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Zur Aktualität der Heidelberger Thesen

Von Ines-Jacqueline Werkner

Ob sich nukleare Abschreckung friedensethisch rechtfertigen lässt, ist eine Frage, die mit dem Ende des Kalten Krieges weitgehend aus dem öffentlichen Fokus geriet. Spätestens mit der Zunahme der Spannungen zwischen Nordkorea und den USA und der Drohung mit dem Einsatz von Nuklearwaffen wird diese Debatte erneut intensiv geführt. Das Ende der Bipolarität und die neuen weltpolitischen Konstellationen, die sich durch eine größere Komplexität auszeichnen, veranlassen etliche Akteure – darunter auch viele Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen –, diese Frage heute zu verneinen. Bereits in den 1950er-Jahren drohte sie die evangelische Kirche zu spalten. Mit den Heidelberger Thesen von 1959 und der darin enthaltenen Denkfigur der Komplementarität gelang es damals, die Kontroversen um die beiden einander ausschließenden Positionen – die Friedenssicherung durch militärische Mittel (unter Einschluss atomarer Waffen) oder durch vollständigen Verzicht auf Gewalt –  einzuhegen. Die dahinterstehende Idee einer gegenseitigen Bedingtheit ging im weiteren Verlauf der kirchlichen Auseinandersetzungen verloren und ist einem Entweder-oder gewichen. Dabei erweist sich weder die Forderung eines Verzichts auf Nuklearwaffen noch der Besitz zum Zwecke der Abschreckung als widerspruchsfrei. Beide Wege – ein einseitiger Verzicht angesichts von Atomwaffen in Händen von Autokraten wie auch die Drohung von Waffen, die niemals eingesetzt werden dürfen – bergen Dilemmata. Ein Rückgriff auf die Komplementarität der Heidelberger Thesen einschließlich der achten These, wonach nukleare Abschreckung eine „heute noch mögliche“ ethische Option darstellt, negiert nicht das Ziel einer nuklearwaffenfreien Welt, betont aber den Prozesscharakter des Friedens. Mit dem „Noch“ verbinden sich weitgehende rüstungspolitische Schritte. Dabei wird man auf die Grundidee der gemeinsamen Sicherheit nicht verzichten können. Das erfordert vertrauensbildende Maßnahmen – dieser Zugang ist nicht neu, aber in den letzten Jahrzehnten, auch in innerkirchlichen Debatten, in gravierender Weise vernachlässigt worden.

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