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"Freiheit und Sicherheit stehen nicht im Widerspruch"

Ethik und Militär: Sehr geehrter Herr Admiral Stawitzki, nach Ihrer Übernahme der Dienstgeschäfte als Kommandeur der Führungsakademie haben Sie begonnen, die Ausbildung neu zu strukturieren. Dabei legten Sie von Beginn an Wert darauf, diese zu verschlanken. Nehmen friedens- und militärethische Fragen in der Ausbildung nun weniger Raum ein? 

Admiral Stawitzki: Ganz und gar nicht. Eine rein militärisch handwerkliche Profession ohne ethisches Fundament ist für die Bundeswehr mit ihrem Konzept der Inneren Führung und für mich als Christ nicht vorstellbar. Dieses Fundament braucht deshalb auch in der Ausbildung angemessenen Raum – bei allen Entscheidungen, die wir als militärische Führungskräfte treffen. Wer Ethik sagt, will führen. Und wer führen will, muss Ziele setzen, den Zweck erklären können und bezieht damit so oder so auch moralisch Position. Es gibt zahlreiche ungelöste Fragen in der aktuellen Entwicklung des Konfliktvölkerrechts, die juristische und politische, aber auch ethische und militärische Aspekte berühren. Entscheider und Führungspersonal verschiedener Bereiche müssen hier noch viel intensiver als bisher miteinander ins Gespräch kommen.

Wie vermitteln Sie solche Themen, in welchem Rahmen werden sie diskutiert? 

Sie wurden bisher bei uns sowohl in der Lehre als auch in Seminaren und Kolloquien sowie im Lebenskundlichen Unterricht oder auf Tagungen der Militärseelsorge vermittelt. Das gilt auch für die militärischen Übungen, ge­­rade dort brauchen ethische Debatten einen festen Platz. Künftig will ich dies aber auch in der Forschung und Entwicklung in möglichst breiter Kooperation, insbesondere auch mit der Helmut-Schmidt-Universität (Universität der Bundeswehr, d. Red.) im Rahmen unseres Think-Tank-Ansatzes, aufgreifen. Wir brauchen mehr denn je den kritischen Diskurs.

Ein wesentlicher Aspekt von ethischer Bildung ist die Bildung von Persönlichkeit, gerade auch im Hinblick auf die Führungskompetenz. Hierzu wollen Sie Kernkompetenzen vermitteln anstatt Handlungsanleitungen nach Checklisten. Die Lehrgangsteilnehmer kommen jedoch frühestens im 15. Dienstjahr an die Führungsakademie. Inwieweit kann die Persönlichkeit zu diesem Zeitpunkt noch beeinflusst werden? 

Wir reden hier nicht über moralische Früherziehung oder eine Art militärischen Kommunions- oder Konfirmandenunterricht. Wir reden auch nicht nur über die persönliche Gewissensbildung, die jeden Menschen selbstverständlich sein ganzes Leben lang begleitet. Wir reden über Formen und Inhalte der ethischen Verantwortung im gesamten Spektrum militärischer Professionalität. Gerade in Deutschland, dessen militärische Vergangenheit von mehr Brüchen als Kontinuität bestimmt wird, arbeiten wir noch immer daran, dem militärischen Ratschlag in der gesellschaftlichen und politischen Öffentlichkeit einen angemessenen Platz zu geben. Die Führungsakademie hat hier einen wichtigen Beitrag zu leisten, indem sie das fachliche Selbstbewusstsein der Offiziere sowie ihre Sprachfähigkeit auch in moralischen und ethischen Fragen stärkt. 

Das Selbstverständnis der Soldaten wird seit knapp 20 Jahren durch Einsatz- und Kampf­erfahrungen beeinflusst. Es ist gelegentlich die Forderung zu hören, dass die Bundeswehr in der Ausbildung das Kämpfen mehr hervorheben oder diese sogar darauf verengen sollte. Was sagen Sie Lehrgangsteilnehmern, die mit solchen Denkmustern an Ihre Akademie kommen? 

Die Männer und Frauen, die an die Akademie kommen, müssen hier nicht mehr das soldatische Handwerk lernen. Die Akademie ist kein Truppenübungsplatz. Hier geht es vielmehr um den militärischen Führungsprozess, der allerdings im Ergebnis immer auf die Fähigkeit zur Behauptung des rechtsstaatlich geordneten Gewaltmonopols im scharfen Gefecht hinausläuft. Der wesentliche Inhalt des Soldatentums im Konfliktvölkerrecht ist die Befugnis zum militärischen Kampf. Niemand außer den regulären Soldaten eines Mitgliedstaates der Vereinten Nationen darf an Kampfhandlungen teilnehmen. Darin hat der Soldatenberuf eine Sonderstellung wie andere Berufe in ihren Bereichen auch. Wenn wir also den militärischen Kampf ins Zentrum der Offizierausbildung stellen, kommen wir gar nicht umhin, den moralischen Kontext zu benennen. Denn der Kampf ist ja kein Zweck an sich, sondern dient dem Erreichen von militärischen Zielen im Kontext des vernetzten Ansatzes einer Friedenslogik! 

Vor dem Hintergrund der Bedrohungen durch den internationalen Terrorismus wird immer wieder ein Einsatz der Bundeswehr im Innern diskutiert. Im März diesen Jahres fand mit GETEX sogar erstmals eine gemeinsame Stabsübung von Polizei und Bundeswehr s­tatt. Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr, Polizei und anderen zivilen Institutionen zur Terrorabwehr in der Ausbildung an der Führungsakademie? 

Hybride Szenare, also die perfide Idee der systematisch angelegten Destabilisierung eines Gemeinwesens wie des unsrigen durch Cyber­attacken, gezielte mediale Fehlinformation, In­strumentalisierung von Bevölkerungsgruppen etc., also ganz bewusst unterhalb der Schwelle des völkerrechtlichen Zustandes Krieg, sowie die Gefahren durch terroristische Angriffe müssen auch in der Ausbildung an unserer Akademie eine Rolle spielen, wenn wir unserer Verantwortung gerecht werden wollen. Grundsätzlich darf es dabei keine voreiligen Gedankenverbote geben – gerade an einer Akademie, die im Wappen den Wahlspruch „Der Geist bewegt die Materie“ führt. In diesem Jahr haben wir zum Beispiel mit unserem gerade verabschiedeten älteren Generalstabs- und Admiralstabsdienstlehrgang im Rahmen einer strategischen Analyse Deutschlands Rolle in der Landes- und Bündnisverteidigung beleuchtet und versucht, neu zu denken.

Terrorbekämpfung bewegt sich stets im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit. Wie lernen Ihre Lehrgangsteilnehmer mit diesem Spannungsfeld umzugehen – sowohl persönlich als auch als Offizier? 

Wer als Lehrgangsteilnehmer an unsere Akademie kommt, ist heute mehr denn je eine meist im Einsatz erfahrene Führungskraft. Wir haben hier junge Soldatinnen und Soldaten, die beispielsweise in Afghanistan und Mali Gefechtssituationen bestehen mussten. Der Umgang mit solchen Spannungsfeldern ist für diese Frauen und Männer also durchaus vertraut. Wir versuchen, durch unsere Arbeit hier an der Akademie einen Rahmen für ihre weitere Persönlichkeitsentwicklung zu schaffen. 

Wie gehen Sie selbst mit diesem Zwiespalt um?

Für mich persönlich stehen Freiheit und Sicherheit nicht im Widerspruch – das eine wird es ohne das andere auf dieser Welt und in diesem Leben für uns nicht geben. Da bin ich Real­pazifist.

Herr Admiral, herzlichen Dank für das offene Gespräch!

Die Fragen stellte Jan Peter Gülden.

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Carsten Stawitzki ist Konter­admiral und seit 2016 ­Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Nach zahlreichen Verwendungen auf seegehenden Einheiten diente er unter anderem als Kommandeur der Marineschule Mürwik und als Adjutant beim Bundesminister der Verteidigung. Auslandseinsätze absolvierte er im Rahmen der International Security Assistance Force (ISAF, Afghanistan) und der Operation Active Endeavour (OAE, Mittel­meerraum). In seiner jetzigen Funktion ist er verantwortlich für Aus- und Fortbildung des militärischen Spitzenpersonals der Bundeswehr.