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Editorial

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Wo steht die Innere Führung? Kann das vertraute Leitbild vom „Staatsbürger in Uniform“ seinen Gültigkeitsanspruch weiterhin behaupten, oder bedarf es einer Nachjustierung oder gar Neubewertung und Veränderung? Das war die Ausgangsfrage einer Podiumsdiskussion, zu der die Deutsche Kommission Justitia et Pax und das zebis am 19. Oktober 2021 in die Katholische Akademie Berlin eingeladen hatten.

Mit der neuen Ausgabe von „Ethik und Militär“ wollen wir diese Debatte vertiefen. Denn es hat sich gezeigt, dass nach dem Abzug aus Afghanistan nicht nur innerhalb der Bundeswehr, sondern auch in der breiteren Öffentlichkeit ein erheblicher Diskussionsbedarf über die Rolle unserer Streitkräfte und ihrer Führungsprinzipien besteht.

Im Grunde kann Deutschland stolz sein auf die Führungskultur der Bundeswehr, die seit Gründung des Zentrums Innere Führung vor 65 Jahren organisatorisch fest verankert ist. Als Bildungszentrum trägt es Sorge dafür, das Leitbild vom „Staatsbürger in Uniform“ zu vermitteln, das soldatische Entscheidungen und Handlungen an die Werte und Prinzipien unseres Grundgesetzes bindet: Menschenwürde, Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden, Solidarität und Demokratie. Das Besondere im Unterschied zu vielen anderen Armeen auf der Welt: Verpflichtend für die einzelne Soldatin, den einzelnen Soldaten ist in letzter Instanz nicht das Ordnungsprinzip von Befehl und Gehorsam, sondern das eigene Gewissen. Damit tragen sie auch individuelle Verantwortung für ihr militärisches Handeln. Innere Führung dient dazu, die Entwicklung eines soldatischen Selbstverständnisses zu fördern, das diesem Anspruch gerecht wird.

Dennoch stellt sich die Frage, ob das aus den 1950er-Jahren stammende Konzept trotz ständiger Anpassungen noch zeitgemäß ist. Denn die Bundeswehr hat sich stark verändert: Aus einer territorialen Verteidigungsarmee ist eine internationale Einsatztruppe geworden; sie hat sich von einer Wehrpflicht- zu einer Freiwilligen- und Berufsarmee gewandelt. Zudem steht seit über zwanzig Jahren auch Frauen die militärische Laufbahn offen – ein Novum in den zuvor rein männlich geprägten Streitkräften. Gleichzeitig wird der militärische Auftrag der Bundeswehr jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung oft ausgeblendet. Selbst Politiker sehen Soldatinnen und Soldaten häufig lieber als „Streetworker in Uniform“ denn als ausgebildete Kämpfer, die im äußersten Fall ihr Leben für die Grundwerte unseres Staates aufs Spiel setzen. 

Vor diesem Hintergrund hat Professor Dr. Sönke Neitzel mit seinem provozierenden Buch „Deutsche Krieger“ die Diskussion um die Innere Führung der Bundeswehr neu entfacht. Nach seiner These wird die Identifikation der Soldatinnen und Soldaten mit dem politischen System überschätzt; stattdessen müsse die Motivation durch militärische Professionalität, entsprechende Werte und „tribal cultures“ der Truppengattungen mehr Berücksichtigung finden. Kein Geringerer als Wolfgang Schäuble hat das Buch vorgestellt und dabei eine „unbequeme“ und „unpopuläre“ gesellschaftliche Debatte über das Verhältnis der Deutschen zum Militär gefordert.

Dem wollen wir hiermit nachkommen und freuen uns sehr, dass Sönke Neitzel hier in einem Essay seine Gedanken weiter ausführt. Wie notwendig und fruchtbar die aktuelle Auseinandersetzung mit der Inneren Führung, dem Selbstbild von Soldatinnen und Soldaten und prägenden Werten ist, zeigen auch die hochinteressanten Beiträge der anderen Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe. Sie beschäftigen sich mit wichtigen Aspekten wie Zivilcourage, Ritterlichkeit, Männlichkeit und Macht bis hin zu der Frage, was Militärseelsorge in die Diskussion um Innere Führung und ein soldatisches Ethos einbringen kann.

Die Aussage des Erwachsenenpädagogen Heinrich Dickerhoff hat mir gefallen: „Man muss nicht nur den Kopf ansprechen, sondern auch die Seele erreichen.“

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!

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