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Militärische Tugenden für die heutige Zeit

Die Bewältigung internationaler Krisen – von humanitärer Hilfe über friedenserhaltende Maßnahmen bis hin zu friedenserzwingenden Maßnahmen und Wiederaufbau nach Konflikten – stellt gegenwärtig die zentrale Aufgabe der meisten Streitkräfte dar. Es liegt auf der Hand, dass diese neuen Operationen den Angehörigen des Militärs ein hohes Maß an Selbstbeherrschung abverlangen, da sie ihren Dienst unter Bedingungen ableisten müssen, die im Allgemeinen als anstrengend, bisweilen auch frustrierend erlebt werden. Ereignisse im Irak und in Afghanistan, etwa die Tötung von 39 Zivilisten durch australische Spezialeinheiten in Afghanistan im Zeitraum von 2005 bis 2016, zeigen die Bedeutung der Prävention auf. Es muss verhindert werden, dass Militärangehörige die Grenze zwischen legitimer und unrechtmäßiger Gewalt überschreiten.1

Deshalb setzen die Streitkräfte traditionell auf Regeln und Verhaltenskodizes. Regeln verdeutlichen den Soldatinnen und Soldaten, welche Handlungen über die Grenzen des Zulässigen hinausgehen. Eine regelbasierte Ethik verweist auf die Bedeutsamkeit universeller, kategorisch verbindlicher moralischer Normen. Das Vertrauen auf die positive Wirkung von Vorschriften und Kodizes hat jedoch auch seine Schattenseiten. Einigen Positionen zufolge ist die Wirkung von Verhaltenskodizes von vornherein eher begrenzt2, während andere darauf verweisen, regelbasierte Ansätze seien insgesamt zu starr und zudem weitgehend unwirksam, wenn sich keine Zeugen am Ort des Geschehens befänden. Regeln können die individuelle Fähigkeit, den moralischen Aspekt des eigenen Handelns zu erkennen, sogar behindern – auch wenn gerade dies erkennbar eine wichtige Voraussetzung für eine moralisch fundierte Entscheidungsfindung bildet. Obwohl Regeln im Idealfall festschreiben, was gerecht ist, kann dennoch im konkreten Fall das Gegenteil eintreten. Die mehr oder weniger gedankenlose Befolgung von Regeln kann also unter bestimmten Umständen zu „Gehorsamsdelikten“ führen.3 Vorschriften sind im Allgemeinen unflexibel – auch dann, wenn Flexibilität offensichtlich erforderlich wäre. Deshalb sollten Soldatinnen und Soldaten in ihrer Entscheidungsfindung einen gewissen Ermessensspielraum haben.4

Um von dieser Autonomie im Sinne der Ethik Gebrauch zu machen, benötigen Soldatinnen und Soldaten eine entsprechende Bereitschaft. Aus diesem Grund sehen viele Angehörige der Streitkräfte einen tugendbasierten Ansatz für die Militärethik sowie die Ausbildung in diesem Fach als notwendiges Gegenstück zu „von oben“ auferlegten Regeln. Die Tugendethik entspricht der zu beobachtenden Tendenz, in der Ethikausbildung von einem funktionalen zu einem persönlichkeitsbasierten Ansatz überzugehen, der auf die Förderung der menschlichen Qualitäten der Soldatinnen und Soldaten abzielt. Grundlage ist hierbei vor allem die Annahme, dass aus Menschen mit einem schlechten Charakter höchstens effektive, aber vermutlich keine moralisch integren Soldatinnen bzw. Soldaten werden. Ein solcher Ansatz passt gut zu dem Selbstverständnis der meisten Streitkräfte, die in der Charakterbildung eine ihrer wichtigsten Aufgaben sehen. Doch bedauerlicherweise wurde der tugendethische Ansatz vielerorts allzu sorglos übernommen.

In der Tat gibt es eine ganze Reihe offener Fragen rund um die Eignung der Tugendethik für die Streitkräfte. Dieser Beitrag behandelt drei der dringlicheren. Die wichtigste Frage ist natürlich zunächst einmal, welche Tugenden wir brauchen. Entstehen durch den Wandel der militärischen Aufgaben neue Tugenden? Haben bestimmte Tugenden im Laufe der Zeit an Bedeutung gewonnen? Haben andere an Bedeutung verloren? Im Anschluss an die Erörterung dieser Fragen behandelt dieser Aufsatz eine Tugend, die zwar zeitgemäß erscheint, die wir aber vielleicht nicht wirklich brauchen, zumindest nicht in all ihren Ausprägungen. Der letzte Abschnitt vor der Schlussfolgerung befasst sich schließlich mit der ernüchternden Frage, ob Tugenden als solche überhaupt von Bedeutung sind.

Welche Tugenden brauchen wir?

Welche Tugenden die Angehörigen der Streitkräfte von heute brauchen, hängt zumindest teilweise davon ab, ob die Definition einer Tugend von Ort und Zeit abhängig ist. Auf den ersten Blick überzeugt die Behauptung, dies sei grundsätzlich nicht der Fall. Einige militärische Tugenden ziehen sich konstant durch alle Epochen und Kulturen, etwa weil sie wichtige Funktionen in den Streitkräften erfüllen.5 Körperlicher Mut6 als archetypische Militärtugend scheint ein klassischer Fall zu sein. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sich das Verständnis von soldatischem Mut im Lauf der Zeit verändert hat. Aristotelesʼ berühmte Definition von Mut als Mittelwert zwischen Unbesonnenheit und Feigheit etwa7 passte genau zur Hoplitenkriegsführung seiner Zeit: Sowohl ein Übermaß als auch ein Mangel hätte die organisierte Einheit der Phalanx zerstört. In der Gegenwart ist zu beobachten, dass diese Art des körperlichen Muts durch das Entstehen neuer Technologien zumindest für Teile des Militärs obsolet geworden ist: Für Cyberangriffe oder die Steuerung von Drohnen zum Beispiel erscheint sie vollkommen irrelevant. Möglicherweise ist hier Zivilcourage gefragt, eine Unterart von Mut, die uns zur Loyalität unseren Grundsätzen gegenüber verpflichtet, auch gegen konträre Auffassungen.8 Bei anderen typischerweise angeführten militärischen Tugenden, wie Loyalität, Disziplin oder Gehorsam, ist schon deutlich weniger klar zu erkennen, welche positive Rolle sie beispielsweise für Cyberoperationen oder den Betrieb bewaffneter Drohnen erfüllen könnten.9 Noch besorgniserregender ist allerdings, dass die meisten militärischen Tugenden vor allem auf die Interessen und Ziele der Organisation und der Kameradinnen und Kameraden ausgerichtet sind. Sie sind daher eher Mittel zum Zweck anstatt der Selbstvervollkommnung verpflichtet und unterstützen zwar die Erreichung militärischer Ziele, enthalten jedoch kaum einschränkende Vorgaben für das Verhalten gegenüber der Zivilbevölkerung. Wenn wir voraussetzen, dass die traditionellen kriegerischen Tugenden wie körperlicher Mut in aktuellen Konfliktsituationen weniger relevant sind, müssen wir nach Tugenden Ausschau halten, die besser zu den Erfordernissen der heutigen Zeit passen.

Angesichts der veränderten Aufgaben des Militärs geht es bei den heute erforderlichen Tugenden mit hoher Wahrscheinlichkeit eher um Zurückhaltung als um körperlichen Mut, Loyalität und Disziplin. Da die Tugend der Zurückhaltung weniger militärspezifisch ist, ließen sich mit ihr die Streitkräfte besser mit der Zivilgesellschaft in Einklang bringen (und vielleicht auch mit den Grundsätzen anderer Berufe, die den Interessen Außenstehender eine wesentliche Bedeutung zuweisen). Die Betonung solcher Tugenden, die „allgemeinen Moralvorstellungen“ insgesamt näherstehen, würde besser zum aktuellen strebensethischen Trend im Militär passen – wie oben bereits erwähnt, bewegt sich eine Reihe westlicher Streitkräfte auf einen weniger funktionalen Ansatz zu. Nun liegt auf der Hand, dass wesentliche Unterschiede zwischen einer hauptsächlich funktionalen Rollenmoral einerseits und einer der Charakterbildung verpflichteten allgemeinen Moral andererseits bestehen: Sowohl Anwälte als auch Polizisten und Ärzte üben Rechte und Pflichten aus, die anderen Berufsständen mit gutem Grund verwehrt sind.10 Auch die Rollenmoral der Militärangehörigen unterscheidet sich aufgrund der ihnen zugestandenen legitimen Anwendung von Gewalt eindeutig von allgemeiner Moral. Dennoch könnte in diesem Zusammenhang das Argument greifen, für die heutigen Missionen, die oft Zurückhaltung erfordern, bräuchten die Streitkräfte eher nach außen orientierte Tugenden.11 Und dies impliziert keineswegs, dass wir diese Tugenden von Grund auf neu entwickeln müssten. Eher können wir bei der Suche nach solch umfassenden, der charakterlichen Vervollkommnung verpflichteten Tugenden die „allgemeinen“ und altbewährten Kardinaltugenden studieren, etwa bei Platon und Cicero.

Von den vier Kardinaltugenden hat es nur der Mut in die Liste der traditionellen Militärtugenden geschafft. Weisheit, Mäßigung und Gerechtigkeit, die ebenfalls zu den Kardinaltugenden zählend und die heute wahrscheinlich mindestens ebenso gebraucht werden wie Mut, werden meist nicht als militärische Tugenden geführt (auch wenn ein kürzlich erschienener Band zum Thema12 sie aufführt). Das ist bedauerlich, da Weisheit, Gerechtigkeit und Mäßigung ein sehr viel breiteres Spektrum abdecken als die traditionellen militärischen Tugenden. Darüber hinaus umfassen sie typischerweise auch das Element der Zurückhaltung. Die Kardinaltugenden als militärische Tugenden der Gegenwart zu definieren würde auch dem Gedanken gerecht, dass alle Tugenden ein einheitliches Ganzes bilden und man sie sich nicht einzeln aneignen kann. Weisheit ohne Gerechtigkeit kann zum Beispiel der Gerissenheit ähneln. Ebenso nützt Mut wenig, wenn er nicht von praktischer Weisheit geleitet wird, und stellt keine Tugend dar, wenn er nicht einem gerechten Ziel dient. Ähnlich verhält es sich, wenn man nicht den Mut hat, die Gerechtigkeit zu verteidigen; dann ist es auch nicht viel wert, gerecht zu sein. Solche Zusammenhänge fehlen in den eher beliebig zusammengestellten Tugendkatalogen, an denen die Streitkräfte sich gegenwärtig orientieren.

Respekt – eine weniger notwendige Tugend?

Die Kardinaltugenden haben zwar ihren Ursprung in der Antike, können den Streitkräften von heute aber dennoch eine Reihe moderner und umfassender Tugenden an die Hand geben. Interessanterweise erscheint eine offenbar nach außen gerichtete Tugend bereits heute im militärischen Wertekanon: der Respekt. Dass Respekt als Tugend genannt wird, ist jedoch nur auf den ersten Blick ein Zugeständnis an die aktuellen Aufgaben der Streitkräfte: Tatsächlich beschränkt sich diese Tugend im militärischen Kontext oft stillschweigend auf den Respekt gegenüber den Kameradinnen und Kameraden.13 „Respekt“ klingt zwar sehr inklusiv, doch die aktuelle Auslegung einiger Militärbediensteter steht dem im Weg. Sie berücksichtigt nicht, dass die Soldatinnen und Soldaten ihren Dienst oft im direkten Kontakt mit der örtlichen Bevölkerung verrichten. Warum es den Streitkräften im Einzelnen so schwer fällt, externe Akteure einzubeziehen, bleibt ein Rätsel, zumal der Respekt gegenüber Außenstehenden den Respekt gegenüber den eigenen Reihen nicht schmälert. Ein umfassenderes Verständnis dieser Tugend wäre ein begrüßenswerter Schritt in diese Richtung.

Doch Respekt hat als inklusive Tugend auch eine Kehrseite: In bestimmten Fällen kann eine breite Auslegung tatsächlich zu viel des Guten bedeuten. Im Auslandseinsatz treffen Angehörige westlicher Streitkräfte oft auf Sitten und Bräuche der Bevölkerung vor Ort, die mit ihren westlichen Werten kollidieren. Manchmal wird in der Einsatzvorbereitung auch betont, wie wichtig es ist, solche lokalen Gepflogenheiten zu respektieren.14 Aus gutem Grund, denn im Auslandseinsatz sind ausreichende Kenntnisse der Situation vor Ort von grundlegender Bedeutung. Andererseits kann dieser geforderte Respekt dazu führen, dass westliche Soldaten auch in Fällen von Korruption oder grausamer Behandlung von Frauen und Kindern nicht eingreifen. In Afghanistan wurden westliche Militärangehörige regelmäßig Zeuge des sogenannten boy play: ein Euphemismus für das Verhalten von Männern in Machtpositionen, die Jungen dazu zwingen, Tee zu servieren und zu tanzen, und sie sexuell missbrauchen. Ein Soldat, der in Afghanistan im Einsatz war, berichtet, dass das Thema während der einsatzspezifischen Ausbildung überhaupt nicht besprochen wurde. Aber sie hätten gelernt, „dass wir die lokale Kultur zu respektieren haben“15. Im Auslandseinsatz drängt sich den Soldatinnen und Soldaten manchmal der Eindruck auf, die Situation sei „kulturell bedingt und daher unveränderlich“, obwohl dies nicht der Fall ist.16 Auch die allmähliche Aushöhlung der Moral spielt eine Rolle: Ein Angehöriger des niederländischen Militärs erklärte in Bezug auf die Praxis des boy play: „Das Merkwürdige daran ist, dass es immer ‚normaler‘ wird. (...) Nach sechs Monaten fängt man an, sich anzupassen und die örtlichen Gepflogenheiten zu akzeptieren. Wir haben praktisch nie darüber gesprochen, man gewöhnt sich daran.“17

In Wirklichkeit ist die Annahme, der sexuelle Missbrauch von Jungen sei Teil der afghanischen Kultur, natürlich ein Irrtum; wie alle anderen halten die meisten Afghanen diese Praxis für unmoralisch, und die sexuelle Belästigung von Jungen ist mit dem Wertegerüst der afghanischen Gesellschaft keinesfalls zu vereinbaren. Tatsächlich unterbanden ausgerechnet die Taliban die Praxis des boy play während ihrer Regierungszeit recht erfolgreich; nach dem Ende ihrer Herrschaft tauchte es allerdings wieder auf. Nach afghanischem Recht ist es übrigens weiterhin verboten. Doch selbst wenn die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung Kindesmissbrauch für richtig hielte – müsste dies etwa bedeuten, dass dieser Standpunkt respektiert werden sollte? Natürlich nicht, denn Kindesmissbrauch stellt einen klaren Verstoß gegen wichtige Normen der internationalen Ordnung dar. Wenn wir jede Praxis billigen, die bestimmten gruppenspezifischen Normen entspricht, missachten wir die Tatsache, dass wir alle auch zu einer Art weltbürgerlichen moralischen Gemeinschaft gehören. Dass die Mehrheit in bestimmten Gesellschaften bestimmte Praktiken gutheißt, macht diese Praktiken nicht richtig. Eine scheinbar allumfassende Tugend wie Respekt schadet mehr, als sie nützt, wenn sie den Soldatinnen und Soldaten einen Grund liefert, den Blick abzuwenden.

Manchmal wird das Wegschauen mit dem Argument verteidigt, moralische Urteile seien abhängig von Ort und Zeit. Dieser moralische Relativismus leitet sich einerseits aus der empirischen Beobachtung ab, moralische Differenzen seien weitverbreitet, andererseits aus der metaethischen Behauptung, die Wahrheit moralischer Urteile sei „in Abhängigkeit vom moralischen Standard einer Person oder einer Gruppe von Personen“ zu betrachten.18 Einige sind der Meinung, der empirische Befund beweise die metaethische Behauptung. Doch die empirische Aussage ist höchstwahrscheinlich falsch, wie die nahezu universelle Ächtung des Tötens und Stehlens nahelegt.19 Dass die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung das boy play ablehnt, deutet zudem darauf hin, dass über grundlegende moralische Vorstellungen Einigkeit besteht. Was wie ein Dissens über Werte wirkt, ist in Wirklichkeit oft der Dissens über die aus diesen Wertvorstellungen abzuleitenden Verhaltensnormen. Nur die radikalsten Formen des Relativismus sehen keinerlei Daseinsberechtigung für auch noch so grundlegende Kontrollrechte über allzu partikulare Praktiken.20 Wer sich nicht gegen solche Praktiken ausspricht, übersieht auch, dass Toleranz ebenso wie Respekt eine Frage der Gegenseitigkeit ist: Es gibt keine Verpflichtung, Intolerante zu „ertragen“.21

Es stellt sich also die Frage, wo eine Grenze gezogen werden sollte. Laut Thomas Scanlon lässt sich die Frage nach dem Richtig und Falsch gut daran festmachen, „welches Verhalten anderen Menschen aus Gründen heraus als gerechtfertigt erscheinen könnte, denen sie bei entsprechender Motivation vernünftigerweise nichts entgegensetzen könnten"22. Es ist klar, dass die Praxis des boy play diesen Test nicht besteht. Daher ist es wichtig, Respekt durch andere Tugenden zu ergänzen, die als Korrektiv für zu viel Relativismus fungieren und die damit einhergehende Gefahr bannen können, die eigenen Werte beiseitezuschieben. Die bereits erwähnten Kardinaltugenden Gerechtigkeit und Klugheit, aber sicherlich auch der (moralische) Mut bieten sich hierfür an. Solche Tugenden können den Streitkräften in moralischen Zwickmühlen Orientierung bieten, in denen allgemeine Regeln oder Leitlinien aufgrund der Komplexität der Situation nicht ausreichen.

Aber spielen Tugenden überhaupt eine Rolle?

In den vorangehenden Abschnitten standen tugendbasierte Ansätze in der Militärethik im Mittelpunkt – denn die Streitkräfte arbeiten mehrheitlich mit einem solchen, auch deshalb, weil eher regelbasierte Ansätze zu kurz greifen. Ein tugendbasierter Ansatz hat jedoch seine eigenen Nachteile. Insbesondere den, dass ein direkter Zusammenhang zwischen menschlichem Charakter und Verhalten unterstellt wird. Dies könnte genauso gut falsch sein: In den letzten Jahrzehnten hat eine Vielzahl empirischer Untersuchungen gezeigt, dass Situationen das menschliche Verhalten viel stärker bestimmen als der Charakter. Wir neigen dazu, einen grundlegenden Attributionsfehler zu begehen, das heißt, wir unterschätzen den Einfluss situativer Faktoren und schreiben das Verhalten von Menschen zu sehr der Persönlichkeit und dem Charakter zu. Schon intuitiv wissen wir: Um das Gute zu wissen und das Gute zu tun ist nicht dasselbe.23 Vor allem Milgrams berühmte Studien zum Gehorsam und Zimbardos bekanntes Stanford-Prison-Experiment haben zur Verbreitung der Vorstellung beigetragen, dass es von situativen Faktoren abhängt, ob Menschen Unschuldigen schaden.

Ethiker berücksichtigen diese Erkenntnisse über den Einfluss von Situationen auf das Verhalten zunehmend, weil sie befürchten, dass die Tugendethik fälschlicherweise das Individuum in den Mittelpunkt stellt. Die Annahme, dass es an mangelnder Tugendhaftigkeit liege, wenn jemand eine Gräueltat verübt, könnte sich sehr wohl als falsch erweisen. Denn die situativen Kräfte, denen Soldatinnen und Soldaten im Kampf ausgesetzt sind, wirken um ein Vielfaches stärker als die situativen Faktoren, die unzählige Versuchspersonen bei Milgram und Zimbardo dazu brachten, mit den grundlegendsten Verhaltensnormen zu brechen.24 Schlafmangel, Entmenschlichung, Stress, (rassistische) Ideologie, starke Loyalität gegenüber Kollegen und der Organisation sowie negativer Gruppendruck können unethisches Verhalten geradezu unvermeidlich machen.25

Die sozialpsychologische Forschung der Gegenwart stellt die Tugendethik infrage und damit auch jegliches Konzept der militärischen Ethikausbildung, das auf dieser Denkschule aufbaut. Der sogenannte Situationismus, wenn er denn zutrifft, verpflichtet Streitkräfte dazu, das Bewusstsein für die Faktoren zu schärfen, die das Verhalten der Soldatinnen und Soldaten determinieren, und sich um Verbesserung des ethischen Klimas in der Organisation zu bemühen. Zugleich würde dies bedeuten, dass die derzeitige Betonung der Charakterbildung und der Vermittlung von Tugenden in der militärischen Ausbildung letztendlich wirkungslos ist. Allerdings wurde bereits von einigen Seiten darauf hingewiesen, dass das Argument im Kern auf einem unvollständigen oder sogar voreingenommenen Verständnis einiger bekannter sozialpsychologischer Studien beruht.26 Es wird beispielsweise nur von denjenigen Studienteilnehmern bei Milgram und Zimbardo berichtet, die sich dem situativen Druck beugten, nicht aber von den ebenfalls zahlreichen Probanden, die sich widersetzten.27 Zudem geht die Tugendethik nicht davon aus, dass wir bereits tugendhaft geboren werden, sondern vielmehr davon, dass wir uns Tugenden durch entsprechende Anstrengungen aneignen können. Ziel der militärischen Ausbildung ist der Erwerb relevanter Tugenden, sodass gut ausgebildete Soldatinnen und Soldaten durch bestimmte Situationen weniger beeinflusst werden können als durchschnittliche Teilnehmende (häufig Studierende) sozialpsychologischer Experimente.

Die eher unspektakuläre Schlussfolgerung, dass sowohl unser Charakter als auch die Situation einen Einfluss auf unser Verhalten haben, bietet durchaus Raum für Optimismus, was die Sinnhaftigkeit der Charakterbildung angeht. Dennoch bleibt die militärische Ethikausbildung zu sehr der Theorie verhaftet, wenn sie den Unzulänglichkeiten des charakterbasierten Ansatzes nicht ausreichend Rechnung trägt. Sie sollte nicht nur auf die Charakterbildung abzielen, sondern auch einen Einblick in die Faktoren geben, die die Wahrscheinlichkeit unethischen Verhaltens erhöhen. Der Rat der Sozialpsychologie, moralisch herausfordernde Situationen zu vermeiden, ist im militärischen Kontext natürlich nicht besonders zielführend. Doch mit einem besseren Verständnis der situativen Faktoren und deren Einfluss kann deutlich mehr erreicht werden, um die Erosion moralischer Standards aufzuhalten.

Offene Fragen

Soldatinnen und Soldaten brauchen auch heute noch Tugenden zur Orientierung, aber nicht unbedingt solche aus der Kategorie „Pflicht, Ehre, Vaterland“. Die Tugenden, die in einer zeitgemäßen Militärausbildung vermittelt werden, müssen zu den soldatischen Aufgaben der Gegenwart passen. Wenn sich die in den Streitkräften traditionell geförderten Tugenden in den heutigen Konfliktsituationen als nicht mehr hilfreich erweisen, empfiehlt sich die Formulierung eines neuen Kanons. Der vorliegende Text unterbreitet eine Reihe von Vorschlägen zur Erforderlichkeit bestimmter Tugenden und fragt danach, ob Tugenden überhaupt einen wesentlichen Unterschied ausmachen. Doch welche Tugenden sinnvoll erscheinen und ob sie überhaupt wichtig sind, sind nur zwei von vielen Fragen, die sich im Zusammenhang mit einem tugendethischen Ansatz in der militärischen Ethikausbildung stellen. Weitere wichtige Themen: Die Tugendethik basiert auf der Vorstellung, dass Tugenden erlernt werden können, aber trifft das überhaupt zu? Und wenn ja, wie sollte die Vermittlung erfolgen? Wenn Tugenden durch Training und Übung erworben werden, wie kann dann der theoretische Unterricht sinnvoll gestaltet werden? In welchem Alter sollte die Tugendausbildung erfolgen? Wenn wir davon ausgehen, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen noch vor dem Erwachsenenalter herausbildet, steht die Charakterbildung beim Militär vor einer Herausforderung.

Zudem wäre die noch grundlegendere Frage zu klären, ob die Tugendethik tatsächlich eine bessere Grundlage für die militärische Ethikausbildung bildet als die Deontologie und der Konsequentialismus. In der Tugendethik geht es um die Entfaltung der individuellen Persönlichkeit durch Tugenden. Hierdurch erscheint die Tugendethik im Vergleich zum utilitaristischen Credo von der Erreichung des größtmöglichen Glückszustands für die größtmögliche Anzahl Menschen oder zur Goldenen Regel der Deontologie („Was ihr wollt, dass andere euch tun, das tut ihr ihnen“) etwas selbstbezogen. Ein Beispiel: Die Deontologie geht üblicherweise davon aus, Folter sei grundsätzlich zu verbieten, unabhängig davon, was auf dem Spiel steht. Ein Utilitarist hingegen argumentiert möglicherweise, der Schaden, den die Folter verursacht, überwiege ihren Nutzen (dass andere Utilitaristen das Gegenteil behaupten könnten, erklärt wahrscheinlich den schlechten Ruf des Utilitarismus in der Militärethik). Die Tugendethik hingegen würde betonen, dass es vor allem darauf ankomme, selbst zu einem Menschen zu werden, der niemals Folter anwenden würde. Aus der Perspektive der Tugendethik ist die Folter nicht dazu geeignet, „(...) in den sie Ausübenden die Tugenden des Mutes, der Gerechtigkeit, der Mäßigung und der praktischen Klugheit hervorzubringen, sondern eher (...) deren Gegenteil“28. Aber würde sich ein potenzielles Folteropfer für den Charakter der Person interessieren, die die Folter verübt? Um es noch etwas komplizierter zu machen: Die Streitkräfte stehen für Tugenden, die sich auf Ziele außerhalb des Militärs richten, etwa den Erfolg von Missionen oder die Förderung der ethischen Anwendung von Gewalt, wie oben dargestellt. Dies lässt zweifelhaft erscheinen, ob hier wirklich eine Tugendethik praktiziert wird. Die Förderung bestimmter Tugenden aufgrund ihrer positiven Auswirkungen läuft auf das hinaus, was manchmal als Charakterutilitarismus bezeichnet wird.[29] Dies ist nicht unbedingt negativ zu bewerten, aber eine solche Haltung zeugt von einer eher funktionalen Einstellung zur Ethik. Die militärethische Ausbildung sollte den Mut haben, sich ernsthaft mit diesen Fragen und Problemen auseinanderzusetzen, anstatt sie weitgehend zu ignorieren.

1 Der Generalinspekteur der australischen Verteidigungskräfte (2020): Bericht zur Afghanistan-Untersuchung. https://afghanistaninquiry.defence.gov.au/sites/default/files/2020-11/IGADF-Afghanistan-Inquiry-Public-Release-Version.pdf (Stand: 15.11.2021).

2 Verweij, Desiree, Hofhuis, Kim und Soeters, Joseph (2007): Moral Judgment within the Armed Forces. Journal of Military Ethics, 6 (1), S. 19−40, S. 24, 34.

3 Kelman, Herbert C. und Hamilton, V. Lee (1989): Crimes of Obedience: Toward a social psychology of authority and responsibility. New Haven.

4 In einem Lehrbuch für Militärethik heißt es: „Wenn Gesetz und Ethik unterschiedliche Standards vorgeben, wird ein Angehöriger des militärischen Berufsstandes immer dem höheren, also zwangsläufig dem von der Ethik geforderten Standard folgen.“ Coleman, Stephen (2013): Military Ethics. Oxford, S. 268. Übersetzung aus dem Englischen.

5 Siehe auch Neitzel, Sönke (2020): Deutsche Krieger: Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte. Berlin; French, Shannon E. (2013): The Code of the Warrior. Lanham, MD X.

6 Anmerkung der Redaktion: Im Original heißt es „physical courage“ (im Gegensatz zu „moral courage“, wo nicht der körperliche Einsatz, sondern die Prinzipientreue im Mittelpunkt steht). Diese Unterscheidung kann mit den deutschen Begriffen „Mut“, „Zivilcourage“ oder „Tapferkeit“ nicht adäquat wiedergegeben werden.

7 Aristoteles; Nikomachische Ethik. Übersetzt und kommentiert von Franz Dirlmeier. 10. Aufl. Berlin 1999, 1115.

8 Peter de Lee beschreibt den Fall einer Unteroffizierin (Acting Sergeant), die Aufsicht über ein Reaper-Team führte und entgegen der Meinung aller Anwesenden darauf beharrte, bei einem Paket auf dem Rücksitz eines Motorrads, das von einer Taliban-Zielperson gesteuert wurde, handele es sich in Wirklichkeit um ein Kind – was sich schließlich auch als wahr herausstellte. Lee, Pater (2019): Case Study 2: Moral Courage. In: Skerker, Michael, Whetham, David und Carrick, Don (Hg.): Military Virtues. Havant.

9 Siehe auch Olsthoorn, Peter (2021): Ethics for Drone Operators: Rules versus Virtues. In: Enemark, Christian (Hg.): Ethics of Drone Strikes Restraining Remote-Control Killing. Edinburgh.

10 Coleman, Stephen (2013), S. 37−39.

11 Man könnte jedoch auch argumentieren, die Verbindung des funktionalen Ansatzes mit einem hohen Selbstanspruch erfolge bereits dadurch, dass die Streitkräfte sowohl „allgemeine“ Tugenden wie Integrität und Ehrlichkeit als auch eher militärspezifische Tugenden wie Mut und Disziplin zu vermitteln suchen.

12 Siehe Skerker, Michael, Whetham, David und Carrick, Don (Hg.) (2019): Military Virtues. Havant.

13 Die US-Armee beschreibt Respekt als „Vertrauen darauf, dass alle die ihnen zuerkannten Aufgaben erfüllt haben“. Ergänzend heißt es, dass „die Armee ein zusammengehörendes Team darstellt, in dem alle etwas beizutragen haben“. Diese Definition beschränkt den Respekt auf die anderen Militärbediensteten. https://www.army.mil/values/ (Stand: 15.11.2021). Übersetzung aus dem Englischen. Die niederländischen Streitkräfte veröffentlichten 2006 einen Verhaltenskodex, der unter anderem den Satz enthält: „Ich behandle jeden Menschen mit Respekt.“ Die zugehörige Erläuterung stellt klar, dass sich „jeden Menschen“ auf die Kameradinnen und Kameraden bezieht.

14 Schut, Michelle (2015): Soldiers as Strangers: Morally and Culturally Critical Situations during Military Missions. Dissertation, Nijmegen, S. 106. Übersetzung aus dem Englischen.

15 Schut, Michelle (2015), S. 116. Übersetzung aus dem Englischen.

16 Schut, Michelle (2015), S. 94. Übersetzung aus dem Englischen.

17 Schut, Michelle (2015), S. 116. Übersetzung aus dem Englischen.

18 Gowans, Chris (2021): Moralischer Relativismus. In: Zalta, Edward N. (Hg.): The Stanford Encyclopedia of Philosophy, Ausgabe Frühjahr. https://plato.stanford.edu/archives/win2016/entries/moral-relativism/

19 Gowans, Chris (2021).

20 Siehe auch Donnelly, Jack (1984): Cultural relativism and universal human rights. Human Rights Quarterly, 6, S. 400−419.

21 Forst, Rainer (2017): Toleration. In: Zalta, Edward N. (Hg.): The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Ausgabe Herbst. https://plato.stanford.edu/archives/fall2017/entries/toleration/

22 Scanlon, Thomas M. (1998): What We Owe to Each Other. Cambridge, MA, S. 5.

23 Arjoon, Surendra (2008): Reconciling Situational Social Psychology with Virtue Ethics. International Journal of Management Reviews 10 (3), S. 221−243, S. 235.

24 „Wenn situativer Druck der Art, wie er in der Dokumentation der Experimente beschrieben wurde, die Ausübung normativer Kompetenz beeinträchtigen kann, können wir mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass der extreme und oft über längere Zeiträume anhaltende situative Druck, wie er für den Krieg typisch ist, zu ziemlich schweren Beeinträchtigungen der normativen Kompetenz führen kann.“ Doris, John und Murphy, Dominic: From My Lai to Abu Ghraib: The Moral Psychology of Atrocity. Midwest Studies in Philosophy 31 (1), 2007, S. 25−55. Übersetzung aus dem Englischen.

25 Doris, John und Murphy, Dominic (2007).

26 Croom, Adam M. (2014): Vindicating Virtue: a Critical Analysis of the Situationist Challenge Against Aristotelian Moral Psychology. Integrative Psychological and Behavioral Science 48 (1), S. 18−47.

27 Siehe zum Beispiel Griggs, Richard A. und Whitehead III, George I (2014): Coverage of the Stanford Prison Experiment in Introductory Social Psychology Textbooks. In: Teaching of Psychology 41 (4), S. 318−324; Perry, Gina (2013): Behind the Shock Machine: The Untold Story of the Notorious Milgram Psychology Experiments. New York.

28 Gordon, Rebecca (2014): Mainstreaming torture: ethical approaches in the post-9/11 United States. New York, S. 121. Übersetzung aus dem Englischen.

29 Railton, Peter (1988): How Thinking about Character and Utilitarianism Might Lead to Rethinking the Character of Utilitarianism. Midwest Studies in Philosophy, 13, S. 398−416.

Autor

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Peter Olsthoorn ist außerordentlicher Professor für militärische Führung und Ethik an der Niederländischen Akademie für Verteidigung. Sein Lehrstuhl deckt neben Führung und Ethik die Gebiete Streitkräfte und Gesellschaft, Krieg und Medien sowie Ethik und Grundrechte bei Frontex ab. Er forscht vor allem zu militärischen Tugenden, militärischer Medizinethik, bewaffneten Drohnen und Ethik des Grenzschutzes. Er ist Autor zahlreicher Publikationen, unter anderem von „Military Ethics and Virtues: An Interdisciplinary Approach for the 21st Century“ (Routledge, 2010).