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Editorial

Seit dem 24. Februar 2022 herrscht wieder Krieg in Europa, ein mit allen militärischen Mitteln geführter full-scale war. Die Folgen sind entsetzlich: Zigtausende getötete Soldaten und Zivilisten, Millionen Geflüchtete, massenhafte Deportationen und Misshandlungen, immenses Leid und Zerstörungen in der Ukraine sowie globale wirtschaftliche Auswirkungen. Zudem droht beständig eine Ausweitung des Konflikts, zuletzt durch die auf polnischem Territorium niedergegangenen Raketentrümmer.

Auch wenn diese Ausgabe von Ethik und Militär nicht auf einem diffusen Gefühl basiert, kann „Verstörung“ als Leitmotiv für das Editorial dienen. Ist es nicht immer wieder zutiefst verstörend, wie sich die Führung eines Landes in nationalreligiöse Mythen und Kriegsrhetorik hineinsteigern kann? Zur Einführung haben wir daher die ukrainische Politikwissenschaftlerin Tatiana Zhurzhenko zu den Rechtfertigungs­narrativen und den ideologischen Hintergründen des russischen Angriffs befragt. 

Wie darf, wie soll die Ukraine bei der Verteidigung unterstützt werden? Möglicherweise spiegeln die heftigen Debatten, die hierzulande darüber geführt werden, auch die Erschütterung über das Ende des (für selbstverständlich gehaltenen) Friedens in Europa wider. Selbst innerhalb der Kirchen streiten Befürworter von Waffenlieferungen mit denjenigen, die sofortige Friedensverhandlungen fordern und jegliche militärische Unterstützung ablehnen. Bedarf der gerechte Frieden, das friedensethische Leitbild der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland, nun einer Revision – oder einer Rückbesinnung auf wesentliche Inhalte? Die beiden Beiträge von Markus Vogt und Friedrich Lohmann setzen sich damit auseinander. 

Die von Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufene sicherheitspolitische „Zeitenwende“ wird vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der massiven materiellen Ertüchtigung der Bundeswehr diskutiert. Darüber sollten die Soldatinnen und Soldaten, die ihren Eid auf das Grundgesetz geschworen haben, keinesfalls vergessen werden. Wie verändern die Ereignisse in der Ukraine den Blick auf ihren Beruf? Welche Haltung ist in diesen Zeiten „neuer Unsicherheit“ gefragt, und welche Rolle spielt die Innere Führung, aber auch die Persönlichkeitsbildung in diesem Zusammenhang? Derartige Fragen richten sich an die oberste militärische Führung. Generalinspekteur Eberhard Zorn gibt in dieser Ausgabe sein Leitbild für den Kernauftrag Landes- und Bündnisverteidigung und das erforderliche „Mindset“ vor.

„Es kann jederzeit losgehen“, so der General­inspekteur. Die daraus resultierende Ernsthaftigkeit ist auch im Special „Die Rückkehr der Gewalt“ Thema. Generalstabsarzt Dr. Stephan Schoeps spricht im Interview über die Versorgung ukrainischer Verwundeter sowie die psychischen und moralischen Belastungen des Kriegs. Die beiden katholischen Militärpfarrer Iurii Kuliievych und Dr. Petro Stanko blicken auf ihre Arbeit als Seelsorger und schildern unter anderem, wie sie die Soldatinnen und Soldaten in Rukla/Litauen kurz vor bzw. zu Kriegs­beginn begleitet haben.

Seit Beginn des Krieges überschattet der mögliche Einsatz von Atomwaffen das Geschehen. Dass in diesem bedrohlichen „Nuklearpoker“ höchste Vorsicht geboten ist, zeigt Peter Rudolf von der Stiftung Wissenschaft und Politik in seinem Beitrag auf. 

Abschließend geben der Osteuropa-Experte und Gewaltforscher Jan Claas Behrends und die litauische Psychologin Danutė Gailienė Erklärungsansätze für die verstörende Brutalität der russischen Kriegsführung. Sie machen zugleich deutlich, dass generalisierte Schuldzuweisungen oder Feinbilder in die Irre führen. „Ich würde sagen, jede Gesellschaft kann sich ändern“: Mit dem Zitat von Professor Behrends möchte ich diesen kurzen Überblick durchaus hoffnungsvoll abschließen – und bedanke mich im Namen der Redaktion bei allen, die die aktuelle Ausgabe mitgestaltet haben.

 

 

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Rüdiger Frank
Redakteur