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Editorial

„Unsere Welt lebt in der abartigen Dichotomie, Stabilität und Frieden auf der Basis einer falschen, von einer Logik der Angst und des Misstrauens gestützten Sicherheit verteidigen und sichern zu wollen.“ Mit diesen Worten verurteilte Papst Franziskus Ende 2019 in Nagasaki zum wiederholten Male das System der nuklearen Abschreckung. Frieden und internationale Stabilität könnten nicht auf der Bedrohung einer totalen Auslöschung aufgebaut werden, so Franziskus. Mit der Auffassung, dass nicht nur die Anwendung von Atomwaffen, sondern die Androhung ihres Einsatzes sowie bereits ihr Besitz nicht zu rechtfertigen seien, setzt er einen neuen Impuls in der kirchlichen Friedensethik.

Das Paradox, dass Waffen, deren Anwendung ethisch nicht zu legitimieren ist, den Frieden sichern sollen, spielt in der friedensethischen Diskussion der katholischen Kirche schon lange eine zentrale Rolle. So ist die Enzyklika Pacem in terris von Papst Johannes XXIII. (1963) eine Antwort auf die atomare Bedrohung in der Kubakrise im Jahr zuvor. Dass der Rüstungswettlauf aufhöre und wirksame Vereinbarungen zur Abrüstung getroffen würden, war für ihn gleichermaßen ein Gebot der Gerechtigkeit, der Vernunft und der Menschenwürde. Die 1965 verabschiedete Pastoralkonstitution Gaudium et spes greift diese Lehre auf. Das Motiv der „Frist“, die es zu nutzen gilt, um politische Alternativen zur Abschreckung zu schaffen, hatte von da an die lehramtliche Beurteilung geprägt.

Diese Ausgabe nimmt den aktuellen „Kurswechsel“ des Vatikans zum Ausgangspunkt und fragt, welche Motive hinter dem päpstlichen Verdikt stehen. Zugleich steht der Heilige Stuhl mit seiner Fundamentalkritik nicht allein – das Anliegen der Redaktion war es daher, auch zivilgesellschaftlichen Initiativen wie ICAN und der feministischen Forschung eine Stimme zu geben.  

Bei kaum einem anderen Thema sind die Fronten so verhärtet. Atomwaffengegner bezichtigen Abschreckungsbefürworter der Verantwortungslosigkeit, diese antworten gern reflexhaft mit dem Vorwurf der Naivität. Immerhin haben die klare Positionierung der katholischen Kirche, der Atomwaffenverbotsvertrag und auch der allgemeine Zustand der internationalen Beziehungen die Debatte neu entfacht. Nicht ohne Grund haben die Herausgeber des US-Wissenschaftsmagazins Bulletin of the Atomic Scientists die Zeiger der symbolischen „Doomsday-Clock“ zu Beginn des Jahres auf 100 Sekunden vor Mitternacht gestellt – als eindringliche Warnung und Ausdruck für „the most dangerous situation that humanity has ever faced“. So widmen sich mehrere Artikel den aktuellen sicherheitspolitischen Gegebenheiten und möglichen Wegen aus dem Abschreckungsparadigma. In zwei gesonderten Beiträgen die Position der Atommächte Russland und China einzubeziehen war uns als Redaktion dabei besonders wichtig. 

Auch die wiederaufflammende Diskussion über die nukleare Teilhabe Deutschlands verdeutlicht die ungebrochene Aktualität des Themas. Das Special setzt sich mit der Frage auseinander, was die päpstlichen Verlautbarungen für den Dienst deutscher Soldatinnen und Soldaten bedeuten.

Allen Autorinnen und Autoren gilt unser herzlicher Dank, und wir hoffen, dass diese Ausgabe zu einem vertieften Verständnis der „Kernfrage“ beiträgt. Wenn Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, am Schluss nicht mehr ganz so klar ist, wer „naiv“ ist und wer nicht, wäre schon viel gewonnen.  

 

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