preisobergrenze ein.[1] Das heißt, dass, wenn Russland Öl über dieser festgelegten Schwelle verkaufen und ausliefern möchte, westliche Unternehmen keine Transport-, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen anbieten und bereitstellen dürfen.
Die Einführung der Preisobergrenze dient also zwei Zwecken, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen mögen:
Zum einen soll Russland geschwächt werden, damit es seinen Krieg gegen die Ukraine nicht mehr finanzieren kann. So ist die russische Volkswirtschaft mangels Diversifizierung auf Energieexporte angewiesen. Moskau hat vor Jahrzehnten den strategischen Fehler gemacht, seine Verteilungsinfrastruktur auf Europa auszurichten. Seit dortige Staaten ihre Importe reduziert haben, muss Russland seine Exporte zunehmend auf weiter entfernte Märkte umlenken. Dafür benötigt es Tankschiffe.
Zum anderen soll der globale Ölmarkt nicht destabilisiert werden. Das würde passieren, gäbe es ein Embargo gegen russisches Öl. Mit der Preisobergrenze darf Russland es weiterhin legal exportieren.
Da westliche Unternehmen die verschiedenen Geschäftsfelder des Seetransports dominieren, war die Annahme, dass Russland von ihnen abhängig ist und deshalb seine Preise senken muss, um ihre Leistungen weiterhin nutzen zu können. Diese Sanktion umgeht Moskau seither durch technisch mangelhafte und oft intransparent registrierte Tanker, also Schiffe, die außerhalb etablierter Kontrollmechanismen operieren. Sie als „Schattenflotte“ zu bezeichnen, ist eine nette Metapher, greift aber zu kurz: Vielmehr sollte man sagen, dass Russland ein alternatives maritimes Dienstleistungsnetzwerk geschaffen hat, mit dem es die Preisobergrenze umgeht.
Seit wann wird die Schattenflotte nicht mehr nur als Instrument der Sanktionsumgehung, sondern auch als sicherheitspolitisches Problem wahrgenommen?
Seit Ende 2024 hat es in der Ostsee wiederholt Beschädigungen von Unterwasserinfrastruktur gegeben. Die Schiffe, die dafür verantwortlich gemacht werden oder die tatsächlich verantwortlich waren, sind zivil und weisen Bezüge zu Russland auf. Folglich entstand im Westen die Vermutung, Russland nutze sie für strategische Sabotage, also nicht nur sozusagen zufälligen Vandalismus, sondern um einen Kontrahenten empfindlich in seiner Handlungsfähigkeit zu treffen.
Wichtig hierbei ist allerdings, dass nicht alle zivilen Schiffe, die in einem Zusammenhang mit Russland stehen, zur „Schattenflotte“ gehören beziehungsweise hinzugezählt werden dürfen. Es ist einfach, diesen Begriff in Debatten einzubringen, weil er mittlerweile geläufig ist und sich sofort ein Erklärungszusammenhang ergibt. Wie ich aber eingangs erklärt habe, handelt es sich um ein komplexes Phänomen. Deshalb mag ich den Begriff auch nicht und setze ihn, wenn ich ihn doch verwende, weil es sich eben etabliert hat, immer in Anführungszeichen.
Inwiefern lässt sich die Schattenflotte bereits als Bestandteil hybrider Kriegsführung verstehen?
Ich finde solche Fragestellungen problematisch, weil sie mehrere Annahmen suggerieren, die meines Erachtens falsch sind.
Erstens sollte man die „Schattenflotte“ Russlands als Phänomen und nicht als Organisation verstehen. Der Begriff taugt daher nicht als politisches Instrument. Allenfalls eignen sich einzelne Schiffe dafür. Und auch wenn sich dadurch ein Muster ergibt, würde ich dies als ein anderes Phänomen bezeichnen wollen. Es mag mit der „Schattenflotte“ zwar oft einhergehen, sollte mit ihr aber nicht gleichgesetzt werden.
Zweitens ist ebenfalls der Begriff „hybride Kriegsführung“ problematisch, weil es sich um ein westliches Konzept handelt. Wenn man damit versucht, russisches Verhalten zu beschreiben, macht man meiner Meinung nach einen methodischen Fehler, der zu falschen Schlussfolgerungen führen kann. So hat der Begriff im russischen Militärdiskurs weder dieselbe Bedeutung noch denselben Stellenwert wie im westlichen Militärdiskurs. Mittlerweile erscheint ja nahezu alles, was Russland gegenüber dem Westen tut oder zu tun scheint, als „hybrid“. Aber was heißt das eigentlich?! Ein komplexes Phänomen mit einem in unserem Alltag kaum vorkommenden Fremdwort zu erklären, finde ich sprachdidaktisch schlecht.
Was man Bias-frei sagen kann, ist, dass zivile Schiffe, die mit Russland in Verbindung stehen, immer wieder Ausgangspunkt von Aktionen waren, die dazu beitrugen, dass das Unsicherheitsgefühl im Westen steigt. Dazu zählen etwa gestörte Funksignale oder der Start von Drohnen. Der Effekt – also unser Unbehagen – sowie die Fragen, ob Moskau wirklich dahintersteckt und was es letztlich erreichen will, lassen sich dem Ziel von – wie es im russischen Militärdiskurs heißt – Informationskriegsführung zuordnen, was eine technische und eine psychologische Komponente hat. Deren maritime Umsetzung ist meinem Kenntnisstand nach weiterhin nicht ausreichend erforscht. Diesen Begriff finde ich wesentlich besser als „hybride Kriegsführung“ und er passt auch besser zum russischen Vorgehen, das mit „kontrollierter Destabilisierung“ oder „organisiertem Chaos“ beschrieben wird.
Welche Belege gibt es für Spionage-, Sabotage- oder Aufklärungsaktivitäten einzelner Schiffe? Was kann man nur vermuten?
Oft lässt sich nur belegen, dass etwas Ungewöhnliches stattgefunden hat, also nachdem ein Schaden festgestellt wurde oder man den Überflug einer Drohne niemanden zuordnen konnte. Wir werden also häufig überrascht. Etwas dagegen zu tun und die Verantwortlichen zu benennen, gestaltet sich seit jeher als schwierig, sodass Initiative und Vorteil meist bei denjenigen liegen, die eine Überraschung erfolgreich umsetzen.
In vielen Fällen können wir daher nicht zweifelsfrei sagen, dass Russland hinter einer Aktion steht. Es erscheint zwar oft plausibel und manchmal gibt es sogar Indizien, doch das sind eben keine Beweise. Diese sind aber notwendig, um einen Akteur rechtlich dingfest machen zu können, etwa diplomatisch oder völkerrechtlich.
Im Falle der Beschädigungen von Unterwasserinfrastruktur fielen die später dafür verantwortlich gemachten Schiffe unter anderem wegen ungewöhnlicher Navigation wie langsame Fahrt oder bestimmte Kurse sowie einen Bezug zu Russland auf. Bei Drohnensichtungen über Kritischer Infrastruktur wie Flughäfen, Windparks oder Kasernen stellt sich die Frage, welcher Akteur ein Interesse haben könnte, so etwas zu tun.
Warum ist gerade die Ostsee für Russland und für die NATO so sensibel?
Die Ostsee ist wie eine Einbahnstraße in einer Siedlung: Für die meisten Anrainer ist das Gewässer die einzige Verbindung zu den Ozeanen. Dementsprechend und weil die Masse des Warentransports bekanntlich mithilfe von Schiffen erfolgt, ist der Seeverkehr besonders hoch. Hinzu kommt, dass die Ostsee die Skandinavische Halbinsel von Mitteleuropa trennt sowie im Vergleich zu anderen Binnenmeeren recht schmal ist. Aufgrund dieser geografischen Verhältnisse wirken sich Vorfälle meist sofort auf mehrere Anrainerstaaten aus, zum Beispiel Störungen des Funkverkehrs.
Russland hat in der Ostseeregion schon immer den Nachteil, dass es sich am östlichen Ende befindet. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sank die Küstenlänge nicht nur, sondern teilte sich zudem auf die Exklave Kaliningrad und die Gegend um den östlichen Teil des Finnischen Meerbusens. Diese Situation bedient die in der russischen Sicherheitsmentalität tief verankerte Sorge vor Einkreisung und Überfall.
Das Mistrauen russischer Eliten gegenüber dem Westen stieg seit der Jahrtausendwende infolge sogenannter Farbrevolutionen in verschiedenen Ländern sowie dem Arabischen Frühling. Viele, gerade in Politik und Militär, betrachten diese Veränderungen nicht primär als Ausdruck der jeweiligen Volkssouveränität, sondern als zumindest teilweise vom Westen beeinflusst und unterstützt. Russische Eliten fürchten seitdem innen- wie außenpolitischen Macht- und Kontrollverlust. Sie glauben, dagegen helfe am besten die Absicherung des geografischen Umfelds. Die Besetzung der Krim und die Unterstützung von Separatisten im Donbass 2014 sowie der Überfall auf das ganze Land 2022 werden in diesem Kontext von manchen Fachleuten als Ausdruck einer sicherheitspolitischen Eskalationslogik interpretiert, die aus einem tiefen Misstrauen gegenüber westlichen Absichten gespeist ist. In der NATO bestand die Sorge, Russland könnte gleichsam gegen andere Staaten vorgehen, zum Beispiel die baltischen.
In der Ostsee kann man nun sehen, welche Folgen die in Russland veränderte Wahrnehmung auf sich und das Ausland hat: Die geografischen Bedingungen des Binnenmeeres machen eigentlich Kooperation unter den Anrainern notwendig. Bereits ab circa 2007 hat Russland jedoch mit der Modernisierung von Streitkräften in der Ostseeregion begonnen und nicht nur defensive, sondern auch offensive Fähigkeiten aufgebaut. Ab 2014 und spätestens seit 2022 wird es nicht mehr als Partner betrachtet, woraufhin die übrigen Anrainer Abschreckung und Verteidigung gegenüber Moskau stärker betonen. Ein Sicherheitsdilemma ist entstanden. Im Westen hat das zu mehr Einigkeit geführt, wie die NATO-Beitritte Finnlands und Schwedens zeigen. Russland kann die maritime Ordnung der Ostsee hingegen nur noch durch Provokationen beeinflussen. So dürfte man im Kreml wissen, dass demokratische Gesellschaften Eskalation scheuen. Die Frage ist nur, wie weit Russland gehen wird, immerhin bleibt es vom freien Seeweg durch die Ostsee abhängig. Meines Erachtens sollten Provokationen stets im Kontext von Informationskriegsführung mit dem Ziel von gesellschaftlicher Verunsicherung gesehen werden.
Die NATO reagiert seit Anfang 2025 mit der Operation Baltic Sentry. Geht es dabei eher um Beobachtung, Abschreckung, Schutz Kritischer Infrastruktur – oder um alles zugleich?
Es geht in erster Linie um den Schutz von Unterwasserinfrastruktur.[2] Das ist das Hauptziel. Um es zu erreichen, ist Beobachtung wichtig, also der Aufbau und Erhalt eines Lagebildes. Daraus ergibt sich wiederum ein Abschreckungseffekt.
Und hat dies bereits Wirkungen gezeigt?
Die Häufigkeit schwerer Vorfälle an Unterwasserinfrastruktur hat seit Beginn dieser sogenannten „enhanced Vigilance Activity“ zwar abgenommen, dennoch sind sie nicht zum Erliegen gekommen. Abgesehen davon ist es meiner Ansicht nach derzeit noch zu früh, ein Fazit zu ziehen. Vielmehr sollten wir uns darauf einstellen, dass, solange Russland seine Außenpolitik nicht ändern wird, Überwachungsaktivitäten wie „Baltic Sentry“ bleiben werden.
Ohne in eine völkerrechtliche Detailprüfung einzusteigen: Welche Maßnahmen stehen europäischen Staaten und der NATO praktisch zur Verfügung?
In erster Linie geht es darum, ein möglichst umfangreiches Lagebild zu haben, um Anomalien schnellstmöglich zu erkennen und rechtzeitig zu reagieren. Das wird durch Sensorvernetzung und Informationsaustausch erreicht. Im internationalen Diskurs spricht man bei diesem Ansatz von „deterrence by attribution“. Damit gemeint ist, sicherheitsgefährdenden Kräften das Gefühl zu nehmen, einen Schritt voraus zu sein, beziehungsweise ihnen das Gefühl zu geben, quasi auf frischer Tat ertappt werden zu können.
Weitere Möglichkeiten sind das Anhalten und Inspizieren verdächtiger Tanker in See. Hier gibt es unter den Staaten aber unterschiedliche rechtliche Voraussetzungen und politische Bereitschaften. Das wird sich meiner Ansicht nach auch nicht so schnell ändern, kann gegenüber Russland allerdings ein Vorteil sein. So erschweren nationale Alleingänge der russischen Propaganda, den gesamten Westen zu verurteilen. Zudem besteht auch bei nationalen Alleingängen noch die Möglichkeit der Zusammenarbeit[3], wie Großbritannien und Frankreich beim Stoppen und Kontrollieren von Tankern zuletzt gezeigt haben. Das heißt, dass ein Land die Aktion durchführt, während das andere beispielsweise aus der Ferne bei Aufklärung und Überwachung unterstützt und somit nicht direkt involviert ist.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Grenzen – rechtlich, politisch oder militärisch?
Meines Erachtens besteht politisch weder in Deutschland noch im Westen Einigkeit darüber, wie ein aus unserer Sicht akzeptabler und tatsächlich erreichbarer Zustand im Umgang mit der russischen „Schattenflotte“ aussieht, sprich: Worauf arbeiten wir konkret hin? Ich hatte zu Beginn ja schon auf das vermeintliche Dilemma im Umgang mit dem russischen Öl hingewiesen. Die Preisobergrenze war eine sehr gute Idee, doch wir haben Russlands Kreativität mal wieder unterschätzt. Auf jede Maßnahme wird der Kreml wohl eine Lösung finden. Bei diesem Hin und Her kommt es dann darauf an, wer schneller ist.
Beobachten wir einen Strategiewechsel westlicher Staaten im Umgang mit der „Schattenflotte“ – etwa durch offensivere Kontrollen oder Festsetzungen einzelner Schiffe, wie in letzter Zeit zu beobachten?
Das Vorgehen von Staaten wie Frankreich, Großbritannien und Belgien außerhalb der Ostsee stellt aus meiner Sicht eine Strategieerweiterung dar. Einen kompletten Strategiewechsel, also eine signifikante Änderung des bisherigen Vorgehens, erkenne ich noch nicht. Meist wird so etwas auch immer mit etwas zeitlichem Abstand deutlich.
Zugleich sendet Russland politische und militärische Signale, die Schiffe stärker schützen zu wollen, etwa durch die Stationierung eines Zerstörers vor Fehmarn oder Eskorten. Wie interpretieren Sie diese Signale?
Russland zeigt entlang des Seewegs durch die Ostsee verstärkt Präsenz in Form von Kriegsschiffen, die jeweils bestimmte räumliche Zuständigkeitsbereiche haben, innerhalb derer sie patrouillieren. Deswegen sieht man auch immer wieder welche vor beispielsweise Fehmarn. Die unterschwellige Botschaft lautet, dass es bereit ist, seine Interessen durchzusetzen und notfalls zu verteidigen. Das wirkt erstmal bedrohlich. Man muss aber beachten, dass die russische Marine hierdurch besonders strapaziert wird und sich langfristig abnutzt. Das heißt, dass Kriegsschiffe öfter in die Werft müssen. Die russische Werftindustrie hat aber seit Langem diverse Probleme, zum Beispiel mit Personal und Ersatzteilen. Das führt immer wieder dazu, dass Kriegsschiffe länger als ursprünglich geplant im Dock oder an der Pier bleiben und somit nicht einsatzbereit sind. Schon jetzt muss Russland Einheiten anderer Flotten in die Ostsee verlegen, um Ausfälle zu kompensieren. Es ist also eine Frage der Zeit, wie lange Russland es durchhalten kann, Tanker derart zu schützen. Hinzu kommt, dass es außerhalb der Ostsee eine solche Präsenz noch weniger aufrechterhalten kann, weil dafür notwendige große Kriegsschiffe und Versorgungsschiffe fehlen, geschweige denn Auslandsstützpunkte.
Man hört gelegentlich auch, es sei Personal von Söldnerfirmen an Bord der Tanker. Was wissen wir darüber?
Das Mitführen von Sicherheitspersonal auf Tankern ist seit einiger Zeit in Fachkreisen diskutiert worden und scheint jüngsten Medienberichten zufolge[4] seit diesem Jahr zuzunehmen. Das liegt wahrscheinlich an den vermehrten Kontrollen sowohl in der Ostsee als auch in anderen europäischen Seegebieten. So hätten die Teams, die in der Regel weniger als zehn Personen klein seien, zwei wesentliche Aufgaben: einerseits westliche Staaten durch ihre Anwesenheit und Bewaffnung von einer Kontrolle abzuschrecken sowie andererseits die zivile Besatzung davon abzuhalten, vorschnell zu kooperieren und sich kontrollieren zu lassen. Ob das westliche Staaten beeindrucken wird, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Der Kreml dürfte an der Einschiffung von Sicherheitspersonal vermutlich festhalten: Erstens wird damit das von russischen Politikern wie Putin verbreitete Narrativ geschürt, die westlichen Kontrollen seien illegal und würden einen Akt der Piraterie darstellen. Zweitens wird ein Eskortieren durch Kriegsschiffe nicht mehr für jeden Tanker nötig, da sich einige nun theoretisch selbst schützen können. Drittens genügt es, einzelne Handelsschiffe mit Sicherheitspersonal auszustatten, um im Westen den Aufklärungs- und Entscheidungsaufwand zu erhöhen. Der Kreml gewinnt hierdurch vorerst die Eskalationsdominanz zurück. Es bleibt aber mal wieder die Frage, wie lange Russland es durchhalten wird, Sicherheitspersonal auf Tanker einzuschiffen, und welche Gegenmaßnahmen der Westen ergreift. Meines Erachtens würde es genügen, ein oder zwei Tanker mit solchen Kräften an Bord erfolgreich zu entern, um Russland vorzuführen. Dies hätte auch eine Signalwirkung auf die Abnehmer russischen Öls, nämlich dass sie sich auf Lieferungen mithilfe der „Schattenflotte“ nicht mehr verlassen können.
Bedeutet das eine Abkehr von plausibler Abstreitbarkeit hin zu einer offeneren staatlichen Schutzlogik?
Das lässt sich momentan schwer vorhersagen. Russland wird wahrscheinlich nach weiteren Möglichkeiten des Schutzes der Tanker suchen und neue Verfahren testen, zum Beispiel das Führen der russischen Flagge. Auch hier ist die Frage, wie effektiv und effizient solche Methoden sein werden, westliche Staaten vom Anhalten und Inspizieren abzuhalten, wenn sie vom russischen Flaggenstatus nicht überzeugt sind.
Wie groß ist die Gefahr, dass solche Begegnungen auf See oder in der Luft unbeabsichtigt eskalieren?
Das lässt sich schwer quantifizieren. Meines Erachtens müssen wir stärker zwischen Absichten, Fehleinschätzungen und Fehlern unterscheiden. Doch selbst wenn nicht jeder Zwischenfall intendiert sein muss, können die Effekte dieselben sein.
Die Reaktion auf solche Vorfälle hängt von unserer politischen Eskalationsbereitschaft ab. Wir müssen uns aber im Klaren sein: Tun wir nichts, legt Russland uns das als Schwäche aus. Und tun wir zu viel, wird uns Russland Aggression vorwerfen. Dieses Dilemma sollte uns aber nicht verrückt machen. Stattdessen sollten wir strategische Geduld ausüben. Damit meine ich eine langfristige Sicherheitsplanung unter Nutzung aller staatlichen Machtinstrumente, also nicht nur diplomatische oder militärische, sondern beide plus weitere wie nachrichtendienstliche und finanzielle. Wichtig ist, diesen Weg strikt zu gehen, um mit der Zeit stärker zu werden, und uns nicht von Provokationen oder Krisen abnutzen zu lassen.
Wie sieht kluges Eskalationsmanagement in schwierigen Situationen aus?
Das kann man nicht pauschal sagen; es hängt in der Regel von den konkreten Umständen ab und entscheidet sich oft binnen Minuten, wenn nicht gar Sekunden. Hier kommt es auf die militärischen Führerinnen und Führer an: Sie müssen in kürzester Zeit feststellen, in welcher Lage sie sich befinden und wie eine angemessene Reaktion aussieht. Es hängt also von der Ausbildung und Erfahrung unserer Personen vor Ort ab.
Was meines Erachtens strukturell fehlt, sind Formate und Kanäle, um etwaige Missverständnisse zu klären, die zu einer größeren Eskalation führen können. Zu Zeiten des Kalten Krieges soll es diese auf technischer Ebene gegeben haben, zum Beispiel über Funkkanäle. Diese bestehen weiterhin, sind mittlerweile aber politisiert worden beziehungsweise es wird häufig in entsprechender Weise darüber kommuniziert. Das schadet gegenseitigem Vertrauen in dem Sinne, zumindest sicher zur See zu fahren.
Was bedeutet das für die Besatzungen der eigenen Schiffe, die solche Lagen beobachten, bewerten und aushalten müssen?
Einerseits Ungewissheit, andererseits sollten wir jede russische Provokation oder jeden russischen Fehler als Erfahrungsgewinn betrachten: Russland mag mehr tun, doch zugleich lernen wir und werden besser. Und solange wir mit strategischer Geduld reagieren, ist es für Moskau schwierig, uns in die Karten gucken zu können. Das mag für Außenstehende vielleicht zu passiv wirken, doch ich halte diesen Ansatz für den klügeren. Andernfalls kontrolliert Russland sozusagen unsere Reflexe, eine alte Sowjetstrategie.
In Marinekreisen hört man manchmal sinngemäß: Auf der Ostsee findet Landes- und Bündnisverteidigung nicht nur im Ernstfall, sondern täglich statt. Ist das übertrieben – oder beschreibt es die Lage inzwischen recht gut?
Das hängt vom Verteidigungsbegriff ab. Bislang definieren wir diesen über den Kriegszustand. Aus westlicher Sicht gibt es den mit Russland aber nicht. Obwohl wir erhöhte Spannungen feststellen, befinden wir uns formal noch im Frieden. Hier ist es wichtig, unsere Werte und Prinzipien zu schützen. Das tun wir beispielweise mit der Präsenz von Kriegsschiffen und durch das Abhalten von Übungen, die auch zivile Akteure und Organisationen einschließen.
Uns muss klar sein, dass wir, wenn wir uns verrückt machen, der russischen Informationskriegsführung auf den Leim gehen. Deswegen ist erneut strategische Geduld wichtig.
Herr Fregattenkapitän Adrians, vielen Dank für das Interview.
Fregattenkapitän Helge Adrians ist Gastwissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, wo er im Besonderen zu den russischen Seestreitkräften forscht und publiziert sowie im Allgemeinen zu Marinetheorie.