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Militärische Tugenden für die heutige Zeit

Von Peter Olsthoorn

Wie lässt sich vermeiden, dass Militärangehörige unrechtmäßig Gewalt anwenden? Ausgehend von den Unzulänglichkeiten eines rein regelbasierten Ansatzes und der Tatsache, dass viele Streitkräfte verstärkt auf Charakterbildung setzen, werden die Eignung der Tugendethik hierfür und typische Herangehensweisen kritisch betrachtet. Die drei untersuchten Komplexe werfen zudem weitere Fragen auf – etwa nach der generellen Vermittelbarkeit von Tugenden –, die eine ernsthafte Auseinandersetzung erfordern.

Zunächst wird anhand der veränderten Aufgaben moderner Streitkräfte die Vorstellung widerlegt, es existierten zeitlose, „klassische“ militärische Tugenden wie körperlicher Mut. Mit Blick auf heutige Missionen erscheinen eher Tugenden der Zurückhaltung erforderlich. Sich dafür auf die vier aufeinander bezogenen und weniger militärspezifischen Kardinaltugenden Mut, Weisheit, Mäßigung und Gerechtigkeit zu beziehen könnte Militär und Zivilgesellschaft einander annähern und wäre zugleich ein konsequenter Schritt in Richtung Persönlichkeitsbildung.

Respekt als Beispiel einer solchen „zeitgemäßen“ inklusiven Tugend wurde bereits in einigen Streitkräften in den Wertekanon aufgenommen. Es zeigt sich aber, dass er sich oft nur auf die Angehörigen der eigenen Organisation bezieht. Ebenso unangemessen ist es, damit moralischen Relativismus zu begründen und unmoralische Praktiken, etwa den verbreiteten sexuellen Missbrauch afghanischer Jungen durch Männer in Machtpositionen („boy play“), widerspruchslos hinzunehmen.

Schließlich wird nach der generellen Eignung eines tugendbasierten Ansatzes für die Ethikausbildung gefragt, denn die sozialpsychologische Forschung hat den starken Einfluss situativer Faktoren auf das Verhalten nachgewiesen. Deren Erkenntnisse machen ihn nicht wertlos, müssen aber in die militärische Persönlichkeitsbildung integriert werden.

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