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Über Cyber, Krieg und Cyberkrieg – Von Eneken Tikk und Mika Kerttunen

Eneken Tikk und Mika Kerttunen führen mit kaum verhohlener Ironie in ihren Essay ein. Erstere schildert in einem Prolog ihre Erlebnisse am Tage des großen Cyberangriffs auf Estland im Jahr 2007. Die durch den Ausfall von Regierungs- und Medienseiten hervorgerufene Konfusion erschwerte viele Abläufe – aber schon damals registrierte Tikk mit Befremden die weitgehend kritiklose (und heute zum Allgemeinplatz gewordene) Rede von „Krieg“ und „Selbstverteidigung“, während die Situation (völker-)rechtlich schwer einzuordnen war.

Mehr als zehn Jahre später nehmen die Autoren eine (immer noch mehr als dringende) Klarstellung vor. Anstatt den Kriegsbegriff inflationär zu gebrauchen und so unter anderem die Schrecken eines tatsächlichen Krieges kleinzureden, vertreten sie eine klar an Clausewitz ausgerichtete Definition des Krieges – unter die sich weder die aktuellen noch die zu erwartenden Cyberaktivitäten subsumieren lassen. Denn diese seien nach wie vor und voraussichtlich auch in Zukunft nicht in der Lage, größeren physischen Schaden anzurichten. Dass das Militär auf der ganzen Welt seine Fähigkeiten zur Kriegführung mit elektronischen Mitteln auf- und ausbaut, stehe dazu nicht im Widerspruch, sondern sei eine logische Folge der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung.

Dennoch, und hier kommen die Autoren zu ihrer Kern­aussage, erschöpft sich das Problem gerade nicht in terminologischen Fragen. Das Kriegsgerede mache blind für die eigentlichen riskanten Entwicklungen im Konfliktfeld Cyberraum. Ihr unterschwelliger Charakter lasse Cyberoperationen aller Art als Standardmittel zur Machtprojektion attraktiv erscheinen – ­gerade für kleinere Staaten und neue Cybermächte. Das verheiße Destabilisierung, die schrittweise Entwertung völkerrechtlicher Grundsätze und eskalatorische Automatismen bis hin zum Risiko eines konventionellen kinetischen Kriegs.

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