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Tribal cultures und Innere Führung – ein Widerspruch?

Von Sönke Neitzel

An der Sinnhaftigkeit der Kernideen der Inneren Führung kann mit Blick auf die deutsche Militärgeschichte kein Zweifel bestehen – genauso wenig wie an Ihrer konkreten Ausformulierung, etwa im Beschwerdewesen oder im Parlamentsvorbehalt. Kritisch ist jedoch ihre Überfrachtung als Theoriegebäude zu sehen. Hier wird die These aufgestellt, dass dem von Beginn an kontroversen Konzept für die Motivation vieler Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten – genauso wie für die Entwicklung von Demokratiebewusstsein und Rechtsverständnis in den Streitkräften – eine geringere Bedeutung zukommt, als viele seiner Verfechter wahrhaben wollen.

Militärsoziologische Erkenntnisse über Faktoren für Motivation und Zusammenhalt können auch für die Bundeswehr nicht ausgeblendet werden. Der Beitrag rückt vor allem den Begriff des tribes in den Fokus. Er wurde in Analogie zu kriegerischen Stammeskulturen für wirkmächtige kulturelle Entitäten in den Streitkräften geprägt. In der Bundeswehr lässt sich dieser auf die Truppengattungen anwenden, die sich durch Waffenfarben und – speziell in den Kampftruppen –spezifischen Merkmale und Verhaltensweisen abgrenzen, die durch ihren je eigenen Auftrag geprägt werden und idealerweise horizontale und vertikale Kohäsion verknüpfen.

Solche auch durch einen Kämpferhabitus gekennzeichneten tribal cultures stehen zu Unrecht in Teilen der politischen und militärischen Führung im Generalverdacht, ein staats- und verfassungsfernes Sonderethos zu fördern und zu festigen. Dass sie im Zusammenwirken mit anderen Faktoren zu einer zunehmenden Abgrenzung von der Gesellschaft und der Bundeswehr als übergeordneter Institution führen können – bis hin zum Rückzug in vordemokratische oder gar rechtsextreme Haltungen, wie etwa in Teilen des KSK geschehen –, muss natürlich ernst genommen werden. Um dieser Gefahr zu begegnen, bräuchte es unter anderem eine ehrlichere Auseinandersetzung über verbreitete Traditions- und Vorbilder.

Mit Vorstellungen eines eher mediatorisch agierenden „Vorzeigemilitärs“ mögen tribal cultures in Teilen schlecht zu vereinbaren sein. Wer sie jedoch pauschal als Gegenbild zu den Idealen der Inneren Führung verteufelt, verkennt ihren insgesamt stabilisierenden und bindungsfördernden Effekt.

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