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Editorial

Unsere aktuelle E-Journal-Ausgabe von Ethik und Militär beschäftigt sich mit der Frage „Strategic Foresight: Mehr Weitblick, weniger Krisen?“. Warum?

Zum einen, weil interdependente Entwicklungen wie Globalisierung oder Klimawandel den Bedarf für eine systematische Beschäftigung mit dem Ungewissen ständig wachsen lassen. Zum anderen, weil man sich von Foresight (strategische Vorausschau) neue Ansätze zur Ergänzung klassischer Krisenprävention erhofft – ein Ziel, das zuletzt im Weißbuch 2016 und in den 2017 erschienenen Leitlinien der Bundesregierung „Krisen verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern“ festgeschrieben wurde.

Die Kernfrage von Foresight-Prozessen lautet: Was kommt auf uns zu? Worauf müssen wir uns einstellen? Diese Frage ist womöglich so alt wie die Menschheit selbst – aber die Bedingungen, unter denen wir sie uns stellen, werden immer anspruchsvoller. Sozialwissenschaftler und Krisenforscher haben dafür den Begriff „Dynaxität“ („dynamische Komplexität“) gebildet. Digitalisierungs- und Autonomisierungsprozesse, neue Möglichkeiten (wie vollautonome Waffensysteme oder Human Enhancement) sowie neue Formen von Konflikten (Cyberwar, hybride Kriege etc.) verändern auch die sicherheitspolitischen Koordinaten. Alte Gewissheiten lösen sich plötzlich auf; Krisenphänomene wie das Erstarken von Populismus und Nationalismus scheinen uns völlig unvorbereitet zu treffen.

Das Wissenkönnen wird offensichtlich laufend schwieriger. Und weil das so ist, wächst zugleich der Wille, nicht nur Beobachter des Wandels zu sein, sondern der möglichen Zukünfte anders habhaft zu werden. Im Sinne einer gedanklichen Vorbereitung auf Eventualitäten. Im Sinne des Erkennens und Prüfens von Handlungsoptionen. Und im Sinne einer Reflexion des eigenen Standpunkts.

Die Autoren dieser Ausgabe gehen der Frage „Strategic Foresight“: Mehr Weitblick, weniger Krisen?“ interdisziplinär nach – aus der Perspektive der Zukunftsforschung, der Theologie und Ethik, der (Sicherheits-)Politik und des Militärs. Sie erklären zentrale Konzepte, geben einen Überblick über die Vorausschau-Praxis in Deutschland und setzen sich kritisch mit den Möglichkeiten und Grenzen auseinander. Kann Foresight friedensethischen Zielvorstellungen dienstbar gemacht werden, oder dient sie nur krisenverschärfenden Partikularinteressen?

Lesen Sie unter anderem, was der Untergang der Titanic mit Foresight zu tun hat, warum wir im Sinne der Tugend der Prudentia – der vorausschauenden Klugheit – nicht den Blick in die Vergangenheit vergessen dürfen, wie die Arbeit mit Szenarien gesellschaftliche Aussöhnungsprozesse befördern kann und auf welche Hindernisse „Zukunftsarbeit“ im täglichen Politikbetrieb stößt.

Auch der normative Aspekt – die Imagination wünschenswerter Zukünfte und die friedensbewegende Kraft von Visionen – wird in Foresight-Prozessen nicht ausgeklammert. „Träume sind sehr, sehr wichtig für mich. Wer etwas verändern möchte, braucht einen Traum, eine Vision. Eine Überzeugung, dass es möglich ist, diese Vision zu verwirklichen.“1

Foresight betreiben heißt, den Blick auf die Welt zu weiten. Dies braucht Offenheit und Flexibilität für unterschiedlichste zukünftige Szenarien und konträre Perspektiven. Es braucht eine Beschäftigung mit der Frage, was wir für gegeben und was wir für veränderbar halten. Insofern lenkt es auch immer den Blick auf uns selbst.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Freude bei der Auseinandersetzung mit „denkbaren Zukünften“.

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1 Dr. Beatrice Fihn, Generalsekretärin der „Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen“, kurz ICAN, der am 6. Oktober 2017 der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde. Zeitmagazin, 25.1.2017, S. 25.