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"Man kann beobachten, was passiert, wenn man Ethik und Militär voneinander abkoppelt"

Für die russische Kriegsführung in der Ukraine gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Im Interview spricht der Osteuropa-Experte Prof. Dr. Jan Claas Behrends über bekannte Muster, die Legitimation von Gewalt unter Präsident Putin und die Dysfunktionalität der russischen Streitkräfte.

Herr Professor Behrends, zu Beginn ein kurzer Blick zurück auf den Anfang des Ukrainekriegs. Viele hat damals nicht nur der russische Angriff überrascht, sondern auch die Brutalität der Kriegsführung. Ging es Ihnen ähnlich?

Zunächst einmal ist man immer entsetzt, wenn man solche Bilder sieht, und man wünscht sich natürlich, dass so etwas nicht passieren würde. Aus professioneller Sicht muss ich aber sagen, dass es mich insofern nicht überrascht hat, als ich mich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Afghanistan- und dem Tschetschenienkrieg auseinandergesetzt habe – auch mit der russischen Kriegsführung und mit Fragen militärischer Gewalt. Ich sehe bei der Gewaltanwendung gegen Zivilisten, beim Nichteinhalten der Regeln des Kriegsvölkerrechts durch die sowjetischen und später die russischen Streitkräfte sehr starke Kontinuitäten, insbesondere seit dem Einmarsch in Afghanistan 1979. Das „Ausradieren“ ganzer Städte wie Mariupol ähnelt dem Vorgehen in Syrien seit 2015 oder bereits in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny ab 1999.

Dann lassen Sie uns über die Gründe sprechen. Ein möglicher Erklärungsansatz ist, dass es dabei einfach darum geht, Angst und Schrecken zu verbreiten. Wie sehen Sie das?

Einerseits geht es um Terror, ich glaube, insbesondere dann, wenn man die Bevölkerung bei einer Besatzungssituation tatsächlich unterwerfen und zur Ruhe bringen will. Das hat man auch in Tschetschenien ähnlich gemacht. Was aber die Brutalität und die Kriegsverbrechen allgemein betrifft, hängen sie auch mit mangelnder Professionalität der russischen Armee zusammen. Für die Mannschaften steht Kriegsvölkerrecht teilweise gar nicht auf dem Lehrplan; das heißt, da gibt es auch Unwissenheit, was das Geschehen natürlich nicht entschuldigt, aber vielleicht ein Stück weit erklärt.

Gewalteskalation können wir aber insbesondere auch dann beobachten, wenn die russische Armee unter Druck gerät, wenn also der Gegner besonders erfolgreich kämpft, wie in Tschetschenien oder gegen Ende des Afghanistankriegs.

Diese Unprofessionalität zeigte sich doch auch darin, dass die Soldaten offenbar wegen der schlechten Operationsführung und des unerwarteten Widerstands frustriert waren.

Offenbar gab es zu Beginn dieses Krieges die paradoxe Situation, dass man die eigenen Truppen gar nicht darüber unterrichtet hat, was man genau vorhat. Dieses Unwissen hat sicherlich auch zu Unsicherheit geführt, die wiederum in Aggression umschlagen kann. Im weitesten Sinne hängt das damit zusammen, dass dieser Krieg von der russischen Führung gar nicht als Krieg bezeichnet wurde, sondern eben als „militärische Spezialoperation“ – deren Verlauf man sich im Übrigen ganz anders vorgestellt hat. Wenn man in den eigenen Truppenteilen sehr hohe Verluste hat, entstehen außerdem Rachegelüste, das ist auch aus anderen Kriegen und Konflikten bekannt.

Hinzu kam teilweise schlechten Versorgung und Logistik …

… und Korruption. Die russische Armee ist natürlich generell ein Spiegel der russischen Gesellschaft und von Phänomenen, die wir dort beschreiben können, wie beispielsweise der Einsatz von Gewalt in sozialen Beziehungen, auch häuslicher Gewalt; aber auch das Nutzen von öffentlichen Gütern für private Zwecke, um es mal ganz allgemein auszudrücken. Wenn unsere Informationen stimmen, dann wurde ja beispielsweise noch wenige Tage vor dem Einmarsch in Belarus der Diesel an die lokale Bevölkerung weiterverkauft, und man hatte dann teilweise nicht genug für die eigenen Lkw und Panzer.

Aber worauf lässt sich das zurückführen? Läuft man nicht Gefahr zu essenzialisieren, wenn man sagt, „die Russen“ oder die russische Gesellschaft seien so? Oder ist Gewalt schlicht ein Mittel, das Menschen anwenden, um im Alltag klarzukommen?

Ich würde sagen, jede Gesellschaft kann sich wandeln; das beste Beispiel dafür ist die Ukraine, die nach dem Ende der Sowjetunion sozusagen den Weg in die Zivilisierung gegangen ist. Diesen Weg hat Russland auch versucht zu gehen, für einige Jahre, er wurde dann aber von der Führung ganz bewusst abgebrochen. In den letzten Jahrzehnten, insbesondere unter Putin, ist eine starke Remilitarisierung und auch Legitimierung von Gewalt in sozialen Beziehungen zu beobachten; das geht so weit, dass häusliche Gewalt in Russland nicht mehr in jedem Fall strafbar ist. Das sind natürlich Signale, die an die Gesellschaft gesendet werden. Mit Essenzialisierung hat das wenig zu tun, sondern das ist eine Kultur, die sich weiter verfestigt und in der nicht nur die Regeln der Zivilität nicht durchgesetzt werden, sondern aufgebrochen werden.

Spielt dabei auch die Inszenierung von Männlichkeit bis in die höchste Führung eine Rolle?

Ja, aber nicht nur der Männlichkeitskult um Putin und andere, sondern auch der Kriegskult um den 9. Mai. Es geht dort mittlerweile nicht mehr darum, der Menschen zu gedenken, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, sondern die Gesellschaft für Krieg zu mobilisieren und gegenüber den Opfern des Krieges zu desensibilisieren. Das heißt, auch dieser Feiertag hat unter Putin einen Bedeutungswandel erfahren bis hin zur Verherrlichung von Krieg, Gewalt und Sieg. All diese Signale schlagen um in solche Phänomene zunehmender Brutalisierung.

Das bedeutet also, dass Gewalt nicht nur nicht sanktioniert wird, sondern dass sie erwünscht ist?

Grundsätzlich ist Gewalt eine Allerweltsressource, über die wir alle verfügen. Aber wir wissen auch aus der Gewaltforschung, dass sie besonders dann angewandt wird, wenn sie nicht bestraft oder sogar belohnt wird. Die Einheiten, die in Butscha nördlich von Kiew Kriegsverbrechen begangen haben, sind ja wenige Wochen später im Kreml ausgezeichnet worden. Das heißt, auf die Gewalttat, die Grenzüberschreitung, letztendlich auch Gewalt gegenüber Zivilisten, Vergewaltigung, Mord und so weiter, folgt am Ende die Belohnung. Das ist das – um es klar zu sagen – kriminelle Muster, das wir hier beobachten. Das kennen wir zum Beispiel auch aus dem Zweiten Weltkrieg: Wenn Soldaten oder andere bewaffnete Einheiten geradezu ermuntert werden, so vorzugehen, dann wird das auch passieren.

Zu den Zuständen im Militär gibt es ja zum Beispiel das bekannte Zitat des russischen Schriftstellers Michail Schischkin, die russische Armee sei eine „Schule der Sklaven“.

Es ist bekannt, dass Rekruten, die neu in die Armee kommen, von denen, die schon länger da sind, terrorisiert werden, niedere Arbeiten ausführen müssen, gedemütigt werden … Diese sogenannte Dedowtschina ist Teil der Kultur der russischen Streitkräfte.

Und das schlägt sich dann nieder in der Kriegsführung gegen andere?

Einerseits ja, andererseits aber auch darin, dass die Kampfkraft unter Umständen recht begrenzt ist und es eher darum geht, aus dem nächsten ukrainischen Dorf noch eine Waschmaschine mitzunehmen, als diesen Krieg zu gewinnen. Diese Armee ist eben wie viele andere Institutionen des russischen Staates eine zutiefst dysfunktionale Institution.

Sieht man in der militärischen und politischen Führung in Russland gar nicht, dass man dadurch letztendlich genau den gegenteiligen Effekt erzielt, also die Mobilisierung verstärkt, die von Anfang an in der Ukraine da war? Es scheint überhaupt keine Fähigkeit zu einem Strategiewechsel vorhanden zu sein.

Ich denke, dass es in der russischen Führung einerseits ein Informationsdefizit gibt, das ist ja ganz typisch für Diktaturen. Niemand traut sich, dem Chef zu sagen, was eigentlich Sache ist. Außerdem haben die Menschen in Putins Umfeld – sie sind mittlerweile alle zwischen 65 und 75 – ein sehr stabiles sowjetisches Weltbild, das sich aus der Breschnew-Zeit speist. Sie denken, dass die Ukraine ein fester Bestandteil Russlands sei. Dass sich in Kiew nach 1991 viel verändert hat und die Ukraine schon immer eine eigene Identität hatte, passt da einfach nicht hinein. Wenn man die Aufsätze von Putin dazu liest, die er letztes Jahr veröffentlicht hat, dann zeigt sich das Paradox ganz deutlich.

Trotz der offensichtlichen Brutalität scheint die Ukraine nicht mit ähnlicher Gegengewalt zu reagieren. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Ehrlicherweise wissen wir auch nicht alles, was auf der ukrainischen Seite passiert. Sehr wichtig ist meiner Ansicht nach aber, dass die Ukrainer selbst diese Differenz wollen. Sie wollen kämpfen wie eine NATO-Armee und nicht wie eine sowjetische Armee. Sich selbst als Teil des Westens zu sehen und sich für die Mitgliedschaft in der Europäischen Union oder der NATO zu legitimieren, das beeinflusst auf jeden Fall auch ihre Kriegsführung. Außerdem hat sich diese Armee seit dem Angriff 2014 durch die vielen NATO-Berater, aber auch aus sich selbst heraus immer mehr vom sowjetischen Modell abgewandt und professionalisiert.

Können ethische Überlegungen und auch ethische Bildung helfen, exzessive militärische Gewalt einzudämmen?

In diesem Krieg kann man beobachten, was passiert, wenn man Ethik und Militär voneinander abkoppelt, so wie das in Russland geschehen ist. Das sind Phänomene, die uns leider aus der menschlichen Geschichte aus der europäischen Geschichte nur allzu vertraut sind. Man kann nur immer wieder darauf drängen, den Versuch, den Krieg zu verrechtlichen und einzuhegen, nicht abzubrechen. Gewalt kann immer wieder entfesselt werden, auch durch Staaten – und moderne Staaten haben ungeheure Gewaltpotenziale. Wenn sie zum Einsatz kommen, kann das auch zu Situationen wie in Mariupol führen, wo letztendlich genozidal Krieg geführt wird. Unter Umständen haben wir aber die Möglichkeit, die Verantwortlichen zu verfolgen und zur Rechenschaft zu ziehen. Auch wenn das nicht immer gelingt, sind diese Methoden wichtig und richtig.

Bei aller Empörung über die Kriegsgräuel und allen Gefühlen, die da hochkommen: Ist es also wichtig zu vermitteln, dass man sich mit ethischen Erwägungen nicht selbst in den Nachteil setzt?

Auf jeden Fall. Die Kampfkraft der Ukraine, die sich, wenn Sie so wollen, mehr „Fesseln auferlegt hat“ als die Russen, ist erkennbar viel höher. Brutalität ist nicht mit erfolgreicher Erreichung militärischer Ziele gleichzusetzen; gerade dabei geht es nicht um wahllose Gewaltanwendung. Es ist eben nicht professionell, einfach Wohnblocks umzuschießen – das ist nichts, worauf man als Soldat stolz sein kann.

Herr Professor Behrends, vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Rüdiger Frank. Das Interview wurde am 12. September 2022 geführt.

Zur Person

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Prof. Dr. Jan Claas Behrends studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie an der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin, der University of Wisconsin und der Moskauer Lomonossov-Universität. 2005 promovierte er an der Universität Potsdam. Nach Stationen am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und der University of Chicago hat er seit 2022 die Professur „Diktatur und Demokratie. Deutschland und Osteuropa von 1914 bis zur Gegenwart“ an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder inne.