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Moralische Verletzungen, moralische Identität und Kriegsführung

Von Seumas Miller

Eine moralische Verletzung wird üblicherweise als separate Form einer psychischen Verletzung verstanden, die durch moralisches Fehlverhalten oder moralischen Verrat gekennzeichnet und eng mit einer PTBS verwandt ist, diese jedoch nicht bedingt. Der vorliegende Artikel stellt diese Sichtweise infrage und entwickelt im Gegensatz zum voluntaristisch-legalistischen Moralbegriff einen moralpsychologischen Ansatz der Sorge, der sowohl moralische Verletzungen als auch PTBS als Schädigungen der moralischen Identität versteht. Im Mittelpunkt steht das Konzept der tief empfundenen Sorge um das, was uns zutiefst am Herzen liegt: unser Leben, unsere Autonomie, unser Wohlbefinden und Selbstwert sowie das Leben und Wohlergehen der wichtigsten Menschen in unserem Umfeld. Die Objekte unserer Sorge konstituieren unsere moralische Identität; diese unterscheidet sich durch eine objektive moralische Dimension von der subjektiven Selbstidentität. Traumatische Ereignisse führen zu moralischen Verletzungen, da sie die zentralen Objekte unserer Sorge bedrohen oder zerstören, unabhängig von der Frage nach moralischem Fehlverhalten oder Verantwortung. Nach dieser Auffassung ist eine PTBS zwangsläufig mit einer moralischen Verletzung verbunden, auch wenn diese mit oder ohne schuldhaftes Verhalten eintreten kann. Aus diesem Grund weisen Kombattanten, die an einer PTBS leiden, zwangsläufig auch eine moralische Verletzung auf, selbst wenn sie nur aus berechtigtem Grund getötet haben und selbst keinem schwerwiegenden moralischen Fehlverhalten ausgesetzt waren. Der Ansatz der Sorge erweitert somit die Anwendung des Moralbegriffs auf Traumata, lehnt die Einordnung von PTBS als moralisch neutrale klinische Diagnose ab und stellt die moralische Verletzung in den Kontext grundlegender Merkmale der moralischen Identität.

Originalartikel