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Nachwuchsgewinnung bei der Marine

Kapitän zur See Thomas von Buttlar (Marinekommando / HR) im Interview mit Gertrud Maria Vaske

 Interview zum Anhören:

Herr von Buttlar, die Marine und Nachwuchsgewinnung. Wie sieht derzeit die personelle Situation in der Marine aus?

Im Großen und Ganzen sieht sie nicht schlecht aus in der Marine. Allerdings haben wir in den technischen Bereichen ganz, ganz große Sorgen. Da sind insbesondere die Elektroniker, die Elektriker und die ITler, wo wir derzeit einfach eine ungenügende Bewerberlage haben. 

Die Bewerberzahlen gehen zurück. Woran liegt das? Was glauben Sie? 

Die Marine ist etwas Besonderes, was die Nachwuchsgewinnung angeht. Die Marine ist nur an der Küste disloziert. Uns fehlen die Kasernentore im süddeutschen Raum, dort, wo viele junge Menschen sind, die sich dann für die Marine interessieren können. Die Marine ist gar nicht in deren Vorstellungswelt und das macht es besonders schwierig für die Marine in der Nachwuchsgewinnung. 

Warum ist denn eigentlich die Marine stärker betroffen als zum Beispiel die Luftwaffe oder das Heer?

Ja, eigentlich ist es dieser Grund: Die jungen Leute heutzutage, die gucken natürlich genau hin, was ihnen geboten wird, aber sie möchten zum großen Teil sehr dicht an zu Hause arbeiten und die Marine ist eben nicht im süddeutschen Raum, sondern an der Küste. Und das macht es schwierig. Wir stellen aber fest, dass, wenn wir die Leute für die Marine interessieren können und sie an die Küste bringen und sie einen Tag bei uns verbringen, dass dann gut die Hälfte dieser jungen Leute tatsächlich eine Bewerbung schreibt. 

Was bietet die Marine jungen Leuten ganz konkret? Was ist besonders attraktiv? 

Die Marine ist eine einzigartige Welt. Wie Sie wissen, sind 70 Prozent der Erde durch Wasser bedeckt und einfach diese Dimension zu erleben in allen ihren Facetten, ist eigentlich das, was die Marine wirklich ausmacht. Das ist nicht nur die einzigartige Natur und die Wettererscheinungen. Es ist insbesondere die Kameradschaft an Bord eines Schiffes, die man dort erlebt, dieses enge Zusammenarbeiten, das enge Zusammenleben, was sehr herausfordernd ist, aber eben auch etwas ganz, ganz Besonderes ist. 

Jetzt ist die Belastung auch recht hoch. Welche Belastungen könnte man minimieren?

Die Leute, die zu uns kommen, wissen, dass die Seefahrt sehr anstrengend ist, dass sie sehr fordernd ist. Es ist gar nicht mal so sehr die Dauer der Belastung, die kritisiert wird, sondern die Unplanbarkeit. Das heißt: Immer kurzfristig kommen Planänderungen, das Auslaufen wird vorgezogen oder das Einlaufen in den Heimat­hafen wird wieder hinausgezögert, weil noch ein Auftrag dazukommt. Das ist es,  was die Leute wirklich stört und wo wir merken, dass wir hier etwas aufarbeiten müssen. 

Also Planbarkeit – daran könnte man arbeiten, sagen Sie. Traumjob Marinesoldat – ist es ein Traumjob?

Also ich bin jetzt fast vierzig Jahre bei der Marine und ich habe mich noch keinen Tag gelangweilt. Kommt natürlich darauf an, was man unter Traumjob versteht. Aber es ist ein Beruf, der ungeheuer abwechslungsreich ist, der sehr fordernd ist, aber der auch sehr befriedigend ist. Insofern kann ich das mit Ja beantworten.

Was sollte ein Bewerber unbedingt mitbringen?

Der Wille zur Teamarbeit ist ganz, ganz wichtig. An Bord geht nichts alleine. Jeder ist von jedem abhängig, der Kommandant ist genauso vom jüngsten Matrosen abhängig wie umgekehrt, jeder hat mehrere Funktionen an Bord. Der Teamgeist, die Kameradschaft, für den anderen einstehen, das sind die wichtigsten Voraussetzungen, die man mitbringen muss an Bord. Und man muss sich natürlich auch durchbeißen können, wenn es besonders lange dauert, bei schwerer See, wenn die Aufgabe schwer ist. Und da gibt es ja durchaus einige Einsätze, die nicht ganz so einfach sind. Eine gute Portion Mut und Durchhaltewillen gehören auf alle Fälle dazu. 

Was sind das für Einsätze, die eben nicht so einfach sind?

Ich komme noch mal zurück auf die Dimension See und diese 70 Prozent der Erdkugel. Eigentlich ist die See ja die Lebensader der Wirtschaft. 90 Prozent unserer Güter, die wir nach Deutschland einführen, kommen über den Seeweg und alles Gute, das über diesen Seeweg führt, führt natürlich auf der Schattenseite auch zu anderen Erscheinungsformen. Das ist sicherlich die Piraterie, die unsere Soldaten am Horn von Afrika erleben, aber das sind genauso auch die Flüchtlinge, jetzt ganz aktuell, im südlichen Mittelmeer beziehungsweise in der Ägäis. Das sind schon Szenarien, die sehr berühren und die auch manches abverlangen von unseren Soldaten, die diese Sachen bewältigen müssen. 

Funktioniert es denn überhaupt in diesem Beruf, Familie und Dienst miteinander zu vereinbaren?

Hier muss man ganz ehrlich sein. Seefahrt und Familie sind eigentlich nicht vereinbar. Das schließt sich aus. Das ist bei der Bundeswehr so, das  ist auch bei der zivilen Seefahrt so. Aber wichtig ist eben die Balance zwischen Dienst und Familie. Das heißt: Gibt es eben auch Zeiten, in denen ich mich dann auch mehr um  die Familie kümmern könnte? Gerade der Wechsel zwischen Seedienst und Landdienst oder im Hafen – hier ist es wichtig, ein vernünftiges Verhältnis zu haben. Und auch der Wechsel zwischen einer Bordverwendung und einer Landverwendung. Hier spielt eben wieder die Planbarkeit eine ganz, ganz große Rolle. Das heißt: Komme ich verlässlich nach Hause, wenn die Schulferien beginnen? Bin ich Weihnachten zu Hause? Bin ich wann auch immer zu Hause, bei Geburtstagen, bei besonderen Familientagen? Das ist sehr, sehr wichtig. Und umgekehrt kann die Familie sich darauf einrichten, wenn man im Voraus weiß, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht zu Hause ist. Das ist nicht schön, aber man kann sich darauf einrichten. Und man weiß, dass man danach eben planmäßig wieder zu Hause ist. 

Verbesserung Arbeitszeitmodell – was ist gut am Mehrbesatzungskonzept und was weniger?

Das Mehrbesatzungskonzept setzen wir ja gerade um. Die neuen Waffensysteme, die wir bekommen – die Fregatten der Klasse F 125, die gerade die erste Probefahrt hatten – werden als erstes dieses Mehrbesatzungskonzept vollständig umsetzen. Wir werden für vier Schiffe acht Besatzungen haben. Das bedeutet, wir können das Schiff im Einsatzgebiet belassen und die Besatzungen fliegen dann ins Einsatzgebiet und wechseln dort vor Ort. Das führt auf alle Fälle zu mehr Planbarkeit, denn unabhängig von dem, was im Einsatzgebiet passiert, oder vom Einsatzort können wir die Besatzung wechseln, zu einem festgelegten Zeitpunkt, der auch eingehalten werden kann. Und wir hoffen, dass wir auch insgesamt die Belastung für die Besatzung – also die Seefahrtstage – dadurch reduzieren können. Das ist aber noch ein bisschen Zukunftsmusik. Was wir derzeit schon machen, ist, auf den Minenabwehrfahrzeugen, auf den Schnellbooten und auf den U-Booten die Besatzungen zu wechseln. Und das kommt eigentlich gut bei den Besatzungen an, denn wir sparen sehr viel Zeit, wir brauchen nicht die Transitzeit in See und die Planbarkeit verbessert sich deutlich. 

Wie sehen junge Marinesoldaten die Innere Führung?

Unsere jungen Soldaten sehen die Innere Führung eigentlich nur so gut, wie ihre Vorgesetzten das vorleben. Man kann natürlich die Innere Führung und ihre Prinzipien im Hörsaal lernen, aber im Wesentlichen kommt es darauf an, dass es vorgelebt und  gelebt wird. Das ist ganz, ganz wichtig. Also kommt es hier insbesondere auf die Vorgesetzten an. 

Innere Führung und die gegenwärtigen Herausforderungen – wird sie derzeit mehr gelebt denn je? Heißt: Wird sie auch mehr gebraucht denn je?

Ich denke, schon. Sie wird gelebt wie eh und je, sie wird aber immer mehr gebraucht. Denn durch die verschiedenen Aufträge, die wir haben, mit der gesamten Bandbreite von Kampfeinsätzen bis zu humanitären Einsätzen, braucht man im Grunde genommen das gesamte Rüstzeug der Inneren Führung. Und sie muss entsprechend angewendet werden. Dabei kommt es nicht darauf an, dass ein Teil besonders wichtig ist, sondern das Gesamtkonzept ist es ja, was Innere Führung ausmacht und was angewendet werden muss. 

Die Bezeichnung Innere Führung klingt gut. Was, glauben Sie, ist davon besonders brauchbar für die Streitkräfte der Marine?

Also die Innere Führung ist eigentlich zeitlos in zweifacher Hinsicht. Zeitlos, das heißt, sie ist unabhängig von der Wehrform, also der Wehrpflichtarmee oder der Freiwilligenarmee bzw. der Berufsarmee und auch von den Aufträgen, die wir haben. Insofern ist die gesamte Innere Führung in allen ihren Teilen auch für die Marine wichtig. Es gibt keinen besonderen Schwerpunkt in irgendeiner Art und Weise, sondern die ganze Palette ist wichtig und muss angewendet werden. Zeitlos heißt aber auch, dass Vorgesetzte immer Zeit für ihre Untergebenen haben sollen. Mit einer neuen Arbeitszeitregelung für Soldaten, die auch für Vorgesetzte gilt, müssen wir aufpassen, dass die Anwendung der Inneren Führung nicht Opfer einer Stechuhr wird.

Herausforderungen wie Flüchtlingsbewegungen oder das Einhalten der Ruhezeit – inwiefern hilft die Innere Führung besonders den Soldaten der Marine?

Hier hilft sie ganz besonders. Denn die Innere Führung gibt ja den ethischen Rahmen, die moralischen Werte vor. Sie hilft einem Soldaten in jeder Situation zu entscheiden, was ihm jetzt ganz besonders wichtig ist. Für den Seemann ist ganz klar, wenn jemand in Seenot ist, gibt es keine Frage, dass man dort hilft und retten muss. Das ist völlig losgelöst von einer eigenen geregelten Arbeitszeit oder vielleicht der Meinung, man bräuchte jetzt mal ein bisschen Ruhe. Hier steht das Menschenleben im Vordergrund und deswegen ist hier die Innere Führung ein sehr, sehr wichtiger Ratgeber und natürlich auch ein innerer Halt. 

Thomas von Buttlar, Kapitän zur See, ich danke Ihnen für das Gespräch! 

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Kapitän zur See Thomas von Buttlar ist seit 2013 Unterabteilungsleiter Personal im Marinekommando in Rostock. Er trat im Juli 1977 in die Marine ein. Nach der Offiziersausbildung und dem Studium der Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität der Bundeswehr München fand er seine militärische Heimat bei der Schnellbootwaffe, wo er die Führungsverwendungen als Kommandant des Schnellbootes „S50 Panther“, Stellvertretender Kommandeur des 7. Schnellbootgeschwaders und Kommandeur des 2. Schnellbootgeschwaders durchlief. Nach der Admiralstabsausbildung war er in wechselnden Verwendungen im Bereich Personal sowie Führung/Einsatz. Seine letzte Verwendung war als Referatsleiter Neuausrichtung im Bundesministerium der Verteidigung. 

ThomasvonButtlarbundeswehrorg