Zum Inhalt springen

Tribal cultures und Innere Führung – ein Widerspruch?

Auf Umwegen wirksam: Die Innere Führung

Zu keinem Aspekt der Bundeswehr ist so viel Papier bedruckt worden wie zur Inneren Führung (IF). Die Diskussionen darüber sind so alt wie die Institution selbst, und ein Ende der Debatte ist nicht absehbar. Aber warum ist das eigentlich so? Kontrovers ist gewiss nicht der Kern ihres Inhalts: Gegen gute Menschenführung kann niemand etwas haben, und die Werte und Normen des Grundgesetzes auf die Streitkräfte der Republik zu übertragen bedarf eigentlich keiner weiteren Begründung. Wie sollte es auch anders sein, zumal nach den Erfahrungen mit der Reichswehr und der Wehrmacht.

Diskutiert wird vielmehr, was diese Prinzipien in der Praxis konkret bedeuten sollen. In der Gründungszeit der Bundeswehr wurde darüber besonders heftig gestritten. Zwischen Wolf Graf von Baudissin und seinem ehemaligen Mitarbeiter Heinz Karst entbrannte ein auch in der Öffentlichkeit ausgetragener Disput. Und dies obwohl alle Protagonisten der frühen Debatten die Grundprinzipien der IF befürworteten, auf dem Boden des Grundgesetzes standen und etwa auch den 20. Juli als Referenzpunkt für die Tradition akzeptierten. Im Kern drehte sich der Streit darum, wie viel Ausrichtung auf den Krieg es in der neuen Armee geben dürfe. Wie weit musste der Habitus der neuen Streitkräfte zivilisiert werden, um junge Soldaten zum Dienst an der Waffe zu motivieren und ihnen im Systemkonflikt mit dem Ostblock Orientierung zu geben? Vielen gingen Baudissins Forderungen zu weit, so auch dem ersten Kommandeur des Zentrums für Innere Führung, Arthur Weber, der sich 1969 mit zehn offenen Briefen demonstrativ gegen seinen einstigen Förderer stellte.1 Aber auch die prägenden Figuren der Gründergeneration wie etwa Adolf Heusinger, Johann Adolph von Kielmansegg, Hans Speidel oder auch Ulrich de Maizière hielten die reine Lehre Baudissins nicht für praxistauglich. Da jeder die Akzente etwas anders setzte, kam schließlich ein Kompromiss heraus. Die Vorschriften zur IF waren typische Produkte eines ministeriellen Apparats, in dem kein Entwurf so zurückkommt, wie er den Schreibtisch des Referatsleiters verlässt. Das Ergebnis ist gut im Handbuch für Innere Führung aus dem Jahr 1957 nachzulesen.2 Dieses ging Baudissin gewiss nicht weit genug, anderen war es schon zu viel des Guten. Im Ringen um die Mitte folgten mehrere Überarbeitungen, später dann Zentrale Dienstvorschriften, die sich stets an den aktuellen Diskurs in Gesellschaft und Streitkräften anzupassen suchten. Freilich ist das Handbuch bis heute das offizielle Dokument, in dem sich die Bundeswehr am gründlichsten und intensivsten mit der Inneren Führung auseinandergesetzt hat – weshalb die Lektüre noch immer lohnt.3

Von Anfang an war die Innere Führung zentraler Bestandteil des institutionellen Referenzrahmens der Bundeswehr. Als solche war sie nicht nur auf die Wirkung nach innen ausgerichtet. Sie diente auch als Argumentationshilfe nach außen, als Beleg für die Integration der Streitkräfte in Staat und Gesellschaft, dafür, dass man Konsequenzen aus der Geschichte gezogen hatte und sich von Reichswehr und Wehrmacht abhob. Bei Skandalen und Krisen war die IF ein gerne gebrauchtes Argument gegen allzu pauschale Verurteilungen. Ihre Bedeutung ging also weit über die kurzen Statements etwa im Army Leadership Code hinaus, mit dem das britische Heer auskommt.4

Die Vorschriften zur IF wurden in den vergangenen 60 Jahren immer wieder angepasst, zuletzt 2017. Vielen Soldaten blieben die Handbücher und Vorschriften indes zu abstrakt. Schnell war vom „Inneren Gewürge“ die Rede, von purer „Theologie“, von „Beschwörungsformeln“, von reinen Lippenbekenntnissen.5 Wenngleich vielfach unreflektiert, sind solche harschen Urteile doch nachvollziehbar. Eine einfache, konkrete, allgemein verständliche Definition für die soldatische Praxis ist bislang nicht vorgelegt worden. Stattdessen erlebt der teilnehmende Beobachter Vorgesetzte, die mit vorgefertigten Sprechteilen über die IF reden, oder er liest in wissenschaftlichen Arbeiten aus der Feder von Offizieren, in denen am Ende stets der Beweis erbracht wird, dass die IF gut sei. Getreu dem Motto: Quod erat demonstrandum. Das Hauptproblem der IF ist nicht der Kern ihres Inhalts, sondern offensichtlich die Vermittlung und die Überfrachtung.

Tendenziell wurde in der Geschichte der Bundeswehr von der IF zu viel für die Motivation der Soldaten erwartet. Gewiss: Im Unterschied zu den Vorgängerarmeen konnte man in der Bundeswehr einen Befehl verweigern, man konnte sich beschweren, es gab einen Wehrbeauftragten, ein Kontrollrecht des Parlaments. Dies waren alles außerordentlich wichtige Errungenschaften, die einen anderen Rahmen schufen als in der Wehrmacht oder der Reichswehr. Ob dies aber zur Motivation der Masse der Soldaten beitrug, weil die Demokratie damit auch in der Armee erfahrbar wurde, erscheint mehr als fraglich. Der Verfassungspatriotismus, auf den die reine Lehre der IF zielt, setzt einen politisch bewussten Soldaten voraus. So etwas gab es bei den Berufssoldaten, vor allem bei den Stabsoffizieren, die in der Anfangszeit der Bundeswehr ja auch noch selbst den Nationalsozialismus erlebt hatten und den Wert der neuen Gesetze und Verordnungen beurteilen konnten. Aber ganz sicher gab es das nicht bei der großen Masse der Wehrpflichtigen, die den Dienst zumindest seit Ende der 1960er-Jahre zu einem nicht unerheblichen Teil als sinnfreien Zwangsdienst empfanden – allen demokratischen Errungenschaften der Bundesrepublik und ihrer Armee zum Trotz.

Zu allen Zeiten ist die Bedeutung der Identifikation der Soldaten mit dem jeweiligen politischen System für ihre Motivation wohl überschätzt worden. Weder waren 1914 alle Soldaten kaisertreu, noch waren 1939 alle Nationalsozialisten. Und in der Bundesrepublik war die Haltung der Mehrheit der Wehrpflichtigen zum Grundgesetz wohl eher indifferent.

Dies bedeutet freilich nicht, dass der politische Rahmen und damit auch die darauf bezogene IF gar keine Wirkung entfaltet hätten. Das Demokratiebewusstsein entwickelte sich allerdings weniger durch politischen Unterricht und staubtrockene Vorschriften als durch die normative Kraft des gesellschaftlichen Lebens. Für die Bundesrepublik hieß dies, dass Schule, Beruf, Elternhaus und Freizeit den Soldaten ein Verständnis von Werten und Normen vermittelten, die sie sich wohl nur selten bewusst machten, die aber gleichwohl vorhanden gewesen sind. Die allermeisten Soldaten hatten eine klare Vorstellung von Recht und Unrecht, davon, was man tut und was man nicht tut, und zwar jenseits ermüdender Belehrungen. Und dieser Referenzrahmen hat sich gewiss von früheren Zeiten und wohl auch von anderen Armeen unterschieden. 2010 gab es Kompaniechefs, die in Char Darah im Feuergefecht standen und keine klare Vorstellung vom Inhalt der IF hatten. Und trotzdem wussten sie ihre Soldaten zu motivieren und wirkungsvoll gegen eine Verwilderung der Sitten und Gebräuche einzutreten. Der demokratische footprint fand in allererster Linie auf dem indirekten Weg über die gesellschaftliche Prägung Eingang in die Bundeswehr. Und: Wahrscheinlich wäre das Gesamtergebnis, so meine These, kein wesentlich anderes gewesen, wenn die vielen Handbücher und Vorschriften zur IF nie geschrieben worden wären, sondern die Bundeswehr ähnlich wie andere Streitkräfte lediglich in knappen Worten an die Werte der Republik erinnert hätte.

Tribal cultures als Elemente der Kohäsion

Der erfreuliche Befund ist also, dass die allermeisten Bundeswehrsoldaten nach den Grundprinzipien der Inneren Führung handelten, wenngleich ihnen das so gar nicht bewusst gewesen sein dürfte. Dies bedeutet aber auch, dass in ihrer sozialen Praxis noch andere Referenzpunkte existiert haben müssen. Die Militärsoziologie hat die Quellen für die Motivation von Soldaten überzeugend herausgearbeitet. Auf einer vertikalen Ebene ist neben dem Bezug zu Staat und Gesellschaft auch die Perzeption der Streitkräfte als Institution von Relevanz. Wird etwa die politische und militärische Führung als kompetent, fair und wahrhaftig wahrgenommen? Sodann sind Anlass, Ziel und Erfolgsaussichten eines Einsatzes von Bedeutung. Daneben wurde schon früh auf der horizontalen Ebene auf die Relevanz der Primärgruppen hingewiesen, also jener Personenverbünde, zu denen der engste soziale Kontakt bestand und der im Militär Verbände bis zur Kompaniestärke umfasste.6

In der Verbindung der horizontalen und vertikalen Ebene spielen die Truppengattungen eine erhebliche Rolle für den Zusammenhalt der Streitkräfte. Diese bilden innerhalb der Bundeswehr spezifische Gemeinschaften, formen einen eigenen Habitus, schufen eigene Traditionsbilder und Riten, wodurch die Kultur der Streitkräfte zusätzlich ausdifferenziert wurde.

Das weithin sichtbare Merkmal der Truppengattung ist die Waffenfarbe, die zur Abgrenzung und damit zur Identitätsstiftung seither von besonderer Bedeutung ist. Mit der Einführung der feldgrauen Uniform 1909 waren die Waffengattungen in Deutschenland nur noch durch farblich unterschiedlich gestaltete Schulterstücke, Kragenspiegel und Rangabzeichen zu erkennen. Bis heute ist in der Bundeswehr der Begriff der „Fehlfarbe“ jedem geläufig. Daneben sind mittlerweile auch die Abzeichen und die Farben der seit 1971 eingeführten Barette von besonderer Bedeutung, die in der Regel nicht mit der Waffenfarbe identisch sind.

Ich habe die Kulturen der Truppengattungen unlängst als „tribal cultures“ bezeichnet, weil sie in gewisser Hinsicht unterschiedlichen Stämmen gleichkommen, die gleichwohl alle Teile einer Gesamtorganisation sind. Der Begriff tribe wird in der Anthropologie und Ethnologie zur Beschreibung der Kulturen etwa von amerikanischen First Nations verwendet. Nun wird man die Fallschirmjäger, Panzergrenadiere oder Artilleristen der Bundeswehr nicht mit den Stammesgruppen nordamerikanischer First Nations gleichsetzen können, zumal deren soziale Binnenorganisation sehr unterschiedlich war und die Begriffe nation, tribe, band oder clans nicht trennscharf verwendet werden. Parallelen gibt es aber insofern, als manche indigene Völker sich in Untergruppen aufteilten, die sich in Lebensweise, Dialekt, sozialer Zusammensetzung abgrenzten und auch äußerlich voneinander zu unterscheiden waren. Gleichwohl unternahmen sie zusammen Kriegszüge, wechselten zuweilen gar die Gruppen, die sich in freundschaftlicher Rivalität verbunden waren. Sie hatten aber alle das Bewusstsein, zur selben Gemeinschaft – nation – zu gehören.

Der Begriff tribal cultures ist zuerst zur Beschreibung der Kulturen britischer Regimenter verwendet worden, die in den Landstreitkräften des Vereinigten Königreichs eine prägendere Rolle spielen als die Truppengattungen. Fasst man den Begriff tribe als Bezeichnung für wirkmächtige kulturelle Entitäten in Streitkräften auf, versteht man im internationalen Vergleich darunter also durchaus unterschiedliche Dinge. Im Kontext der deutschen Militärgeschichte bildeten die Truppengattungen ein eigenes Deutungssystem. In ihrer Wirkmächtigkeit sind sie nicht zu unterschätzen, und ihre Bedeutung sollte auch für das Gesamtsystem Bundeswehr ernst genommen werden. Sie verbanden die Kohäsion der Kompanien und Züge – der sogenannten Primärgruppen – auf einer vertikalen Ebene mit der Gesamtorganisation. Auch die Generale und Admirale als die Spitzenvertreter der Streitkräfte ordneten sich – zuweilen geradezu demonstrativ – einer Truppengattung zu und waren damit von Soldaten der verschiedenen tribes als die Ihren zu erkennen. Die tribal cultures spannten sich also von den kleinsten Verbänden bis weit in die Führungsspitze und konnten so eine Art Transmissionsriemen zwischen „oben“ und „unten“ bilden.

Alle Truppengattungen und Dienstbereiche der Bundeswehr haben eine tribal culture, allerdings ist diese unterschiedlich stark ausgeprägt. In der Luftwaffe vielleicht ein Stück weniger, weil hier die Idee des die Dienstbereiche übergreifenden „Teams“ eine größere Bedeutung hat. Bei der Marine und vor allem beim Heer sind die tribal cultures wohl deutlich konturierter, wobei vergleichende Studien bislang fehlen.

Je näher sich der Auftrag einer Truppengattung am scharfen Ende des militärischen Berufes befindet, desto ausgeprägter scheinen die tribal cultures zu sein. Besonders gut lassen sie sich etwa bei den Heeresaufklärern, der Jägertruppe oder auch den Fallschirmjägern studieren. Gerade Letztere sind für gewöhnlich schon an ihrem äußeren Habitus zu erkennen, der durch Haarschnitt und körperliche Fitness markiert wird. Kulturprägend ist für sie die Luftlandung und die dadurch erzeugte besondere Gefechtssituation. Überraschung, Improvisation, aber auch der Zwang, einen einmal begonnenen Kampf gewinnen zu müssen, weil es in der Regel keine Rückzugsmöglichkeit gibt, prägen die Kultur dieser Truppe. Das Fallschirmspringen hatte in der Bundeswehr zwar noch nie einen wirklichen operativen Wert. Gleichwohl ist es für diese Truppengattung – wie auch für die Spezialkräfte – kulturprägend. „Nichtspringer“ können nur bedingt Teil der Gemeinschaft werden, und jeder neu versetzte Kommandeur tut gut daran, sich baldmöglichst nach seinem Amtsantritt aus dem Flugzeug zu stürzen, wenn er die Achtung seiner Soldaten gewinnen will. Dabei kommt es nicht auf die militärische Bedeutung dieses Aktes an. Denn in der militärischen Praxis ist es vollkommen unbedeutend, ob ein Kommandeur mit dem Fallschirm abspringen kann oder nicht. Selbst für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass er dies im Ernstfall einmal wirklich tun müsste, gäbe es heutzutage sogar die Möglichkeit eines Tandemsprunges. Die kulturelle Bedeutung überragt die praktische Bedeutung bei Weitem.

Die Fallschirmjäger haben sich seit ihrer Aufstellung 1955 ein Elitebewusstsein bewahrt und pflegten ihre tribal culture mit besonderer Hingabe. Erleichtert wird dies dadurch, dass diese Truppengattung zahlenmäßig immer überschaubar war. Innerhalb der Bundeswehr wurde diese Kultur durchaus kritisch gesehen, zumal mancher Beobachter den militärischen Wert der Luftlandebrigaden im Kalten Krieg als denkbar begrenzt erachtete und meinte, dass zu irgendeinem Elitegebaren kein Anlass bestünde. Manche verspotteten die Fallschirmjäger als „Aufklatscher“ oder „Fallobst“. Gleichwohl scheint der Ruf, eine besondere Truppe zu sein, dann doch eine Wirkung gehabt zu haben. Bemerkenswert ist nämlich, dass die Luftlandetruppe selbst zu Zeiten großen gesellschaftlichen Protests gegen das Militär – etwa 1968 oder während des NATO-Doppelbeschlusses – nie Nachwuchssorgen hatte. Und mancher General trägt heute stolz und demonstrativ das bordeauxrote Barett, obwohl er erst im fortgeschrittenen Alter gewissermaßen als Artfremder zu dieser Truppengattung hinzugestoßen ist. Nur wenige grenzen sich so deutlich sichtbar ab wie etwa Generalleutnant Jörg Vollmer. Er trug als Inspekteur des Heeres demonstrativ wieder sein grünes Panzergrenadierbarett und gab damit ein klares Signal, welcher tribal culture er sich zugehörig fühlt.

Bindungs- und Entkoppelungstendenzen in der Bundeswehr heute

Steht der in manchen Truppengattungen gepflegte Habitus des Kämpfers im Gegensatz zur Inneren Führung? Etliche Beamte und Offiziere der Bundeswehr vertreten diese Meinung. Sie sehen insbesondere in der Generation Afghanistan die Tendenz zur Reduzierung der Streitkräfte auf den Willen zum Kampf und auf ein überzeitliches Kämpfertum. Es werde einem Tugendfundament das Wort geredet, das mit dem demokratischen und zivilgesellschaftlichen Wertekanon nicht vereinbar sei. Den miles bellicus würden vom Staatsbürger in Uniform Welten trennen, da Letzterer von der tiefen Überzeugung geleitet werde, als Soldat für demokratische Werte wie Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit einzustehen. Je mehr sich ein militärisches Sonderethos herausbilde, desto mehr werde sich die Bundeswehr von der postheroischen Mehrheitsgesellschaft entfernen. Politik und militärische Führung müssten daher verhindern, dass vorgestrige Kriegskonzepte größere Bedeutung für die Konstruktion soldatischer Berufsidentitäten gewännen.7

Gewiss haben all jene, die in Soldaten vor allem Mediatoren, Kulturmittler und social worker erblicken, für die die Bundeswehr vor allem ein innenpolitisches Projekt ist, mit dem Habitus der Kampftruppen ein Problem. Mancher sieht aktuell ein Netzwerk finsterer Reaktionäre am Werk, da im Heer und neuerdings sogar in der Marine vermehrt von Kriegstauglichkeit und Siegeswillen die Rede ist.

Gleichwohl schließen sich Innere Führung und die tribal cultures selbst der Kampftruppen nicht aus. Deren Vertreter würden das auch vehement zurückweisen. Die gute Menschenführung ist ohnehin konstituierend für einen Zusammenhalt der Truppengattung. Niemand ist stolz auf sein Barett, wenn er damit nur Schikane verbindet. Und für diese Republik zu kämpfen, sich ihren Werten und Normen zugehörig zu fühlen und sie als prägend für die Streitkräfte anzusehen, schließt auch einen rustikalen Habitus, wie er zuweilen in der Kampftruppe gepflegt wird, nicht aus. Dieser ergibt sich nicht aus einem Gegensatz zur Inneren Führung, sondern aus dem Auftrag des Kämpfens. Die IF ist von ihren Gründervätern nicht als weiche Welle, sondern als konstitutiver Bestandteil kampffähiger und kampfwilliger Streitkräfte gedacht worden. Wer die Bundeswehr freilich nur als innenpolitisches Projekt begreift, dessen Hauptaufgabe der Beweis von Demokratietauglichkeit des Militärs ist, wer meint, dass Kampf eine „vorgestrige“ Aufgaben ist, führt den Zweck von Kampftruppen ab absurdum.

Zweifellos fördern tribal cultures Eigendynamiken, weil es – wo sie intensiv ausgeprägt sind –geschützte Räume für alternative Deutungen und Praktiken gibt. In solchen Räumen können Rituale gedeihen, die die Menschenwürde verletzen, oder es kann ein Geschichtsbild bewahrt werden, das im Gegensatz zu einer sich verändernden Republik steht.

Die Bundeswehr als strukturkonservative Organisation hinkte gesellschaftlichen Entwicklungen stets hinterher. Sie war noch nie ein Vorkämpfer gesellschaftlicher Reformen und stand daher oft in der Kritik der gesellschaftlichen Avantgarde. Allerdings tat sich die Bundeswehr vielfach auch schwer, einen überzeugenden Mittelweg zwischen Bewahrung und Veränderung zu finden. Die Debatte um die Traditionswürdigkeit der Wehrmacht war im Wesentlichen ein Rückzugsgefecht, das von den Streitkräften und dem Verteidigungsministerium ohne die notwendige intellektuelle Tiefe geführt wurde. So benannte man zwar Kasernen um, die in die öffentliche Kritik geraten waren, stellte sich dem Problem aber nicht grundlegend. Eine ehrliche Bestandsaufnahme, wie viele Bundeswehrsoldaten sich Vorbilder aus der Zeit vor 1945 suchen und vor allem warum sie dies tun und welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, hat es bis heute nicht gegeben. Etliche Verbote gingen den Kritikern von außen zumeist nicht weit genug und bewirkten intern, dass sich viele Soldaten trotzig in die Welt der tribal cultures oder noch weiter in die Primärgruppen zurückzogen, um ihren lieb gewonnenen Narrativen zu frönen. Hier waren sie für die offiziellen Traditionsangebote zuweilen nur noch schwer erreichbar. Bleibt man bei dem Beispiel der Fallschirmjägertruppe, so ist auffällig, wie schwer sie sich in den 1990ern mit der gesellschaftlichen Debatte um die Wehrmacht tat und dass sie auch nicht wirklich daran interessiert war, ihr Traditionsbild weiterzuentwickeln. Hier ließ es vor allem das höhere Offizierskorps an einer angemessenen Führung und Erziehung fehlen.

Im übergeordneten Sinne ist es gewiss problematisch, wenn zur Identifikation der Soldaten nur noch die tribal culture übrig bleibt, in der im schlimmsten Fall weder die Verfassungsorgane, ja vielleicht nicht einmal die Bundeswehr als übergeordnete Institution noch eine wichtige Rolle spielen. Glaubt man den offiziellen Untersuchungsberichten, gab es solche Tendenzen in Teilen des KSK. Dessen Kultur wird heute im öffentlichen Diskurs zuweilen mit Rechtsradikalismus verbunden. Dies ist gewiss heillos verkürzt. Unstrittig ist freilich, dass – nach allem, was zu erfahren ist – die Kombination der tribal culture der Spezialkräfte mit den außerordentlich fest gefügten Primärgruppen zu Fehlentwicklungen führte, die zu lange toleriert wurden. 

Inwieweit die Spezialkräfte, aber auch die Fallschirmjäger mehr Rechtsradikale anzogen als andere Truppengattungen, ist bislang nicht sicher zu beantworten. Die öffentlich verfügbaren Informationen geben dazu keine Auskunft, und auch in internen Runden mit dem MAD war darüber nichts zu erfahren. Aufgrund der ausgeprägten Kameradschaft, einem rustikalen Kämpferhabitus und einer bis weit in die 1990er-Jahr reichenden Verklärung der Wehrmacht scheint eine Nähe gleichwohl plausibel. Oberst Friedrich Jeschonnek, der damalige Kommandeur der Luftlande- und Lufttransportschule in Altenstadt, sah dies zumindest so und meinte 1998, dass die Fallschirmjägertruppe anscheinend rechtsradikale Kräfte anziehe.8

Tribal cultures bergen also die Gefahr einer Art Isolationismus, sodass Soldaten im ärgsten Fall nur noch die eigene Welt sehen und sich vom Rest der Streitkräfte, aber auch der Gesellschaft abgrenzen. Um solche Tendenzen im KSK zu durchbrechen, wurde mit Ansgar Meyer bewusst ein Offizier zum neuen Kommandeur ausgewählt, der als Panzermann, Personaler und Nichtspringer keinerlei Stallgeruch hat und der für eine stärkere Integration des Verbandes in das Gesamtsystem Bundeswehr sorgen soll.

Tribal cultures hatten einerseits das Potenzial, durch ihre Gegendeutungen das institutionelle Gefüge von Streitkräften zu belasten. Andererseits konnten sie aber auch die vertikale Kohäsion der Streitkräfte stabilisieren, weil sie Soldaten eine emotionale Heimat schufen, verständliche Deutungsangebote formulierten, die eine der sicherheitspolitischen Realität zuweilen entrückte politische und militärische Führung offenbar nicht anbieten konnte. Als in den 1990er-Jahren alle vom Frieden sprachen, sich mancher Lehrende an den höheren Bildungseinrichtungen der Bundeswehr mit Entzückung daranmachte, Soldaten zu social workern umzudefinieren, behielten Teile der Kampftruppen das Bewusstsein, dass sie nicht in erster Linie Kulturmittler, Mediatoren oder Entwicklungshelfer, sondern in letzter Konsequenz Kämpfer waren. Nur so war es der Truppe überhaupt möglich, zwischen 2009 und 2011 ihre Aufträge in Afghanistan zu erfüllen. Wenn sich der Generalinspekteur allzu kritische Lagemeldungen verbot, Minister an einer Realitätsverweigerung festhielten, dann konnte der offizielle Diskurs nur noch wenig Bindungskraft entfalten. Viele Soldaten, die vor Ort mit unerfüllbaren Aufträgen konfrontiert waren und keine Antworten auf ihre Fragen von der politischen oder militärischen Führung vernahmen, zogen sich in ihre eigenen Welten zurück. Es war wichtig, dass mit den tribal cultures dann ein Rückzugsort vorhanden war, der zumindest in den allermeisten Fällen mit der Institution verbunden blieb.

Ob diese Abkopplung zugleich eine politische Dimension hatte, die im Extremfall zu einer Radikalisierung führen konnte, hing auch sehr von den Vorgesetzten ab. Es lag zumeist an ihnen, Grenzen zu setzen. Es gab in Afghanistan Patches, die mit den Werten und Normen des Grundgesetzes gewiss nicht in Einklang standen, ebenso rustikale Diskurse über Land und Leute, die mit dem offiziellen Sprech kaum zu vereinbaren waren. Etliche Offiziere duldeten dies, weil sie sich selbst als Teil einer Gemeinschaft im Krieg wahrnahmen, für die gefühlt andere Maßstäbe galten als im Frieden. Zu fragen ist freilich, was die Folgen dieser Entwicklung waren. Gewiss kommt einem die Totenkopfaffäre des Jahres 2006 in den Sinn. Vorfälle aber, die auch nur in die Nähe von Kriegsverbrechen kommen, sind von der Bundeswehr nicht bekannt geworden. Die Entfremdung vom Referenzrahmen der Gesellschaft scheint also vorhanden, aber insgesamt doch begrenzt gewesen zu sein. Man akzeptierte ein gewisses Maß an „brauchbarer Illegalität“ (Stefan Kühl), ließ diese aber nicht ausufern. Dies ging freilich nur, weil das Ausmaß der Kämpfe auch in den Jahren 2009 bis 2011 begrenzt blieb und die Soldaten zwar Gefechte, aber keine Schlachten erlebten.

Die tribal cultures der Truppengattungen waren in der langen Geschichte der Bundeswehr trotz mancher Fehlentwicklung vor allem ein stabilisierender Faktor im Kohäsionsgeflecht der Streitkräfte. Im Sinne eines subsidiären Systems bildeten sie die Spezifika der unterschiedlichsten soldatischen Kulturen ab, wozu die Gesamtorganisation kaum in der Lage war. Sie waren dadurch näher an der sozialen Praxis der Soldaten, stärkten durch besondere Sitten und Gebräuche, aber auch durch eine artgerechte Sprache die Bindung zur Bundeswehr. Es ist zu einem erheblichen Maße den tribal cultures zu verdanken, dass angesichts der permanenten Überforderung der Truppe, militärisch vielfach sinnfreier Einsätze und einer bemerkenswerten Dysfunktionalität der Organisationsstrukturen in den letzten 30 Jahren die Aufträge überhaupt erfüllt wurden. Dieser Befund trifft in besonderem Maße auf die viel gescholtenen Spezialkräfte zu.

1 Überliefert in BArch-MA, N 666/72.

2 Ausführlich dargestellt bei Nägler, Frank (2010): Der gewollte Soldat und sein Wandel. Personelle Rüstung und Innere Führung in den Aufbaujahren der Bundeswehr 1956 bis 1964/65. München.

3 Ausführlich dazu unlängst Holz, Nicolas (2021): Zurück in die Zukunft. Empfehlungen zur Wiederentdeckung und Weiterentwicklung der Inneren Führung, Berlin.

4 Die britische Armee benennt sechs Werte: Courage, Discipline, Respect for Others, Integrity, Loyalty, Selfless Commitment, die in den Leitdokumenten knapp beschrieben werden. https://www.army.mod.uk/media/2698/ac72021_the_army_leadership_code_an_introductory_guide.pdf

Vgl. auch https://www.army.mod.uk/media/5219/20180910-values_standards_2018_final.pdf (Stand: 21.11.2021).

5 Belege aus Neitzel, Sönke (2020): Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik. Eine Militärgeschichte. 5. Aufl. Berlin, S. 357.

6 Dazu Biehl, Heiko (2010): Kampfmoral und Kohäsion als Forschungsgegenstand. In: Apelt, Maja (Hg.): Forschungsthema: Militär. Militärische Organisationen im Spannungsfeld von Krieg, Gesellschaft und soldatischen Subjekten. Wiesbaden, S. 139−162; Neitzel (2020), S. 16 f.

7 Vgl. vor allem Wiesendahl, Elmar (2010): Athen oder Sparta – Bundeswehr quo vadis? Bremen.

8 Beobachtungsbesuch 28/98 bei Luftlande-/Lufttransportschule Altenstadt am 22./23.04.98, BArch-MA 2/31927.

Autor

Neitzel.jpg

Sönke Neitzel ist seit 2015 Professor für Militärgeschichte/Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam. Zuvor lehrte und forschte er an den Universitäten Mainz, Bern, Saarbrücken, Glasgow und der London School of Economics (LSE). Zuletzt erschien: „Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik. Eine Militärgeschichte“ (2020) und zusammen mit Bastian Matteo Scianna: „Blutige Enthaltung. Deutschlands Rolle im Syrienkrieg“ (2021).

soenke.neitzeluni-potsdamde