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Editorial

Am 24. Februar 2022 begann der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Obwohl die Vorbereitungen zu dieser Ausgabe von Ethik und Militär schon weit gediehen waren, kam die Frage auf, ob nicht das Thema „Krieg in Europa“ dringlicher wäre. Ein nachvollziehbarer, aber auch verräterischer Impuls: Gegenüber vermeintlich „harten“ Sicherheitsfragen müssen Genderthemen häufig zurückstehen.

Dabei zeigt das Geschehen in der Ukraine von Neuem sehr deutlich, wie unterschiedlich sich Krisen und bewaffnete Konflikte auf die Geschlechter auswirken. So häufen sich die Indizien für sexualisierte Gewalt vor allem gegenüber Frauen, und für die überwiegend weiblichen Geflüchteten und ihre Kinder besteht ein ernsthaftes Risiko von Ausbeutung und Menschenhandel. Wer wissen möchte, wie Frauen in Konflikten weltweit versehrt, versklavt, verkauft und vertrieben werden, nehme Christina Lambs Buch Unsere Körper sind euer Schlachtfeld zur Hand.

In der im Jahr 2000 verabschiedeten Resolution 1325 zu „Frauen, Frieden und Sicherheit“ („Women, Peace and Security“) benannte der UN-Sicherheitsrat erstmals, dass Frauen unter Kriegen und ihren Begleiterscheinungen oft unverhältnismäßig leiden und zugleich auf beschämende Weise Randfiguren bleiben. Der Text und die Folgeresolutionen leiten daraus Forderungen nach einer gelungenen Teilhabe von Frauen in der Konfliktprävention und -beilegung und einer Berücksichtigung ihrer Belange ab. Es geht mit anderen Worten um Geschlechtergerechtigkeit in Sicherheitsfragen.

Als ich Isadora Quay von der Hilfsorganisation CARE zu Genderaspekten und Benachteiligung von Frauen in der humanitären Hilfe interviewte, gab sie mir zu Beginn ein simples Alltagsbeispiel. Die gleiche Anzahl von Damen- und Herrentoiletten führe aus bekannten Gründen dazu, dass sich vor Ersteren oft eine Schlange bilde. Sollte also, um ein gerechteres Ergebnis zu erzielen – also die gleiche Wartezeit für alle Geschlechter – nicht die Anzahl der Damentoiletten verdoppelt werden? Damit waren wir mitten in einem aufschlussreichen Gespräch über die Gefährdung von Frauen in der Corona-Pandemie, traditionelle Rollenverteilung und Machtverhältnisse sowie Krisen als Chance für Veränderung und mehr Partizipation.

Die vorliegende Ausgabe möchte verdeutlichen, dass die sogenannte WPS-Agenda weit mehr beinhaltet als den Schutz von Frauen in Kriegen oder die Erhöhung des weiblichen uniformierten Personals – so wichtig diese Aspekte auch sein mögen. Die Beiträge beschreiben den normativen Gehalt der Sicherheitsratsresolutionen, beschäftigen sich mit Ursachen, Prävention und Verfolgung sexualisierter Gewalt und den Lebensumständen von Kindern aus Kriegen, analysieren die politische Umsetzung in Nationalen Aktionsplänen und die unethischen Folgen mangelhafter Inklusion von Frauen in Streitkräften. Das Special beleuchtet den Umsetzungsstand der Agenda im Bundesverteidigungsministerium und der Bundeswehr, und Major Isabel Borkstett, stellvertretende Gender Advisor im NATO-Militärstab, erklärt im Interview ausführlich die Relevanz des Themas.

Natürlich herrscht auch unter Verfechterinnen und Verfechtern des Gender-Mainstreamings nicht immer Einigkeit, beispielsweise was die Ausgestaltung einer feministischen Außenpolitik angeht. Dass die Analyse von Geschlechterrollen und korrespondierenden Machtverhältnissen nicht zuletzt im Bereich der Sicherheit einen viel größeren Raum einnehmen sollte, wird aber zu Recht gefordert. Wer „Women, Peace and Security“ als „Frauensache“ abtut, macht es sich zu leicht. Die Agenda geht alle Menschen und alle Institutionen an.

Der Dank der Redaktion gilt allen, die an dieser Ausgabe mitgewirkt haben. Wir sind überzeugt, dass es richtig war, am Thema festzuhalten – und wir laden Sie, liebe Leserinnen und Leser, ein, sich ihr eigenes Urteil darüber zu bilden.

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Rüdiger Frank
Redakteur