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Zeitenwende in der Friedensethik? Der Pazifismus im Angesicht des russischen Angriffs auf die Ukraine

Von Friedrich Lohmann

Weit über friedensethische Fachkreise hinaus hat der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine zu einer teils polemischen Debatte geführt. Im Zentrum der Kontroverse, die an Einzelthemen wie der Zulässigkeit von Waffenlieferungen aufgehängt ist, steht die Frage nach der Legitimierung militärischer Gewalt. Bellizistische oder pazifistische Extrempositionen –also die uneingeschränkte Bejahung militärischer Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele bzw. die Ablehnung jeglichen Gewalteinsatzes zur Beendigung eines bewaffneten Konflikts – werden dabei aktuell nicht vertreten.

Mit ihrem Nein zu Waffenlieferungen bei gleichzeitiger Anerkennung des Selbstverteidigungsrechts der Ukraine vertreten Teile der Friedensbewegung einen gemäßigten Pazifismus, der ungerechtfertigterweise als abstrakte „Gesinnungsethik“ im Sinne Max Webers qualifiziert wird. Denn mit ihren zentralen Thesen erhebt diese Strömung gerade für sich den Anspruch auf Rationalität und Wissenschaftlichkeit. Ihre Hauptargumente – sowohl die Eskalationsgefahr angesichts eines atomar bewaffneten Aggressors und die größere Effektivität zivilen Widerstands gegenüber der Verteidigung mit Waffen – halten jedoch einer genaueren Betrachtung nicht stand. 

Dass sich viele in der Friedensbewegung angesichts des Kriegs in der Ukraine ohnehin von pazifistischen Positionen abwenden und – gemäß dem Leitbild des gerechten Friedens – staatliche militärische Gewaltanwendung unter bestimmten Bedingungen und Einschränkungen zu akzeptieren bereit sind, markiert dennoch keine friedensethische „Zeitenwende“, sondern setzt einen länger beobachtbaren Trend fort.

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