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Ich erlebe die Soldaten als sehr offene Gesprächspartner

Von Jens Pröve

Lebenskundlicher Unterricht. Eine engagierte Diskussion zum Thema „Fake News“. Plötzlich meldet sich ein Soldat mit den Worten „Ich weiß ja nicht, ob ich mich jetzt um Kopf und Kragen rede …“ Dann zögert er einen Augenblick, ehe er weiterredet. Und seine Thesen sind steil, fordern Widerspruch heraus. Die Diskussion geht so rege weiter, wie sie begonnen hat. 

Für mich war das eine Sternstunde des LKU. Denn der Unterricht hat einen Raum eröffnet, in dem auch eine fragwürdige Meinung geäußert werden konnte. Eine Meinung, die zum Widerspruch herausfordert. Genau so stelle ich mir Unterricht vor: neben aller notwendigen Wissensvermittlung einen Raum zu schaffen für engagierte Diskussionen, in dem auch widerstreitende Positionen vertreten – und hinterfragt – werden können. Deshalb halte ich es auch für eine sehr gute Entscheidung, den LKU in die Hände von Militärpfarrern zu legen. Durch unsere Ausbildung sind wir für die Vermittlung von ethischer Bildung qualifiziert. Wir sind Teil der Bundeswehr und kennen Abläufe und Fragen, sind aber nicht Teil der soldatischen Hierarchie. Dadurch können Gesprächsräume entstehen, die im Dienstalltag so nicht immer möglich sind.

Dabei erlebe ich das vorgegebene Curriculum als äußerst hilfreich. Es bildet ein breites Spektrum an Themen ab. Jeder Unterrichtende und jede Unterrichtsgruppe kann darin etwas Passendes finden. In der Regel bringe ich zwei oder drei Themen mit und stelle sie zur Wahl. Manchmal kommt auch im Vorfeld aus dem Teilnehmerkreis ein Themenwunsch, den ich nach Möglichkeit gerne aufnehme. 

Ich unterrichte an der Logistikschule der Bundeswehr, habe also überwiegend Lehrgangsteilnehmer im LKU, die einige Wochen oder Monate an der Logistikschule ausgebildet werden. Deshalb verzichte ich weitgehend auf den Einsatz von Powerpoint, denn dieses Medium erleben die Soldaten in ihren übrigen Unterrichten mehr als genug. 

Die besten Erfahrungen mache ich mit Kurzfilmen oder Filmsequenzen. Hier bietet das zebis einen unerschöpflichen Schatz an Material. Die Augen sind der Leitsinn unserer Zeit, das bewegte Bild entspricht den Gewohnheiten der Lehrgangsteilnehmer. Zudem bieten sich gerade Kurzfilme häufig als Einstieg in ein Thema an. Entscheidend ist aber, gerade bei längeren Unterrichten, der Wechsel zwischen den verschiedenen Medien und Methoden. Medien nutze ich gerne als Einführung oder Impuls, um von dort aus zu einem engagierten, manchmal kontroversen Gespräch zu kommen. Und wenn manchmal die Unterrichtsgespräche sogar in der Pause noch weitergehen, dann weiß ich, dass das Thema den Nerv der Soldatinnen und Soldaten getroffen hat. 

Natürlich läuft nicht alles glatt. Als eher schwierig empfinde ich die die Kurzunterrichte von nur zwei Unterrichtsstunden. Hier kann man ein Thema kaum anreißen, nach Einstieg und Warming-up müssen wir schon zum Sinkflug ansetzen. Das ist besonders schade, weil die Unterrichte an der Logistikschule häufig Einmalkontakte sind und eine Anknüpfung an vorhergehende Einheiten oder auch eine Wiederaufnahme nicht möglich sind.

Entsprechend anders geht es mir mit den längeren Unterrichten. Wenn wir einen ganzen Unterrichtstag zur Verfügung haben, dann ist auch mal eine Exkursion möglich. Zum Beispiel zum Denkort Bunker Valentin oder anderen Zielen der deutschen Geschichte. So lassen sich manche Themen noch einmal viel unmittelbarer erschließen. 

Ein besonderes Highlight sind für mich auch die anderthalb Tage dauernden Lebenskundlichen Seminare für den Offiziersnachwuchs. Diese Seminare bieten die Möglichkeit, ein Thema in der gebotenen Tiefe zu bearbeiten und nicht nur anzureißen. Auch bleibt deutlich mehr Zeit für Gespräch und Diskussion. Und häufig sind auch die gemeinsamen Hörsaalabende klasse. Sie bieten die gute Gelegenheit, abseits des Unterrichtsgeschehens miteinander ins Gespräch zu kommen.

Ich erlebe die Soldaten in den Unterrichten und Seminaren als sehr offene Gesprächspartner, die sich mit großem Engagement auf den Unterricht einlassen, wenn sie ein Thema interessiert und wenn sie spüren, dass auch der Unterrichtende mit Begeisterung dabei ist. Schwierig kann der Unterricht werden, wenn am Vorabend ein Kameradschaftsabend stattfand oder bald nach dem LKU eine Prüfung ansteht. Auch das kommt manchmal vor. Und vereinzelt merke ich, dass manch ein Soldat schon sehr festgelegt ist in seinen Überzeugungen und es ihm schwerfällt, einmal anderes zu denken. Besonders augenfällig ist das beim Thema „Fake News“ und der Erkenntnis, dass manch einer schon tief in seiner Filterblase versunken ist. Umso wichtiger ist auch in der Zukunft der LeKu, die ethische Bildung in den Streitkräften.

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Zur Person

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Jens Pröve, seit 2016 Evangelischer Militärpfarrer, Logistikschule der Bundeswehr in Osterholz-Scharmbeck