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"Die Soldatinnen und Soldaten erleben eine ganz andere Realität"

Seelsorge und Lebenskundlicher Unterricht in herausfordernden Zeiten: Darüber hat die Redaktion von „Ethik und Militär” im September 2022 mit den beiden katholischen Militärpfarrern Dr. Petro Stanko und Iurii Kuliievych gesprochen. Beide stammen aus der Ukraine. Hier erzählen sie von der Betreuung der Truppe zu Hause und an der NATO-Ostflanke, von Verunsicherung durch den Krieg und vom Freiheitswillen der Ukrainer.

Dr. Petro Stanko: Am 1. April 2015 bin ich damals als Militärpfarrer an die Pionierschule in Ingolstadt gekommen. Schon als Theologiestudent in Eichstätt hatte ich den ukrainischen Militärbischof bei seinen Besuchen in Deutschland als Dolmetscher begleitet, dadurch habe ich über mehrere Jahre bereits die Militärseelsorge kennengelernt.

Iurii Kuliievych: Ich kannte meinen Mitbruder Petro Stanko aus dem Studium in Eichstätt. Er hat mir die Tätigkeit als Militärseelsorger empfohlen. So bin ich 2017 Militärgeistlicher geworden, seit 2021 schließlich Militärpfarrer in Roth, wie mein Mitbruder mit besonderen Wurzeln und besonderer Identität als Angehöriger der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche.

P. S.: Die Militärseelsorge ist für mich ein kluger, vom Staat gewünschter und unterstützter Beitrag, auch ein Privileg, um den Staatsbürgern in Uniform eine seelsorgliche Begleitung zu ermöglichen. Es gehört zum Konzept der Inneren Führung, ihnen zu vermitteln, wozu sie Uniform tragen und was sie schützen. Dazu braucht es neben der politischen, historischen, kulturellen Bildung auch die geistliche Begleitung und Lebenskunde. Schließlich geht es beim soldatischen Wirken immer um existenzielle Themen, um Gewalt, um Verwundung, um den eigenen Tod und den Tod des Gegners.

I. K.: Wichtig ist, dass die Soldatinnen und Soldaten wissen: Mit der Militärseelsorge gibt es bei der Bundeswehr eine unabhängige Institution, da kann ich hingehen mit den Problemen, die mich beschäftigen, da finde ich immer eine offene Tür und ein offenes Ohr. Ob ich katholisch bin, spielt keine Rolle, es geht um Seelsorge an jedem Menschen, der dieser bedarf.

Bei mir in der Kaserne schicken oft die Spieße (Kompaniefeldwebel) die jungen Rekrutinnen und Rekruten zu mir. Sie wissen aus Erfahrung, dass das funktioniert. Entscheidend ist, dass ihnen jemand zuhört. Um Dinge zu bearbeiten, braucht man Zeit. Wir als Militärseelsorger können diese Zeitoase anbieten. Eine Kapelle oder einen Raum der Stille zu haben, zu wissen, dass man jederzeit in der Dienstzeit ein Gespräch führen kann, das finde ich wesentlich für Menschen, die sich mit den genannten existenziellen Themen beschäftigen – gerade in der heutigen Zeit und Situation. Ich muss natürlich den Kontakt aufbauen. Manchmal reicht es aber schon aus, wenn man in die Truppenküche geht, sich dazusetzt und fragt: Wie geht’s dir gerade?

P.S.: Da stimme ich zu. Besprechungen und Begegnungen finden auch im Büro statt, aber die Seelsorgerinnen und Seelsorger knüpfen die Kontakte draußen. Anders geht es nicht. Es gibt so viele Facetten und Möglichkeiten der Begegnung, wenn man offen ist und nicht im Büro sitzt; wir können im Kollar während einer Übung auf dem Truppenübungsplatz auftauchen. Um die Zusammengehörigkeit zu betonen sowie um den Ablauf nicht zu stören, tragen wir dabei oft auch unsere Schutzkleidung, die so aussieht wie der Feldanzug der Soldaten, allerdings mit besonderen Schulterklappen, die uns mit einem Kreuz als Seelsorger kennzeichnen.

Manche Soldatinnen und Soldaten finden, selbst wenn sie nicht in der Kirche sind, den Weg zu uns, vielleicht weil eine Hochzeit ansteht oder wenn es einen Trauerfall in der Familie gibt.

I. K.: Zu unserem Angebot gehören auch Familienwochenenden, Werkwochen, Wallfahrten und Freizeitangebote, also viele Gelegenheiten, die Menschen und ihre Familien kennenzulernen. Natürlich kommen auch diejenigen, die von zu Hause noch christlich geprägt sind, und fragen, wie sie ihren Glauben am Standort leben können, ob es eine Kirche gibt …

P. S.: … genauso wie diejenigen, die nie etwas mit Kirche zu tun hatten und nun zum ersten Mal mit einem Priester in Kontakt kommen. Da lassen einige erst mal ihren Frust ab über den Missbrauchsskandal und was sie sonst noch an Kritikpunkten an der Kirche haben. Schließlich haben wir über den Lebenskundlichen Unterricht, der ja verpflichtend ist, die Möglichkeit, den Soldaten und Soldatinnen im Unterricht zu begegnen. Das ist eine Herausforderung für beide Seiten: Als Militärpfarrer müssen wir den Unterricht abwechslungsreich und interessant gestalten, die Soldatinnen und Soldaten hören zu, stellen Fragen und merken dabei: Mit dem kann man reden. Aber sie können auch kritisch und fordernd sein. Man kann im LKU nicht irgendwas erzählen oder im Gottesdienst irgendwas predigen, unsere Klientel ist oft kritischer und direkter als eine Zivilgemeinde.

I. K.: Darum ist es wichtig, glaubwürdig zu bleiben. Es geht im LKU immer um existenzielle Fragen, und schließlich auch darum, den Soldatinnen und Soldaten klarzumachen: Das musst du selbst entscheiden! Als ich 2017 angefangen habe, war es für mich als Neuling ein Segen, dass ich aus dem Didaktik-Portal des zebis gutes Material zur Behandlung der im Curriculum vorgeschriebenen Themen an die Hand bekam, um die Soldatinnen und Soldaten einzustimmen auf das Thema und es mit ihnen zu bearbeiten. Sie sollen sich ja nicht langweilen; manchmal kommen sie auch morgens und sind übernächtigt. Als Geistlicher darf ich sie in solchen Situationen nicht überfordern, sondern muss natürlich auf sie eingehen.

P. S.: Der LKU ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit, auch für die Zukunft; wir wissen ja, dass mehr und mehr Menschen aus der Kirche austreten und immer weniger an ethischer Orientierung von zu Hause mitbringen. Der Lebenskundliche Unterricht ist nach meiner Meinung zugleich aber darum auch der schwierigste. Warum? Da sitzen Erwachsene, die individuelle Ansprüche haben. Vor Kurzem habe ich das Thema Feindschaft behandelt. Da braucht man Methoden, Einstiegsmöglichkeiten, kurze Videos, um Themenaspekte zu erläutern und zur Diskussion anzuregen. Dabei helfen die Materialien des zebis, aber auch Zeitschrift und Publikationen, die das Katholische Militärbischofsamt zur Verfügung stellt. Man muss natürlich auswählen.

I. K.: Wie wichtig alle unsere Aufgaben sind, habe ich bei der Begleitung der Mission enhanced Forward Presence (eFP) in Rukla/Litauen erfahren. Diese Zeit habe ich mal als „Paradies für die Seelsorge“ bezeichnet. Dort habe ich die Menschen als eine Familie erlebt, jeden mit seinen unterschiedlichen Facetten, jeder und jede einzigartig. Es gab so viele Fragen!

P. S.: Ich war in Rukla, als Russland in der Ukraine einmarschierte. Ende Januar war ich mit einem neuen Teilkontingent angekommen. Auf dem Hinflug sagten die Soldatinnen und Soldaten noch: „Ah, der Pfarrer ist unter uns, da wird uns nichts passieren.“ Aber ich spürte sofort, wie sensibel und aufmerksam sie auf die Nachrichten reagierten, schon bevor die russische Armee angriff. Man hat mir auch ganz konkrete Fragen gestellt, weil man wusste, dass ich aus der Ukraine stamme. Am Morgen des 24. Februar 2022 stand den Soldatinnen und Soldaten das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Sie haben die Bilder gesehen, wie die Panzer rollen und Häuser zerstört werden, und plötzlich war ihre ganze Sicherheit weg. Sicherheit, das war vielleicht das eigene Haus, der eigene Wohlstand, und nun konnte man sehen, eine Rakete reicht, und alles ist zerstört. Sie haben viel telefoniert mit ihren Familien: Musst du jetzt in den Krieg? So viele Fragen an mich als Seelsorger gab es noch nie. Wenn ich im Gottesdienst gepredigt habe, etwa über die Frage, warum wir Menschen auch im 21. Jahrhundert immer noch Kriege führen, war es in unserer „Little Church“ ganz still, so betroffen und nachdenklich waren die Soldatinnen und Soldaten. Als Seelsorger hast du gemerkt, ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um Fragen zu beantworten, aber auch um zu beruhigen, damit die Leute nachdenken können: Wer bin ich? Wo will ich hin? Ist das noch mein Job?

I. K.: Anders gesagt: Wäre ich bereit, mit Waffe in der Hand in einem fremden Land meine Werte zu verteidigen? Nicht bloß mit Worten, sondern mit Taten! Plötzlich wurde ernst, worauf man seinen Eid geschworen hatte.

P. S.: Wir müssen bedenken, dass Soldatinnen und Soldaten in den vergangenen 70 Jahren in Deutschland ihren Beruf ausgeübt haben, ohne mit einem solchen Krieg mitten in Europa konfrontiert zu werden. Und plötzlich sitzen sie in Rukla, fern von ihrer Familie und von zu Hause, und sehen, wie Zivilisten, aber auch ihresgleichen in Uniform getötet werden; nicht nur Ukrainer, sondern genauso die russischen Soldaten, die alle wie sie einen Eid für ihr Land geschworen haben. Und man konnte sehen, dass insbesondere die litauischen Truppen noch besorgter waren, weil sie eine andere Geschichte mit Russland haben.

I. K.: Die baltischen Staaten haben zum Teil mehr als 20 Prozent russischstämmige Bevölkerung im Land, sie befürchteten nun, dass die „russische Welt“ auch zu ihnen kommt und ihnen das Gleiche passiert wie der Ukraine.

P. S.: Ich glaube jedenfalls, dass manchen Vorgesetzten zum ersten Mal richtig bewusst wurde, wie wichtig es ist, dass die Soldatinnen und Soldaten professionell begleitet werden. Truppenpsychologen und Seelsorger, kurz: das sogenannte Psychosoziale Netzwerk hat seine Rolle sehr ernst genommen und kümmert sich um die Menschen. Anfangs waren die Verstärkungskräfte der NATO in Rukla, auch die Deutschen, in Zelten untergebracht, Übungen fanden aus Sorge vor einer Eskalation nicht statt. Wir haben Kinoabende organisiert …

I. K.: … oder ein Bibelfrühstück …

P. S.: … und Lagerfeuer, damit die Soldatinnen und Soldaten spürten: Da sind Menschen, die sich um uns kümmern, zu denen ich gehen kann, wenn ich verunsichert bin, wenn es mir schlecht geht.

Ich glaube, wenn die NATO-Ostflanke verstärkt wird, werden wir nicht darum herumkommen, noch mehr für die historische, politische, kulturelle und auch lebenskundliche Begleitung zu tun. Die Soldatinnen und Soldaten erleben eine ganz andere Realität, sie begegnen Flüchtenden oder erfahren, wie Eltern sich in den betroffenen Gebieten für ihre Kinder geopfert haben. Das wird viele Fragen aufwerfen, und es wird Wege brauchen, um zu diskutieren und klarzumachen: Was sind unsere Werte? Was verteidigen wir? Was bedeutet es, in einem Bündnis zu sein?

In unseren Leitsätzen der Militärseelsorge steht, dass es nicht unsere Aufgabe ist, die Soldatinnen und Soldaten auf den Kampf vorzubereiten, sondern ihnen verständlich zu machen, wofür sie da sind, für welche Werte sie eintreten – und was Krieg anrichtet. Aber es ist Zeit, den Krieg gegen die Ukraine nicht als einen weit entfernten Krieg zu betrachten. Er betrifft uns alle.

I. K.: Ich sehe das genauso. Wir müssen uns jetzt seelsorglich vorbereiten. Und uns wieder bewusst machen, was uns die im Grundgesetz verankerte, unantastbare Menschenwürde wert ist. Ich habe Verständnis dafür, dass die Menschen hier in Deutschland sich um ihren Wohlstand und Komfort sorgen. Jeder kann seinen Standpunkt haben, das ist Demokratie. Aber wir Christen sagen mit Paulus: Wenn wir nicht an die Auferstehung glauben, dann ist alles umsonst. So ist es doch auch mit unseren Werten: Wenn wir nicht zu ihnen stehen und sie bezeugen, dann sind sie umsonst.

P. S.: Wir sind auf jeden Fall sehr dankbar für die große Solidarität der vielen Tausend freiwilligen Helfer aus der Bevölkerung, die die Ukraine unterstützen. Darunter sind auch Soldatinnen und Soldaten mit ihren Familien in ihrer Freizeit. Deutsche Offiziere etwa haben mir berichtet, dass sie auf eigene Initiative Frauen und Kinder von ukrainischen Kameraden, die sie von Ausbildungsprogrammen kannten, an der polnischen Grenze abgeholt haben. Ich würde mir aber von manchen Westeuropäern etwas mehr Verständnis für die Geschichte und die Erfahrungen der Ukraine wünschen. Man träumt in Europa von einer Versöhnung mit Russland, so wie dies etwa nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen den damals sogenannten Erbfeinden Deutschland und Frankreich gelungen ist. Vielleicht hat der französische Historiker und orthodoxe Theologe Antoine Arjakovsky eine echte prophetische Intuition. In seinem im Jahre 2015 erschienenen Buch über den jetzigen Krieg Russlands gegen die Ukraine behauptet er, dass – ähnlich wie damals, im 20. Jahrhundert, als der Frieden in Europa von der Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich abhängig war – jetzt der Frieden im Europa des 21. Jahrhunderts von der Versöhnung zwischen der Ukraine und Russland abhängig sein wird. Russland aber als postsowjetischer Staat verfolgt noch immer alte Ideale und Ideologien. Bis heute sind viele Verbrechen und Untaten aus kommunistischer Zeit unaufgeklärt. So ist etwa immer noch unklar, wie viele Offiziere 1939 im polnischen Katyn umgebracht wurden und wer die Täter waren. Eine umfassende Aufarbeitung der Geschichte fehlt eben, dies aber ist unabdingbare Grundlage für eine Versöhnung. „Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung“, das hat schon Papst Johannes Paul II. zum Titel seiner Botschaft anlässlich der Feier des Weltfriedenstages am 1. Januar 2002 so treffend formuliert. In Russland aber sehen wir stattdessen ein Wiederaufleben des Stalinkultes …

Wir Ukrainer wissen noch allzu gut, was es heißt, in Unfreiheit zu leben und von Katastrophen wie in Tschernobyl vorerst nur aus den westlichen Medien zu erfahren. Unsere Eltern und Großeltern haben darunter sehr gelitten. Dagegen erhob sich der Widerstand. In der Gegenwart stehen der Freiheitswille und die Orientierung an westlichen Werten und Idealen Im Vordergrund. Wie der ehemalige Vorsteher unserer Kirche, der verstorbene Kardinal Husar, 2013 auf dem Maidan einmal gesagt hat: „Der Staat fürchtet sich nicht vor hungrigen Menschen; die kann er satt machen. Er fürchtet sich vor freien Menschen, die kann er nur töten!“

I. K.: Als Kind durfte man bei uns in der Schule nicht einmal Weihnachtslieder singen. Doch aus unserer Tradition, unserem Glauben und der ukrainischen Kultur schöpfen wir bis heute Kraft. Die ukrainischen Soldaten kämpfen jedenfalls aus Liebe zu ihrer Heimat, aus Überzeugung. Man kann dir alles wegnehmen, den Glauben aber kann dir niemand nehmen.

Aufgezeichnet von Rüdiger Frank.

Zur Person

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Dr. Petro Stanko (links) ist Militärpfarrer im Katholischen Militärpfarramt Ingolstadt.
Iurii Kuliievych ist Militärpfarrer im Katholischen Militärpfarramt Roth. Beide stammen aus der Ukraine.

Foto: KS/Doreen Bierdel