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Vulnerabilität und Resilienz in Zeiten der Corona-Pandemie

Von Herfried Münkler

Welchen Einfluss haben die Pandemie und die zu ihrer Eindämmung ergriffenen Maßnahmen auf die internationale Ordnung, die geopolitischen Strukturen und das strategische Denken? Um dieser Frage nachzugehen, wird die Frage nach der Vulnerabilität und Resilienz der Gesellschaften ins Zentrum gestellt. Die Vulnerabilität moderner Gesellschaften für Pandemie wird in deren Abhängigkeit von globalen Lieferketten und der an Gewissheiten orientierten Mentalität ihrer Bevölkerung identifiziert. Die mit dieser spezifischen Vulnerabilität korrespondierende Resilienz wird in einer Kombination von Autarkiefähigkeit, Ressourcen zur ökonomischen Revitalisierung geschrumpfter Ökonomien und gesellschaftlichem Zusammenhalt als Gegenkraft zu gewachsenen Zentrifugalkräften identifiziert. Diese Trias dürfte das Potenzial der (europäischen) Nationalstaaten überfordern und nur in einem wirtschaftlich verflochtenen und politisch integrierten „Großraum“ verfügbar sein. Daraus wird die These abgeleitet, dass die Pandemie den Trend zur Globalisierung abbremst und die Entstehung regionaler Ordnungen befördert.

Daneben werden aus der Fülle unterschiedlichen Regierungshandelns zur Eindämmung der Pandemie drei idealtypische Modelle herausgefiltert, die als prinzipielle strategische Alternativen angesehen werden können: das chinesisch-ostasiatische, das angloamerikanische und das westeuropäisch-deutsche Modell. Sie konkurrieren miteinander im Hinblick auf ihre Leistungsfähigkeit und die Rolle, die sie für andere als Vor- und Leitbild spielen. Diese Konkurrenz, bei der es um die Begrenzung von Vulnerabilität und die Steigerung von Resilienz geht, dürfte die Entstehung regionaler Ordnungen mit eigenen Werten und Normen, Leitideen und Regeln befördern – dann jedenfalls, wenn die Pandemiedrohung keine Episode bleibt, sondern in der politischen Agenda zukünftig einen zentralen Platz einnimmt.

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