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​Auch stoische Krieger zeigen Gefühle

Von Nancy Sherman

Emotionen sind Arten der Wahrnehmung, sie helfen uns, die Welt zu verstehen und uns mit anderen und den anstehenden Aufgaben auseinanderzusetzen. Sie sind Teil eines guten Charakters, und ihre Schulung ist kein optionaler Bestandteil der militärischen Aus­bildung. Dennoch haben Emotionen im Militär oft einen schlechten Ruf, oder nur einige von ihnen werden geschätzt. Eine vermeintlich „stoische” Haltung, die sich auf Härte konzentriert und den Ausdruck von Leid als Zeichen von Schwäche verunglimpft, basiert auf einem fehlerhaften und schädlichen Verständnis des Stoizismus. Die antike Philosophie und Literatur offenbart ein viel breiteres und aufgeklärteres Verständnis von Emotionen und der Notwendigkeit, sie zu erziehen. Mit Bezug auf die Lehren und Überlegungen von Seneca, Epiktet und Mark Aurel wird gezeigt, dass der Stoizismus schwerlich als Leitfaden zur Unterdrückung von Gefühlen und zum Kappen emotionaler Bindungen interpretiert werden kann.  

Krieg und Militärdienst konfrontieren Soldatinnen und Soldaten mit zahlreichen Stressfaktoren und schmerzhaften Emotionen. Eine differenzierte Wahrnehmung von Emotionen und angemessene Ausdrucks­möglichkeiten spielen eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung der gesamten Bandbreite moralischer Verletzungen, denen Soldaten ausgesetzt sein können. Damit diese Verletzungen jedoch heilen und Soldaten wieder in die Gemeinschaft zurückkehren können, muss auch die Gesellschaft bereit sein, ihren Geschichten ­zuzuhören und ihre Erfahrungen anzuerkennen.

Originalartikel