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Integrität, Zivilcourage und Innere Führung

Dieser Artikel untersucht die in gewisser Weise verwandten Begriffe Integrität, Zivilcourage und Innere Führung auf ihren Nutzen hinsichtlich der Gewährleistung ethischen Verhaltens bei den Angehörigen der Streitkräfte. Am häufigsten wird in militärischen Organisationen in diesem Zusammenhang der Begriff der Integrität verwendet. Die folgenden Ausführungen beziehen sich deshalb zu einem großen Teil auf die Erörterung dieses Begriffs sowie auf die Problematik seiner Verwendung im militärischen Bereich. Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass der Begriff der Integrität in seiner üblichen Verwendung für den Kontext der Streitkräfte zu unbestimmt und subjektiv und insofern kaum von Nutzen ist. Aufgrund dieser Nachteile diskutiert der Artikel die Begriffe Zivilcourage und Innere Führung als mögliche Alternativen zum Konzept der Integrität.

Was bedeutet Integrität?

Integrität ist die Tugend, die uns, obwohl wir versucht sind, anders zu handeln, dazu veranlasst, das Richtige zu tun, selbst wenn keine Zeugen dabei sind. Es überrascht daher nicht, dass die meisten Militärangehörigen Integrität als eine wichtige Tugend erachten. Auch im Krieg darf über ethisch richtiges Verhalten keine Unklarheit bestehen. Bedauerlicherweise hat der Begriff Integrität jedoch heutzutage so viele Bedeutungen angenommen, dass er mittlerweile alles und nichts besagt. Trotzdem hat er in den meisten Organisationen eine recht enge Bedeutung, indem er über die Nennung des zu vermeidenden Verhaltens negativ definiert wird: etwa Geschenke anzunehmen, die einen bestimmten Wert übersteigen, oder Büroartikel mit nach Hause zu nehmen. Obwohl die meisten Organisationen diese enge Auslegung von Integrität verwenden, werden die meisten Menschen der Auffassung sein, dass es bei Integrität eigentlich um etwas anderes geht.

Integrität hat außerhalb des Kontextes einer Organisation eine umfassendere, etwas schwerer zu definierende Bedeutung. Der Begriff kann für „Ganzheit“ stehen, was auf die antike Vorstellung zurückgeht, dass Tugenden miteinander in Beziehung stehen (das lateinische integer bedeutet „ganz“ oder „vollständig“): Jemand, der die Tugend des Muts besitzt, benötigt die dazugehörigen Tugenden der Weisheit und Mäßigung, um seinen Mut zu lenken. Andere sehen Integrität als etwas über die Zeit Gleichbleibendes und erwarten, dass jemand sich auch unter Druck nach den eigenen Grundsätzen verhält. Wieder andere verwenden Integrität einfach als Synonym für ethisches Verhalten und sind der Auffassung, dass jemand Integrität besitzt, wenn er nach moralischen Grundsätzen lebt. Diese Definition ist offensichtlich so allgemein gefasst, dass sie wenig hilfreich für das Verständnis dessen ist, was der Begriff der Integrität tatsächlich beinhaltet.

Durch die zahlreichen unterschiedlichen Bedeutungen wird die Aussage über die Integrität einer Person in gewisser Weise willkürlich. Alles hängt davon ab, welche Bedeutungsinhalte man diesem Begriff zuordnen will. Man kann dieses Problem und die meisten anderen semantischen Fragen in Bezug auf den Terminus umgehen, indem man seine Verwendung untersucht und zunächst schaut, was im Alltagsgebrauch darunter verstanden wird. Demnach könnte Integrität „Handeln auf der Grundlage der eigenen Werte und Prinzipien“ bedeuten – das verstehen die meisten Menschen unter Integrität. Nach dieser Definition befände sich die Integrität also irgendwo in der Mitte zwischen der engen Bedeutung, also der Einhaltung der durch eine Organisation gesetzten Regeln, und der allzu breit gefassten Definition, die sie mit ethischem Verhalten gleichsetzt.

Können wir nach eigenen ethischen Grundsätzen leben?

Diese Bedeutung von Integrität im herkömmlichen Sinn wirft Fragen auf. Zunächst einmal hängt alles von den Werten und Grundsätzen ab, die jemand vertritt. Böswillige Diktatoren, Verbrecher und Terroristen könnten für sich selbst in Anspruch nehmen, Integrität zu besitzen, ohne widersprüchlich zu sein, solange sie sich an ihre eigenen Grundsätze halten. Dies bedeutet natürlich, dass die oben erwähnte Verwendung des Begriffs Integrität als Synonym für ethisches Verhalten fehlgeleitet ist. Denn wenn wir von unseren Kollegen oder Freunden verlangen, integere Menschen zu sein, müssen wir immer voraussetzen, dass ihre persönlichen Grundsätze gut sind. Ein recht unbefriedigendes Konstrukt!

Ebenso problematisch ist, dass wir nicht wissen können, ob derjenige, der von sich behauptet, seinem eigenen ethischen Kompass zu folgen („Ich tue nur, was mir richtig erscheint/was mein Gewissen mir sagt/was es mir erlaubt, noch in den Spiegel zu schauen“), dies auch wirklich tut. Und wie kann dieser Mensch selbst, auch wenn er aufrichtig davon überzeugt ist, einer eigenen ethischen Norm zu folgen, überhaupt wissen, ob er es tatsächlich tut? Kann er nicht einer Selbsttäuschung unterliegen? In dieser Hinsicht ähnelt jemand, der seinen eigenen Regeln folgt, in gewisser Weise Daniel Defoes Robinson Crusoe: Dieser fertigte sich in der Einsamkeit seiner Insel einen improvisierten Kalender an, um feststellen zu können, welcher Tag gerade war. Dem Einheimischen, mit dem er sich anfreundete, gab er den Namen Freitag, weil er dachte, sie seien sich an einem Freitag zum ersten Mal begegnet. Crusoe konnte nicht feststellen, ob Donnerstag oder Montag ein passenderer Name gewesen wäre, und tatsächlich erfuhr er nach seiner Rettung, dass er einen oder zwei Tage verpasst hatte. Zwei Jahrhunderte nach Defoe argumentierte Wittgenstein (ein in der Militärethik nicht häufig zitierter Philosoph), wenn jemand von sich behaupte, einer eigenen Regel zu folgen, gebe es drei Möglichkeiten: 1) Er folge tatsächlich einer Regel und tue dies konsequent. 2) Er folge einer Regel, jedoch nicht ganz konsequent. 3) Er behaupte, einer Regel zu folgen, doch sein Urteil sei in Wirklichkeit vollkommen willkürlich. Doch sowohl für den, der die Regeln befolgt, als auch für sein Gegenüber ist es de facto unmöglich zu wissen, welche der drei Alternativen zutrifft. Wittgenstein (und viele andere) kommen zu dem Schluss, dass wir keine private Sprache haben können. Doch dieses Argument hat auch Auswirkungen für denjenigen, der von sich sagt, er lebe nach persönlichen ethischen Regeln. Jemand kann nur dann konsequent eine ethische oder sonstige Regel befolgen, wenn es jemand anderen gibt, der ihm sagen kann, ob er im Recht oder im Unrecht ist.

Und letztlich ist Integrität nicht immer ein ethisches Motiv, da sie zwar die guten Absichten betont, die Folgen jedoch vernachlässigt. In diesem Sinne geht es bei der Integrität vielmehr um die Frage, ob jemand in den Spiegel schauen kann, und um das eigene Selbstbild. Beispielsweise ist bedingungsloser Pazifismus, auch wenn er hohe Prinzipien verfolgt, vielleicht vor allem darauf ausgerichtet, gute Absichten zu zeigen (und daher ungeeignet für Politiker, die auch die Folgen ihrer Entscheidungen mit berücksichtigen müssen).

Integrität in den Streitkräften

Wie bereits erwähnt, betrachten die meisten Militärangehörigen Integrität als ein hohes Gut und setzen sie auf ihre Liste anzustrebender Tugenden und Werte. Jedoch ist die Unschärfe der Begriffsdefinition weit verbreitet. Beim Militär findet sich sowohl die sehr eng gefasste Definition von Integrität, im Sinne der Einhaltung aller bestehenden Vorschriften, als auch die sehr breite Definition, die Integrität mit ethischem Verhalten gleichsetzt. Der Begriff der Integrität im Sinne von „Ganzheit“ entspricht hierbei der Auffassung, nur derjenige sei ein guter Soldat, der in allen Situationen des Lebens ein guter Mensch sei. Für die meisten Angehörigen der Streitkräfte hat Integrität jedoch die gleiche Bedeutung wie für die Zivilbevölkerung, nämlich: sich an die eigenen persönlichen Werte und Grundsätze zu halten.

Dennoch ist es keine Überraschung, wenn die meisten militärischen Organisationen, die Integrität als eine Tugend bewerten, den Begriff im Sinne der Einhaltung der Werte der Organisation verstehen und daher nicht als etwas, das mit den Werten und Grundsätzen des Einzelnen zu tun hätte. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, da Integrität im Sinne von „Leben nach den eigenen Werten“ nicht mit einem für das gesamte militärische Personal verbindlichen Wertekanon vereinbar wäre. Doch wenn Angehörige der Streitkräfte Integrität als Einstehen für ihre eigenen persönlichen Werte verstehen, entgegen der Definition ihres Dienstherren, dann könnte dies sehr wohl ein Problem darstellen. 

Natürlich ist das Handeln nach eigenen Prinzipien kein Problem, solange diese mit den Grundsätzen des Militärs kompatibel sind. Doch dies ist offensichtlich nicht immer der Fall. Inwieweit eine militärische Organisation die Möglichkeit bieten kann, persönlichen Werten und Grundsätzen zu folgen, ist mithin eine schwierige Frage. Einerseits werden Soldaten oft als Spezialisten gesehen, die für ihre Entscheidungen einen beträchtlichen Handlungsspielraum benötigen. So heißt es in einem kürzlich erschienenen Handbuch über Militärethik, dass „in Situationen, in denen Gesetz und Ethik unterschiedliche Normen vorgeben, Angehörige des Militärs stets der höheren, d.h. zwangläufig der von der Ethik vorgegebenen Norm zu folgen haben.“1 Doch auf der anderen Seite zeigt sich immer wieder, welche Probleme sich beim Militär im Umgang mit Wehrdienstverweigerern, Whistle­blowern und Soldaten ergeben, die Befehle verweigern, welche (ihrem Empfinden nach) gegen ethische Grundsätze verstoßen. Insgesamt bieten militärische Organisationen ein eher feindliches Umfeld für das Handeln nach persönlichen Prinzipien, insofern diese der Sichtweise der Organisation widersprechen. Naturgemäß fördert die eher kollektivistisch als individualistisch ausgerichtete Militärorganisation den Zusammenhalt und die Gruppenloyalität, und wahrscheinlich erklärt sich genau aus dieser Betonung der Loyalität, warum Soldaten, die nach ihren eigenen Werten handeln, manchmal eher zu Märtyrern einer guten Sache werden als zu moralischen Vorbildern ihrer Organisation.

Ein berühmtes Beispiel hierfür ist Hugh Thompson Jr., der Hubschrauberpilot, der 1969 versuchte, US-amerikanische Soldaten seiner Einheit davon abzuhalten, die vietnamesischen Dorfbewohner in My Lai zu töten, und später Opfer einer inszenierten Verleumdungskampagne wurde. In jüngeren Zeiten musste Joe Darby, der Sergeant, der im Januar 2004 die Fotoaufnahmen von Abu Ghraib an die Militärstrafverfolgungsbehörde der United States Army weitergeleitet hatte, in Schutzhaft leben, nachdem Verteidigungsminister Rumsfeld seinen Namen veröffentlicht hatte. Nun werden die meisten von uns (zu Recht) denken, es sei ein Segen, dass es in den Streitkräften Menschen mit festen Prinzipien gebe wie Thompson und Darby. Doch wir haben auch gesehen, dass Integrität an sich subjektiv ist. So gibt es natürlich auch Beispiele von Soldaten, die eindeutig im Unrecht waren, als sie nach eigenen Prinzipien handelten (und mindestens einige Verweigerer aus Gewissengründen fallen ebenfalls in diese Kategorie). Es muss also etwas vorhanden sein, das uns veranlasst, das Richtige zu tun, auch in Situationen, in denen ein erheblicher Druck besteht, sich für das Falsche zu entscheiden. Doch Integrität ist nicht der ideale Kandidat hierfür. Obwohl viele Soldatinnen und Soldaten Integrität als wichtige Tugend erachten, ist der Begriff in seiner gängigsten Bedeutung äußerst vage und subjektiv. Zum Glück gibt es jedoch einige Alternativen.

Zivilcourage und Innere Führung

Zivilcourage bezeichnet die Fähigkeit, dem negativen Urteil von Freunden und Kollegen standzuhalten, wenn dies erforderlich ist, um das Richtige zu tun. Die Zivilcourage ist also eine wichtige Unterkategorie von Mut, denn es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die Miss­tände aufdecken, wo es nötig ist, oder einen Kollegen korrigieren, wenn sie der Auffassung sind, dass dieser im Unrecht ist. Auf den ersten Blick ist die Zivilcourage in gewisser Weise mit der Integrität verwandt. Es geht jeweils darum, nach eigenen Prinzipien zu handeln, wo andere anderer Meinung sind. Doch die beiden Begriffe unterschieden sich darin, dass die Zivilcourage per Definition einem ethischen Grundsatz folgt, während dies auf die Integrität nicht zwangsläufig zutrifft. So könnte auch ein standhafter Verbrecher für sich beanspruchen, diese gute Eigenschaft zu besitzen. Diesen Menschen könnte man zwar vielleicht als integer bezeichnen, allerdings würde man hier kaum von Zivilcourage sprechen. 

Einige klassische Beispiele von Integrität beruhen auf Prinzipien und Werten, die gar nicht persönlicher Natur waren, sodass es sich in Wirklichkeit um Fälle von Zivilcourage handelte. Der gerade erwähnte Held von My Lai, Hugh Thompson, handelte beispielsweise nicht nach ganz eigenen Werten, die im Widerspruch zu gesellschaftlichen oder professionellen Werten gestanden hätten, sondern aufgrund der Vorstellung dessen, wofür sein Land und seine Organisation stehen sollten (oder vielleicht einmal standen). Thompson erklärte später einmal in einem Vortrag über Zivilcourage, die Soldaten, die das Massaker verübten, seien „keine echten Soldaten“ gewesen, und verdeutlichte so, dass es ein militärischer – und somit kein persönlicher – ethischer Wert war, der seinem Handeln zugrunde lag.2 Zivilcourage würde daher besser zu den militärischen Tugenden passen als Integrität. Allerdings ist nicht eindeutig, nach welchen ethischen Grundsätzen sich die Zivilcourage ausrichten soll. Es können die Grundsätze einer Organisation, einer Gesellschaft oder vielleicht sogar eines Einzelnen sein – wobei in letzterem Fall die Zivilcourage mit der gleichen Subjektivität behaftet sein könnte wie die Integrität.

Doch was besagt das Konzept der Inneren Führung bei den bundesdeutschen Streitkräften? Beinhaltet es ebenfalls den Aspekt der Subjektivität? Auf den ersten Blick könnte man davon ausgehen. Denn denen, die mit diesem Konzept nicht vertraut sind, suggeriert der Begriff zumeist, dass er mehr mit Integrität als mit Zivilcourage zu tun hat. „Innere Führung“ klingt nach einem ethischen inneren Kompass, und man kann den Eindruck bekommen, außerhalb des Individuums existierende (berufliche oder gesellschaftliche) Werte spielten keine größere Rolle. Doch dies entspricht (nach meinem Verständnis) nicht der Bedeutung des Konzepts. Einer der Grundgedanken der Inneren Führung ist, dass Soldatinnen und Soldaten Befehle verweigern sollen, die offenkundig gegen ethische Prinzipien verstoßen. Es wird von ihnen selbstständiges Denken erwartet. Doch dies bedeutet nicht, dass alles gestattet wäre. Die Werte, die dieses selbstständige Denken leiten sollen, sind eindeutig gesellschaftliche Werte, und die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr erfüllen ihren Auftrag, wenn sie aus innerer Überzeugung für Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit und Demokratie eintreten.3 Tatsächlich dienen das Konzept der Inneren Führung und das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform, welches ihm zugrunde liegt, der Ausrichtung der Bundeswehr an der Zivilgesellschaft. Eine der erklärten Grundlagen ist somit die Umsetzung des Wertesystems des Grundgesetzes und der Gesellschaft in der Bundeswehr.4 Das Konzept der Inneren Führung ist daher sehr viel weniger subjektiv als der Begriff der Integrität in seiner herkömmlichen Bedeutung. Man könnte sagen, dass die Innere Führung genau die Rolle übernehmen kann, die häufig der Integrität zugeschrieben wird, ohne deren offenkundige Nachteile aufzuweisen. Letzten Endes hat das Konzept der Inneren Führung auch einen Vorteil gegenüber der Zivilcourage, da klar definiert ist, wo die der Inneren Führung zugrunde liegenden ethischen Prinzipien verankert sind: nämlich in der Gesellschaft. Die einzige Unklarheit besteht darin, dass Soldatinnen und Soldaten aufgerufen sind, „ihr Gewissen zu schärfen“, um entscheiden zu können, was falsch und was richtig ist.5 Doch sollten nicht die gerade angeführten gesellschaftlichen Werte sie bei dieser Unterscheidung leiten? 

Fazit

Hauptmerkmal der meisten Definitionen von Integrität ist ihre fehlende Genauigkeit. Integrität zu besitzen wird oft mit einer ethischen Grundhaltung gleichgesetzt. Diese sehr allgemeine Auslegung des Begriffs ist weit verbreitet und hat möglicherweise dazu beigetragen, dass Integrität heute einer der am häufigsten verwendeten Ethikbegriffe beim Militär ist. In ihrer engeren Bedeutung erfordert Integrität vom Einzelnen, dass er nach seinen eigenen persönlichen Werten und Prinzipien lebt. Wir haben gesehen, dass diese Definition unter anderem aufgrund ihrer Unbestimmtheit und Subjektivität problematisch ist. Dennoch sehen wir, dass es manchmal genau darum geht, den eigenen Grundsätzen zu folgen. Wenn von Soldatinnen und Soldaten nicht zumindest eine gewisse Prinzipientreue erwartet werden darf, können sie sich immer hinter der Behauptung verstecken, nur gehandelt zu haben wie andere auch. Man könnte sagen, dass ihre Integrität auf die Probe gestellt wird, wenn sowieso klar ist, was richtig ist, aber ein erheblicher Druck existiert, sich für das Falsche zu entscheiden. Insbesondere, wenn niemand dabei ist oder wenn diejenigen, die sich in der Nähe befinden, ihre ethischen Grundsätze fallen lassen, ist das Festhalten an den eigenen Prinzipien äußerst tugendhaft – natürlich nur, solange diese ethisch korrekt sind. Zu klären bleibt, ob hier tatsächlich persönliche Prinzipien zum Tragen kommen sollten oder eher verinnerlichte Grundwerte der Gesellschaft oder des Berufs. Wie oben dargelegt, erscheint letztere als die aussichtsreichere Option. Im Vergleich zum Konzept der Integrität stellen Zivilcourage und Innere Führung den angemesseneren Weg dar, um Soldatinnen und Soldaten zu ethischem Handeln anzuhalten. Das Konzept der Inneren Führung ist jedoch wahrscheinlich das geeignetere von beiden, da es auf einem anerkannten gesellschaftlichen Wertesystem beruht.

1 Coleman, Stephen (2013): Military Ethics, Oxford, S. 268.

2 Thompsons Ausführungen finden sich unter www.usna.edu/Ethics/_files/documents/ThompsonPg1-28_Final.pdf (gesichtet am 1. März 2016).

3 Zentrale Dienstvorschrift ZDv 10/1, Innere Führung, Kapitel 1, S. 106; Kapitel 3, S. 304. Die englische Übersetzung findet sich unter http://www.kommando.streitkraeftebasis.de/resource/resource/MzEzNTM4MmUzMzMyMmUzMTM1MzMyZTM2MzIzMDMwMzAzMDMwMzAzMDY4NjQzNDM3NmU2NTMyNjkyMDIwMjAyMDIw/ZDv_10_1_Englisch.pdf.

4 Ebd., Kapitel 3, S. 316.

5 Ebd., Kapitel 5, S. 508.

Autor

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Dr. Peter Olsthoorn ist Außerordentlicher Professor für militärische Führung und Ethik an der Niederländischen Verteidigungsakademie (Nederlandse Defensie Academie). Neben Führung und Ethik liegen weitere Schwerpunkte seiner Lehrtätigkeit in den Bereichen Streitkräfte und Gesellschaft, Krieg und Medien sowie Ethik und Grundrechte im europäischen Joint-Masters-Studiengang Strategic Border Management. Peter Olsthoorn forscht hauptsächlich zu militärischen Tugenden, zu militärischer Medizinethik und zur Ethik des Grenzschutzes. Zu seinen Veröffentlichungen zählen die Titel „Honor in Political and Moral Philosophy“ (Albany, 2015) und „Military Ethics and Virtues: An Interdisciplinary Approach for the 21st Century“ (London, 2010). 

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