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"Jede Soldatin und jeder Soldat muss ein Verständnis für Gender haben"

Die NATO als größtes Verteidigungsbündnis ist in unterschiedlichsten Regionen weltweit tätig und verfügt über einen umfangreichen militärischen und zivilen Apparat. Wie die Agenda Women, Peace and Security Berücksichtigung findet und welchen Stellenwert das Thema Gender für die NATO hat, darüber hat die Redaktion von „Ethik und Militär“ mit Major Isabel Borkstett, Deputy Gender Advisor IMS in Brüssel, gesprochen. Im Interview erklärt sie, was Diversität bedeutet und warum die Genderperspektive über Erfolg oder Misserfolg des Bündnisses entscheidet.

Frau Major Borkstett, zu Beginn eine Definitionsfrage: Was sind Gender Advisor (GENADs), wofür sind sie zuständig?

Vielleicht muss ich zunächst skizzieren, was wir nicht sind; die Tätigkeit der oder des GENAD wird, gerade von deutscher Seite, oft mit dem Auftrag der GleiBMil (militärische Gleichstellungsbeauftragte) gleichgesetzt oder verwechselt, tatsächlich aber gibt es nur sehr wenige Schnittmengen. Zwar geht es auch bei den GENADs um die Frage „Soldat oder Soldatin“, doch weniger aus gleichstellungsrechtlicher Perspektive, sondern mit Blick auf die faktische Notwendigkeit des Einsatzes von weiblichem Personal für eine adäquate Auftragserfüllung. GENADs sind Teil der Beratergruppe im „Special Staff“ des Kommandeurs oder der Kommandeurin, und sie beraten ihre Führung sowie den Stab in allen Angelegenheiten rund um die Implementierung einer Genderperspektive in militärischen Aufgaben und Handlungssträngen. Sie betrachten soziale Rollen und bewerten, was die Streitkräfte im Rahmen ihres Handelns aufgrund dessen berücksichtigen müssen.

Daneben gibt es die sogenannten Gender Focal Points (GFPS), was ist deren Aufgabe?

Gender Focal Points (GFP) sind in Nebenfunktion für die GENADs besondere Ansprechpartner und -partnerinnen in den verschiedenen Bereichen eines Verbandes oder einer Liegenschaft, die für Genderaspekte sensibilisiert sind und auf diese ein Auge im Rahmen der eigenen Zuständigkeiten werfen. So kann jedes Führungsgrundgebiet eine/n GFP benennen, oder jede Kompanie, jede Patrouille et cetera. Wenn der/dem GFP zum Beispiel auf Patrouille etwas auffällt, das GENAD wissen sollte, werden diese beiden sich hinterher austauschen. Hier im NATO HQ haben wir GFPs in jeder Abteilung, die uns zum Beispiel auf Tasker, also spezifische Handlungsanweisungen, und Dokumente aufmerksam machen, die aus der Genderperspektive noch einmal gegengelesen werden sollten. Die Idee ist, dass GENAD ein Netzwerk hat, das bei der Auftragserfüllung unterstützt, denn so ein kleines Office – im NATO HQ sind wir zum Beispiel zwei Dienstposten – kann natürlich nicht überall gleichzeitig sein.

Welche Hard und Soft Skills brauchen GENADs – und sind es eigentlich immer Frauen?

Wie gesagt, es geht um die Einnahme einer Perspektive beim Blick auf reale Szenare, deswegen ist das Geschlecht kein Kriterium zur Wahrnehmung des Dienstpostens. Es gibt in der NATO männliche wie weibliche GENADs. Allerdings wird das Thema irrigerweise oft als „Frauenthema“ wahrgenommen und Nationen besetzen entsprechend, daher ist die Dienstpostenlandschaft im Genderbereich sehr weiblich dominiert. Ich würde mir mehr Parität wünschen.

Was braucht es sonst als GENAD? Ich denke, ein kultur-, sozial- oder politikwissenschaftlicher Hintergrund ist hilfreich, und manchmal auch ein dickes Fell. Man befasst sich intensiv mit teils schwer verdaulichen Themen, zum Beispiel sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe, und ist leider nach wie vor zugleich Projektionsfläche für viel Unverständnis und Aversionen.

Die NATO bekennt sich zur vollständigen Umsetzung der Agenda Women, Peace and Security (WPS) der Vereinten Nationen. Wie wird dies in der gesamten NATO-Organisation abgebildet?

Die Bedeutung der Thematik zeigt sich schon an der Tatsache, dass es die WPS-Sonderbeauftragte des Generalsekretärs gibt – das Thema ist wirklich ganz oben verankert und zieht sich institutionell bis zu den GFPs auf taktischer Ebene durch. Die Gender Community der NATO ist intensiv vernetzt. Als Gender Advisor im HQ stehen wir im engen Austausch mit dem zivilen WPS-Team, unseren GFPs, den GENADs der beiden Kommandobereiche Allied Command Operations (ACO) und Allied Command Transformation (ACT) und ihrem jeweiligen Unterbau, außerdem mit den Delegationen der Mitgliedsstaaten und der Partnernationen sowie mit externen Akteuren wie der EU. Es gibt Beratungsgremien wie das NATO Committee on Gender Perspectives. Zudem hat die NATO einen gerade erst aktualisierten WPS-Aktionsplan und diverse Policies und Richtlinien mit dezidiertem WPS-Fokus, aber wir versuchen daneben, das Thema möglichst querschnittlich in nicht genderspezifische Dokumente zu integrieren.

Gender scheint also breite Berücksichtigung zu finden …

Wichtig ist mir trotzdem zu betonen: „Gender“ lastet nicht allein auf den Schultern der Genderdienstposten – jeder Soldat und jede Soldatin muss ein grundsätzliches Verständnis dafür haben, und die Kommandeurinnen und Kommandeure sind gemäß Bi-Strategic Command Directive 040-001 in der Hauptverantwortung der adäquaten Umsetzung. Genderperspektive ist auch und vor allem Führungsaufgabe.    

Im Bereich Ausbildung bietet die NATO beispielsweise Lehrgänge und ein „Education and Training Package“ zur Genderthematik an. Was beinhalten die Angebote, und sind sie verpflichtend?

Es gibt eine breite Ausbildungslandschaft, die die Nationen nutzen können. Mit dem Nordic Centre for Gender in Military Operations in Schweden hat die NATO sozusagen ein Gender Centre of Excellence, und wir unterstützen ebenso andere Einrichtungen in der Ausbildung, wie etwa das Crisis Management & Desaster Response Centre of Excellence in Bulgarien oder die NATO-Schule in Oberammergau. Die E-Learning-Plattform der NATO, JADL, bietet ebenfalls Gendertrainings an.

Das E&T Package ist ein Angebot, um Gender in nationaler Verantwortung besser in die Ausbildung zu integrieren. Es werden im Wesentlichen Grundlagen der Genderperspektive und praxisnahe Beispiele für den Einsatz vermittelt. Verpflichtend zu nutzen ist es aber nicht, weswegen es leider nicht allzu bekannt ist.

Die Lehrgänge, etwa am Nordic Centre for Gender, richten sich an alle möglichen Zielgruppen. Da gibt es natürlich die NATO-zertifizierte Ausbildung für angehende GENADs − in der Regel Dienstgrad Hauptmann bis Oberstleutnant −, aber es werden auch Trainings für GFPs oder Key-Leader-Seminare für militärische Führungskräfte oberhalb dieser Dienstgradebenen angeboten.

Unser Office vermittelt auch an die entsprechenden Einrichtungen, wenn irgendwo Unklarheiten bestehen, wo man sich oder sein Personal ausbilden lassen kann. Da möchte ich gerne direkt Werbung machen: Man kann sich jederzeit an uns wenden!

Was sind Ihre wichtigsten Aufgaben als Deputy GENAD IMS?

Ich habe ja erwähnt, dass unser Team hier überschaubar groß ist, deswegen macht bei uns mitunter jeder alles. Als Stellvertreterin der GENAD erledige ich natürlich vor allem inhaltliche und administrative Arbeit, während die Chefin eher die Schwerpunkte definiert und unsere grobe Marschrichtung mit der Führung koordiniert.

Im Internationalen Militärstab (IMS) sind wir das Scharnier zwischen ACO und ACT einerseits und unseren Vorgesetzten andererseits, hier geht es also zunächst viel um Abstimmung und Konzertierung. Aber jedes Gender-Advisor-Büro hat auch eigene Verantwortlichkeiten. ACO GENAD, unser Counterpart in SHAPE, kümmert sich im Schwerpunkt um die Einsätze der NATO und lässt ihrer Führung eine entsprechende Genderberatung zukommen. ACT wiederum legt seinen Arbeitsschwerpunkt auf die Ausbildung.

Der IMS hier in Brüssel dient als strategisches Beratungselement des Militärausschusses der NATO, wir beraten also vor allem den Generaldirektor des IMS und die Leitung der Abteilungen zu diversen Themen. Außerdem unterstützt das GENAD-Büro administrativ das angesprochene NATO Committee on Gender Perspectives (NCGP), das genderspezifische Empfehlungen an den Militärausschuss erarbeitet.

Für das NCGP erstellen Sie auch einen jährlichen Bericht. Was wird darin erhoben?

Es handelt sich um die jährliche Analyse der „Summary of the National Reports“, eine komparative Auswertung der Schritte, die die Mitglieds- und Partnerstaaten national hinsichtlich der Implementierung einer Genderperspektive in ihren Streitkräften unternehmen. Das IMS GENAD Office erhebt die Daten, wertet sie aus und erstellt den Report, der dann über den Generaldirektor IMS veröffentlicht wird. Diese Publikation ist einzigartig und ermöglicht es, Errungenschaften, Fortschritte und Herausforderungen im Bereich Gender zu identifizieren.

Wie entwickelt sich beispielsweise der Anteil von Frauen in den Streitkräften der NATO-Staaten und -Partnernationen? Gibt es konkrete Vorgaben wie das 15-Prozent-Ziel der UN?

Wir orientieren uns an der Zielvorgabe der UN, was das Personal für die NATO-Einsätze betrifft. Im Durchschnitt erreicht die NATO das 15-Prozent-Ziel noch nicht, allerdings gibt es da sehr starke nationale Unterschiede − wir reden ja von immerhin 30 Mitgliedstaaten mit jeweils ganz eigenen Entwicklungen in dem Bereich. Einige Nationen sind bereits deutlich darüber, einige andere noch darunter. Deutschland liegt mit knapp 12 Prozent im NATO-Mittelfeld.

Sie haben selbst 2014 die GENAD-Ausbildung in Schweden absolviert. Wie haben Sie diese erlebt?

Der Lehrgang in Schweden war sehr praxisorientiert; damals noch recht „Afghanistan-lastig“, aber die Inhalte werden natürlich über die Zeit den Erfordernissen angeglichen. Die Teilnahme erfolgte mit klarem Auftrag. Ich war in der Interkulturellen Einsatzberatung der Bundeswehr (IEB) und sollte in die Thematik einsteigen, um diese dann in die Ausbildung der IEB einzubinden. Gender ist vor allem ein kultureller Faktor, den man verstehen muss, wenn man den Einsatzraum begreifen und sich darin bewegen will.

Konnten Sie Ihre Kenntnisse denn zur Anwendung bringen?

Tatsächlich konnte ich das Wissen nicht nur theoretisch nutzen und weitergeben, sondern es half mir auch im Einsatz − ich war im Mittelmeer als IEB bei einer Seenotrettung von knapp 1200 Menschen dabei, darunter viele Frauen, Mädchen, Jungen, Schwangere. Außerdem bin ich ausgebildete UN-Militärbeobachterin und werde die Genderperspektive definitiv brauchen, wenn es irgendwann in den UN-Einsatz geht. In der aktuellen Verwendung liegt der Nutzen sowieso auf der Hand …

Warum liegt Ihnen das Thema Gender am Herzen?

Ich bin von dem Wertekanon überzeugt, für den wir als Soldaten und Soldatinnen einstehen und auf den wir einen Eid leisten. Kernbestandteil dieses Wertegerüsts ist die Unantastbarkeit der Menschenwürde, die zu schützen und zu wahren oberstes Gebot sein muss. Das Unrecht, das wir heute in der Welt sehen, ist zu einem wahnsinnig großen Teil geschlechtsbasiert, auch und erst recht im Konflikt bzw. bewaffneten Konflikt. Sexualisierte Gewalt wird in Kriegen weltweit als Waffe eingesetzt, um andere Gruppen zu demütigen und sozial zu zersetzen. Die absolute Mehrheit der Flüchtlinge und Binnenvertriebenen weltweit sind Frauen und Kinder, die meist gleichzeitig eine gesellschaftlich und rechtlich schwache Stellung haben. Als Akteur im Krisengebiet, und das ist die NATO, kann man das nicht ignorieren, sondern es gehört zum Lagebild und muss Folgerungen für das eigene Handeln nach sich ziehen. Die Berücksichtigung einer Genderperspektive kann außerdem Soldatenblut sparen, wenn sie als Schutzkomponente begriffen wird …

… damit sprechen Sie den Punkt an, dass Gender-Mainstreaming zugleich als „force multiplier“ die Effektivität von Einsätzen steigern soll.

Zur Genderperspektive gehört, dass man an seinem eigenen Gender Bias arbeiten muss, um militärisch effizienter zu werden. Es gibt bewaffnete Gruppierungen, die äußerst erfolgreich weibliche (Selbstmord-)Attentäter eingesetzt haben, weil es am Checkpoint niemand für möglich gehalten hatte, dass ein 15-jähriges Mädchen eine ernsthafte Gefahr darstellen könnte. Über Gender und wie es genutzt werden kann, denken gegnerische Gruppen oft sehr viel intensiver nach als wir. Auch das wird oft verkannt.

Selbst in einem so männerdominierten Bereich wie dem Militär geht es also nicht nur darum, den Anteil von Frauen über alle Ebenen zu erhöhen und ein Verständnis für ihre besonderen Belange zu schaffen? Wie und wo kann die Genderperspektive auch für Männer eine wichtige Rolle spielen?

Zunächst einmal ist Genderperspektive nicht mit Frauenperspektive gleichzusetzen. Es handelt sich um ein extrem weites Feld und ein wichtiges Integral der Kernaufgaben der NATO – kollektive Verteidigung, Krisenmanagement und kooperative Sicherheit –, darum genügt es nicht, sich nur auf die Erhöhung des Frauenanteils in den Streitkräften zu fokussieren. Es geht um die Analyse von sozialen Rollen, das heißt, Maskulinitätskonzepte gehören ebenso dazu. Zum Beispiel sind vielerorts insbesondere Jungen stark gefährdet, Minen oder Sprengsätzen zum Opfer zu fallen, weil sie oft kulturell bedingt mehr Freiheiten als Mädchen haben und weiter entfernt vom Elternhaus spielen dürfen. Wenn wir uns der menschlichen Sicherheit verpflichten und Aspekte wie „safe and secure environment“ in unsere Mandate aufnehmen, ist das Bewusstsein für diese Problemlagen erst mal nicht an irgendein Geschlecht gebunden – auch männliche Kameraden müssen da aufgeschaltet sein.

Durch die „Genderbrille“ nimmt man sozusagen mehr wahr?

Der frühere NATO-Generalsekretär Javier Solana hat mal sehr treffend gesagt, dass Sicherheitskonzepte, die sich nicht an der Lage der Menschen ausrichten, zwangsläufig ineffektiv sein müssen. Um es mal sehr deutlich auszudrücken: Wenn wir dieses Verständnis nicht geschlossen entwickeln, drohen wir zu scheitern oder uns mindestens überflüssig zu machen. Wozu und für wen ein Sicherheitsbündnis, wenn es nicht für Sicherheit sorgt? Und ja, mehr Soldatinnen sind hier ein wichtiges Element; die Menschheit ist nun mal nicht homogen männlich-weiß, und wie könnten wir gegenwartstaugliche responsive Ansätze entwickeln, wenn wir diese Diversität nicht intern widerspiegeln? Das heißt aber nicht, dass wir hinter „Gender“ ein Häkchen auf der Checkliste setzen können, wenn es uns gelingt, den Frauenanteil von 12 auf 13 Prozent zu steigern.

Aber es ist bestimmt eine komplexe Aufgabe, überall eine Genderperspektive zu integrieren, von der Konfliktanalyse zur Planung und vor allem im Einsatz. Gibt es Standards oder Best Practices?

Integration bedeutet Querschnittlichkeit. Aktuell wird die Genderperspektive oft noch als „Add-On“ begriffen, etwa indem man an den Operationsplan einen Gender-Annex anhängt. Gender durchzieht aber alle Themen, von der Ausrüstung unserer Truppen über allgemeine logistische Fragen, Informationsaktivitäten, Rules of Engagement bis hin zu Key Leader Engagement und Bedrohungsanalyse. Klar ist das komplex, das ist ja die Herausforderung, und genau deswegen sind unsere Gender Focal Points so enorm wichtig. Da ist eine neue Vorschrift für Counter IED? Lasst GENAD da doch bitte mal einen Blick draufwerfen. Künstliche Intelligenz und autonome Waffensysteme? Die lernen vom menschlichen Bias, deswegen will die NATO in der Entwicklung KI-basierter Technologien proaktive Schritte unternehmen, um ungewollten Bias zu minimieren.

Als humaner Faktor betrifft Gender alle unsere Handlungsfelder, und natürlich haben wir noch nicht Best Practices für das gesamte Spektrum. Aber die Beratungsstellen, zum Beispiel in Form der GENADs, gibt es ja, und unser Nordic Centre for Gender bietet auf seiner Webseite nicht nur für Lehrgangsteilnehmer Lern- und Ausbildungsmaterialien an.

Ein wichtiger Bereich der WPS-Agenda ist der Schutz vor sexualisierter Gewalt in Konflikt- und Krisengebieten. Was unternimmt die NATO, um dies zu gewährleisten?

Das Thema hat einen enorm hohen, traurigen Stellenwert, was sich nicht zuletzt darin zeigt, dass es eigene NATO Policies und Military Guidelines speziell dazu gibt. Unsere Truppen sind verpflichtet, vulnerable Bevölkerungsgruppen vor diesen Grausamkeiten zu schützen, präventiv wie reaktiv. Das beginnt mit der Sensibilisierung für die Dringlichkeit des Themas in der Ausbildung und auf Übungen und reicht über entsprechende Operationspläne bis hin zum Entwickeln von geeigneten Analyse-Tools, zur Zusammenarbeit mit zivilen Hilfsorganisationen vor Ort und zur Integration ins Berichtswesen.

Oft wird argumentiert, dass Frauen im Militär entscheidende Kompetenzen einbringen, etwa für die Aufklärung und Kontakte mit der Bevölkerung vor Ort. Wie sehen Sie das als Offizierin, auch persönlich: Machen Soldatinnen manches anders, haben sie besondere Fähigkeiten?

Zunächst zu dem Aspekt, dass wir mehr Frauen im Einsatz brauchen. Dass das so ist, wird an jedem Checkpoint deutlich. Männer durchsuchen Männer, Frauen durchsuchen Frauen. Wir können in den Gesellschaften, in denen wir uns bewegen und die oft gerade in Geschlechterfragen viel sensibler strukturiert sind als unsere, nicht geringere Standards anwenden als in der Heimat. Auch bei uns am Flughafen werden Frauen von Frauen abgetastet. Das ist zwar ein simples Beispiel, und ich will damit auch nicht sagen, dass wir mehr Diversität für rein praktische Einsatzerfordernisse instrumentalisieren dürfen.

In dem Kontext aber, und das ist meine Anschlussüberlegung, von besonderen „weiblichen“ Wesenseigenschaften zu sprechen, lehne ich kategorisch ab − das sind Biologismen, die stets darauf abzielen, das Trennende vor das Gemeinsame zu stellen. Als ob alle Soldatinnen per se sanftmütiger, feinfühliger oder sonst was wären als Männer. Es geht vielmehr, wie vorhin erwähnt, um die Vorteile von Diversität im Allgemeinen, die uns als Truppe stärkt. Je breiter wir uns aufstellen, desto mehr Potenzial schöpfen wir ab, desto mehr Perspektiven bekommen wir für die Erfüllung unseres Auftrags.

Spätestens durch den Ukraine-Krieg liegt der Fokus noch stärker auf Abschreckung und Bündnisverteidigung. Wird Gender dadurch möglicherweise wieder in den Hintergrund gedrängt?

Wie bereits erwähnt, ist die Genderperspektive ein zentrales Element aller Kernaufgaben der NATO. Wir müssen also durch den aktuellen Fokus keine neue Raison d’Être für die Genderperspektive herbeikonstruieren; die hat im Angesicht des Kriegs in der Ukraine erneut ihre Dringlichkeit bewiesen. Es erreichen uns zahllose Berichte über vergewaltigte Ukrainerinnen oder über Menschenhändler, die Flüchtende noch am Zug abgreifen, um sie zur Prostitution zu zwingen. Männliche Ukrainer über 18 dürfen das Land nicht verlassen – auch das ist Genderperspektive. Mit Gender wird gezielt das Informationsumfeld beeinflusst, etwa wenn ein Bürgermeister Klitschko in Schutzweste am Weltfrauentag vor zerstörten Häusern Blumen verteilt und dies bei Instagram teilt. Und Gender wird gerade auch massiv im Rahmen von Fake News instrumentalisiert. In den Hintergrund rückt das Thema also ganz und gar nicht – im Gegenteil.

Wie beurteilen Sie insgesamt den Stand der Umsetzung der WPS-Agenda in der NATO? Ist die Bedeutung von Gendersensitivität wirklich überall angekommen?

Das Thema hat sich in den letzten Jahren immer weiter etabliert, und ich denke, dass diese Tendenz sich fortschreiben wird. Im Endeffekt ist die NATO immer ein Spiegel ihrer Mitgliedstaaten, von deren Politik und zivil- und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen. Die nationalen Abholpunkte sind da zwar nicht immer gleich, aber die Zeit läuft trotzdem nicht rückwärts. Deutschland etwa tritt mit der neuen Regierung nun auch für eine feministische Außenpolitik ein. Nachholbedarf gibt es, platt gesagt, vor allem beim Zugang zum Thema – hier muss immer noch mit vielen Fehlperzeptionen und Vorurteilen auf der Arbeitsebene aufgeräumt werden. Wenn ich zum Beispiel sage, dass Gender ein Element von hybriden Bedrohungen und Extremismusbekämpfung ist, gucken mich Leute manchmal irritiert an, die davon ausgingen, dass ihnen GENAD nur das Gendersternchen aufnötigen möchte.

Können Sie sich vorstellen, dass das Thema eines Tages so selbstverständlich ist, dass man GENADs und ähnliche Positionen gar nicht mehr benötigt?

Das wäre tatsächlich großartig − aber das sehe ich erst mal nicht. Ich hoffe allerdings, dass der Mehrwert von GENAD wachsende Anerkennung findet und personell so aufgestockt wird, dass wir unsere Beratungsleistung verbreitern können.

Frau Major Borkstett, vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Rüdiger Frank.

Glossar

ACO: Allied Command Operations, verantwortlich für die Planung und Durchführung aller NATO-Einsätze.

ACT: Allied Command Transformation, eines der beiden strategischen Kommandos an der Spitze der militärischen Befehlsstruktur der NATO, zuständig für die militärische Anpassung und die Koordination der Mitgliedsstaaten.

IMS: Internationaler Militärstab, ausführendes Organ des Militärausschusses (MC), des höchsten militärischen Gremiums der NATO.

SHAPE: Oberstes Hauptquartier der NATO-Streitkräfte in Europa.

Zur Person

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Major Isabel Borkstett, geb. 1983, studierte Kulturwissenschaften und (nach Eintritt in die Bundeswehr 2007) Politikwissenschaft an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Nach Abschluss der Offizierausbildung Verwendungen in der Interkulturellen Einsatzberatung der Bundeswehr, wo sie u. a. den Lehrgang „Genderperspektive im Einsatz“ konzipierte, im BMVg (Referat für Innere Führung) und im Internationalen Militärstab der NATO (aktueller Dienstposten als D/GENAD). 2014 Ausbildung zum NATO-zertifizierten Gender Advisor, 2019 zur UN-Militär¬beobachterin. 2017 war sie Interkulturelle Einsatzberaterin bei EUNAVFOR med „Sophia“ im Mittelmeer.

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