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Der Klimawandel als Risikoverstärker – Über die Zusammenhänge von Klimaveränderungen und Konflikten

Einleitung

Als im Jahre 2007 dem ehemaligen Vizepräsident der USA Al Gore und dem Weltklimarat der Friedensnobelpreis verliehen wurde, fand dies einerseits große Zustimmung, wurde andererseits aber auch heftig kritisiert. Die Kritik entzündete sich vor allem daran, dass zum Zeitpunkt der Verleihung kein genereller empirischer Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre und dem Konfliktgeschehen feststellbar war – im Gegenteil, verglichen mit den 1990er-Jahren hatte die Anzahl bewaffneter Konflikte deutlich abgenommen. Auch für die Zukunft waren die Kritiker skeptisch, ob der vom Nobelkomitee unterstellte enge Zusammenhang zwischen vom Klimawandel hervorgerufenen Umweltveränderungen und bewaffneten Konflikten bestehe. Die Gegenseite verwies auf einige Kriege der jüngeren Vergangenheit, wie den in Darfur im Sudan, sowie auf die Konfliktträchtigkeit von knappen Ressourcen wie für Landwirtschaft nutzbares Land und Wasser, deren Verfügbarkeit mit dem Klimawandel abnehmen werde.1

Seit 2007 ist die Frage nach den Zusammenhängen von Klimawandel und Konflikten Gegenstand einer inzwischen in die viele Hunderte gehenden Zahl von wissenschaftlichen Untersuchungen und Veröffentlichungen geworden.2 Zwar streuen sowohl die Ergebnisse als auch die daraus gezogenen Schlussfolgerungen immer noch breit, aber es lassen sich doch eine Reihe von weit akzeptierten Erkenntnissen feststellen. Diese sollen im Folgenden dargestellt werden.

Klimawandel als Bedrohung oder Risiko

Die unterschiedlichen Reaktionen auf den Friedensnobelpreis von 2007 lassen sich auf zwei Grundpositionen in der Analyse von Konflikten zurückführen. Die eine betont Umweltfaktoren, die andere die gesellschaftliche Dimension als entscheidend für die Entstehung und Eskalation von Konflikten in Gewaltkonflikte. In der wissenschaftlichen Debatte um die Zusammenhänge von Klimawandel und Konflikten sind diese beiden Grundpositionen stark mit der disziplinären Herkunft von ForscherInnen verbunden: während aus der Klimaforschung oder der Ökologie kommende AutorInnen generell Umweltfaktoren als dominant ansehen, stellen KonfliktforscherInnen in der Regel den von Menschen gemachten Konfliktprozess in den Vordergrund.

Die beiden Grundpositionen lassen sich gut am Beispiel der Auswirkung von Dürren auf den Krieg in Darfur ab 2003 illustrieren3. Vor dem Ausbruch dieses Krieges mit mehreren Tausend Toten hatte es immer wieder gewalttätige Auseinandersetzungen um Land und Wasser insbesondere zwischen Ackerbauern und Viehhirten, aber auch zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen gegeben. Bevölkerungswachstum, aber auch ein tendenziell geringer werdendes Volumen an jährlichen Niederschlägen, das sich vor allem in immer wiederkehrenden Dürren bemerkbar machte, hatten die Konflikte über die Jahrzehnte verschärft, ohne dass es zu ähnlichen Zahlen an Opfern kam wie nach 2003. Nach 2007, als es zu Verhandlungen und Abkommen kam, flauten die Kämpfe ab, nicht zuletzt auch, weil eine mehrere Tausend Personen umfassende Friedenstruppe stationiert wurde. Aktuell ist die Situation in Darfur weitgehend ruhig. Allerdings ist die Zahl der Vertriebenen weiterhin sehr hoch, und immer wieder gibt es lokale Gefechte unter bewaffneten Gruppen und mit Verbänden der Regierung.

Tendenziell sinkende Niederschlagsmengen und wiederkehrende Dürren haben die Lebenssituation der Menschen in Darfur über die Jahrzehnte zunehmend belastet. Der Zusammenhang dieser Verschlechterung der Umweltbedingungen mit dem globalen Klimawandel ist offensichtlich. Der Krieg ab 2003 war daher aus ökologischer Sicht eine Gewalteruption infolge der Konflikte zwischen Gruppen über zunehmend knapper werdendes Wasser und nutzbares Land. Der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-mun nannte den Darfur-Konflikt den ersten Klimakrieg.

Allerdings folgte der Krieg keiner der vielen Dürren, sondern einer Reihe von vergleichsweise niederschlagsreichen Jahren. Auslöser war auch keine der häufigen lokalen Auseinandersetzungen, sondern die gezielte Anstrengung der sudanesischen Zentralregierung in Khartum, die Kontrolle über Darfur zu bekommen, eine Provinz, in der sie bis dahin wenig präsent war. Möglich wurde dies durch die Beendigung eines anderen Krieges, der bis dahin für die Regierung Priorität gehabt hatte. Die Rebellen im Süden des Sudans hatten militärisch die Oberhand gewonnen, und die Regierung hatte im Machakos-Protokoll von 2002 weitreichende Zugeständnisse gemacht, die den Weg zu einem Ende der Kämpfe und der Unabhängigkeit des Südens öffneten. Wichtiges Instrument der Regierung zur Übernahme der Kontrolle in Darfur war die Rekrutierung und Ausrüstung von paramilitärischen Verbänden, den „Janjawid“, die mit brutaler Gewalt vor allem gegen Zivilisten vorgingen. Die Eskalation des Konfliktes in Darfur hatte also unmittelbar nichts mit Umweltveränderungen zu tun, sondern war Folge politischer Entscheidungen. Andererseits fand sie in einem Umfeld tendenziell zunehmender Knappheit an Land und Wasser statt.

Andere Beispiele, etwa die Bedeutung einer Dürre im Nordosten des Landes für den noch laufenden Krieg in Syrien4 oder von Katastrophen auf den Philippinen für lokale Kampfhandlungen5, zeigen ein ähnliches Bild: Zwar sind den bewaffneten Konflikten mit dem Klimawandel verbundene Umweltveränderungen vorausgegangen, aber die Konfliktlinien waren andere, insbesondere Auseinandersetzungen um politische Macht.

Zudem gehen klimabedingte Umweltveränderungen bei Weitem nicht überall mit einer Intensivierung von Konflikten bis bin zu Kriegen einher. So sind etwa in Südamerika, obwohl auch dort, etwa in den Anden, der Klimawandel die Lebensverhältnisse der Menschen verändert, keine Zunahmen bewaffneter Auseinandersetzungen zu verzeichnen.

Trotzdem sind die Wirkungen des Klimawandels nicht irrelevant. Sie sind aber in zweifacher Hinsicht nicht determinierend.6 Zum einen sind sie fast ausschließlich dort von Bedeutung, wo bereits Interessenkonflikte zwischen verschiedenen Gruppen bestehen. Hier können sie Auseinandersetzungen verstärken, etwa indem Wasser oder fruchtbares Land knapp wird oder deren Verteilung zwischen Gruppen durch Auswirkungen des Klimawandels verändert wird. Zum anderen stehen den Betroffenen auch in solchen Konstellationen verschiedene Reaktionsmuster offen. So können sie etwa um das abnehmende fruchtbare Land kämpfen oder sich auf gemeinsame Nutzung einigen. Wichtig dafür, welche Reaktion sich durchsetzt, ist neben der Intensität der Konflikte vor allem das Bestehen von Institutionen zur Bearbeitung und Bewältigung von Konflikten. Dort, wo es breit akzeptierte Möglichkeiten des Interessenausgleiches zwischen verschiedenen Gruppen gibt, sinkt die Wahrscheinlichkeit der Eskalation von Konflikten. Auch andere Faktoren beeinflussen die Reaktionsmuster, etwa die relativen Veränderungen an Besitz und Einkommen, die mit Umweltveränderungen verbunden sind, oder die Ausnutzung von Konflikten durch politische Akteure, die sich dadurch einen Machtzuwachs versprechen.

Klimawandel ist in dieser Perspektive, auf die sich ForscherInnen mit unterschiedlichen fachlichen Hintergründen einigen können, ein Risikofaktor für bewaffnete Konflikte unter vielen. Wie bedeutend er ist, hängt einerseits von der relativen Bedeutung der Umweltveränderungen und den jeweiligen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Kontexten ab und andererseits von den Entscheidungen zwischen Eskalation und Deeskalation von Konflikten, die relevante Akteure treffen. Zur Erklärung, warum mit dem Klimawandel zusammenhängende Umweltveränderungen gelegentlich für die Eskalation von Konflikten von Bedeutung sind, sind also sowohl die ökologischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Ausgangsbedingungen als auch der jeweils spezifische Konfliktprozess in der Konfliktregion ausschlaggebend.

Diese enge Verquickung von Umweltveränderungen und anderen Risikofaktoren für die Eskalation von Konflikten macht es sehr schwer, den Einfluss des Klimawandels abzuschätzen oder gar zu quantifizieren. Das gilt sowohl für Fallstudien als auch für quantitative Untersuchungen, in denen mit statistischen Methoden viele Fälle analysiert werden. Im Gegensatz zu den Antworten auf die Frage, ob der Klimawandel überhaupt einen Einfluss auf das Konfliktgeschehen in der Welt hat, fallen die auf die Frage nach der Bedeutung des Klimawandels für aktuelle und gar zukünftige Entwicklungen weiter unterschiedlich aus.

Einen interessanten Ansatz, dieses Spektrum auszuleuchten, haben vor einigen Jahren ForscherInnen der Stanford Universität in Kalifornien verfolgt.7 Sie luden WissenschaftlerInnen, die mit zum Teil sehr unterschiedlichen Ergebnissen prominent zum Zusammenhang von Klimawandel und Konflikten veröffentlicht hatten, zu einem Retreat ein. Unter anderem ließen sie die Frage diskutieren, welche Bedeutung der Klimawandel im Vergleich zu anderen Risikofaktoren nach ihrer Meinung für das Konfliktgeschehen aktuell habe und in der Zukunft haben werde.

Auch mit diesem Vorgehen lässt sich die relative Bedeutung des Klimawandels als Risikofaktor für bewaffnete Konflikte nur grob abschätzen. Aber es ist interessant, dass die Einschätzungen der ExpertInnen in einer Reihe von Punkten bei allen Unterschieden im Detail übereinstimmen. So waren sie sich einig, dass aktuell der Klimawandel weit weniger bedeutend ist als andere Risikofaktoren, wie etwa geringes Einkommen pro Kopf, das Vorhandensein ethnischer Konflikte oder schwache Staatlichkeit. Die Einschätzungen des Beitrages von Klimaveränderungen auf das Konfliktrisiko der jüngeren Vergangenheit reichten von 3 Prozent bis 20 Prozent, bei allerdings großer Unsicherheit bei allen ForscherInnen. Sie waren sich auch einig, dass die Bedeutung des Klimawandels in der Zukunft zunehmen wird, wobei die meisten einen schwachen bis moderaten Zuwachs bei einem globalen Temperaturanstieg von 2 Grad Celsius und einen moderaten in einem 4-Grad-Szenario erwarteten.8 

Lokale, regionale und globale Zusammenhänge

Neben einem gewachsenen Konsens über die generelle Bedeutung des Klimawandels für Konflikte setzt sich auch immer mehr die Erkenntnis durch, dass die Risiken des Klimawandels nicht nur in verschiedenen Regionen, sondern auch auf unterschiedlichen Ebenen gesellschaftlicher Organisation voneinander abweichen.

Letzteres lässt sich gut am Beispiel von Trinkwasser zeigen. Anders als häufig in reißerischen Artikeln und Büchern behauptet, ist Wasser in der Vergangenheit sehr selten Anlass für Kriege zwischen Staaten gewesen. Zugleich ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass sich dies in der Zukunft ändern wird9. Selbst dort, wo dies möglich erscheint, etwa weil durch den Bau von Staudämmen Wasserknappheit verschärft werden könnte, wie aktuell durch den Bau eines Nil-Staudamms in Äthiopien, ist nach den Erfahrungen der Vergangenheit eine gütliche Einigung weitaus wahrscheinlicher als ein bewaffneter Konflikt. Ein Grund dafür ist, dass die Kosten eines Krieges weit höher wären als was in Verhandlungen an Verlusten an Wasser, und damit Einkommen für Bauern und andere Nutzer des Wassers, zu erwarten wäre. Die Situation ist dort anders, wo es nicht mehr um Verteilung des Wassers, sondern um absolute Knappheit geht oder wo Abmachungen über Aufteilung nicht möglich sind, weil Institutionen fehlen, die Verstöße ahnden könnten. Beides ist besonders häufig auf lokaler Ebene. So sind Auseinandersetzungen über Wassernutzung in der Sahelzone vor allem dort häufig, wo es keine traditionellen Institutionen, wie Ältestenräte, oder moderne, wie Gerichte, gibt, die einen Interessenausgleich organisieren können. Andererseits führt Wasserknappheit oft auch zu mehr Vertrauen und Zusammenarbeit unter Bevölkerungsgruppen.10

Nicht nur für Wasser, auch für andere Umweltveränderungen, die mit dem Klimawandel zusammenhängen, wie Verlust nutzbaren Landes durch Meeresspiegelanstieg und Versalzung oder durch Ausdehnung von Trockengebieten, gilt, dass lokale Konflikte häufiger sind als nationale oder gar internationale. Ein wichtiger Grund ist die relative Bedeutung von Umweltveränderungen, wie etwa geringerem Niederschlag, Katastrophen oder Meeresspiegelanstieg, für die Lebensbedingungen der Menschen. Während sie lokal sehr wichtig sein können, sind sie dies, mit einigen Ausnahmen wie etwa kleinen pazifischen Inselstaaten, für größere geografische Einheiten selten. Ein anderer ist, dass die Möglichkeiten, Probleme durch klimabedingte Umweltveränderungen, etwa in der landwirtschaftlichen Produktion, auszugleichen, mit der Vielfältigkeit von Erwerbsmöglichkeiten und Lebensbedingen zunehmen, was in der Regel in größeren Einheiten eher der Fall ist. Schließlich sind auch Institutionen für Konfliktbearbeitung und -ausgleich häufig lokal besonders schwach ausgeprägt. Lokale Konflikte können allerdings insbesondere in fragilen Staaten, in denen auch zentrale Institutionen nicht gut funktionieren, zugleich nationale und regionale Dimensionen entfalten. So wurden unzureichende Hilfslieferungen an Opfer des Taifuns Hayan, der im November 2013 einige Inseln der Philippinen getroffen hatte, zum Anlass für bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und bewaffneten Gruppen.11

Lokale Effekte können aber nicht nur durch lokale Umweltveränderungen hervorgerufen werden. In unserer global vernetzten Welt können sich negative Folgen des Klimawandels an ganz anderen Orten zeigen als dort, wo die Umweltveränderungen auftreten. Wichtige Transformationsriemen sind Migration und Preise. Umweltveränderungen, insbesondere Katastrophen, in einer Region können zu Konflikten in den Zuwanderungsregionen führen. Allerdings ist die Bedeutung dieses Konfliktfaktors in der wissenschaftlichen Literatur sehr umstritten.12 Ein Beispiel für die Bedeutung von Preisen für lokale Konflikte sind die wiederholten „Brotaufstände“ in zahlreichen Ländern des Globalen Südens. Da auch die lokalen Preise für Brotgetreide stark von Angebot und Nachfrage auf dem Weltmarkt abhängig sein können, kann ein deutlicher Rückgang der Produktion in einer Weltregion erhebliche Auswirkungen in einer anderen haben. Genau dieser Mechanismus ist von einigen AutorInnen als ein Faktor für den „Arabischen Frühling“ im Jahre 2011 benannt worden. Aufgrund von Dürren in Russland, China und einigen anderen Ländern des Globalen Nordens waren die Weltmarktpreise für Brotgetreide im Herbst 2010 weit überdurchschnittlich angestiegen, was die Proteste in einer Reihe von arabischen Staaten befeuerte.13

Eine gewichtige Ausnahme von diesem Fokus auf lokale Konflikte wird häufig in der Arktis gesehen. Die Auswirkungen des Klimawandels in der Arktis unterscheiden sich fundamental von denen in den meisten Regionen der Welt: Hier findet keine Verschlechterung der Bedingungen für Einkommenserzielung statt, sondern mit Ausnahme für die indigene Bevölkerung deren Verbesserung. Die verstärkte Nutzung von Schiffspassagen in der Arktis und insbesondere die mögliche Ausbeutung von Rohstoffen bergen erhebliches Konfliktpotenzial. Allerdings haben es die Anrainerstaaten der Arktis bisher geschafft, ihre Interessengegensätze durch Verträge zu regeln.

Neben dem Sahel sind vor allem Regionen in Süd- und Südostasien bereits heute Konfliktrisiko-Hotspots des Klimawandels. In solchen treffen starke negative Auswirkungen auf das Einkommen von Menschen durch Dürren, Überschwemmungen, Stürme und andere Naturkatastrophen auf bereits bestehende wirtschaftliche, gesellschaftliche oder politische Konfliktlinien. Gemeinsam ist ihnen, dass das Einkommensniveau niedrig und der wichtigste Erwerbszweig die Landwirtschaft ist. Für die Zukunft werden weitere Hotspots genannt, in denen der schleichende Klimawandel über dauerhaften Rückgang von Niederschlägen und Meeresspiegelanstieg zu Umweltveränderungen führt, so etwa im Mittelmeerraum und im südlichen Afrika.14

Konfliktminderung und Friedensbildung

Die enge Verquickung von klimabedingten Umweltveränderungen mit gesellschaftlichen und politischen Risikofaktoren bietet vielfältige Anknüpfungspunkte für Maßnahmen und Aktivitäten, um die Konfliktträchtigkeit des Klimawandels zu reduzieren.15

An erster Stelle stehen Maßnahmen, um das Ausmaß des Klimawandels zu begrenzen. Die Auswirkungen auf die Umwelt und die damit einhergehenden Belastungen für den Zusammenhalt von Gesellschaften und Beziehungen zwischen Staaten wachsen mit dem Grad der globalen Erwärmung. Entsprechend bedeutsam ist es auch für das zukünftige Konfliktgeschehen, ob die internationale Gemeinschaft in der Lage ist, den globalen Temperaturanstieg verglichen mit der Zeit vor dem Beginn der Industrialisierung auf 2 Grad oder sogar darunter zu begrenzen.16

Auch die Auswirkungen des Klimawandels auf die physische Umwelt und die Verfügbarkeit von Ressourcen wie Land und Wasser lassen sich durch aktive Maßnahmen verändern. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Katastrophenvorsorge, denn auch der schleichende Klimawandel, etwa im Bereich des Anstiegs des Meeresspiegels, wird zunächst vor allem in Extremsituationen – in diesem Fall Sturmfluten – zu Schäden führen. Anpassungsmaßnahmen sind daher ein zweites Instrument, um die Auswirkungen des Klimawandels auf das Konfliktgeschehen zu beeinflussen.

Weiter als Anpassungsmaßnahmen gehen Vorhaben, mit denen die Resilienz von Gesellschaften gegen klimabedingte Umweltveränderungen gestärkt werden soll. So kann eine schnelle wirtschaftliche Erholung nach einer Katastrophe verhindern, dass sich Konflikte zwischen unterschiedlich betroffenen gesellschaftlichen Gruppen aufschaukeln.

Neben diesen auf Begrenzung der Umweltveränderungen infolge des Klimawandels zielenden Maßnahmen stehen solche, die auf Eindämmung der gesellschaftlichen und politischen Konfliktdynamik zielen. Diese unterscheiden sich im Grundsatz nicht von dem, was sich im Laufe der Jahrzehnte als für das Konfliktmanagement und die Friedenskonsolidierung hilfreich erwiesen hat, von Programmen zur Stabilisierung der Wirtschaft über Stärkung von Institutionen zur Bearbeitung von Konflikten bis hin zu Aktivitäten mit dem Ziel der Versöhnung verfeindeter gesellschaftlicher Gruppen.   

Naheliegend ist allerdings, Maßnahmen zum Konfliktmanagement und zur Friedensbildung mit Aktivitäten zur Minderung von Umweltrisiken zu verbinden.

Besonders aktiv wird dies im Bereich des „environmental peacebuilding“ versucht, wo etwa Maßnahmen zum Schutz der Umwelt mit Programmen zur Versöhnung zwischen verfeindeten Gruppen verbunden werden. In der Praxis ist ein solches kombinierendes Vorgehen nur schwer umzusetzen und kann zu unbeabsichtigten Folgen führen.17 Zum einen stehen Aktivitäten zur Minderung von Umweltrisiken und gesellschaftlichen und politischen Konfliktrisiken häufig in Konkurrenz zueinander. Ein Beispiel dafür ist der Bau von Staudämmen, um das Risiko von Überschwemmungen zu vermindern, mit dem gleichzeitig aber die Zwangsumsiedlung von Menschen verbunden ist. Ein anderes ist der großflächige Anbau von Pflanzen für die Energiegewinnung, der aber oft mit der Verknappung von Land für die Nahrungsmittelproduktion durch Kleinbauern verbunden ist. Umgekehrt können auch der Friedenskonsolidierung dienende Maßnahmen, etwa im Bereich der Förderung der Wirtschaft in Nachkriegsgesellschaften, die Umweltbedingungen verschlechtern. Zum anderen sind die Akteure, die sich um Umweltrisiken und gesellschaftliche und politische Konfliktrisiken kümmern, häufig voneinander isoliert. Ein Beispiel dafür sind die unterschiedlichen Zielsetzungen von internationalen Entwicklungs- und Hilfsorganisationen, die regelmäßig einen klaren Schwerpunkt auf ein begrenztes Aufgabenfeld haben.

Gefahren der "Versicherheitlichung" und der Unterschätzung des Klima-Konfliktrisikos

Die Komplexität des Zusammenhanges von Klimawandel und Konflikten erschwert nicht nur die wissenschaftliche Analyse und die Bemühungen um die Eindämmung eines vom Klimawandel beeinflussten Konfliktgeschehens, sondern führen auch zu Unter- und Übertreibungen der Bedeutung dieses Zusammenhanges.18

Besonders deutlich war dies in der zweiten Hälfte der Nullerjahre des Jahrhunderts. Ein wichtiger Grund dafür war die Haltung einer Reihe von Regierungen, angeführt durch die US-Administration unter George W. Bush, einerseits und das Erstarken gesellschaftlicher Bewegungen für mehr Klimaschutz andererseits. Die Betonung des Konfliktrisikos des Klimawandels erwies sich als ein starkes Argument zur Mobilisierung für mehr Klimaschutz, allerdings um den Preis, dass sich Angst vor Massenmigration nach Europa und in die USA verbreitete und ehemalige und aktive Militärs zu wichtigen Kronzeugen für die Gefahren des Klimawandels wurden. Zwar sind bisher nur wenige Zeichen einer „Versicherheitlichung“ des Klimawandels zu sehen, etwa der weiten Verbreitung der Ansicht, dass der Klimawandel eine existenzbedrohende Gefahr ist, der nur mit der Ausschaltung demokratischer Verfahren und mit Zwangsmaßnahmen begegnet werden kann. Auch Aktivitäten, den Risiken des Klimawandels mit militärischen Mitteln begegnen zu wollen, sind bisher kaum zu verzeichnen.19 Andererseits hält sich die durch Analysen der bisherigen Migrationsbewegungen nicht gestützte Angst vor einer riesigen Welle von Klimamigranten nach Europa und in die USA hartnäckig in Politik und Gesellschaft und ist zu einem wichtigen Faktor in der Migrationspolitik einer Reihe von Staaten geworden. Übertreibungen der Bedeutung des Klimawandels liegen auch im Interesse von politisch versagenden Entscheidungsträgern und Eliten. Sie können ihr eigenes Verschulden für schlechte Lebensbedingungen und Proteste bis hin zur Eskalation zu bewaffneten Konflikten auf einen von ihnen kaum beeinflussbaren Faktor schieben. Auch hierfür liefert der Konflikt in Darfur ein Beispiel.

Übertreibungen der Risiken für Frieden und Sicherheit stehen Verharmlosungen des Klimawandels gegenüber – allgemein und speziell, wenn es um Fragen von gesellschaftlichem Zusammenhalt und gefährlichen Konflikten geht.  So verweigerte sich die Trump-Administration in den USA jeder Art von Versuchen auf praktischer, politischer und diplomatischer Ebene, Klimawandel und Konflikte miteinander in Verbindung zu bringen, weil sie den menschengemachten Klimawandel an sich bestritt. Andere Akteure in der internationalen Politik akzeptieren zwar, dass der Klimawandel Auswirkungen auf die Lebensbedingungen vieler Menschen hat, sind aber nicht gewillt, darin ein relevantes Konfliktrisiko zu sehen. So verhinderten nicht nur die USA, sondern auch Russland und China, dass Deutschland während der Mitgliedschaft im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in den Jahren 2019/2020 erfolgreich eine Resolution einbringen konnte, in der der Klimawandel als eine Gefahr für internationalen Frieden und Sicherheit bezeichnet wurde. Erbost waren darüber vor allem eine Reihe von besonders vom Klimawandel betroffener Staaten, wie die kleinen pazifischen Inselstaaten, die sich von der internationalen Gemeinschaft mehr Engagement wünschen. 

Gegenwarts- und Zukunftsrisiko Klimawandel

Es macht wenig Sinn, den Klimawandel isoliert von anderen Konfliktfaktoren zu sehen. Dazu sind seine gesellschaftlichen Auswirkungen zu sehr dadurch determiniert, wie stark Menschen von Umweltbedingungen abhängig sind, welche Möglichkeiten zur Anpassung an deren Veränderungen sie haben, wie die negativen Folgen dieser Veränderungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen verteilt sind und wie solche Verteilungsfragen von der Bevölkerung wahrgenommen werden, um nur einige wichtige Faktoren zu erwähnen.

Mit zunehmender Globaltemperatur und deren Folgen für Klima und Wetter steigt allerdings das zu erwartende Ausmaß der Umweltveränderungen, insbesondere in der Form von Extremwetterereignissen, aber auch von längerfristigen Veränderungen, zum Beispiel bei Niederschlägen und Meeresspiegel. Damit steigen tendenziell auch die Risiken für bewaffnete Konflikte. Aber auch in der absehbaren Zukunft dürften sie nur dort dominant werden, wo die Abhängigkeit von landwirtschaftlicher Produktion besonders hoch ist und andere Konfliktlinien sich mit denen über die Verteilung der negativen Folgen von Umweltveränderungen überschneiden.

Die enge Verquickung des Klimawandels mit anderen Konfliktfaktoren eröffnet vielfältige Möglichkeiten für die Eindämmung des Konfliktrisikos. Auch hier gilt allerdings, dass die Erfolgsbedingungen mit zunehmendem Klimawandel abnehmen. Denn die enge Verquickung bedeutet auch, dass wichtige Bremser von Konflikteskalation, wie Vertrauen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen der Konfliktbearbeitung und -lösung, in diesem Zuge an Gestaltungskraft verlieren.

1 Gleditsch, Nils Petter (2021): „This time is different! Or is it? NeoMalthusians and environmental optimists in the age of climate change”. Journal of Peace Research 58(1), S. 177–185.

2 Von Uexkuell, Nina und Buhaug, Halvard (2021): „Security implications of climate change: A decade of scientific progress“. Journal of Peace Research 58(1), S. 3–17.

3 Eine knappe Beschreibung der umstrittenen Positionen findet sich im 5. Sachstandsbericht des IPCC. Adger, W Neil et al. (2014): Climate Change 2014: Impacts, Adaptation, and Vulnerability. Part A: Global and Sectoral Aspects. Contribution of Working Group II to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel of Climate Change. Cambridge/New York, S. 755–791.

4 Fröhlich, Christiane J. (2020): „Drought, flight, conflict: ‘climate migrationʼ as a driver for conflict?“ Brzoska, Michael und Scheffran, Jürgen (Hg.): Climate Change, Security Risks, and Violent Conflicts. Hamburg, S. 175–194. blogs.sub.uni-hamburg.de/hup/products-page/publikationen/180/

5 Brzoska, Michael (2018): „Weather Extremes, Disasters, and Collective Violence: Conditions, Mechanisms, and Disaster-Related Policies in Recent Research“. Current Climate Change Reports 4(4), S. 320–329.

6 Koubi, Vally (2019): „Climate Change and Conflict“. Annual Review of Political Science 22, S. 343–360, www.annualreviews.org/doi/pdf/10.1146/annurev-polisci-050317-070830; von Uexkuell, Nina und Buhaug, Halvard (2021); Scheffran, Jürgen: „Climate change and weather extremes as risk multipliers“. In: Brzoska, Michael und Scheffran, Jürgen (Hg.), S. 19–48.

7 Mach, Katharine J et al. (2019): „Climate as a risk factor for armed conflict“. Nature 571(7764), S. 193–197.

8 Mach, Katharine J et al. (2019).

9 Bernauer, Thomas und Böhmelt, Tobias (2020): „International conflict and cooperation over freshwater resources“. Nature Sustainability 3(5), S. 350–356.

10 De Juan, Alexander und Hänze, Niklas (2021): „Climate and cohesion: The effects of droughts on intra-ethnic and inter-ethnic trust“. Journal of Peace Research 58(1), S. 151–167.

11 Walch, Colin (2013): „Typhoon Haiyan: natural disaster meets armed conflict“. Open Democracy, 26. November 2013. www.opendemocracy.net/en/typhoon-haiyan-natural-disaster-meets-armed-conflict/.

12 Boas, Ingrid et al. (2019): „Climate migration myths“. Nature Climate Change 9(12), S. 901–903.

13 Johnstone, Sarah und Mazo, Jeffrey (2011): „Global Warming and the Arab Spring“. Survival 53(2), S. 11–17.

14 Scheffran, Jürgen (2020).

15 Brzoska, Michael (2019): „Understanding the Disaster-Migration-Violent Conflict Nexus in a Warming World: The Importance of International Policy Interventions“. Social Sciences 8(6), S. 1–17.

16 Die derzeitigen Emissionsreduktionsziele der einzelnen Staaten reichen dazu nach einem aktuellen Bericht des Klimasekretariats der UN bei Weitem nicht aus. Siehe etwa: „Selbst wenn die Staaten ihre Klimapläne einhalten, verfehlt die Welt das Zwei-Grad-Ziel“. Spiegel, 26.2.2021, https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/pariser-klimaabkommen-klimaplaene-verfehlen-2-grad-ziel-bei-weitem-a-679d1f0f-c4a5-43f0-bc10-413313c9cfaf

17 Ide, Tobias (2020): „The dark side of environmental peacebuilding“. World Development 127, S. 104777.

18 Gleditsch, Nils Petter (2021).

19 Brzoska, Michael (2020): „Climate change and planning for the military“. In: Brzoska, Michael und Scheffran, Jürgen (Hg.), S. 229–250.

Autor

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Michael Brzoska ist Senior Research Fellow am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) an der Universität Hamburg, das er bis 2016 als wissenschaftlicher Direktor leitete, und Senior Research Associate des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI). Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft arbeitete er an verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen der Friedens- und Konfliktforschung und war zwischen 2007 und 2017 auch Principal Investigator im Klimaforschungs-Exzellencluster der Universität Hamburg.

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