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Die nukleare Frage: Von frommen Wünschen und realen Chancen. Ausgewählte (nicht nur popkulturelle) Aspekte eines Militärseelsorgers vor Ort

„Respondeo etsi mutabor“ (Eugen Rosenstock-Huessy)

„Und in seltenen Augenblicken der Klarheit und des Mutes hören wir vielleicht, um verändert zu werden“ (Walter Wink)

Militärseelsorge begleitet Soldatinnen und Soldaten und ihre Familien im dienstlichen und privaten Alltag, weil kein Berufsfeld von Seelsorge ausgenommen sein darf. Vorteilhaft ist dabei, wenn Militärseelsorge direkt den Berufsalltag miterlebt und ortsnah agieren und reagieren kann, statt eingeflogen zu werden. Damit sind wir bei der Luftwaffe, und am Standort Büchel, und bei der sogenannten nuklearen Teilhabe Deutschlands, der deutschen Bundeswehr, am Nuklearpotenzial der USA.

Potenzial beinhaltet Möglichkeiten bzw. Optionen. Materiell-faktisch oder auch Mitsprache- bzw. Mitentscheidungsrechte? Oder zumindest Möglichkeiten der Einflussnahme, falls diese in Zeiten von eventuell neuen „flexible first use policies“ und einer Thermonuclear Monarchy (Elaine Scarry) nicht grundsätzlich obsolet geworden sind. Das gilt politisch wie pastoral. Raushalten gilt nicht. Stellungnehmen schon. Das hat immer auch mit persönlichem, sozial-mitgebildetem Gewissen zu tun. Man kann es auch ethische Bewusstseinsschärfung nennen. Hier liegt eine der mannigfachen Aufgabenbereiche der Militärseelsorge (Lebenskundlicher Unterricht/Ethische Bildung). Soldatinnen und Soldaten dürfen und sollen in strittigen Fragen mitdenken und mitdiskutieren können, auch in der Nuklearfrage. Unter anderem in dem von Militärseelsorgern durchgeführten LKU finden sie dafür ein geschütztes internes Forum.

Was einmal in der Welt ist …

Wir können nicht nicht kommunizieren.1 Außer in durchaus sinnvollen christlich-zen-buddhistischen Versuchen im Rahmen der Meditation das Nicht-Denken (wuwei) zu praktizieren, ist es ansonsten eher schwer möglich, nicht (irgendetwas) zu denken. Entscheidend ist vielmehr, was wir denn inhaltspraktisch sinnvollerweise (be)denken (sollten). Eines der vielen Argumente in der Nukleardebatte geht dabei so: Weil das Wissen und die Technik nun einmal in der Welt (bekannt) sind, wird sich der Geist nicht mehr in die Flasche zurückdrängen lassen. Wie also umgehen mit dem, was da aus Pandoras nuklearer Büchse herauskam? Weiter zum Ende, zu den Folgen hin denken wäre eine angebrachte Alternative. Realistisch bei der nun verbleibenden Risikokontrolle vorgehen, welt-besonnen bleiben, statt in menschlichen Übermut zu verfallen, scheint angezeigt zu sein.2 Konkret: Wie soll ein deutscher Soldat oder eine deutsche Zivilangestellte der Bundeswehr im eigenen Berufsalltag damit umgehen, dass als Fait accompli aktuell modernisierte Atomwaffen, auf deutschem Boden stationiert, aus politischen und taktischen Zwecken vorgehalten werden? Die Stationierung an sich dürfte im Grunde globalethisch – wir befinden uns demnächst in Nach-Corona-Krisen-Zeiten – nicht so sehr das Problem sein. Oder sollte uns nach einem fragwürdigen und zu wenig bedachten isolationistisch-unilateralen Sankt-Florians-Prinzip („Schon unser Haus, zünd andre an“) das faktische Vorhandensein von Atomwaffen an anderen nationalen Standorten weniger besorgen? Ein Argument dagegen wäre die Vorreiterrolle. Doch auch hier gilt es wieder zu fragen: Ist die Vorbildhaftigkeit nur ein frommer Wunsch, der einzig dem anschließenden Rückzug ins Eigene dient, oder kann sie eine globale Lösungsperspektive aufzeigen und einen konkreten Veränderungsanreiz setzen? Wer trägt am Ende das Risiko, wenn Solidarität verloren geht? Und wie kann in einer Frage solchen globalen Ausmaßes das Gesamtmenschheitsrisiko aktiv zumindest minimiert werden? Der Vergleich mit dem zeitlich sich etwas anders entwickelnden Klimawandelproblem liegt nahe. Das kann und sollte breiter diskutiert und angesichts der weiter-anhaltend bedrohten Stabilität positiv zu einem geminderten Risiko hin zügig-teilschrittig vereinbart werden.3 Soldatinnen und Soldaten müssen sich genauso wie Seelsorgerinnen und Seelsorger persönlich zunächst ihren eigenen Reim auf die vorhandene Lage machen, um verantwortungsvoll handlungsfähig zu bleiben. Immer neues Reflektieren und Nachjustieren nicht ausgeschlossen. Gebildetes Gewissen ist hilfreich. Vernünftiges und nichtberechnendes Denken sollte neben rein emotionalen Abwehrreaktionen und gängiger politischer Interessen inklusive mancher hidden agenda machtpolitischer oder verschwörungstheoretischer Art auch mit ins Spiel kommen.

Die Welt ist nicht genug

Wir sind halt Menschen, die mitunter auch in popkulturellen Welten leben. Zudem scheinen doch recht viele Menschen in der Welt zu befürchten, irgendwie zu kurz zu kommen. Wenn James („007“ Bond, The World Is Not Enough, 19. Film der Reihe aus dem Jahr 1999) im Horizont von Jesus (der Christus) dächte, wäre die „Welt (wirklich) nicht genug“. „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16, 33; EÜ: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“), sagt der Menschenretter (Messias, Christus) im Johannesevangelium. Was keinesfalls Jenseitsvertröstung bedeutet; denn wie Charly Brown (Peanuts) zu Snoopy sagt: „Someday we all will die.“ Und der antwortet ihm in seiner Hunde-Weisheit: „True, but on all the other days we live.“

Christen sind Welt-Menschen wie alle anderen auch. Mit dem entscheidenden Touch „mehr“, dem „Magis“ der Geistlichen Exerzitien des soldatischen Mystikers Ignatius von Loyola (1491–1556). Bei allem, was wir tun, ist immer zu fragen, was mehr (magis) dem Willen Gottes, des eigentlichen „Herrn aller Mächte und Gewalten“ (siehe das Sanctus der Liturgie) entspricht.4 Das Prinzip Hoffnung und das Vertrauen, dass am von Gott aufgefangenen Ende alles gut ausgeht, machen die realistische christliche Weltsicht aus. Wer weiß, wozu es (vielleicht sonst noch) gut ist, so sagt es der Volksmund manchmal etwas sarkastisch daher. Auf das Risiko der zivilen Nutzung von Atomkraft bezogen, scheinen die darauf aufbauenden Segnungen der Nuklearmedizin zumindest vom Preis her Sinn zu machen. Ob das noch realistisch ist, wenn der US-amerikanische Film Armageddon (Juli 1998) das Thema im Blick auf Atomwaffen aufgreift? Der damals in Konkurrenz zum fast zeitgleichen Katastrophenfilm Deep Impact (Mai 1998) stehende Sci-Fi-Film ist benannt nach der biblisch angeblich dort verorteten Endschlacht zwischen Gut und Böse (Offb 16,16), heute das israelische Har Megiddo oder Tell-el-Mutesellim. Im filmischen Szenario wird durchgespielt, dass die Erde nur durch den kurzfristigen Einsatz von (bereits vorhandenen!) Nuklearwaffen vor der in 18 Tagen stattfindenden Zerstörung durch einen herannahenden Asteroiden gerettet werden kann.5

Andererseits ist gegenüber häufig nur angstbesetzten säkularen Endzeitszenarien die gläubige Weltsicht eine qualitativ und hoffnungsvoll andere, in der immer bereits eine positive Endzeit herrscht, die nur von Gott selbst in einer Neuschaffung der Welt zur Vollendung geführt werden kann. Frei nach dem in modischen Apokalypse-Szenarien6 oft zitierten Spruch „Wenn morgen die Welt unterginge (durch eine militärische oder zivile Nuklearkatastrophe?), ich würde heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen“, der irrtümlich Martin Luther zugeschrieben wird, vermutlich aber erst in den historisch beachtlichen Umständen der 1930er-Jahre aufkam.

Ächtung und Kontrolle von weltweitem Nuklearwaffenbesitz

Statt nur neue Bäume zu pflanzen, könnten wir also zusätzlich Nuklearwaffen (und überriskante Atomkraftwerke ohne Endlagerungslösung) ächten und eindämmen und global-vertraglich kontrollieren. In diesem Fall können auch politische Verbrecher ausnahmsweise mal in die richtige Richtung denken: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser (W. I. Lenin zugeschrieben: „Vertraue, aber prüfe nach“ – Dowerjai, no prowerjai).

Der derzeitige Papst Franziskus hält mittlerweile eine weitere Verlängerung des nicht genutzten Moratoriums, das zur Überwindung der nuklearen Abschreckung und zur Abrüstung führen sollte, für nicht mehr zielführend und erachtet bereits den bloßen (nationalstaatlichen, geschweige denn privat-terroristischen) Besitz von Atomwaffen in jeglicher Arsenalgröße für ethisch verwerflich und eine Sünde vor dem Angesicht Gottes. Der Journalist Werner Sonne7 warnt angesichts möglicher terroristischer Bedrohungen vor der weiteren unsicheren zivilen „Zwischenlagerung“ von CASTOR-Behältern in einer überirdischen Halle statt in den eigentlich angedachten (auch nur etwas sichereren) unterirdischen Salzstöcken. Am NATO-Flugplatz Büchel wird jetzt zumindest zusätzlich zum bereits bestehenden militärischen Schutz in die infrastrukturelle Absicherung (Spezialzaun) investiert. Dieser höhere Absicherungsschutz wird sogar seitens der Friedensaktivistinnen und -aktivisten vor Ort mittlerweile wertgeschätzt, die mit ihren erfolgreichen Go-in-Aktionen zuvor indirekt auf die ungenügende Zaunsicherung hingewiesen hatten.

Der unlängst verstorbene deutsche Philosoph Robert Spaemann (1927–2018) hält selbst die zivile Atomtechnologie ähnlich Murphys Gesetz für nicht beherrschbar: „Was einmal schief gehen kann, das geht auch einmal schief“, und: „Es gibt kein größeres Verbrechen, als einen ganzen Lebensraum unbewohnbar zu machen“8. Spaemann, der in seiner personal ausgerichteten philosophischen Ethik im markanten Unterschied zum Beispiel zu dem australischen utilitaristischen Philosophen Peter Singer für eine unteilbare Beachtung des Respekts vor dem menschlichen (und auch tierischen) Leben an sich eintritt, plädiert auch angesichts der Fukushima-Katastrophe für eine moderne Wiederbelebung des ursprünglichen sehr weisen, bereits im Mittelalter bekannten ethischen Prinzips des Tutiorismus (in dubio pro reo, in dubio pro vita): Im Zweifel gelte das Prinzip der Erhaltung und der Nachhaltigkeit statt des neuzeitlich zu oft angewendeten Prinzips „in dubio pro libertate“ 9. Zumal wir mit gutem Grund hinterfragen dürfen, wie frei wir unter einem „nuklearen Schutzschirm“ denn wirklich sind.

Die amerikanische Essayistin und Professorin (Aesthetics and the General Theory of Value at Harvard University) Elaine Scarry10 versucht mit Hinweis auf die sogenannte War powers clause (Article I, Section 8, clause 11) und dem Second Amendment der US-amerikanischen Verfassung zu belegen, dass der Zustand eher einer „Thermonuklearen Monarchie“ als einer Demokratie entspricht, sobald eine politische Führung (nahezu) eigenständig über den Einsatz von Nuklearwaffen entscheidet statt in rigoroser Überprüfung durch eine gewählte Volksvertretung: „The danger of nuclear weapons comes from potential accidents or acquisition by terrorists, hackers or rogue countries. But the gravest danger comes from the mistaken idea that there exists some case compatible with legitimate governance. There can be no such case. Thermonuclear Monarchy shows the deformation of governance that occurs when a country gains nuclear weapons“, so beschrieben in einer Rezension zu ihrem Buch.

Das Gewissen hat Vorrang

Soldatinnen und Soldaten (ob deutsche oder amerikanische), die an einem (vermutlichen) Atomwaffenstandort ihren Dienst freiwillig leisten, tun dies meines Erachtens mehrheitlich in einer gewissen pragmatisch-realistischen Herangehensweise und dabei auch vom eigenen Anspruch her hochprofessionell und gewissenhaft. Die konkreten politischen Entscheidungen werden andernorts getroffen. Die eigene Einstellung zu solcherart komplexen ethischen Fragen wie der Nuklearfrage kann, aber muss nicht unmittelbar in einem moralischen Konflikt enden. Entstehende kognitive Dissonanzen werden alltagspraktisch zu einer Stabilitätsvermutung hin aufgelöst: „Es hat ja bisher ganz gut funktioniert, und wir leisten unseren sicherheitsbewussten Beitrag zur Aufrechterhaltung dieser Stabilität.“ Diese beinhaltet immer auch eine zwischenstaatliche informations- und kommunikationspsychologische Auseinandersetzung. Individualethisch hat die persönliche Gewissensfreiheit ihren Wert: Falls – wie bereits vorgekommen – ein Soldat, in seinem Gewissen zutiefst beunruhigt, für sich selbst nicht (mehr) verantworten kann, im unmittelbaren Umfeld von speziellen Waffen zu hantieren, so findet sich, auch mithilfe des Militärseelsorgers, eine Lösung in der Bundeswehr, die den konkreten Soldaten von einem ihm angedachten konkreten Maintenance-Auftrag dispensiert und anderweitig (nicht unbedingt andernorts) beschäftigt. Dies resultiert bereits aus der bundeswehreigenen Führungsphilosophie der Inneren Führung. Soldatisch gesehen naheliegender ist vermutlich zuerst die gewissenhafte Pflichterfüllung zur Gewährleistung von Sicherheit statt unter Umständen nur selbstreferenziellem, lokal verengtem Aktionismus mit vordergründig gutem moralischem Image. Zudem stellt sich mit Blick auf die weltweit anstehenden Probleme die Dringlichkeitsfrage (Prioritätensetzung im Widerstandsengagement) in der unmittelbar faktischen Gefährdung menschlichen Lebens frei nach dem Motto: „Willst du nicht auf Dauer unter den Nuklearschirm streben, verhilf zuvörderst den weltweit Ärmeren zum Überleben“ – statt sie an Hunger, Mangel-, Unter-, Fehlernährung, kindlichen Durchfallerkrankungen et cetera täglich zu Tausenden sehenden Auges oder zumindest wissentlich sterben zu lassen. Es wäre also zu entscheiden, welche aktuelle Bedrohung in schnelleren und praktikableren Behebungsversuchen direkt angegangen werden könnte, und ob praktizierte Solidarität die (gemeinsame) Sicherheit nicht viel effektiver fördern würde.

Jährlich verhungern tatsächlich und nicht nur potenziell-bedroht oder nur wahrscheinlich laut Erkenntnissen des Schweizer Soziologen, UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung und Kapitalismuskritikers Jean Ziegler weltweit etwa neun Millionen Menschen.11

Papst Franziskus spricht ebenfalls im Stil einer prophetischen Rede in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium aus dem Jahr 2013 (vgl. EG 203) bewusst sich selbst angreifbar machend, politisch unkorrekt und aufrüttelnd von einer „Wirtschaft, die tötet“. So formuliert wurde es zumindest in der damaligen Presse aufgegriffen, was im Schreiben selbst jedoch nicht derart grundsätzlich den Kapitalismus diskreditierend gemeint war.12

Statt eines Wunder-Fazits

Wie kommen wir heraus aus dem scheinbaren ethischen Dilemma zwischen dem weiterhin vorherrschenden Glauben an die Abschreckung (aus Furcht vor dem Anderen) und dem fehlenden Vertrauen in alternative (politische) Lösungen? Nur durch Beharrlichkeit, Dranbleiben, Weiterdenken und vorurteilsfreies und innovatives13 Kommunizieren auf allen Ebenen. Am ehesten wäre wohl in der aktuellen Weltsituation der Änderungshebel bei kreativen vertrauensbildenden Maßnahmen anzusetzen. Auch persönlich-menschliche Beziehungen waren dabei in früheren historischen Kontexten bisweilen hilfreich (zum Beispiel die zwischen Kohl und Gorbatschow). Die zunehmende weltweite digitale Vernetzung hilft gerade auch in hoffentlich demnächst eintretenden Nach-Corona-Zeiten Unrechtsstrukturen (der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann14 nennt das aus menschlicher Angstverfallenheit sich gebierende „Strukturen des Bösen“) transparent, das heißt sichtbar und veränderbar/bearbeitbar zu machen und lässt hoffen auf die Tugend eines sich aus-„bildenden“ globalen Sensus communis menschlich-ethischer Klugheit. Dies jedoch immer mit dem Risiko und in der Gefahr des Scheiterns.15 Präsident Barack Obama nährte 2009 in seiner Prager Rede die Hoffnung, dass die Abschaffung nuklearer Waffen möglich werden könnte: „As the only nuclear power to have used a nuclear weapon, the United States has a moral responsibility to act. We cannot succeed in this endeavor alone, but we can lead it, we can start it. (…) I’m not naive. This goal will not be reached quickly – perhaps not in my lifetime.“16 Zum Schluss soll hier noch einmal der deontologisch argumentierende philosophische Ethiker Robert Spaemann, der die momentane zeitgeistig-modische Denkfigur des einseitig liberalistischen Utilitarismus für moralisch höchst korrumpierend und für mit (der göttlichen Wurzel) menschlicher Vernunft unvereinbar hält, in der Atom(energie)frage zu Wort kommen: „Dieser Technik sind schon schlechte Gebrauchsweisen immanent. (…) Der Erkenntniswille ist und bleibt legitim, aber mir scheint, dass man überall dort, wo es um Anwendung geht, um Technologie also, mit den Erkenntnissen einen sehr keuschen Umgang einüben muss. Nicht alles, was der Erkenntnis dient, dient dem Menschen; weder in der Atomforschung noch in der Embryonenforschung. Erkenntnisdrang rechtfertigt nicht die Vernichtung von Kindern im Mutterleib, er ist kein absoluter Wert. (…) Hier sind die Kosten Menschenleben. Es gibt eben Forschung, die man nicht betreiben darf. (…) Genau das ist auch bei der Atomenergie zu fragen: Ist der Preis für den Fortschritt in der Energiegewinnung nicht zu hoch?“17 Um wie viel mehr gälte das in der Frage von nuklearenergetisch immer ausgefeilteren, taktischen Waffen, deren reale oder auch nur mögliche Existenz befürchten lässt, dass die Schwelle zum Einsatz gesenkt und der Tabubruch erleichtert wird.18 Die „mächtige internationale Überwachungsbehörde, die mit rigorosen Kontrollbefugnissen ausgestattet wäre und möglicherweise im Monopolbesitz der Nukleartechnik bliebe“19, gibt es als international demokratisch legitimierte Handlungsinstanz nach realistischer Einschätzung absehbar nicht. Und weiterhin werden fürchterliche sogenannte konventionelle Waffen eingesetzt und die internationale staatliche Ordnung damit destabilisiert.

Was bleibt also? In einer begründeten Hoffnung dennoch weiter arbeiten und kommunizieren, dass selbstredend auch Politiker und Militärs (ethisch) denkende und für Alternativen offene Menschen sind und dass sich eventuell sogar als Change-Management-Glücksfall ein realhistorischer plötzlicher Mauerfall-Reisefreiheits-Moment (Schabowski: „Meines Wissens gilt das ab sofort“)20 bzw. eine kindlich-märchenhafte Des-Kaisers-Neue-Kleider-Erkenntnis21 (“Der Kaiser ist ja nackt!“) ergibt, die die Sicht auf die eigentlich bessere Alternative wieder freigibt. Schon wieder nur so ein frommer Wunsch? Ganz im Gegenteil – gehen wir’s an!22

1 Siehe Watzlawick, Paul et al. (1967): Pragmatics of Human Communication. New York.

2 Siehe Spaemann, Robert (2011): Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter. Stuttgart.

3 Hilfreich hierzu die in der Tradition von Raymund Schwager und René Girard stehenden theologiedramatischen Bemerkungen von Willibald Sandler zu einem Kreuz-Weg zwischen den Straßengräben von Arroganz und „Sympathisanz“. Sandler, Willibald (2008): Der Sündenfall von Dogville. Interpretation von Lars von Triers Film aus einer dramatisch-theologischen Perspektive. Innsbruck, S.14, §68. www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/735.html (Stand: 27.5.2020).

4 Sandler, Willibald (2008) spricht hier auf S.15 ff. von einem dritten Weg zwischen Arroganz und Sympathisanz, dem eigentlich christlichen (Kreuz-) Weg einer kritischen Solidarität als Mittelweg (S.16, §79): „Von diesem Mittelweg her lässt sich neu erschließen, was unter Arroganz und Sympathisanz hier zu verstehen ist. Sympathisanz ist Solidarität ohne Kritik (…) die mithin (…) gerade nicht als authentisch christlich zu verstehen ist. Arroganz ist Kritik ohne Solidarität, d. h. ein Urteilen, Richten oder Verbessernwollen, bei dem man sich selbst außen vor lässt, - ohne Bereitschaft, sich selbst im Einsatz für den anderen oder in Selbstkritik zu riskieren. Damit tappt man in genau jene Falle, die man selbstgerecht den anderen vorhält. Mit biblischen Worten: Im Versuch, den Splitter im Auge des Bruders zu entfernen, übersieht man den Balken im eigenen Auge (Mt 7,3-5).“

5 Zur Wahrscheinlichkeit von Asteroideneinschlägen und zu bereits in Planung befindlichen Rettungsszenarien siehe z. B. www.nasa.gov/planetarydefense/did-you-know (Stand: 27.5.2020).

6 Hier allerdings auch wieder die Deutung bei Sandler, Willibald (2008), S. 15, § 73: „In diese Richtung zielt die dramatisch-theologische Interpretation von Gerichts-texten und apokalyptischen Texten – etwa der Johannesapokalypse: Sie ist zu verstehen als Selbstgericht, das Menschen sich und einander antun, wenn Gott, die göttliche Gnade, „Grace“ ihnen den Rücken kehrt, oder sie ihnen den Rücken kehren.“

7 Sonne, Werner (2018): Leben mit der Bombe. Atomwaffen in Deutschland. Wiesbaden, S. 194 f.

8 Spaemann, Robert (2011), S. 101; vor allem hinsichtlich der ungeklärten Frage der Endlagerung des radioaktiven Materials.

9 Spaemann, Robert (2011), S. 103 f.

10 Scarry, Elaine (2014): Thermonuclear Monarchy. Choosing between Democracy and Doom. New York.

11 Ziegler, Jean (2018): „Ich helfe denen, die keine Stimme haben.“ In: chrismon. Das evangelische Magazin 5/2020, S. 18.

12 www.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium.pdf (Stand: 27.5.2020).

13 Vgl. zumindest zu einem der jeweiligen Situation angepassten, analogen innovativen Weiterdenken den Hinweis auf „gewaltfreien Widerstand“ bei Wink, Walter (1999): The Powers That Be. Theology for a New Millennium. New York: „Just-war theory misinterpreted ‘Do not resist an evildoer’ (Matt. 5:39) as meaning nonresistance. In an earlier chapter I tried to demonstrate the error of this interpretation. Jesus did not teach nonresistance; rather, he disavowed violent resistance in favor of nonviolent resistance. Of course Christians must resist evil! No decent human being could conceivably stand by and watch innocents suffer without trying to do, or at least wishing to do something to save them. The question is one of means. Likewise Christians are not forbidden by Jesus to engage in self-defense. But they are to do so nonviolently. Jesus did not teach supine passivity in the face of evil. That was precisely what he was attempting to overcome!“ – ausführlicher in Wink, Walter: Engaging the Powers. Discernment and Resistance in a World of Domination. Minneapolis 1992, S. 175–192  (9. Jesus’ Third Way: Nonviolent Engagement); und vgl. ähnlich den Hinweis auf die jesuanische Weisheitstaktik der „provokativen Wehrlosigkeit“ (z. B. Mt 5,41) bei Ebner, Martin (2012): Jesus von Nazareth. Was wir von ihm wissen können. Stuttgart, S. 138 f.: „Derartige Reaktionen müssen verblüffen. Und das ist offensichtlich auch ihre Taktik. Sie spielen das Gewaltspiel nicht mit, sondern machen ihrem Gegenüber im Sinn einer paradoxen Intervention seine eigene Aggression bewusst.“

14 Drewermann, Eugen (1988): Strukturen des Bösen. 1: Die jahwistische Urgeschichte in exegetischer Sicht / 2: Die jahwistische Urgeschichte in psychoanalytischer Sicht / 3: Die jahwistische Urgeschichte in philosophischer Sicht. Paderborn.

15 So inszeniert der katholische dänische Skandalregisseur Lars von Trier in seinem Film Dogville (2003) laut Sandler, Willibald (2008) eine modern illustrierte Film-Geschichte des (biblischen) Sündenfalls: Eine reine Beherrschungsmacht pervertiert in ihrer Eigenermächtigung das „Geschenk“ des Friedens, wie es bereits der gierige Griff zur Paradiesesfrucht im falschen „Modus der Aneignung“ zeige. Gleichzeitig ziele die filmische Intention auf die Kritik einer christlich-fundamentalistisch pervertierten civil religion.

16 Scarry, Elaine (2014), Note 22, S. 411.

17 Spaemann, Robert (2011), S. 105 f.; vgl. dazu auch Schockenhoff, Eberhard (2018): Kein Ende der Gewalt. Friedensethik für eine globalisierte Welt. Freiburg i. Br., S. 385 f.; vgl. auch Bartoszewski, Wladislaw (1986): Wer ein Leben rettet, der rettet die ganze Welt. Die Erfahrung meines Lebens. Freiburg i. Br., S. 47 f.: „Frieden um jeden Preis (…) bedeutet in der Praxis, jeglicher Art von Erpressung nachzugeben, die Politik der Stärke, die Politik des Stärkeren anzuerkennen. Das bedeutet, die Demutsgebärde zu machen, bevor die Auseinandersetzung überhaupt beginnt. (…) Was die Prediger für einen Frieden um jeden Preis als Akt der Vernunft, des pragmatischen Denkens, ja sogar der Menschenliebe erachten, ist letztlich die latente Bereitschaft, Tyrannei, Gewalt, Brutalität zu akzeptieren.“

18 vgl. auch Schockenhoff, Eberhard (2018), S. 391, Anm. 816.

19 Schockenhoff, Eberhard (2018), S. 390.

20 Günter Schabowski (1929–2015) war ein deutscher Journalist und Politiker, Mitglied im Zentralkomitee der SED und im SED-Politbüro von 1981 bis 1989 . In seiner Funktion als Sekretär für Informationswesen gab er am Abend des 9. Novembers 1989 eine Pressekonferenz, bei der er von einem Zettel eine neue Regelung für Reisen von DDR-Bürgern ins westliche Ausland ablas. Diese Regelung trete, so antwortete er auf eine Reporterfrage, nach seinem Wissen „sofort, unverzüglich“ in Kraft. Dies löste noch am selben Abend einen Massenansturm von DDR-Bürgern auf die Grenze zu West-Berlin aus, sodass die überforderten DDR-Grenzer nach wenigen Stunden die Mauer ungeplant öffneten. Vgl. de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Schabowski (Stand: 27.5.2020).

21 Des Kaisers neue Kleider (1837) ist ein bekanntes Kunstmärchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen. Darin lässt sich ein Kaiser von zwei Betrügern teure neue Gewänder weben. Sie behaupten, nur wer seines Amts würdig und nicht dumm sei, könne die Gewänder sehen. Der Kaiser und alle Menschen spielen das Spiel mit, weil sie unsicher sind oder um ihre Stellung fürchten. Der Schwindel fliegt erst bei einem Festumzug auf, als ein Kind die Wahrheit ausspricht. Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Des_Kaisers_neue_Kleider (Stand: 27.5.2020)

22 Nicht nur, aber auch im Sinne des provozierenden Anspruchs der „Weltgebetstage“ in Assisi und andernorts: „Es reicht nicht, etwas für den Frieden zu tun, man muss für ihn beten.“ Oder – als wirklich letzter Filmhinweis an dieser Stelle – der Ausruf des Protagonisten ganz am Ende des hervorragenden und hier gleichzeitig auch zu Corona-Zeiten passenden japanischen Spielfilms Kirschblüten und rote Bohnen von Naomi Kawase (Japan-Frankreich-Deutschland 2015): „Dorayaki! Holt sie euch!“ (Dorayaki sind süße Teigküchlein.)

Autor

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Burkhard Bleul ist Pastoralreferent und  katholischer Militärseelsorger an den Standorten Büchel /Eifel (Taktisches Luftwaffengeschwader 33), Ulmen (Schule für Diensthundewesen der Bundeswehr) und Kastellaun/Hunsrück (IT-Bataillon 282).

BurkhardBleulBundeswehrorg

Foto: Markus Kroth