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"Ein Staatsbürger in Uniform wird immer der Bevölkerung helfen"

Auch der Sanitätsdienst der Bundeswehr ist in der Coronapandemie stark gefordert und unterstützt den zivilen Gesundheitssektor. Welche Erkenntnisse hat man aus der ersten Welle im Frühjahr gewinnen können, was motiviert Ärzte und Pflegepersonal, was hilft ihnen, ihre Erfahrungen zu ­verarbeiten? Wie blicken Mediziner auf die Entwicklungen in der Gesellschaft, und was würden sie Corona-Skeptikern entgegnen? Zwei Ärzte aus dem Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz haben ihre Gedanken zu diesen und weiteren Fragen für Ethik und Militär formuliert.

Aus intensivmedizinischer Sicht laufen die derzeitigen Vorbereitungen im Wesentlichen nicht anders als im Februar während der ersten Welle. Das damals Geplante hat sich in der Praxis bewährt: Wir hatten zu jeder Zeit Kapazitäten und niemals das Gefühl, irgendeine Therapie nicht durchführen zu können. Das Kernelement war und bleibt damals wie heute die Schaffung ausreichender intensivmedizinischer Kapazitäten. Dabei geht es mittlerweile weniger um das Material, wie Beatmungsgeräte, sondern viel mehr um das Personal. Das gilt aber nicht nur für die Pflege, sondern gleichermaßen auch für das ärztliche Personal, was in der aktuellen öffentlichen Wahrnehmung etwas zu kurz kommt. 

Die Frage nach der Motivation beantwortet sich dabei beinahe von selbst: Es gehört sowohl zum ärztlichen als auch zum pflegerischen Selbstverständnis, in einer solchen allumfassenden und äußerst bedrohlichen Lage alles – und damit meinen wir wirklich alles – zu geben, um zu helfen, Not zu lindern und im besten Fall zu therapieren. Damit eng verbunden ist aber auch die Möglichkeit des Scheiterns, indem man diesem gewaltigen Anspruch nicht oder nur teilweise gerecht wird. Davor haben vermutlich alle, die medizinisch in den verschiedenen Funktionen und Führungsebenen Verantwortung tragen, zumindest Respekt, wenn nicht sogar Angst. Dieses unbehagliche Gefühl ist sicherlich individuell unterschiedlich stark ausgeprägt und sollte durchaus thematisiert werden. Es muss klar sein, dass dies nicht Weichheit oder sogar Feigheit ist, sondern schlicht eine nachvollziehbare Reaktion auf eine gewaltige Herausforderung darstellt. Dieses Bewusstsein über die eigene Fehlbarkeit, verbunden mit der Begrenztheit in den Möglichkeiten des eigenen Handelns, kann helfen, mit den Belastungen der Krise besser zurechtzukommen und nicht an der Last der Verantwortung zu zerbrechen. Aber auch Erfolg kann positiv verstärken. Deshalb war es während der ersten Welle sehr gut, dass die gewählte Struktur und die damit verbundenen Prozesse nahezu reibungslos funktioniert haben und wirklich jeder Patient behandelt werden konnte. Allein durch das Gefühl, bei der Bewältigung dieser fordernden Lage dabei gewesen zu sein, seinen Beitrag dazu leisten zu können, hat viele Angehörige des Sanitätsdienstes bestärkt und zu einem Motivationsschub verholfen. Erfolgreiche Gefahrenabwehr ist immer ein hervorragender Motivator! Natürlich wird dieser Erfolg durch jeden Patienten und jede Patientin geschmälert, welche man trotz optimaler Behandlung verliert. Es gehört deshalb zwangsläufig auch zur Aufarbeitung solcher Lagen, sich mit diesen vermeintlichen Misserfolgen auseinanderzusetzen, zu erkennen, ob Optimierungsbedarf besteht und ob man etwas dazulernen kann.

Das Bestreben nach ständiger Verbesserung umfasst auch die Nutzung wissenschaftlicher Erfolge. Im Laufe der Zeit hat man die Erkrankung immer besser verstanden, alte Therapieansätze verlassen, dafür neue erfolgreich evaluiert und in die klinische Praxis implementiert. Damit sind die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung insgesamt gestiegen, was zusätzlich anspornt und hilft, mit der Situation umzugehen. Diese Motivation ist auch dringend notwendig, denn Corona ist eben nicht nur eine medizinische Bedrohung, sondern wirkt auch auf das gesellschaftliche Zusammenleben. Damit sind nicht nur die permanenten Diskussionen um geeignete Schutzmaßnahmen gemeint, sondern auch die Beeinflussung unseres Denkens und Erlebens durch das Virus. Dazu gehört beispielsweise die verstärkte Wahrnehmung der eigenen Vulnerabilität. Es wurde allen klar, wie schnell es gehen kann, das eigene Schicksal nicht mehr selbst kon­trollieren zu können. Natürlich ist eine solche Kontrolle auch unter normalen Lebensbedingungen nicht vollständig gegeben, dazu sind Krankheiten, Verletzungen und auch der Tod zu unvorhersehbar und zu schicksalhaft. Aber in normalen Zeiten kann man diese Tatsache viel leichter ignorieren, zumindest so lange, wie man nicht selbst davon betroffen ist. Diese bequeme Ignoranz wird aktuell durch das Virus regelrecht paralysiert. Vergleichbare Ereignisse waren in der Vergangenheit das Reaktorunglück in Tschernobyl 1986 oder die Anschläge vom 11. September 2001. Was diesen beiden Ereignissen gemeinsam ist, ist, dass sie eine Zeitmarke setzten und auf Jahre bestimmenden Einfluss auf das Weltgeschehen hatten. Ähnlich könnte es auch mit der Corona-Epidemie werden. 

Umso wichtiger war es, dass die Bundeswehr genau wie 1986, 2001 auch jetzt hervorragend funktioniert hat und weiter funktioniert. Die Bundeswehr war in der Corona-Lage zur Stelle, hat stabilisiert und hat der Bevölkerung geholfen: schnell, bürgernah und unbürokratisch. Es ist davon auszugehen, dass dies bei großen Teilen der Bevölkerung genauso angekommen ist und das Vertrauen in die deutschen Streitkräfte nachhaltig gestärkt hat. Die Bundeswehr ist und bleibt ein Teil des Staates und wird niemals ein Staat im Staate sein oder werden. Ein Staatsbürger in Uniform wird immer der Bevölkerung helfen und nicht wegschauen, wenn Hilfe nötig ist. Dieser grundlegende Unterschied zur Reichswehr der Weimarer Republik ist die DNA der Bundeswehr. Damit bedeutet die Bewältigung der Coronakrise für die Bundeswehr als Ganzes keine wesentliche neue Erfahrung, sondern vielmehr ist dies die Bestätigung ihres ureigenen Auftrages. Für jeden einzelnen Soldaten und für jede einzelne Soldatin, genau wie für die zahlreichen Zivilangestellten bedeutet dies – je nach Dienstalter zum ersten oder wiederholten Male – die Erfahrung zu machen, was es heißt, für die Bevölkerung einzustehen.

Skeptikern in diesem Zusammenhang zu begegnen ist schwierig, denn es gibt ja genug rationale und vor allem wissenschaftlich basierte Erklärungen zu Covid und den Umgang damit. Es gehört aber gerade zum Wesen dieser neuen Skepsis, Ratio und Wissenschaft nicht anzuerkennen, sondern diese vielmehr zu verleugnen. Dennoch wird es keinen anderen Weg mit minimaler Hoffnung auf Erfolg geben als den des Versuches der ernsthaften Diskussion. Wann immer sich dazu die Möglichkeit bietet, muss Skeptikern entschieden entgegengetreten werden. Dies gilt umso mehr für diejenigen, die aktiv am Kampf gegen Corona beteiligt sind. Sie müssen ihre Erfahrung weitergeben und Corona als das darstellen, was es ist: eine absolut tödliche Bedrohung, die nur dann bewältigt werden kann, wenn möglichst alle zusammenhalten. Man muss sich dabei bewusst sein, dass man, wenn überhaupt, nur wenige erreichen kann und bei den wenigen kaum ein Umdenken erreicht werden wird. Aber die einfache Tatsache, dass Überzeugung möglich sein könnte, muss Motivation genug sein, genau dies zu versuchen. Bedeutet doch die Diskussion mit uneinsichtigen Skeptikern den Versuch der Abwehr des Irrationalen durch die Ratio. Eine Ratio, die der Diskussion überdrüssig ist, wird nicht mehr ernst genommen, weil dies als Eingeständnis ihrer vermeintlichen Schwäche betrachtet wird. Und genau das darf nicht passieren!

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Oberstarzt Dr. Willi Schmidbauer

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Oberfeldarzt Dr. Dennis Matthias Ritter