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Editorial

Die Menschheit stehe durch die Coronapandemie vor der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg – so UN-Generalsekretär António Guterres. Sie sei die größte Prüfung, die die Welt seit der Gründung der Vereinten Nationen vor 75 Jahren durchlaufe. Und es gehe nicht nur darum, das Virus einzudämmen, sondern weltweit solidarisch mit den wirtschaftlichen Folgen umzugehen. Guterres spricht von einer Wahl: Wenn die Krise eines Tages überstanden sei, könne man entweder zu einem Status quo ante Corona zurückkehren, oder aber man könne die Dinge, die die Welt für Pandemien verwundbar machen, entschieden angehen.

Selten in der jüngeren Geschichte hat sich die Weltgemeinschaft so verletzlich, ja so verwundbar gefühlt wie heute. Bei der Eindämmung eines sich global verbreitendes Virus, das mehr als einer Millionen Menschen den Tod gebracht hat, das Wirtschaft, Bildung, Kultur und religiöses Leben stark einschränkt und sich unmittelbar auf den Alltag jeder und jedes Einzelnen auswirkt, sind individuell, national und international immer neue Abwägungen und Entscheidungen gefordert, muss nach einer Balance zwischen unterschiedlichen Gütern und Werten wie Gesundheit, Freiheit und Menschenwürde, Wirtschaftlichkeit, globaler Solidarität und Verantwortung gesucht werden.

Regierungen reagieren unterschiedlich auf die Krise, was wiederum die internationale Zusammenarbeit zum Beispiel in der WHO oder der EU schwächt. Was bedeutet diese unübersichtliche Lage, deren Ende auch nach fast einem Jahr vorerst noch nicht in Sicht ist, für die internationalen Beziehungen? Wird sich durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie die globale Ungleichheit weiter verschärfen? Wird dies neue gewaltsame Konflikte, humanitäre Notlagen und Fluchtbewegungen hervorrufen? Ist die Coronapandemie als katalytischer Prozess unter geopolitischer Perspektive zu verstehen, in dessen Verlauf sich neue Ordnungen herauszubilden? Welche ethische Dimension hat der Kampf gegen ein Virus, das sich in Demokratien und in autoritär regierten Staaten gleichermaßen ausbreitet, für die Politik und für ihre Streitkräfte? Wie geht die Bundeswehr mit den Herausforderungen der Coronapandemie um?

Über solche und ähnliche Fragen schreiben die Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe von „Ethik und Militär“ unter ethischer, theologischer und sicherheitspolitischer Perspektive – inmitten der Pandemie. Vor einem Jahr wurden die ersten Fälle von Covid-19 bekannt, und die Auseinandersetzung mit der Pandemie ist in vollem Gange, auch wenn angesichts einer nach wie vor dynamischen Entwicklung noch kein abschließendes Fazit möglich ist.

Die zurückliegenden Monate in der Coronazeit haben zu einer neuen Nachdenklichkeit in Bezug auf das Leben, auf Lebensstile und auf die Frage nach dem Wesentlichen geführt. Laut Markus Vogt, einem der Autoren dieser Ausgabe, liegt darin ein großes Potenzial, um die „sozialen Immunsysteme“ gegen künftige Krisen nachhaltig zu stärken. In einem Beitrag für das zebis führt er weiter aus: „Solidarität ist eine der wichtigsten Ressourcen für eine resiliente Gesellschaft. Hierbei können kulturelle und religiöse Traditionen helfen, die grundlegenden Einstellungen und Sinnmuster zu bestimmen, derer es bedarf, um mit einer solidarischen Perspektive nach Lösungen zu suchen und in Krisen zu reifen.“

Eindringlich ist der Appell für zwischenmenschliche Solidarität, den Papst Franziskus nur wenige Wochen nach seiner Enzyklika Fratelli tutti an Europa richtet: „Ich träume von einem solidarischen und großzügigen Europa“, das sich auf seine Gründungswerte zurückbesinnt und weniger von nationalen Alleingängen beeinflusst ist.

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