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Das Ende der "Frist" – Die atomare Abschreckung im Licht der römisch-katholischen Soziallehre

Von Heinz-Günther Stobbe

Die viel beachteten Aussagen von Papst Franziskus zur Ächtung der  Atomwaffen können in die lange friedensethische Tradition des kirchlichen Lehramts gestellt werden. Der Zweite Weltkrieg und die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen verschärften die unverhohlene Skepsis gegenüber Rüstung und militärischer Konfliktlösung, bewirkten aber noch keine grundsätzliche Abkehr von der Bellum-iustum-Lehre als ethischem Beurteilungsrahmen für die Legitimität der Kriegführung. Gerade das Zweite Vatikanische Konzil lenkte jedoch den Blick darauf, dass die Zerstörungswirkung von Atomwaffen den Rahmen jeder erlaubten Verteidigung sprengen musste, und prägte zum ersten Mal das Wort von der „Frist“, die der Menschheit angesichts ihrer drohenden Auslöschung zur Suche nach angemessenen Konfliktbeilegung bleibe. So erklärten unter anderem die US-amerikanischen Bischöfe in dem Hirtenwort „Die Herausforderung des Friedens“ die nukleare Abschreckung zwar nicht für gänzlich inakzeptabel, knüpften aber ihre vorübergehende Akzeptanz unauflösbar an Bedingungen wie ernsthafte Rüstungskontroll- und Abrüstungsbemühungen. Vor diesem Hintergrund deutete sich die jetzige Position des Vatikans – die Aufhebung der Unterscheidung zwischen (bedingt) erlaubtem Kernwaffenbesitz und ihrer verbotenen Anwendung – bereits früh an. Zu den lange gehegten ethischen Bedenken gegenüber einer Politik, die „Frieden“ nur auf Grundlage gegenseitiger Vernichtungsandrohung herstellt, gesellt sich das Urteil, dass der Wille zur Abrüstung nicht erkennbar sei und damit eine wesentliche Bedingung für die Tolerierung nicht erfüllt werde. Dieser Argumentation folgte auch die Deutsche Kommission Justitia et Pax, indem sie 2019 die Ächtung der Atomwaffen zum Ausgangspunkt des angestrebten Abrüstungsprozesses erklärte und damit missbräuchlichen Interpretationen der „Frist“ einen Riegel vorschiebt. Der als Kehrtwende wahrgenommene Einsatz der katholischen Kirche für ein vollständiges Verbot und eine Abschaffung von Atomwaffen stellt also in Wahrheit eine stringente Weiterführung ihrer Soziallehre dar, die jenseits der Religionszugehörigkeit an die sittliche Vernunft des Menschen appelliert und eine breite Unterstützung für eine schrittweise Abkehr von der nuklearen Abschreckung gewinnen will.

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