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"Unseren Umgang mit Klimawandel und Nachhaltigkeit können wir deutlich verbessern"

Was bedeutet der Klimawandel für die Streitkräfte? Welche Aufgaben sind zu bewältigen, welche Prioritäten müssen gesetzt werden, welche Rolle(n) soll das Militär in Zukunft übernehmen? Im Rahmen der strategischen Neuausrichtung Großbritanniens mit der “Integrated Review of Security, Defence, Development and Foreign Policy” hat das britische Verteidigungsministerium im Februar 2021 den “Climate Change and Sustainability – Strategic Approach” veröffentlicht. Generalleutnant Richard Nugee, der Autor des Strategiepapiers, hat der Redaktion hierzu Fragen beantwortet. 

Generalleutnant Nugee, das britische Verteidigungsministerium hat kürzlich den Climate Change and Sustainability Strategic Approach veröffentlicht, ein Strategiedokument zu Klimawandel und Nachhaltigkeit. Können Sie dieses Papier kurz in den größeren Kontext der Integrated Review einordnen? Was genau hat Sie dazu veranlasst, diese Strategie zu entwickeln?

Laut Integrated Review ist der Klimawandel das Thema Nummer eins für Großbritannien in der internationalen Politik und eine „Bedrohung für die Menschheit“. Diese Formulierung stellt eine deutliche Veränderung gegenüber früheren Analysen der Sicherheits-, Verteidigungs-, Entwicklungs- und Außenpolitik dar. Inzwischen steht der Klimawandel im Mittelpunkt der britischen Politik, entsprechend der rechtlich bindenden nationalen Verpflichtung, bis 2050 die eigenen CO₂-Nettoemissionen auf null zu senken. Der Verteidigungsbereich war sich in der Vergangenheit der Bedeutung des eigenen Beitrags zur Reduzierung der nationalen Emissionen und zur Klimawandelfolgenbewältigung weiterer Länder nicht wirklich bewusst. Ich habe diese Strategie entwickelt, um zu verdeutlichen, wie sich der Klimawandel auf den Verteidigungsbereich auswirkt und dass darin eine große Chance für mehr Effektivität und Effizienz in der Verteidigung liegt. Außerdem wollte ich zeigen, dass es notwendig ist, Emissionen zu senken.

Das Dokument sieht einen Ansatz in drei Zeitphasen vor – von heute bis 2025, von 2025 bis 2035 und von 2035 bis 2050. In nur vier Jahren wollen Sie die Basis für eine grundlegende Transformation des Verteidigungsbereichs legen. Wie wollen Sie die gesetzen Ziele erreichen, und wie soll die Umsetzung koordiniert und kontrolliert werden?

Eine Veränderung, die tatsächlich etwas bewirken soll, braucht ein solides Fundament. Deshalb werden wir unsere Prozesse und Verfahren ändern und durch konkrete Maßnahmen zeigen, dass wir unseren Umgang mit den Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit im gesamten Ministerium deutlich verbessern können. Jedes Referat und jedes Kommando ist für den eigenen Ansatz verantwortlich. Wir haben eine eigene Direktion eingerichtet, die die diesbezügliche Aktivität im gesamten Verteidigungsbereich steuert und die Verbindung zu anderen Ministerien und Staaten herstellt. Wir werden CO₂-Emissionsziele für alle Bereiche der Verteidigung festlegen und jeden Bereich auf die Erreichung dieser Ziele verpflichten – das wird natürlich eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen.

Bis vor Kurzem zählte Nachhaltigkeit nicht zu militärischen Kernwerten. Das Dokument betont nun aber, wie wichtig es ist, den CO2- und ökologischen Fußabdruck zu verringern – von der Förderung der Artenvielfalt auf militärischen Liegenschaften bis hin zur Steigerung der Energieeffizienz, etwa bei Flugzeugen, die mit Algen,  Alkohol und Hausmüll angetrieben werden. Alles soll durch die „Klimabrille“ betrachtet werden. Wie viel Umdenken braucht es, um das zu bewerkstelligen, und wie soll diese veränderte Einstellung erreicht werden?

Wir müssen unsere Vorgaben und Prozesse in den Bereichen Beschaffung, Wirtschaftlichkeitsplanung, Versicherung, Auditierung und Finanzverwaltung ändern. Nur so können wir sicherstellen, dass jeder Vorgang, jede Entscheidung und jeder Vertrag auf seine möglichen klimarelevanten Auswirkungen hin überprüft wird. Nach einem neuen Gesetz muss in Zukunft bei Vergaben der britischen Regierung jeder Auftragnehmer ab einem Auftragsvolumen von mehr als 5 Millionen Pfund einen konkreten Plan zur Klimaneutralität vorlegen. Wir müssen auch auf unseren eigenen Liegenschaften jede Möglichkeit nutzen, um Kohlendioxid zu binden und die biologische Vielfalt zu erhöhen. Um unsere Kultur zu verändern, brauchen wir Unterstützung von der Ministeriumsspitze – und die haben wir. Wir müssen unsere Verfahren ändern – und das tun wir. Wir müssen sichtbare Fortschritte zeigen – und die setzen wir zunächst prioritär an unseren eigenen Standorten um. Und wir müssen unseren Bediensteten erklären, was wir tun. Darüber hinaus nutzen wir jede Gelegenheit, um über dieses wichtige Thema zu sprechen, unter anderem durch unser neu gegründetes Defence Green Network. Erst kürzlich erklärte der Generalstabschef der Luftwaffe während eines Aufenthalts in den USA, die britische Luftwaffe werde bis 2040 vollständig klimaneutral sein. Der Generalstabschef der Armee hat in einer britischen Zeitung betont, dass wir eine Verantwortung tragen, unsere Rolle in Sachen sinnvolle und nachhaltige Umweltagenda wirklich auszufüllen. Allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Unsere Einsatzfähigkeit bzw. die Effektivität unserer Verteidigung darf hierdurch nicht beeinträchtigt werden. Denn unser Auftrag besteht darin, unser Land zu verteidigen. Und das muss auch so bleiben.

Mit dieser Strategie möchte Großbritannien auf diesem Gebiet weltweit Vorreiter sein, vom Horizon-Scanning bis zu klimaresistenten und energieeffizienten Streitkräften, und Partnerschaften auf internationaler Ebene eingehen. Wie stellen Sie sich das vor, und wer könnte für solche Partnerschaften infrage kommen? Gibt es bereits erfolgreiche Initiativen und Formen der Zusammenarbeit, auf die Sie aufbauen können?

Ich sehe hier ein großes Potenzial für neue Bündnisse und Beziehungen. Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge wird der Bedarf an humanitärer Hilfe und Katastrophenhilfe angesichts immer extremerer Stürme und Wetterlagen weiter zunehmen. Dies bietet die Möglichkeit einer engeren Zusammenarbeit, sowohl geografisch als auch in Bezug auf Ausrüstung und militärische Fähigkeiten. Denn die voraussichtlich am stärksten vom Klimawandel betroffenen Gebiete, wo auch immer sie liegen, werden Unterstützung brauchen. Gemeinsam mit weiteren Verbündeten können wir unsere Hilfe anbieten und hierdurch wiederum neue Beziehungen und Partnerschaften aufbauen. Darüber hinaus kann das Militär über seine umfangreichen Netzwerke an Verteidigungsattachés mit vielen internationalen Partnern tiefere Beziehungen aufbauen, mit denen der Aufbau diplomatischer Partnerschaften vielleicht etwas schwieriger ist. Unsere Attachés berichten seit einiger Zeit, dass dieses global so bedeutsame Thema in vielen Ländern neue Themenfelder und Kommunikationsmöglichkeiten eröffnet hat. 

Beim Thema Anpassung und Resilienz bezieht sich das Strategiedokument explizit auf ein 2-bis-4-Grad-Szenario. Dürfen wir uns über den Klimawandel keine Illusionen mehr machen? Was wären denn die wichtigsten potenziellen Folgen für die militärische Ausbildung und Einsätze in einer solchen Welt, und wie werden sie voraussichtlich die Bedingungen für internationale Einsätze der Vereinten Nationen, der NATO oder eines anderen Bündnisses verändern? 

Laut dem UK Committee on Climate Change, einem vom Parlament eingesetzten unabhängigen Ausschuss, der die Erreichung der Klimaneutralität für Großbritannien sicherstellen soll, müssen wir uns auf Eventualitäten vorbereiten, die wir zwar vermeiden wollen, aber möglicherweise nicht mehr verhindern können. Um bis 2050 das Netto-Null-Ziel zu erreichen, sind tiefgreifende Verhaltensänderungen erforderlich. Immer mehr Rufe werden nun laut, diese bereits bis 2030 umzusetzen; ansonsten könnten wir die Ziele des Pariser Abkommens verfehlen, die ja die Zusage enthalten, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Es ist also ein Gebot der Klugheit, sich mit dem 2- bzw. 4-Grad-Szenario zu beschäftigen. In meinem Bericht sage ich schonungslos: Wenn wir uns nicht heute darum kümmern, werden wir morgen nicht mehr in der Lage dazu sein. Mit anderen Worten: Wie wir uns in den nächsten zehn Jahren verhalten, wird einen immensen Einfluss auf die folgenden Jahrzehnte haben. Wissenschaftler weisen uns darauf hin, dass wir möglicherweise bereits mehr als die Hälfte der bekannten Kipppunkte erreicht haben, die negative klimatische Veränderungen unumkehrbar machen. Deshalb müssen wir jetzt handeln und verhindern, dass noch weitere dieser Punkte überschritten werden. Leider überlagert das Dringende immer das Wichtige. Wir müssen also anerkennen, dass der Klimawandel inzwischen genau diesen Grad an Dringlichkeit erreicht hat, auch wenn es uns nicht immer so erscheinen mag.

Das Militär hat einen klaren Auftrag, nämlich die Bürger vor Gefahren zu schützen. Hierunter wird üblicherweise der Schutz vor traditionellen Bedrohungen verstanden. Doch die Integrated Review stuft nun auch den Klimawandel als eine solche Gefahr ein. Zum Schutz der Bürger müssen sich die Streitkräfte aller Staaten an die zukünftigen klimatischen Bedingungen anpassen, zum Beispiel an die steigenden Oberflächentemperaturen der Meere und das Abschmelzen des arktischen Sommereises innerhalb der nächsten 15 bis 20 Jahre. Gleichzeitig müssen militärische Ausbildung und Übungen an den Umgang mit steigenden Temperaturen und weniger vorhersehbaren klimatischen Bedingungen eingestellt werden. 

Anpassungsfähigkeit allein reicht allerdings nicht aus. Da das Militär selbst sehr in sehr großem Ausmaß Emissionen verursacht, muss der gesamte Verteidigungsbereich darauf hinwirken, den eigenen CO₂-Ausstoß durch den Einsatz neuer Technologien zu reduzieren. Das sehe ich als Chance. Schon immer hat das Militär sich die neu entwickelten Technologien zunutze gemacht, etwa das Internet oder die digitale Revolution. Im aktuellen Fall verhält es sich nicht anders. Wir sollten den potenziellen militärischen Vorteil neuer Energietechnologien nutzen, auch wenn aktuell noch kaum zu erkennen ist, auf welche Technologien wir uns konzentrieren sollten. Genau hier liegt ein riesiges Potenzial der Zusammenarbeit. So gilt es zum Beispiel unbedingt sicherzustellen, dass alle Verbündeten ähnliche Energiesysteme verwenden. Die Single Fuel Policy der NATO wird schwieriger zu verwirklichen sein, je mehr neue Technologien verfügbar werden, aber gerade deshalb ist es umso wichtiger, daran festzuhalten.

Eine Welt, die immer heißer und infolge des Klimawandels immer unberechenbarer wird, birgt alle Zutaten für größere Spannungen und Konflikte in den betroffenen Regionen. Um die UN-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, muss allerdings die Häufigkeit der Konflikte abnehmen. Deshalb werden Bündnispartner und Koalitionen, auch formelle Bündnisse, immer wichtiger, wenn wir Spannungen und daraus entstehende Konflikte in den am stärksten betroffenen Gebieten verhindern wollen. Es werden also potenziell mehr beratende und unterstützende Missionen erforderlich werden, um die Widerstandsfähigkeit derjenigen Regionen zu stärken, die mit den Auswirkungen des Klimawandels zu kämpfen haben. Meiner Auffassung nach kommt den Streitkräften in der Erfüllung dieser Aufgabe eine Schlüsselrolle zu, die die Dimensionen Verteidigung, Diplomatie und Entwicklung umfasst – den dreidimensionalen Ansatz zur Bekämpfung des Klimawandels.

Generalleutnant Nugee, vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellten Rüdiger Frank and Kristina Tonn.

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Generalleutnant Richard Nugee begann seinen Dienst in der britischen Armee im Jahr 1986. Er absolvierte Einsätze in Nordirland, Bosnien, im Kosovo, im Irak, in Zypern und Afghanistan. Als Spezialist für Personalfragen wurde er Chief of Defence People (entspricht dem Posten eines Personalvorstands). Während seines letzten Dienstjahrs in der Armee verfasste er einen Bericht zur Klimawandel- und Nachhaltigkeitsstrategie des Verteidigungsbereichs. Danach wurde er zum nicht geschäftsführenden Direktor für Klimawandelfragen im Verteidigungsministerium ernannt.