Editorial
Ausgabe 2026/01
Europas Sicherheit im Wandel der Weltordnung
Liebe Leserinnen und Leser, während diese Zeilen geschrieben werden, liegt der diesjährige NATO-Gipfel in Ankara gerade hinter uns. Offensichtlich darf man es mittlerweile schon als Erfolg werten, wenn es nicht zu einem Eklat kommt. Andererseits können Themen, die das Potenzial zur Spaltung der Allianz haben, jederzeit wieder hochkochen – siehe den gerade wieder erneuerten US-Anspruch auf Grönland, der bereits Anfang des Jahres zu einer schweren Krise im Bündnis geführt hat.
Selbst wenn man von Donald Trumps speziellem Politikstil einmal absieht, stellen sich derzeit viele Fragen. Welche treibenden Kräfte stecken hinter dem Handeln der US-Regierung und der Abkühlung der transatlantischen Partnerschaft? Welche Bedrohung geht von Russland aus, das seit mehr als vier Jahren unter gewaltigen Verlusten Krieg gegen die Ukraine führt? Und wie kann Europa in einer Welt im Umbruch handlungsfähig bleiben und für seine Sicherheit sorgen?
Eingangs analysiert daher Gerlinde Groitl die missliche Lage Europas vor dem Hintergrund der aktuellen Machtverschiebungen, deren Ausgang noch nicht feststehe. Ohne eine geteilte neue Ordnungsvision mit den USA stehe Europa eine schwierige Zukunft bevor, so ihr Fazit.Während sie Europas Zukunft damit weiterhin eng an eine erneuerte transatlantische Ordnung bindet, vertritt Daniel Marwecki einen anderen Ansatz: Er kritisiert die seiner Ansicht nach vorherrschende Fixierung auf Wiederaufrüstung und zeigt, dass Europa auch andere Ideen für einen würdevollen Umgang mit dem eigenen Bedeutungsverlust entwickeln kann.
Im Folgenden setzt sich die ukrainische Autorin Elena Davlikanova mit der Bedrohung durch Russland auseinander und rät den europäischen Staaten eindringlich, diese nicht durch das falsche Raster zu beurteilen. Vor dem Hintergrund struktureller Defizite der EU geht Matthias Dembinski der Frage nach, wie eine vertiefte sicherheits- und verteidigungspolitische Zusammenarbeit im Rahmen der Union aussehen könnte, um bisher von der indispensable superpower USA bereitgestellte Fähigkeiten und Leistungen zumindest teilweise selbst zu erbringen.
Ein weitere viel diskutierte Frage ist die einer – wie auch immer gearteten – „europäischen“ nuklearen Abschreckung. Welche Rolle spielt das Anfang März vom französischen Staatspräsidenten vorgestellte Konzept der „vorgelagerten Abschreckung“ in diesem Kontext? Emmanuelle Maitre beantwortet dies mit Blick auf die globale nukleare Aufrüstung und das Ziel der Nichtverbreitung von Atomwaffen, während sich Jean-Louis Lozier auf die enger werdende Zusammenarbeit der beiden europäischen Atommächte und die oft vernachlässigte europäische Dimension der französischen nuklearen Abschreckung fokussiert. Shounak Set und Ben Kienzle beleuchten die neue Qualität der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit zwischen Indien und Europa. Sie sehen darin eine originäre Form der flexiblen, modularen Partnerschaft, die zwar dem derzeitigen geopolitischen Umfeld geschuldet sei, aber viel Potenzial biete.
Im abschließenden Interview habe ich Fregattenkapitän Helge Adrians zu einem Thema befragt, das in den zurückliegenden Wochen durch teils spektakuläre Schiffsinspektionen wieder in die Schlagzeilen geraten ist. Er erklärt unter anderem, warum wir im Umgang mit der sogenannten russischen „Schattenflotte“ Herr über die eigenen Reflexe bleiben sollten.
Ethik und Militär erhebt damit nicht den Anspruch, das Thema europäische Sicherheit umfassend behandelt zu haben. Allerdings soll sich auch die kommende Ausgabe mit dazugehörigen Aspekten wie Resilienz und gesellschaftlicher Stabilität befassen. Danken möchte ich an dieser Stelle allen, die das Erscheinen der vorliegenden Ausgabe möglich gemacht haben –den Autorinnen und Autoren, den Übersetzerteams, dem Herausgeberkreis und dem Redaktionsteam des neuen Instituts für Frieden & Militärethik, in dem das zebis mittlerweile aufgegangen ist. Wandel prägt also nicht nur die internationale Ordnung, sondern auch unser eigenes Institut; dessen ungeachtet werden wir Ihnen weiterhin interessante Perspektiven auf friedensethische, sicherheitspolitische und militärethische Debatten eröffnen.
Lesen Sie das Magazin