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Editorial

Ausgabe 2025/02

Moral Injury: Vom Umgang mit moralischen Verletzungen

Liebe Leserin, lieber Leser,

in einem Essay über Moral Injury schildert der preisgekrönte Journalist David Wood, wie er mit US-Marines zusammensitzt. Einer von ihnen namens Nik erzählt, dass er im Gefecht einen zwölfjährigen afghanischen Jungen erschossen hat, der auf ihn und seine Kameraden feuerte. Ethisch, rechtlich, taktisch ist Nik nichts vorzuwerfen; dennoch kommt er nicht darüber hinweg, dass er nach innerster Überzeugung etwas zutiefst Verwerfliches getan hat.

Dies ist „nur“ ein Fall einer moralischen Verletzung. Die Wege zur Erschütterung tief verankerter persönlicher Wertvorstellungen und Überzeugungen sind vielfältig. Das Phänomen an der Schnittstelle von Ethik und Psychologie verdeutlicht, wie zerstörerisch der Militärdienst auch für die Soldatinnen und Soldaten selbst sein kann. Und zugleich wirft es Fragen der Fürsorge und Unterstützung für die psychisch zum Teil schwerstbelasteten Menschen auf. (Wie) können moralische Verletzungen verhindert werden, und (wie) können sie heilen?

Die Beiträge in dieser Ausgabe widmen sich diesen Aspekten. Eine Einführung in das Thema gibt Peter Zimmermann, Beauftragter des Deutschen Verteidigungsministeriums für PTBS und psychische Traumafolgen. Erfahrungen aus Einsätzen können bei Soldatinnen und Soldaten verschiedenste psychische Belastungsreaktionen und Folgeerscheinungen hervorrufen; er legt dar, welche Rolle indivduelle Wertorientierungen dabei spielen und welche Ansätze es gibt, diese Ebene der Persönlichkeit in die Therapie zu integrieren. Andreas Trampota vom Institut für Theologie und Frieden erläutert, dass Moral Injuries die Sinnhaftigkeit der moralischen Welt als solcher infrage stellen. Mit Bezug auf Hannah Arendt skizziert er eine „Versöhnung mit der Wirklichkeit“ und deren Möglichkeitsbedingungen.

Moralische Verletzungen verdeutlichen, dass Ethik als Reflexion über Moral ein wesentlicher Baustein soldatischer Kompetenz ist, so Dirk Fischer, Leiter des Instituts für Wehrmedizinische Ethik an der Sanitätsakademie der Bundeswehr. Er stellt ein Modell vor, das die Reaktion auf „moralische Beschädigungen“ und die verschiedenen Einflussfaktoren in einer Zusammenschau abbildet. Sanneke Brouwers, katholische Seelsorgerin in den niederländischen Streitkräften, lenkt den Blick auf die vermeintlich „kleinen“ moralischen Belastungen, Zweifel und Konflikte, und nennt zwei Strategien zur besseren Bewältigung. Mit der Bedeutung von Empathie, der Suche nach Sinn und moralischer Verletzbarkeit im Militär setzt sich Oberstleutnant a. D. Kevin Cutright, ehemals Professor in West Point, auseinander.

Die christliche Glaubenslehre schließt die Möglichkeit der Selbstvergebung aus; aus therapeutischer Sicht wiederum scheint sie bei der Bewältigung von Moral Injuries eine zentrale Rolle zu spielen. Philipp Gisbertz-Astolfi beantwortet aus der Perspektive philosophischer Ethik die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen Selbstvergebung gerechtfertigt sein könnte. Abschließend wirft Nancy Sherman, eine Expertin für antike Philosophie und psychische Gesundheit im Militär, einen Blick auf die Bedeutung von Emotionen. Dabei hinterfragt sie ein verbreitetes Zerrbild von stoischer Unerschütterlichkeit, das sich für die Verarbeitung moralischer Verletzungen als höchst kontraproduktiv erweist.

In dem eingangs erzählten Essay erzählt David Wood, dass er nicht recht weiß, was er Nik entgegnen soll. Bis einer der Marines einfach antwortet: „Yeah, that was fucked up“ – und alle zustimmend nicken. Es geht zuallererst ums Zuhören und Anerkennen. Wer mit seinen individuellen Einsatzerlebnissen ringt oder dadurch sogar psychisch erkrankt ist, dem ist mit Urteilen, schalen Kommentaren oder klugen Ratschlägen wenig geholfen – am wenigsten sicher mit der Äußerung, das habe der oder die Betroffene sich mit seiner Berufswahl schließlich selbst ausgesucht.

Daher lassen wir im Special dieser Ausgabe einige Betroffene zu Wort kommen. Wir hoffen, dass die Interviews einen Eindruck von der Vielfalt der Lebenssituationen und der Bewältigungsmöglichkeiten geben können. Es geht hier weder darum, die zivilen Opfer, das Leid und die Schäden durch Krieg und militärische Gewalt auszublenden, noch darum, Soldatinnen und Soldaten als Opfer zu bemitleiden. Ziel ist es, auf allen Ebenen, auch innerhalb der Streitkräfte, zur weiteren Aufklärung beizutragen. Bei allen, die daran mitgewirkt haben – genauso wie bei denen, deren Geschichten in dieser Ausgabe nicht erzählt werden konnten –, bedanken wir uns herzlich.

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Rüdiger Frank

Redakteur


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