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"Niemand wird als Psychopath geboren"

Warum vergreifen sich Soldaten an wehrlosen Zivilisten, und wie kommt es zu einer Eskalation der Gewalt im Krieg? Laut der litauischen Psychologieprofessorin Danutė Gailienė, die die psychologische Wirkung der Besatzung in ihrem Heimatland erforscht hat, spielt Indoktrination eine zentrale Rolle – und ein erschreckend simpler Mechanismus, der auch aus der deutschen Geschichte bekannt ist.

Frau Professor Gailienė, Russland führt einen äußerst brutalen Krieg in der Ukraine. Es gibt viele Fälle von Folter, willkürlichem Mord und Vergewaltigung. Die russischen Streitkräfte beschießen auch zivile Objekte wie Krankenhäuser, Spielplätze ... Überrascht Sie das?
Überhaupt nicht. Wir kennen das in Litauen sehr gut aus unserer eigenen Geschichte. Während der ersten und zweiten sowjetischen Besatzung kam es bereits zu brutalen Angriffen sowjetischer Streitkräfte, sogar auf friedliche Zivilisten. Als wir 1991 unsere Unabhängigkeit erlangten, wiederholten sich diese Ereignisse. Typisch für das russische Militär ist der Einsatz „unnötiger“ Gewalt: Folter, sinnlose Zerstörung oder das Hinterlassen von Müll und Kot. Die Berichte ukrainischer Augenzeugen im Fernsehen bestätigten meine Beobachtung: Auch sie konnten keinerlei zivilisiertes Verhalten in derartigem Vorgehen erkennen.

Die psychologische Forschung zeigt, dass jeder Mensch zu Gewalt fähig ist – selbst zu exzessiven Gewalttaten. Gibt es denn keine besonderen Charakterzüge, die brutales, gewalttätiges Verhalten begünstigen?
Da schließe ich mich Kolleginnen und Kollegen an, die diese Frage gründlicher erforscht haben, und würde sagen: Niemand wird als Psychopath geboren; man wird immer erst dazu gemacht. Was ich damit sagen will: Natürlich tragen wir alle das Positive wie das Negative in uns, und in jedem von uns steckt ein Aggressionspotenzial. Das ist die menschliche Natur. Niemand bestreitet, dass wir alle verschiedene Temperamente und Veranlagungen in uns tragen, die genetisch bedingt sind. Das allein macht uns aber noch nicht zu derartig grausamen Menschen. Aus meiner klinischen Erfahrung weiß ich: Äußere Faktoren, soziale Verhältnisse und die Gesellschaft spielen hier eine Schlüsselrolle. Im Fall von Russland würden wir also eher von krankhafter Indoktrination oder Ideologie als von kranken Individuen sprechen.

Könnten Sie das näher erläutern?
Ich nenne Ihnen zwei Beispiele dafür, wie gesellschaftliche Bedingungen zu solchem Fehlverhalten beitragen. Das erste stammt von Professor Thomas Elbert und seinem Team an der Universität Konstanz, die den Begriff der „appetitiven Aggression“ eingeführt haben. Sie stellten fest, dass kleine Jungen und männliche Jugendliche in afrikanischen Konfliktgebieten, die an Kriegen oder bewaffneten Auseinandersetzungen beteiligt waren, durch die erlebte Gewalt teilweise in Erregungszustände gerieten. Diese Kinder waren keine geborenen Kriminellen oder Psychopathen. Sie waren vielmehr von klein auf zur Gewalt angestachelt worden und hatten erfahren, dass Gewalt auch Lust bereiten kann. Also wurden sie nicht nur gewalttätig, um einen Gegner zu besiegen oder sich zu verteidigen, sondern erlebten die Gewalt auch als Lust. Das ist natürlich ein großes Problem. Ich gehe davon aus, dass dieser Mechanismus aktuell in der Ukraine ebenfalls eine Rolle spielt.

Am anderen Ende dieser Skala stehen beispielsweise Menschen, die während der NS-Herrschaft Juden gerettet haben. Diese Menschen gab es überall: in Deutschland, in Litauen, in Belgien ... Sehr interessant für die psychologische Forschung ist die Frage, warum sie die Entscheidung trafen, zu helfen und sogar ihr eigenes Leben zu riskieren. Die psychologische Forschung hat mindestens drei typische Merkmale festgestellt, die diese Menschen „ungewöhnlich“ machten: Sie hatten erstens ein liebevolles Elternhaus, kamen zweitens aus intakten Familien und hatten drittens entweder religiöse oder humanistische Werte.

Diese Beispiele sind natürlich extrem, aber ich möchte daran zeigen, wie stark sich Erziehung und Sozialisierung auf unser Verhalten auswirken.

Die Gesellschaft lehrt uns also Achtung vor Werten und Mitmenschen ...
... und umgekehrt: Sie kann Menschen auch beibringen, ihren moralischen Kompass „abzuschalten“.

Und dabei spielt die krankhafte Ideologie eine Rolle, die Sie erwähnt haben?
Das ist eine bekannte historische Tatsache. In Litauen haben wir das aus nächster Nähe erlebt. Wir konnten jahrzehntelang Indoktrination studieren, die schon im Kindergartenalter begann, und sehen jetzt, wie sie sogar Pseudotraumata auslösen kann. Was ich damit meine: Für uns war die Zeit der Sowjet- und NS-Besatzung eine traumatische Erfahrung. Als Litauen unabhängig wurde, bedeutete das für uns Glück, unseren Sieg. Gleichzeitig begann Russland unter Putin, ausgehend von der Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg“, schrittweise ein Narrativ der Traumatisierung zu erschaffen. Mit seiner Aussage, der Zusammenbruch der Sowjetunion sei die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen, brachte er die russische Bevölkerung dazu, sich selbst als Opfer der Ereignisse zu sehen. Das ist pathologisch, weil es eine Lüge ist. Doch man kann sich einem solchen Narrativ kaum entziehen, wenn man ihm fast ständig ausgesetzt ist.

Wo genau aber ist hier die Parallele zur aktuellen Situation in der Ukraine? Welcher psychische Mechanismus steht dahinter?
Etwas verkürzt gesagt geht es um moralische Dissoziation. Wir müssen uns dabei gar nicht immer nur auf Russland beziehen; dieses Verhalten ist auch beispielhaft an NS-Verbrechern gezeigt worden. Mit ihrem Begriff der „Banalität des Bösen“ hat Hannah Arendt eine Möglichkeit aufgezeigt, diese Dualität zu verstehen. Dissoziation bedeutet in diesem Fall, die eigene Verantwortung abzugeben und auf Vorgesetzte zu übertragen. Dies rechtfertigt dann auch ein grausames und unerbittliches Verhalten und entbindet von jeglichem moralischen Zweifel. Dieser Mechanismus hat eine extrem starke Wirkung. Menschen fühlen sich dann nicht mehr verantwortlich, sondern handeln einfach, weil andere entscheiden. Und es funktioniert: nicht nur bei Einzelnen, sondern in ganzen Gesellschaften.

Als Deutsche sollte uns das bekannt vorkommen. Dennoch ist es verstörend zu erleben, dass Menschen ihre Moral derart über Bord werfen können.
Ich bin auch Suizidologin und habe viele Jahre lang in der Suizidprävention gearbeitet. Bei den ersten Selbstmordattentaten haben wir uns gefragt: Ist das wirklich Suizid? Oder geht es um etwas anderes? Ich bin mir mit meinen Kolleginnen und Kollegen inzwischen einig, dass es keine andere Erklärung geben kann: Der erste Schritt ist die moralische Indoktrination, der zweite die Ausschaltung der Empathie. Die eigene Verantwortung wird ausgeblendet, man führt nur noch Befehle aus ... Es klingt mechanisch, aber genau so funktioniert es.

Und das Opfergefühl, das Sie gerade erwähnt haben – hilft das auch bei der Rechtfertigung? Zu glauben, dass die Menschen in der Ukrainer „Verräter“ sind ...
... ja, und nicht nur das. In Russland wird verbreitet, die Ukraine befinde sich in falschen Händen und müsse aus den Fängen böser Nazi-Machthaber befreit werden. Und das führt uns wieder zu meiner These zurück: Es geht um Dissoziation, das Abschalten der eigenen moralischen Verantwortung und deren Übertragung an Vorgesetzte. Dadurch wird man fähig, andere Menschen wie Dinge zu behandeln.

Heißt das dann auch, dass solche Taten in der Psyche der Täter selbst keine Spuren hinterlassen?
Die Frage ist berechtigt, auch wenn wir zunächst die Perspektive der Opfer einnehmen und nicht vergessen sollten, dass sie stärker geschädigt werden als die Täter. Die Täter haben ihre Bewältigungsmechanismen. Das menschliche Gewissen ist wirklich sehr dehnbar.

Aber ja: Die Taten können auch die Täter selbst schädigen. Gewalt ist gefährlich für die Persönlichkeit. Mit Sicherheit werden viele der Heimkehrer ihr kriminelles Verhalten fortsetzen. Ein erhöhter Alkohol- und Drogenkonsum ist zu erwarten. Sehr typisch ist das Sturz- oder Komatrinken. Alkohol erhöht wiederum die Aggressivität. Aus der Forschung und auch aus unserer eigenen Geschichte wissen wir, dass aktive Kollaborateure der Sowjet- oder NS-Besatzungen häufig alkoholabhängig wurden oder sich das Leben nahmen.

Den Befehlen von Vorgesetzten Folge zu leisten ist dennoch soldatische Pflicht. Wie wichtig erscheint es Ihnen, Soldatinnen und Soldaten zu vermitteln, dass sie letztlich immer noch selbst moralisch urteilen müssen?
Das ist äußerst wichtig, um Taten wie den gerade besprochenen vorzubeugen. Ethische Grundlagen zu vermitteln könnte sich natürlich als etwas anspruchsvoller erweisen als Drill und Disziplin. Darüber hinaus braucht es vorbildhafte Generale und Offiziere. Soldaten achten genau darauf, wie ihre Vorgesetzten sich verhalten, wie sie sprechen und Entscheidungen treffen. Russische Generale erscheinen häufig eher ungehobelt, neigen beispielsweise oft zum Fluchen und zu Kraftausdrücken. So ein Verhalten wirkt sich immer auf die Atmosphäre in der Truppe aus.

Der Krieg in der Ukraine zeigt uns erneut, wozu es führen kann, wenn man Menschen, wie ich es nenne, „moralisch zerstört“. Regeln durchzusetzen und Soldaten Empathie zu vermitteln – was für manche vielleicht wie ein Widerspruch klingt – wird uns sicher nicht vom Krieg erlösen. Aber es kann ihn zumindest etwas menschlicher machen.

Frau Professor Gailienė, herzlichen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Rüdiger Frank.

Zur Person

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Dr. habil. Danutė Gailienė ist Professorin für ­Klinische Psychologie an der Universität Vilnius. Nach dem Psychologiestudium an der Universität Vilnius 1974 promovierte sie 1985 in den Fächern Sozialwissenschaften und Psychologie an der ­Universität Moskau und schloss 2001 ihre Habilitation an der Vytautas-Magnus-Universität in Kaunas ab. Sie initiierte wegweisende Studien zur Psychotraumatologie in Litauen, insbesondere zu den Auswirkungen langfristiger Traumatisierung, verfasste zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze und Bücher und ist Mitherausgeberin mehrerer Fachzeitschriften, darunter „European Psychologist“ und „Psychology“.