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Vulnerabilität und Resilienz in Zeiten der Corona-Pandemie: Eine geopolitische Betrachtung

Die Coronapandemie ist, von der Ausbreitung des Virus bis zu den unterschiedlichen Typen des Regierungshandelns, eine Herausforderung für Virologen und Epidemiologen, eine Fundgrube für Sozialwissenschaftler, die Gesellschaften im Ausnahmezustand beobachten, und nicht zuletzt eine Aufforderung an die Theoretiker der Geopolitik und des strategischen Handelns, ihre Modelle und Ratschläge im Lichte der jüngsten Erfahrungen einer sorgfältigen Revision zu unterziehen. Während die Epidemiologen unmittelbar gefordert waren und ihre Expertise „von heute auf morgen“ abgefragt wurde, konnten sich die Sozialwissenschaftler etwas mehr Zeit lassen, bis sie erste Studien vorlegten; dem geringsten Zeitdruck waren und sind bislang die Strategiedenker und Theoretiker der Geopolitik ausgesetzt, weswegen die Debatte über die sicherheitspolitischen Folgen der Pandemie in einer global vernetzten Welt erst in Ansätzen begonnen hat.1 Das ist einerseits verständlich, weil eine substanzielle Evaluierung und – womöglich – Revision der bisherigen Annahmen schwer möglich ist, ohne dass man den weiteren Verlauf der Pandemie kennt, aber andererseits ist dieses Abwarten auch nicht ohne Risiko, weil grundlegende Veränderungen in den strategischen und geopolitischen Konstellationen bereits jetzt eingetreten sind und vermutlich derjenige aus ihnen die größten Vorteile hat, der sie als Erster begreift. Die nachfolgenden Überlegungen verstehen sich als eine vorläufige Bestandsaufnahme der Pandemiefolgen unter sicherheitspolitischen Aspekten mit Hinweisen zu einer perspektivischen Neuformatierung zentraler geopolitischer Annahmen.

Der Einbruch der Ungewissheit

Moderne Gesellschaften sind auf längerfristige Planungen angewiesen, um die Vorsorgeerwartungen ihrer Bürger erfüllen zu können. Dazu brauchen sie verlässliche Antizipationen der Zukunft, für die Heerscharen von Experten eingesetzt werden – von der Ökonomie über die Demografie bis zu Ökologie und Meteorologie. Je frühzeitiger man weiß, was bleiben und was sich verändern wird, desto besser kann man sich darauf vorbereiten. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Gesellschaften, sondern auch für die individuellen Lebensentwürfe. Durchgeplante Zukunftsvorstellungen sind indes kontingenzavers: Wo immer möglich, wird der Zufall mithilfe großer Datenmengen herausgerechnet. Selbst die apokalyptischen Gegenentwürfe gründen ihre Katastrophenszenarien auf Daten, in denen die Gegenwart in die Zukunft prolongiert wird. Kontingenz ist die Achillesferse moderner Gesellschaften. Demgemäß ist die erste und oberste Erwartung der Gesellschaft an die Wissenschaft, dass sie Ungewissheit reduziert und Kontingenz wegarbeitet.

Die Ausbreitung der Corona-Pandemie im späten Winter und Frühjahr 2020 war – unter anderem auch – ein Einbruch des Ungewissen in eine durchgeplante und durchgerechnete Welt. Das begann damit, dass sich das Virus nicht regional begrenzen ließ, also eine Epidemie im Großraum Wuhan blieb, sondern sich im globalen Norden ausbreitete, bevor es dann auch auf den globalen Süden übergriff; dass sich weiterhin nicht voraussagen ließ, wann welche Medikamente bereitstehen würden; und das setzt sich fort in der unbeantworteten Frage, wann wir wieder zu unseren alten Lebensgewohnheiten zurückkehren können bzw. ob das überhaupt möglich ist. Die Pandemie überzog tendenziell alles, was bis dahin als fest und sicher gegolten hatte, mit einem Gewebe der Ungewissheit. Das war und ist die tiefgreifendste Erschütterung der Gesellschaft: Mehr noch als die administrative hat sie deren mentale Ordnung durcheinandergebracht.

Im Rückblick auf die erste Hälfte des Jahres 2020 lassen sich im Wesentlichen drei Reaktionsmuster unterscheiden: das einer dringlichen Nachfrage bei „der“ Wissenschaft; das des Kriegsnarrativs zur Herstellung von Analogien und schließlich das der Verschwörungstheorien in ihrer unterschiedlichen Ausformung. Sie alle folgen dem Imperativ, das Ungewisse zurückzudrängen oder zu eliminieren. Der Schock der Ungewissheit führte zu Erwartungen an „die“ Wissenschaft, die auf einem grundsätzlichen Missverständnis beruhten: Es wurden definitive Antworten erwartet, also „Wahrheiten“, aber was Naturwissenschaft und Medizin bieten konnte, waren Zwischenergebnisse eines laufenden Forschungsprozesses. Dass dabei die Forscher ein und desselben Gebiets zu unterschiedlichen Ergebnissen und Schlussfolgerungen gelangten, ist normaler Wissenschaftsbetrieb, wurde aber unter dem Druck von Gewissheitserwartungen als Kommunikationswirrwarr wahrgenommen, in dessen Folge sich Stimmen mehrten, die den Experten Unwissenheit bescheinigten. Daraus wurde dann geschlussfolgert, man müsse ihren Empfehlungen auch nicht Folge leisten. Wieder andere befürchteten die Heraufkunft einer Herrschaft der Experten, von der die Demokratie und die Verfassung außer Kraft gesetzt würden. „Die“ Wissenschaft jedenfalls konnte keine Rückkehr zur vertrauten Gewissheitskultur bieten.

Eine ähnliche Funktion hatte die Kriegsrhetorik, die in den ersten Wochen der Pandemieerfahrung häufig zu hören war. Tatsächlich treten Krieg und Seuche häufig gemeinsam auf – unter anderem im eindrucksvollen Bild der vier apokalyptischen Reiter, in dem Krieg, Pestilenz, Teuerung und Tod gemeinsam über die Menschheit kommen. In der längsten Zeit der Geschichte hatten Kriege sich seuchenförmig ausbreitende Krankheiten im Gefolge, sei es im Belagerungskrieg, sei es aufgrund der mangelhaften hygienischen Verhältnisse bei Truppen und Tross oder auch, weil Krankheitserreger gezielt gegen den Feind eingesetzt wurden. Aber Krieg war etwas, das begonnen und auch wieder beendet wurde, und mit dem Ende des Krieges ebbten zumeist auch die Seuchen wieder ab. Die Erzählmuster von Krieg und Seuche sind einander ähnlich, und die Vorstellung einer Bedrohung von außen, die abgewehrt werden müsse, beruht auf dieser Ähnlichkeit. Selbst wenn man Distanz zur Kriegsrhetorik wahrt, lässt sich doch kaum vermeiden, dass von Abwehrlinien, Verteidigung, Einbruchstellen und Ähnlichem die Rede ist. Damit verbindet sich die Vorstellung von der Besiegbarkeit des äußeren Feindes, und das ist eine Insel der Gewissheit in einem Meer des Ungewissen. – Aber dann stellte sich heraus, dass die Attitüde des Heroischen gegen das Virus wenig half und die Attitüde von Tapferkeit eher zur Infektion als zu dessen Abwehr führte. Die Weigerung, eine Maske zu tragen, ist ein symbolisches Überbleibsel der heroischen Attitüde.

In beiden Reaktionsmustern, den überzogenen Erwartungen an die Wissenschaft wie der kriegsanalogen Semantik, zeigt sich die Vulnerabilität der modernen Gesellschaften gegenüber Ungewissheit und Kontingenz. Aber die Wissenschaft reklamierte für sich längere Zeitstrecken, bevor sie neue Gewissheiten schaffen könne, und die Narrative des Krieges führten in die Irre. Das wurde zur Chance der Pandemieleugner und Verschwörungsgläubigen. Beide, Pandemieleugner wie Verschwörungsgläubige, nutzen die Verwundbarkeit moderner Gesellschaften durch das Ungewisse, und sie sind dabei umso erfolgreicher, je entschiedener sie ihre Erklärungen vortragen: dass alles nur eine Erfindung machtgieriger Eliten sei, mit welcher diese ihre sinistren Absichten durchsetzen, oder dass es die Pandemie zwar gebe, sie aber das Werk von Geheimdiensten oder bösen Einzelnen sei, sodass man sehr genau wissen könne, wer und was dahinterstecke – wenn man es denn nur wissen wolle.

In der Regel jedoch werden Katastrophen durch Vergleichgültigung entschärft, und die Einstellung mürrischer Indifferenz ist einer der wichtigsten Selbstbehauptungsmechanismen moderner Gesellschaften. Auf die sich jagenden Alarmmeldungen reagieren viele mit Achselzucken. Die kurze Phase der Aufregung wird durch Zeiten einer Mischung aus ironischer Distanz und gelangweiltem Wegschauen kompensiert. Das ist die bevorzugte Form von Resilienz, mit der postheroische Gesellschaften2 ihre fortbestehende Vulnerabilität bearbeiten. Die ironische Distanznahme hat auch im Umgang mit Covid-19 geholfen; gelangweiltes Wegschauen indes jedoch war nicht möglich – schon deswegen, weil der sorgfältige Umgang mit Maske und Desinfektionsmitteln sowie das geforderte Abstandhalten ständige Aufmerksamkeit verlangt. Vermutlich ist auch deswegen die Maske zum Symbol für die Einstellung zur Pandemie und den Maßnahmen ihrer Eindämmung geworden.

Globale Lieferketten und gesellschaftliche Fliehkräfte

Die Pandemie hat die globalen Lieferketten zu einem Element der Vulnerabilität von Wirtschaftsräumen werden lassen. In Deutschland etwa standen schon lange vor den Grenzschließungen zahlreiche Fabriken still, weil einige der weltweiten Zulieferer die Produktion eingestellt hatten. Dabei hatte gerade die globale Wirtschaftsverflechtung als ein probates Mittel gegen Lieferengpässe und Produktionsausfälle gegolten, da man weltweit nach Alternativen Ausschau halten und eine logistische Umstellung schnell vornehmen konnte. Im Vertrauen darauf hatte man die Lagerhaltung beschränkt und auf Zulieferung just in time gesetzt, mit gewaltigen Kosteneinsparungen. Lagerhaltung ist einer der Posten, an dem sich erheblich einsparen lässt. Die Lage verschärfte sich, als Masken und Beatmungsgeräte knapp wurden und die Staaten um knappe Ressourcen konkurrierten. Mitunter herrschte eine geradezu hysterische Bevorratungspolitik, vom Haushalt bis zum Nationalstaat. Das Vertrauen auf die jederzeitige Verfügbarkeit des Benötigten hatte zu einer neuen Verwundbarkeit geführt. Von den Unternehmensführungen bis zur Staatsadministration wird künftig auf eine stärkere Bevorratung strategischer Ressourcen und Güter geachtet werden, um eine zumindest mittelfristige Durchhaltefähigkeit von Wirtschaftsunternehmen und politischem Gesamtverband sicherzustellen.

Aber auf welcher Ebene soll die politisch-wirtschaftliche Größe, um deren Resilienz es geht, angesiedelt werden? Auf der des Nationalstaats, wie das in Europa auf dem Höhepunkt der Krise unter Rückgriff auf historisches Wissen der Fall war, oder doch eher auf EU-Ebene, dem Euro- oder dem Schengenraum? Die Kostenfrage spricht in jedem Fall für den EU-Raum, bei dem eine entsprechende Bevorratungspolitik breiter und umfassender angelegt werden kann als auf nationalstaatlicher Ebene. Außerdem können hier im Rahmen der Coronapandemie ausgemachte Defizite in Forschung wie Produktion durch die Bündelung von Fähigkeiten schneller und effektiver ausgeglichen werden als von den Nationalstaaten. Das Problem dabei ist freilich die offene Frage, wer dann die Entscheidungen trifft und ob in Europa genügend Vertrauen vorhanden ist, um das Aufkommen populistischer Ressentiments zu vermeiden. Derlei Ressentiments stellen sich bekanntlich schnell ein, wenn sich in der Öffentlichkeit eines EU-Staates die Vorstellung verbreitet, man werde notorisch benachteiligt. Eine klare Entscheidungskompetenz ohne langwierige Verhandlungen mit mühsamen Kompromissen ist hier ebenso unabdingbar wie allgemein nachvollziehbare Leitlinien beim Treffen solcher Entscheidungen. Das ist die Vulnerabilität Europas, die beim Nationalstaat Zuflucht suchen lässt.

In der Summe spricht mehr dafür als dagegen, den Resilienzraum auf der europäischen Ebene zu entwickeln: Zum einen mit Blick auf die grenzüberschreitende Wirtschaftsverflechtung des Schengenraums, der bei einem national organisierten Regime durchtrennt würde – ein Problem, das sich im Frühjahr 2020 ausgesprochen ungünstig auf die europäische Wirtschaft ausgewirkt hat –, aber auch im Hinblick auf die Durchhaltefähigkeit dieses Raumes bei einer längeren Abschottung vom globalen Personen- und Güterverkehr sowie dessen Selbstbehauptungs- bzw. Durchsetzungsfähigkeit gegenüber konkurrierenden Resilienzräumen. Die europäischen Nationalstaaten, auch die großen, haben, auf sich allein gestellt, eine gegenüber den USA und China deutlich eingeschränkte Konkurrenzfähigkeit, während die EU ein global ernst zu nehmender Player sein kann.

Resilienz läuft in diesem Fall darauf hinaus, einen Cordon sanitaire um den betreffenden Raum zu legen und ihn damit gegen den globalen Verkehr abzuschotten, ausgehend von der Annahme, dass Einschränkungen des Güter- und Personenverkehrs auch die Ausbreitung des Virus einschränken, zumindest verlangsamen, um Zeit für das Hochfahren der eigenen Vorsorgemaßnahmen zu gewinnen.3 Es ist damit zu rechnen, dass andere weltwirtschaftlich relevante Akteure ähnliche Maßnahmen treffen werden, sodass der globale Wirtschaftsaustausch ohnehin zum Erliegen kommt. In diesem Sinn ist Resilienz als tendenzielle Autarkiefähigkeit zu verstehen. Da die Pandemie als sicherheitspolitische Herausforderung nach den Erfahrungen mit Covid-19 auf der Agenda ganz oben stehen wird, dürften die Vorbereitungen zum „Umschalten“ auf solche Resilienzräume so weitgehend sein, dass sich unterhalb der globalen Ökonomie die Strukturen tendenziell abschottungsfähiger wirtschaftlicher Großräume4 herausbilden werden. Die bislang mit einem globalisierten Wirtschaftsraum verbundene Resilienzerwartung dürfte sich auf wirtschaftlich verflochtene Großräume verlagern.

Zur Resilienz gehört aber nicht nur die tendenzielle Autarkiefähigkeit der Räume, sondern auch die Fähigkeit, das Wirtschaftsleben wieder in Gang zu bringen und die sozialen Folgen eines zeitweiligen Lockdowns zu begrenzen. Auch das dürfte auf europäischer Ebene sehr viel leichter fallen als auf der von Nationalstaaten. Dass viele von ihnen mit den Folgen eines staatlich verhängten Lockdowns (zeitlich eher eng begrenzt), vor allem aber des veränderten Wirtschafts- und Sozialverhaltens der Menschen (von langer Dauer) überfordert sind, ist allenthalben erkennbar. Je besser die erwähnten Großräume wirtschaftlich und politisch integriert sind, desto resilienter sind sie im Umgang mit den sozialen Folgen von Pandemien.

Verallgemeinernd wird man sagen können, dass Pandemien, die Wirtschaftsbranchen und sozialen Gruppen unterschiedlich treffen, die Zentrifugalkräfte einer Gesellschaft vergrößern. Daran ändern auch Appelle an den gesellschaftlichen Zusammenhalt nichts, die zwar spontane Solidarität zu mobilisieren vermögen, aber kaum geeignet sind, einen tiefgreifenden Strukturwandel der Wirtschaft zu begleiten. Resilienz im Umgang mit Pandemien heißt also auch, den durch eine Pandemie freigesetzten Fliehkräften die Kraft des Zentripetalen entgegenzustellen. Diese Dimension von Resilienz wird die Europäer wohl am längsten und intensivsten beschäftigen. Sie wird darüber hinaus das globale Nord-Süd-Gefälle verstärken und manchen Entwicklungsschritt der letzten Jahre zunichtemachen. Das hat unmittelbar sicherheitspolitische Folgen, insofern der Zerfall von Gesellschaften des globalen Südens den Migrationsdruck in Richtung globalem Norden wieder erhöhen dürfte.

Verschiebungen der politischen Aufmerksamkeit

Wie die meisten Krisen hat auch die Coronapandemie paradoxe Effekte: Eine strategisch wohlbedachte Reaktion auf die mit ihr verbundenen Herausforderungen läuft, wie gezeigt, auf eine verstärkte Kooperation in „Großräumen“  hinaus, um Effektivität und finanzieller Tragbarkeit der Gegenmaßnahmen sicherzustellen. Gleichzeitig hat sich aber auf der Ebene der politischen Mentalitäten ein Rückzug in nationale Egoismen entwickelt, der kleinräumiges Denken und Handeln befördert. Hinzu kommt, dass die Langfristigkeit politischen Planens unter dem Eindruck der Pandemie zunehmend ins Kurzfristige gewendet wurde. Die Lücke zwischen rationalem Handeln und emotional unterfütterter Mentalität hat sich dadurch vergrößert. Die unterschiedlichen Infektionsverläufe in den Ländern, die differenten Gegenmaßnahmen und schließlich die zeitweilige Konkurrenz um knapp gewordene Masken, Beatmungsgeräte und Medikamente haben der Orientierung am Nationalstaat Auftrieb verschafft und die EU als schwachen Akteur in Erscheinung treten lassen. Das hat die EU geschwächt und damit, sollten die oben angestellten Überlegungen zutreffen, letzten Endes die Vulnerabilität der Mitgliedstaaten erhöht. Die Bearbeitung dieses Bündels von Paradoxien ist der Ausgangspunkt eines neuen strategischen Denkens in Europa.

Die Verschiebung des Aufmerksamkeitsfokus von äußeren Herausforderungen und im engeren Sinn sicherheitspolitischen Fragen hin zur Sicherheit gegen die Infektion und zur Bevorratung von Masken und Medikamenten ist von einigen Staatsführungen dazu genutzt worden, ihre machtpolitischen wie wirtschaftlichen Interessen durch den Bruch internationaler Regeln und aggressives Auftreten zur Geltung zu bringen. So sind im Verlauf der Pandemie neue Krisenherde entstanden, die ein hohes Risiko militärischer Konfrontation enthalten, während gleichzeitig die Bearbeitung alter Krisenherde durch die internationale Gemeinschaft liegen geblieben ist. Sofern sie machtpolitisch genutzt werden, erhöhen Pandemien die Vulnerabilität der internationalen Ordnung, da die Durchsetzung der Regeln auf der Agenda der relevanten politischen Akteure ins Hintertreffen gerät. Weil die „Hüter der Ordnung“5 andere Sorgen haben, müssen sich die Saboteure dieser Ordnung wenig Sorgen machen, dass ihnen jemand in den Arm fällt.

Konfligierende Großräume anstelle regelbasierter Globalität

Nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums und dem Ende der bipolaren Weltordnung entstand in den 1990er-Jahren die Vorstellung einer Weltordnung, die durch globale Kooperation gekennzeichnet sein sollte, in der Nullsummenspiele durch Win-win-Konstellationen abgelöst wurden, in der das Wirtschaftliche eine gewichtigere Rolle spielen sollte als das Militärische, in der internationale Zusammenarbeit durch multilaterale Regelbindung gekennzeichnet war und auch die inneren Verhältnisse der Staaten einer gewissen Normgeltung unterworfen sein sollten. Der Krieg als Modus der Konfliktaustragung, so die Idee, sollte endgültig verschwinden, und an seine Stelle sollten Polizeiaktionen zur Durchsetzung der elementaren Menschenrechte treten. Das alles würde nicht mit einem einzigen großen Vertrag zu realisieren sein, aber man würde sich diesem Ziel schrittweise annähern – und dabei sah man sich für lange Zeit auf gutem Wege.

Der Glaube daran, dass dieser Weg der einzig sinnvolle sei, war so groß, dass man sich über die Voraussetzungen seines Beschreitens keine weiteren Gedanken machte, sondern damit beschäftigt war, immer neue und weitergehende Ziele mit ihm zu verbinden: Ächtung von Atomwaffen, Beendigung jeder Art von Diskriminierung, Umweltschutz und Erhaltung der Artenvielfalt, Klimaschutz und Begrenzung der Erderwärmung. Vorangetrieben wurde das von Nichtregierungsorganisationen, die sich als globale Gemeinwohlunternehmern verstanden. Dabei wurde übersehen, dass für die globale Geltung einer solchen Ordnung alle größeren Akteure auf einen Teil ihrer Souveränität verzichten und der Weltgemeinschaft Einblick in ihre Fähigkeiten und ihre innere Politik gewähren mussten. Russland und China beharrten jedoch auf ihrer Souveränität und der „Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten“, und auch im Fall der USA war vollkommen unklar, in welchem Maße sie der Weltgemeinschaft Einfluss auf ihr Handeln zugestehen würden. Bei den USA ging es zusätzlich um eine verlässliche Antwort auf die Frage, ob sie bereit und in der Lage seien, die Rolle eines „Hüters“ dieser Ordnung zu spielen. Die Hüterrolle läuft auf ein investment in common goods hinaus, auf Investitionen also, die tendenziell allen zugutekommen. Damit ist nicht nur das Problem der notorischen Trittbrettfahrer verbunden, sondern auch die Bereitschaft einer deutlichen Mehrheit der US-Bürger, sich für das globale Gemeinwohl zu engagieren und dabei das nationale Eigeninteresse hintanzustellen. Donald Trumps Parole America first war eine definitive Absage an dieses Projekt.

Für viele Beobachter war bereits vor Beginn der Pandemie klar, dass das Projekt einer normgestützten und regelgebundenen Globalordnung gescheitert war. Daran konnte auch ein verstärktes Eintreten der Europäer für diese Ordnung nichts ändern; um die Rolle der USA zu übernehmen, waren sie zu schwach und untereinander zu sehr zerstritten. Der Verlauf der Pandemie hat dann deutlich gemacht, dass längst ein System verselbstständigter Großräume entstanden ist, die nicht nur eigene Interessen verfolgen, sondern auch eigene Werte und Normen für sich reklamieren. Dabei zeigte sich auch, dass es den alten „Westen“ nicht mehr gab, sondern sich Europa und die USA zunehmend auseinanderentwickelt hatten.

Betrachtet man die diversen Formen des Regierungshandelns zur Eindämmung der Pandemie, so zeigen sich in ihnen Traditionslinien, die belegen, dass das politische Handeln nicht allein an der jeweiligen Regierung hing, sondern sich starke Verbindungen zur politischen Kultur des betreffenden Landes ausmachen lassen. Idealtypisch sind drei Modelle des Regierungshandelns zu unterscheiden.

Da ist zunächst ein Regierungshandeln, bei dem die Staatsmacht mit grenzenlosen Kompetenzen ausgestattet ist und es keine Überprüfung ihrer Anordnungen durch unabhängige Gerichte sowie keinen zivilgesellschaftlichen Widerspruch gibt. Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, kann die Regierung ganze Großstädte unter Quarantäne stellen, aber sie ist auch in der Lage, die in ihren Wohnungen festgesetzte Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen. Die Kontrolle über die Wirtschaft und ein straff organisierter Staatsapparat verschaffen ihr die Möglichkeit dazu. Ratschlägen der Wissenschaft nicht abgeneigt, behandelt sie diese aber als Arkanwissen, das heißt, sie lässt widersprechende Expertisen nicht in der Öffentlichkeit zirkulieren und unterbindet auch jede gesellschaftliche Debatte darüber. Dieses Regierungshandeln ist paternalistisch und legitimiert sich über seine Ergebnisse, die häufig geschönt dargestellt werden. Nennen wir dies das chinesisch-ostasiatische Modell. Es profitiert von einer traditionell disziplinierten Bevölkerung. Die spezifische Vulnerabilität dieses Modells liegt in seiner Outputlegitimation: Wenn die Erfolge ausbleiben bzw. sich Zweifel mehren, dass die offiziellen Erfolgsmeldungen nicht der tatsächlichen Lage entsprechen, kann das Vertrauen der Menschen in die Regierung schnell schwinden. Die Omnikompetenz des Paternalismus wird dann zur Achillesferse. Unkonditioniertes Vertrauen schlägt in generelles Misstrauen um.

Dem steht ein Typus von Regierungshandeln gegenüber, der allumfassendes Wissen und Können simuliert, sich tatsächlich aber auf das Auftreten und die Attitüde des Präsidenten bzw. Regierungschefs (die weibliche Form ist mitzudenken, empirisch aber nicht aktuell) beschränkt. Die sonst außer Gebrauch gekommene Kriegssemantik spielt hier eine zentrale Rolle. Das Problem dieses Modells ist, dass die Regierung weder die Kompetenzen noch die Fähigkeiten besitzt, die für ein paternalistisches Modell erforderlich sind, sodass die Selbstinszenierung des Präsidenten und die tatsächlichen Maßnahmen zur Versorgung Infizierter und zur Bekämpfung des Virus auseinanderklaffen. Öffentlich sichtbar wird, wie der Mann an der Spitze die wissenschaftliche Expertise beiseiteschiebt und den Kampf gegen das Virus zu einer Frage von Mut und Entschlossenheit macht. Im einen Fall kommt dabei ein Zickzackkurs heraus (Boris Johnson), im andern eine Selbstinszenierung nach dem Narrativ des Westerns, in dem es der Held allein mit zahlreichen Schurken aufnimmt und am Schluss doch über seine Widersacher triumphiert. Nennen wir dies das angloamerikanische Modell. Es ist infolge seiner insgesamt schlechten Ergebnisse hochgradig vulnerabel, weil es Vertrauen nur bei denen generiert, die uneingeschränkt den Narrativen folgen, nicht aber bei denen, die auf die Ergebnisse schauen.

Und dann gibt es noch ein Regierungshandeln, das tastend und vorsichtig ist und sich je nach Infektionslage und Forschungsstand als reversibel versteht. In der Ausgangslage verfügt die Regierung jedoch nur über begrenzte Kompetenzen und Fähigkeiten, kann diese freilich ausweiten, wobei sie immer mit dem Einspruch von Gerichten und Widerstand aus Teilen der Zivilgesellschaft rechnen muss. Sie muss ihre Entscheidungen also gerichtsfest begründen und zugleich permanent um Unterstützung durch die Bevölkerung werben. Sie stützt sich dabei auch auf wissenschaftliche Expertise, die jedoch der Öffentlichkeit nicht als Arkanwissen vorenthalten wird, sondern dort zirkuliert und diskutiert wird. Unterschiedliche Lagebeurteilungen der Experten kommen dabei ebenso zur Sprache wie die teilweise gegensätzlichen Handlungsempfehlungen, etwa von Virologen, Ökonomen und Psychologen. Eine hohe Transparenz im Hinblick auf das Infektionsgeschehen wie die Folgen der zu seiner Eindämmung getroffenen Maßnahme erlaubt eine ständige Beurteilung der Erfolge wie Misserfolge. Diese sind indes nicht allein vom Regierungshandeln abhängig, sondern dem Verhalten der Bevölkerung kommt eine ausschlaggebende Rolle zu. Insofern kann von einer geteilten Verantwortung gesprochen werden. Nennen wir dies das europäisch-deutsche Modell; es wird in Westeuropa überwiegend praktiziert und ist in Deutschland am deutlichsten ausgeprägt. Seine Verwundbarkeiten sind zugleich seine Stärken: die offen kommunizierte Reversibilität der Maßnahmen, die starke Einbeziehung der Zivilgesellschaft und die öffentliche Debatte über die wissenschaftliche Expertise. Das Vertrauen ins Regierungshandeln muss hier ständig neu erworben werden. Es ist das einzige Modell, das sich um den Aufbau von Kontingenztoleranz bemüht, und insofern ist es an der Stärkung von Resilienz orientiert.

Jedes dieser drei Modelle hat seine eigenen sicherheitspolitischen Effekte, die in Verbindung mit den jeweiligen Resilienzen zu einem Identitätsmarker von Großraumordnungen werden können. Der Prozess politisch-kultureller Segmentierung der Weltordnung wird dadurch weiter befördert, wenn auch nicht mit der religiösen Grundierung, wie von Samuel Huntington angenommen,6 und im Unterschied zu dessen Modell auch nicht als global umfassende Struktur, sondern als Vorbildmodell: Die drei Typen von Regierungshandeln werden vom „Rest der Welt“ im Hinblick auf ihre Anschlussfähigkeit evaluiert, und diese Evaluation könnte zu einem großen Um- und Neuverteiler von soft power werden: Das angloamerikanische Modell ist am leichtesten zu kopieren und insofern vor allem für populistisch ausgelegte politische Kulturen attraktiv, kann aber infolge seiner geringen Resilienz zum Verlierer der Evaluation werden. Das europäisch-deutsche und das chinesisch-ostasiatische Modell sind sehr viel schwerer zu kopieren, weil sie auf Voraussetzungen beruhen, die zumeist nicht vorhanden sind. Sie haben also eher perspektivische Relevanz; der Wettstreit zwischen diesen beiden Modellen könnte für die Gewichts- und Einflussverteilung in einer neu entstehenden Weltordnung ausschlaggebend werden. Deswegen ist der Umgang mit der Pandemie von weit mehr als nur innerer Bedeutung; er kann zum Beschleuniger bei der Herausbildung einer neuen Weltordnung werden.

1 Dazu jetzt die Beiträge von Osterhammel, Hofman, Rüland und al-Bagdadi in Kortmann, Bernd und Schulze, Günther G. (2020): Jenseits von Corona. Bielefeld, S. 255-293.

2 Zum Konzept der postheroischen Gesellschaft vgl. Münkler, Herfried (2015): Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert. Berlin, S. 169-187.

3 Zum diesbezüglichen Wissen vgl. Harrison, Mark (2012): Contagion. How Commerce Has Spread Disease. New Heaven; Zur Entstehung staatlichen Gegenhandelns Baldwin, Peter (1999): Contagion and the State in Europe, 1830-1930. Cambridge.

4 Der Begriff des Großraums geht auf Carl Schmitt zurück, was gewisse Reserviertheiten bei seiner Nutzung verständlich macht. Er ist jedoch gut geeignet, um die beschriebenen Entwicklungen begrifflich zu fassen.

5 Zum Konzept eines „Hüters der Ordnung“, das umfassender ist als das des „Weltpolizisten“, da es neben Sanktionen auch Gratifikationen umfasst, vgl. Münkler, Herfried/Borgolte, Michael (2019): Ordnung – Ein politisch umkämpfter Begriff. Berlin, S. 11 f.

6 Huntington, Samuel (1996): Kampf der Kulturen: die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München, Wien, S. 246 ff.

Autor

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Herfried Münkler, geboren 1951, ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Die Deutschen und ihre Mythen“ (2009, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse), sowie „Der große Krieg“ (2013), „Die neuen Deutschen“ (2016) und „Der Dreißigjährige Krieg“ (2017), die alle monatelang auf der Bestsellerliste standen. Herfried Münkler wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Wissenschaftspreis der Aby-Warburg-Stiftung und dem Carl Friedrich von Siemens Fellowship.