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Staatsbürger in Uniform in Zukunft – eine persönliche Betrachtung

„Das Merkwürdige an der Zukunft ist wohl die Vorstellung, dass man unsere Zeit einmal die gute alte Zeit nennen wird.“

Ernest Hemingway

Ob nun kommende Generationen die gegenwärtige Lage unserer Welt als „gute alte Zeit“ mit gelegentlichem Hang zur Romantik verklären werden, lässt sich heute nur schwerlich beurteilen. Ganz sicher ist jedoch, dass wir im Hier und Jetzt dazu verpflichtet sind, uns Gedanken über unsere Zukunft zu machen. Das erfordert weder die oftmals zitierte Glaskugel noch Lesen im Kaffeesatz oder gar erwartungsvolle Besuche eines Orakels – auch wenn sich schon so manch antiker Feldherr auf seine Antwort verlassen hat.

Moderne, resiliente Streitkräfte sind auf eine langfristig vorausschauende Sicherheitsvorsorge angewiesen.

Strategische Vorausschau in der Bundeswehr erhebt aber nicht den Anspruch, vorherzusagen, was in 15 oder 20 Jahren passieren wird. Vielmehr geht es darum, vielfältige mögliche Zukunftsentwicklungen systematisch zu erfassen und Folgerungen für unser Aktions- und Fähigkeitsspektrum zu identifizieren.

Strategische Vorausschau verfolgt somit das Ziel, plausible Entwicklungen aufzuzeigen, die gleichrangig nebeneinander betrachtet werden – und nicht Eintrittswahrscheinlichkeiten zu beziffern, die am Ende doch nur bar jeder Seriosität überflüssigen Spekulationen Tür und Tor öffnen.

Wir wollen durch dieses „Denken auf Vorrat“ besser antizipieren, früher erkennen und umfassender interpretieren. Wir wollen sowohl auf Krisen als auch auf unerwartete Ereignisse, die durchaus einer grundlegenden Lageänderung gleichkommen können, hinreichend vorbereitet sein.

Jene „schwarzen Schwäne“ stehen dabei nicht nur für zoologisch außeralltägliche und bedeutsame Wesen, sondern ebenso für extrem seltene und gleichsam selten extreme Ereignisse, die sich die Menschheit nicht vorstellen will, die sich aber gleichwohl ereignen. Verzerrte Wahrnehmung, selektive Aufmerksamkeit und die Verdrängung unerwünschter Szenarien sind somit fehl am Platze, wenn es darum geht, Streitkräfte – nicht lediglich in puncto Hardware – für verschiedene Zukünfte richtig aufzustellen.

Technologische Megatrends

Autonomisierung, Digitalisierung und Hybridisierung werden nicht nur die Bundeswehr in den kommenden Jahren weiter erheblich verändern – verändern müssen. 

Als Stichworte seien an dieser Stelle lediglich genannt: nahezu grenzenlose Vernetzung, Big Data, Human Enhancement, fortschreitende Optimierung des Individuums, #HomoDigitalis, Grauzonen zwischen virtueller und realer Welt, (scheinbare) Perfektion von Informations-, Kognitions- und Kommunikationstechnologie. Flankiert und mithin beschleunigt werden diese aktuellen Trends durch eine demografische Entwicklung, die wenig Spielraum für Interpretationen bietet und eine geänderte Rekrutierungspraxis zwingend erforderlich macht.

Neben den planerischen Ableitungen für die Streitkräfte, die sich aus diesem Kaleidoskop ergeben, gilt es jedoch einen ganz entscheidenden Aspekt nicht aus den Augen zu verlieren: die zukünftige Verortung des Staatsbürgers in Uniform.

Die Bundeswehr wird auch in Zukunft der Politik eine angemessene Palette militärischer Handlungsoptionen anbieten: weltweit, in der NATO, in der EU, unter dem Schirm der Vereinten Nationen und in Koalitionen. Sie wird dies mit signifikanter Truppenstärke und breitem Fähigkeitsprofil leisten und zu gesamtstaatlicher Sicherheitsvorsorge, Prävention, Schutz, Abschreckung und internationalem Krisenmanagement beitragen.

Rasante Veränderungsraten, Geschwindigkeit und Komplexität von Operationen, die schlichte Existenz des „Irrationalen“ und potenzielle Gegner, die anderen Regeln gehorchen, fordern jedoch mehr denn je den Menschen – seine Antizipationsfähigkeit, sein Gewissen als moralische Instanz, seine persönliche Überzeugungskraft, seine Urteils- und Entscheidungsfähigkeit „im Nebel des Ungewissen“ und ein Gespür für die Situation, das Algorithmen und formale Logik nicht im Ansatz zu leisten imstande sind.

Führen mit Auftrag

Gerade weil wir uns technologischen Entwicklungen gegenübersehen, die eben nicht nur Gelegenheiten eröffnen, sondern auch Versuchungen bieten, ist es zwingend notwendig, die bewährte Konzeption der Inneren Führung in ihrem entscheidenden Wesenskern durch klare Grenzziehungen zu schützen.

Denn fest steht: Innere Führung und Führen mit Auftrag sind zwei Seiten einer Medaille. 

Die Beurteilung der Auswirkungen des eigenen Handelns erfordert stets ein Denken über den unmittelbaren Verantwortungsbereich hinaus. 

Handlungsfreiheit, Delegation und Annahme jener Verantwortung, eine angemessene Fehlertoleranz und die überragende Bedeutung der „3a“ (eine klare Führungsentscheidung) für das intellektuelle Zusammenwirken zwischen Vorgesetzten und Geführten sind die entscheidenden Bausteine der Auftragstaktik.

Unsere Streitkräfte haben diesem Führungsprinzip, trotz – oder gerade wegen! – teils schwieriger Rahmenbedingungen, ihr Bestehen zu verdanken. Auch in den Auslandseinsätzen und Missionen hat es sich ganz besonders bewährt.

Führungs- und Informationstechnologie nimmt in Streitkräften zu Recht eine heraus­ragende Rolle ein. Dies wird sich noch weiter verstärken. Führungssysteme werden zukünftig in der Lage sein, die teils diffuse Informationsflut noch besser und schneller zu bewältigen und in der Komplexität der Darstellung zu reduzieren. 

Doch Vorsicht: Führungssysteme und digitale Lagekarten zeigen lediglich eine Pseudorealität! Totale Information und totale Kon­trolle bleiben absehbar pures Wunschdenken. Sie können den militärischen Führer nicht aus der Verantwortung nehmen, denn genau das bedeutet Führen mit Auftrag: Verantwortung zu übernehmen. Dem kann man prinzipiell auf zwei Weisen gerecht werden. Erstens: alles selbst entscheiden. Zweitens: delegieren, ohne dabei selbst die Gesamtverantwortung aufzugeben. Auftragstaktik fordert genau das!

Wann immer persönliche Verantwortung im Umgang mit Technologie diffus wird, müssen klare Regelungen getroffen werden. Unser bewährtes Führungsverständnis basiert auf der unteilbaren Verantwortung des militärischen Führers und der Anerkennung seines Gewissens als moralische Instanz. Diese Verantwortung darf trotz aller technologischen Möglichkeiten niemals aufgegeben werden. Schwierig wird es auch immer dann, wenn auf Grundlage vermeintlich besserer Lagebilder Entscheidungen über Führungsebenen hinweg getroffen werden. Ein Eingriff in die Handlungsfreiheit der Geführten zerstört gegenseitiges Vertrauen. Führungssysteme dürfen deshalb niemals zum Selbstzweck werden, und das „Durchbefehlen“ über Führungsebenen hinweg muss die Ausnahme sein.

Nur die Soldatinnen und Soldaten vor Ort haben das Gespür für die Situation und können innerhalb eines definierten Handlungsspielraums eine passende Art der Durchführung wählen. Dafür brauchen wir weiterhin gut ausgebildete, kreative, entscheidungsfreudige und ethisch gefestigte Frauen und Männer. Wer glaubt, militärische Entscheidungen seien automatisierbar und ohne Risiken zu fällen, liegt falsch.

Mathematischen Algorithmen und die auf ihnen beruhenden Systeme können Ethik, Moral und ein – nicht immer nur rationales – Bauchgefühl nicht abbilden. Extremsituationen in immer komplexeren Einsatzszenarien verlangen jedoch, dass taktische Entscheidungen unter Zeit- und Handlungsdruck auch einer moralischen und ethischen Prüfung standhalten. Dies ist äußerst anspruchsvoll – und es kann nur der Mensch leisten.

Grenzziehung

Autonome Systeme dürfen deshalb keine vollständige Handlungsfreiheit haben. Hier ergibt sich ein Spannungsfeld, das es zu lösen gilt. Es gilt, sich technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nicht zu verschließen und gleichzeitig eine klare eigene Regelung vorzunehmen.

Die Diversität zukünftiger Soldatengenerationen hinsichtlich ihrer Werte und Normen, ihrer Kultur und Herkunft nimmt zu. Eine Übereinstimmung im Denken und Handeln wird deshalb immer schwieriger zu erreichen sein. Diese ist jedoch zwingende Voraussetzung für ein einheitliches Führungsverständnis. Ein ebenso einheitliches Wertegerüst, eindeutig definierte und verinnerlichte Toleranzbereiche sowie ein klar formulierter Anspruch auf Führung, Erziehung und Ausbildung, welcher dafür erst die notwendigen Voraussetzungen schafft, werden auch weiterhin die tragenden Säulen des Staatsbürgers in Uniform sein.

Nicht nur unsere Soldatinnen und Soldaten haben einen Anspruch darauf, sondern ebenso Gesellschaft und Parlament, in deren Namen und Auftrag sie handeln. Wie auch immer verschiedene Zukünfte von uns gedacht werden, unsere Selbstbestimmung auf Grundlage unseres Wertegerüstes muss darin eine Konstante bilden.

Autor

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Joachim Rühle ist Vizeadmiral und seit 2017 Stell­vertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr. Nach der Verwendung auf verschiedenen seegehenden Einheiten wurde er 2005 Kommandeur der Task Group SEF (Standard Einsatzausbildungsverband Flotte) und 2010 Director of Knowledge Management Directorate beim Allied Joint Force Command in Neapel. Von 2012 bis 2014 leitete er die Abteilung Planung im Bundes­ministerium der Verteidigung und war in dieser Zeit auch mit der Führung der Abteilung Ausrüstung, ­Informationstechnik und Nutzung beauftragt. Von 2014 bis 2017 hatte er die ­Leitung der Abteilung Personal inne.

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