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Ich erlebe den LKU als befreiendes und ganz wichtiges gesellschaftsdiakonisches Arbeitsfeld

Von Martin Jürgens

Was bedeutet für Sie ethische Bildung für Soldatinnen und Soldaten im Lebenskundlichen Unterricht?

Geprägt durch Eilert Herms sehe ich eine fundamentale Aufgabe der Kirche darin, „Mittlerin religiöser Kommunikation“, der Kommunikation zwischen Sinnsystemen, zu sein. Genau das passiert, ohne den Druck eines konfessionellen „Verkündigungserfolges“, im LKU. Dennoch hat Kirche hier die Möglichkeit, eigene Standpunkte zu vermitteln. Insofern erlebe ich den LKU als befreiendes und ganz wichtiges gesellschaftsdiakonisches Arbeitsfeld.

Wie empfinden Sie die Einstellung der Soldatinnen und Soldaten und die Offenheit für die Themen des LKU? Nehmen Sie hier eventuell Veränderungen wahr?

Einstellung und Offenheit hängen ganz von der Lehrperson ab. Da ich ein zweites Mal in der Militärseelsorge arbeite, sehe ich, dass sich das nicht verändert hat. Grundsätzlich besteht bei den Soldatinnen und Soldaten eine Mischung aus vorsichtigem Interesse und einer gewissen Skepsis. Beides gilt es durch Authentizität, Sachkompetenz und passende Methoden aufzunehmen. Sowohl von solchen mit höherem intellektuellem Anspruch als auch von vermeintlich Ungebildeten höre ich oft eine positive Rückmeldung und erlebe zuvor weckbares Interesse.

Wie und mit welchen Methoden arbeiten Sie? Wie arbeiten Sie mit dem Curriculum? Gehen Sie auf Wünsche ein?

Da ich an einer Schule arbeite, in der ich Lerngruppen meist nur einmalig für einen ziemlich kurzen Zeitraum erlebe, habe ich für mich das Format des „Info-“ bzw. „Edutainment“, ähnlich wie für den Bereich Medizin beispielsweise ein Eckart von Hirschhausen, gefunden. Dafür nutze ich als Materialien Bilder und kurze Filmsequenzen, wie sie vom Didaktik-Portal zur Verfügung gestellt werden. Niemals zeige ich lange Filme oder nutze ich klassische Powerpointslides, da es bei den Soldatinnen und Soldaten da eine Übersättigung gibt. Die Themen entnehme ich ihren Anregungen (da die Hörsäle nur einen kurzen Vorlauf vor dem Unterricht haben, gehen selten explizite Themenwünsche ein) bzw. der aktuellen ethischen und politischen Diskussion. Wenn ich ein Thema gefunden habe, prüfe ich eine Integrierbarkeit in das Curriculum. Wenn die nicht gegeben ist, habe ich auch schon Entwürfe verworfen.

Die Diskussion und Reflexion ethischer Themen kann allen Beteiligten sehr nahegehen. Was war Ihr eindrücklichstes – vielleicht auch Ihr schwierigstes – Erlebnis in Ihrer (Lehr-)Tätigkeit als Militärseelsorger und aus welchem Grund?

In einem Unterricht mit dem Thema „Gute Menschen vs. Gutmenschen“ stieg ich mit der Frage ein, wer sich denn für einen guten Menschen halte. Eine junge Soldatin bejahte das für sich und begründete dies auch gut, worauf ein Sturm der Entrüstung ausbrach. Der Hörsaal war nämlich in zwei Lager gespalten, die sich später sogar juristisch verfolgen wollten, und die Soldatin war eine der Wortführer. Gemeinsam mit meinem Praktikanten, Master der Psychologie, habe ich den Unterricht daraufhin unterbrochen und nach kurzer Abstimmung mit einer Krisenmoderation durch uns beide fortgesetzt. Damit konnten wir immerhin erreichen, dass die Form gewahrt, ein gemeinsamer Lehrgangsabschluss begangen und auf juristische Schritte verzichtet wurde. Erfreulich eindrücklich war aber auch ein Unterrichtsgespräch mit der muslimischen Frau Hauptfeldwebel, die Co-Leiterin der „Zentralen Ansprechstelle für Soldat*innen anderer Glaubensrichtungen (ZASAG)“ war. Aus dieser Begegnung entstanden zwei wunderbare interreligiöse Rüstzeiten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Für die Aufgaben der Militärseelsorge wünsche ich mir, dass diese gute Arbeit, in Erweiterung auf andere Glaubensrichtungen, einfach in bewährter Weise weitergehen kann. Die Soldatinnen und Soldaten schätzen unsere Arbeit wert. Aber sowohl kirchliche als auch politische Diskussionen um die Militärseelsorge, deren Kritik ich für völlig unbegründet halte, belasten diesen vor allem gesellschaftsdiakonischen Dienst. Den Soldatinnen und Soldaten wünsche ich stets politische Führung, die um den Wert der Bundeswehr, aber auch um ihre kapazitätsmäßigen und aufgabenspezifischen Grenzen weiß.

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Zur Person

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Martin Jürgens, seit 2010 in der Evangelischen Militärseelsorge, Standort Hannover