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Warten auf Harmagedon – Theologische und ethische Aspekte der nuklearen Abschreckung

Von Drew Christiansen

Atomwaffen werden seit je mit Endzeitlichkeit assoziiert. Zum Ausdruck dieser religiösen Dimension findet der Mensch in der Bibel und der Theologie ein Repertoire von Begriffen und Bildern. Allerdings zeigt sich, dass diese Verknüpfungen keine einheitliche Bewertung des Phänomens „Kernwaffen“ hervorbringen, sondern konträre Positionen mit Berufung auf ein und dasselbe biblische Motiv begründet werden. Die Ursache liegt in der wechselseitigen Beziehung zwischen religiösem Symbol, religiöser Grundhaltung und persönlicher Disposition. Hinzu kommt, dass selbst eine identische Bewertung, beispielsweise die Ablehnung von Nuklearwaffen, verschiedene Reaktionen begründen kann.

Die politischen und ethischen Debatten um die Legitimität von Atomwaffen und der nuklearen Abschreckung trugen jeweils den veränderten technischen und politischen Rahmenbedingungen Rechnung. Während des Kalten Kriegs verlagerten sie sich von der Frage des grundsätzlichen Verbots hin zu den Bedingungen, unter denen ein Einsatz von Kernwaffen gerechtfertigt sei. Doch grundsätzliche Skepsis gegenüber Versuchen, Massenvernichtungswaffen für konform mit den Prinzipien des gerechten Krieges zu erklären, spiegelte sich nicht zuletzt im Hirtenwort der US-amerikanischen Bischöfe „Die Herausforderung des Friedens“ von 1983. Zwar schloss dieses einflussreiche Dokument nicht die Möglichkeit eines Atomwaffeneinsatzes zur Verteidigung grundlegender Werte aus; es richtete sich jedoch gegen nukleare Kriegsführung und erlaubte Abschreckung nur unter strengen Bedingungen. Letztendlich folgt die moralische Bewertung eines Phänomens gemäß der kirchlichen Soziallehre immer aus einer theologisch-ethisch-gesellschaftlichen „Gesamtschau“. Mit Blick auf die heutigen Bedingungen – darunter zunehmende internationale Spannungen und Proliferationsrisiken – lässt die gegenwärtige Verurteilung der Abschreckungspolitik durch den Vatikan keinen Zweifel daran, dass diese ein erhöhtes Risiko für die Zukunft der Menschheit und der Erde darstellt.

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