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Das wichtigste Medium des ­Lebenskundlichen Unterrichts ­ist der Dozent

Von Monsignore Bernward Mezger

Lebenskundlicher Unterricht (LKU) in den deutschen Streitkräften ist mehr als ethische Bildung. Er dient insgesamt der Lebensbewältigung von Soldatinnen und Soldaten, wozu neben vielen anderen Themen zum Beispiel Fragen um Partnerschaft und Familie, Menschenbilder und Identität, das Tragen von Einsatzbelastungen und anderen schwierigen Situationen gehören. Doch ist die ethische Bildung, also das Nachdenken über das eigene Urteilen und Handeln unter moralischer Perspektive, die Auseinandersetzung mit moralischen Grundsätzen und Normen sowie die das Üben der Anwendung derselben in unterschiedlichen Situationen Kerngeschäft des LKU. Die Bundeswehr erwartet mit ihrem Leitbild vom „Staatsbürger in Uniform“ Soldaten als Charaktere, die einen gewissensgeleiteten Gehorsam praktizieren, verantwortungsbewusst und entscheidungsfreudig sind, führungsstark und vor allem vorbildhaft im dienstlichen wie im außerdienstlichen Bereich. Dazu gehört es, dass sie sich einen Tugendkatalog erarbeiten, im Umgang mit komplexen, moralisch fordernden Situationen geübt sind und mit fragwürdigen Denk- und Verhaltensweisen innerhalb und außerhalb der Bundeswehr kritisch und wachsam umgehen können. Dazu bietet der LKU als geschützter, vor allem beurteilungsfreier Raum für das freie Denken und Reden, für kritische Auseinandersetzung und das gedankliche Ausprobieren von Lösungswegen das vermutlich beste Lernumfeld. Hier kann der ethische Instrumentenkasten kennengelernt und ausprobiert werden.

In den Lehrgängen der Führungsakademie der Bundeswehr zeigen Lehrgangsteilnehmer wie auch Lehrende ein umso höheres Interesse an den ethischen Fragen, als diese die Grundlagen des soldatischen Selbstverständnisses, die Legitimität militärischen Handelns und ethische Aspekte der Menschenführung behandeln. Außerhalb des Lehrgangsbetriebes zeigt sich, wie in der gesamten Bundeswehr, ein differenzierteres Bild der Einstellungen zu den Unterrichtsthemen. Für die einen ist LKU eine willkommene Abwechslung im manchmal eintönigen Dienstalltag, für die anderen ist er eher ein Störfaktor, der von vermeintlich wichtigeren Tätigkeiten abhält. Unausrottbar scheint auch die von der Vorschriftenlage nicht gedeckte Praxis, im Wege der „Freiwilligenmeldung“ Soldaten zu identifizieren, die Zeit für ein „paar Stunden mit dem Seelsorger“ haben, statt sicherzustellen, dass alle Soldatinnen und Soldaten Gelegenheit zur Teilnahme am ihnen zustehenden Unterricht erhalten. Abwehrreflexe gegen Kirchenvertreter kommen dabei gelegentlich vor; auch in dieser Hinsicht bildet die Bundeswehr gesellschaftliche Realität ab. Solche Haltungen mögen vorurteilsbelastet sein oder ihre Ursache in persönlich erlebten Kränkungen haben; unterrichtende Theologen sollten sie ernst nehmen und als positives Korrektiv ihrer Rolle annehmen, die hier eben nicht kirchliche Verkündigung, sondern authentische Begegnung zur Entwicklung der jeweils eigenen Identität und Förderung der moralischen Urteilskraft ist. Ein Pfund, mit dem die Militärseelsorge als Gestalterin des LKU nicht genug wuchern kann, ist die Einsatzerfahrung. Eine brauchbare Ethik für Soldaten ist eben eine einsatztaugliche Ethik.

Überhaupt ist, bei aller Nützlichkeit und Notwendigkeit eines professionellen Medieneinsatzes im Unterricht, das wichtigste Medium des LKU der Dozent. Im kompetenzorientierten Lernen, das, bei aller noch bestehenden Unschärfe des Kompetenzbegriffes, in der Bundeswehr zunehmend an Bedeutung gewinnt, sieht der oder die Lehrende seine Aufgabe vor allem als Lernbegleiter. Das scheint in der ethischen Bildung von besonderer Bedeutung, da hier nicht allein mit Wissens- und Erfahrungsvorsprung gepunktet werden kann, sondern Anleitung zu gewissensgeleitetem Urteil und selbstverantwortetem Handeln vermittelt werden muss. Mögen in den Laufbahnlehrgängen Themen des Unterrichtes vielfach gesetzt sein, haben doch Themenwünsche der Teilnehmenden stets Vorrang und vergrößern die Bereitschaft zur aktiven Teilnahme. Das bestehende Curriculum bildet einen ausreichend breiten Rahmen, und das Didaktik-Portal des zebis bietet mit seinem inzwischen umfangreichen Material- und Medienangebot gute Hilfen zur Einarbeitung in neue Themenbereiche und vielfältige Anregungen zur methodischen Umsetzung.

Kluge Themenwahl, zielgruppensensible Me­thodik und glaubwürdiges Auftreten führen im besten Fall zu einer Gesprächskultur, die es ermöglicht, dass Soldaten auch persönliche Erfahrungen zur Sprache bringen. Das geht dann häufig allen unter die Haut, wenn belastende Einsatzerfahrungen wie das Erleben von Folter als Disziplinarmaßnahme in einer Ausbildungsmission oder Kindesmissbrauch durch höhere Offiziere einer Partnernation (wobei regelmäßig „Nichteinmischung, da ortsübliches Handeln“ befohlen ist) zur Sprache kommen und dabei schwerste Gewissensnot in ihrer Langzeitwirkung spürbar wird. Bewegend sind auch Berichte über mutige und kluge Lösungen in Pflichtenkollisionen, die staunen machen, wozu ethische Bildung unter Umständen befähigt. Nicht weniger berührend ist aber die von ausgezeichneten Tutoren geprägte sensible Gesprächskultur in so manchem Hörsaal oder einer Lerngruppe, die ebendiese affektiven Zugänge gestattet. 

Zu wünschen wäre der Bundeswehr mehr Zeit für solche Gespräche. Die Soldatenarbeitszeitverordnung und das enge Pflichtenkorsett setzen dem Grenzen; der Nutzen bestünde vermutlich in höherer Motivation und vor allem noch besserer Entscheidungsprozessqualität. Wenn ethische Bildung in den Streitkräften künftig, wie es eine in der Endredaktion befindliche neue Dienstvorschrift vorsieht, nicht mehr nur im LKU unterrichtet und ansonsten im Wege des Vorbildes vermittelt, sondern auch durch Disziplinarvorgesetzte explizit unterrichtet wird, dann ist zu wünschen, dass die Unterrichtenden in allen Bereichen dafür intensiver qualifiziert werden. Wie Seelsorger die Befähigung für den LKU nicht durch Handauflegung erwerben, sondern sich Themen und Methoden sorgfältig erarbeiten müssen, werden auch Vorgesetzte in diesem Bereich intensive Aus- und Weiterbildung nötig haben, um guten Unterricht abzuliefern. Die notwendigen Ressourcen dafür, personelle und zeitliche, wären sicher gut angelegt.

 

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Zur Person

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Msgr. Bernward Mezger Militärdekan, seit 2011 in der Militärseelsorge; Katholisches Militärpfarramt ­Hamburg II, Führungsakademie der Bundeswehr (Foto: Bundeswehr)