Zum Inhalt springen

Soldatentypen in Deutschland – freiwillig Wehrdienstleistende und ihr Beitrag zum Konzept des Staatsbürgers in Uniform

Das Ende der Wehrpflicht

Die Bundeswehr ist eine der bedeutendsten öffentlichen Organisationen Deutschlands. Mit etwa 280.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zählt sie zu den größten Arbeitgebern des Landes. Seit einigen Jahren durchläuft sie die umfassendste Strukturreform ihrer Geschichte. Die Neuausrichtung mit dem Ziel einer „leistungsstarke[n] und moderne[n] Bundeswehr“ bekam im Herbst 2010 überraschend eine neue Dynamik, als der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg abweichend vom Koalitionsvertrag beschloss, die Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 auszusetzen. Damit folgte er den Empfehlungen der Strukturkommission um Frank-Jürgen Weise,  die die „Wehrpflicht in der heutigen Form […] nicht mehr gerechtfertigt“ sah. Begründet wurde diese Einschätzung vornehmlich sicherheitspolitisch: Die Bedrohungslage habe sich geändert; dies erfordere eine Umstrukturierung der einstigen Verteidigungsarmee zur Einsatzarmee mit einem völlig neuen und deutlich erweiterten Aufgabenspektrum. 

Anders als die europäischen Nachbarn und NATO-Partner stellte Deutschland die Bundeswehr jedoch nicht auf eine reine Berufsarmee um, sondern führte mit dem freiwilligen Wehrdienst (FWD) ein Instrument ein, das Kernideen der Wehrpflicht aufgreift. 

Dieser Beitrag geht der Frage nach, wen der FWD anspricht und mit welchen Motiven bzw. Erwartungen Freiwillige zur Bundeswehr kommen. Darauf aufbauend wird analysiert, was dies für die Organisationskultur der Bundeswehr, insbesondere für das Konzept des Staatsbürgers in Uniform, bedeutet. 

Freiwillig Wehrdienstleistende als Staatsbürger in Uniform?

Das Ende der Wehrpflicht stellt eine tiefe Zäsur in die Tradition und das Selbstverständnis der deutschen Streitkräfte dar, denn die Wehrpflicht galt als Grundlage von organisationskulturellen Besonderheiten wie dem Grundsatz der Inneren Führung oder dem Konzept des Staatsbürgers in Uniform. Seit 2011 rekrutiert die Bundeswehr nach fast 55 Jahren Pflichtdienst ihren Nachwuchs erstmals vollständig aus Freiwilligen. Damit muss nicht nur ein Großteil der Personalgewinnung umgestellt werden. Auch der selbstverständliche Austausch zwischen (zumindest Teilen von den männlichen) Staatsbürgern und der Bundeswehr, den die Wehrpflicht jahrzehntelang gewährleistete, fällt ersatzlos weg, sodass Auswirkungen auf das zivil-militärische Verhältnis, z.B. durch schwindende Rückbindung in die Gesellschaft, zu erwarten sind.

Nicht zuletzt, um den zivil-militärischen Austausch weiterhin zu fördern und möglichst vielfältige gesellschaftliche Milieus bzw. Schichten in die Bundeswehr zu integrieren, wurde auf Vorschlag der Strukturkommission ein Freiwilliger Wehrdienst eingeführt. Dieser Dienst soll vornehmlich jungen Menschen ermöglichen, die Institution Bundeswehr kennenzulernen, ohne sich umgehend für mehrere Jahre als Zeit- oder Berufssoldat zu verpflichten. Die Kommission sieht den FWD als Angebot, „das persönliche, berufliche, gesellschaftliche und sicherheitspolitische Interessen in Einklang bringt. […] Unsere Gesellschaft braucht eine Kultur der Freiwilligkeit.“ Der FWD kann nur von deutschen Staatsangehörigen geleistet werden, ist also im Gegensatz zum Bundesfreiwilligendienst, der als Ersatz für den Zivildienst eingeführt wurde, nicht für Ausländer offen. Die (meist) jungen Menschen verpflichten sich im FWD für sieben bis 23 Monate. Dabei sind die ersten sechs Monate eine Probezeit, in denen beidseitig eine sofortige Kündigung möglich ist. Bei Vertragsunterzeichnung müssen sich die Freiwillig Wehrdienstleistenden (FWDL) ab einer Dienstdauer von zwölf Monaten grundsätzlich für die Teilnahme an Auslandseinsätzen bereit erklären. Dies unterscheidet die heutigen FWDL grundlegend von den ehemaligen Wehrpflichtigen, welche von Auslandseinsätzen ausgenommen waren und sich erst im Falle einer freiwilligen Dienstverlängerung zu einer Verwendung im Ausland verpflichten mussten. 

Vor ihrer Einstellung durchlaufen die jungen Männer und Frauen ähnlich wie zu Zeiten der Wehrpflicht eine Musterung und ein Auswahlverfahren, das sie auf physische, psychische und kognitive Fähigkeiten testet. Erklärtes Ziel ist, dass zu jeder Zeit 5.000 bis 15.000 FWDL die Bundeswehr unterstützen. Doch wer dient Deutschland?

Zu Datengrundlage und Methodik der Studie

Diese Frage wird in diesem Beitrag basierend auf Erkenntnissen einer empirischen Studie beantwortet: Von Juli 2012 bis August 2013 wurden 26 FWDL an zwei Standorten jeweils dreimal befragt. In den qualitativen Interviews ging es um Selbstverständnis, Motivation, Erwartungen und Erfahrungen von FWDL ebenso wie um ihre Einstellungen zu Auslandseinsätzen, zu den Grundsätzen der Inneren Führung sowie zur politischen Bildung. Die Studie war so angelegt, dass sie komplexe Fragen und Deutungszusammenhänge anhand einer kleinen Anzahl ausgewählter Fälle beantworten kann. Dabei steht die Tiefenschärfe der Analyse im Vordergrund, nicht die Repräsentativität oder Quantifizierung der Ergebnisse. Da das Sample breit genug streut, kann es trotzdem über Einzelbeobachtungen hinaus eine erste thesenartige Generalisierung vornehmen und im Sinne der Grounded Theory aus den Daten theoretische Erkenntnisse mittlerer Reichweite ableiten.

Die Untersuchung ergibt, dass sich ganz unterschiedliche Typen im FWD wiederfinden. Die FWDL kommen mit verschiedenen Motiven und haben folglich jeweils andere Erwartungen an den Dienst. Sie nehmen ganz unterschiedliche Rollen im Gefüge der Organisationskultur ein. Die Studie macht drei Haupttypen aus1, die sich in den Typus des Egotaktikers, des Angepassten und des idealen Soldaten einteilen lassen und im Folgenden vorgestellt werden. 

Drei Typen Freiwillig Wehrdienstleistender

Typ 1: Die Egotaktiker stellen ihren persönlichen Nutzen in den Vordergrund und identifizieren sich nur in geringem Umfang mit der Bundeswehr. Sie wählen den Dienst mehr aus strategischen denn aus ideellen Gründen. Extrinsische Motive wie eine gute Bezahlung oder das Erlangen körperlicher Fitness stehen im Vordergrund. Damit repräsentieren sie eine in ihrer Generation verbreitete Haltung, die Selbstverwirklichung und Individualisierung bei gleichzeitiger finanzieller Absicherung priorisiert. Sie zeigen wenig Loyalität gegenüber ihrem Arbeitgeber und empfinden die Hürde, den Dienst zu quittieren, als sehr niedrig; doch tragen sie zivile Gesellschaftsentwicklungen in die Bundeswehr hinein. Meist gut gebildet und über viele alternative Optionen verfügend gehören sie – so die Erfahrung von Freiwilligenarmeen anderer Länder – zu der Klientel, die für Berufsarmeen am schwierigsten zu rekrutieren ist und die wohl über andere Dienstformate (z.B. Zeitsoldat) nicht in die Bundeswehr eingetreten wäre.

Nimmt man den Beitrag des FWD zum zivil-militärischen Verhältnis in den Blick, kann den Egotaktikern eine wichtige Funktion beigemessen werden: Sie hinterfragen Abläufe und Routinen kritisch und können so zu einem wertvollen Austausch zwischen der zivilen und der militärischen Sphäre beitragen – vorausgesetzt, ihre Stimmen werden in der Organisation vernommen. Denn eine skeptische Einstellung kann gerade für das zivil-militärische Verhältnis gewinnbringend sein und dafür sorgen, dass zivile und militärische Werte nicht weiter auseinanderdriften. Das heißt, die Egotaktiker können als wichtiges Korrektiv innerhalb der Bundeswehr fungieren und zur demokratischen Kontrollinstanz im System avancieren, weil sie Abläufe und Aufträge hinterfragen. Gleichzeitig verkörpern sie wie kein anderer Typus die Werteorientierung der jungen Generation und konfrontieren die Bundeswehr mit dem Anspruch von Selbstverwirklichung und persönlicher Weiterentwicklung und der Frage nach dem Sinn des eigenen Handelns. 

Typ 2: Die Angepassten sind in der derzeitigen Organisationskultur der Bundeswehr am leichtesten zu bedienen: Sie sind loyal gegenüber ihrem Arbeitgeber und treten den FWD oft aus Pflichtbewusstsein an, ohne große Erwartungen an den Dienst zu haben. Sie nehmen die Bundeswehr häufig als annähernd normalen Arbeitgeber wahr und teilen damit eine Berufsauffassung des Soldatseins, das Moskos’ Occupation-Modell entspricht. Jedoch fällt es diesem Typ schwer, Verantwortung zu übernehmen. Er zeigt in seiner Loyalität mitunter einen fast blinden Gehorsam und ist daher für das Verständnis eines Staatsbürgers in Uniform problematisch. Planungssicherheit, geregelte soziale Verhältnisse und familiärer Zusammenhalt sind für die Angepassten besonders wichtig. In diesem Zusammenhang spielt einerseits die verlässliche und solide Vergütung eine entscheidende Rolle, die die Grundhaltung gegenüber der Bundeswehr positiv prägt und diese als attraktiven Arbeitgeber erscheinen lässt. Andererseits sind gerade der ausgeprägte Familiensinn und das hohe individuelle Sicherheitsbedürfnis oft ein Grund, von einer längerfristigen Verpflichtung abzusehen, so die Erkenntnisse aus den Interviews. Zu groß wären die persönlichen Opfer und mögliche negative Konsequenzen für das Privatleben durch häufige Umzüge aufgrund von Versetzungen und eventuellen Auslandsverwendungen. 

Typ 3: Die idealen Soldaten identifizieren sich umfänglich mit den Werten und Zielen der Bundeswehr; ein Auslandseinsatz gehört für sie unbedingt zum Soldatsein dazu. Sie kommen von allen Typen dem Ideal der organisationalen Selbstdarstellung der Bundeswehr aus der für den FWD entwickelten Kampagne „Wir. Dienen. Deutschland.“ am nächsten. Daher werden sie in der Typologie als ideale Soldaten bezeichnet. Sie sind hoch motiviert und haben differenzierte Vorstellungen davon, was einen „richtigen“ Soldaten ausmacht. Allerdings stoßen ihre klaren Erwartungen – an die Organisation und an ihre Kameraden – in der Wirklichkeit an Grenzen. Daher sind sie für manche Funktionen, die dem FWD zugeschrieben werden, beispielsweise die integrative Kraft, durch ihre hohen Ansprüche an den Dienst und an ihre Kameraden kontraproduktiv, da sie z.B. nicht nachvollziehen können, dass Kameraden den FWD als Überbrückungsjahr mit solider Bezahlung wählen.

An diesem Typus wird zudem deutlich, dass ein zu hoher Identifikationsgrad negative Auswirkungen auf das zivil-militärische Verhältnis haben kann. Durch eine starke Identifikation mit ihrem Umfeld und einer Internalisierung der militärischen Hierarchiestrukturen verlieren zivile Werte und Autoritäten teilweise an Bedeutung, was im Widerspruch zum Konzept der Inneren Führung und zum Staatsbürger in Uniform steht. Denn die umfängliche Identifikation dieses Typus mit der Bundeswehr wird maßgeblich von einer starken Distinktion gegenüber dem Zivilen getragen.

Was bedeuten die Typen für die Organisationskultur?

Die drei unterschiedlichen Typen zeigen, dass es der Bundeswehr gelingt, verschiedene Personengruppen anzusprechen. Darunter sind auch solche, die weder über die Wehrpflicht (z.B. Frauen) noch über eine Laufbahn als Zeit- oder Berufssoldat zur Bundeswehr gekommen wären. Damit spricht der FWD, als „flexibler Schnupperkurs“ gestaltet, neue Zielgruppen an. Mit seinen spezifischen Rahmenbedingungen erreicht er auch eine andere Klientel als die klassischen Karriereoptionen (Zeit- und Berufssoldat) von Berufsarmeen. 

Alle drei Typen haben eines gemeinsam: Sie streben nach Tugenden wie Disziplin, Zuverlässigkeit und Durchhaltevermögen und ihre persönliche materielle Absicherung ist ihnen wichtig. Mag das Streben nach solchen Tugenden auf den ersten Blick verwundern, so zeigen die aktuelle Shell- und Sinus-Jugendstudie, dass genau diese Werte für Jugendliche weiterhin sehr wichtig sind – zumindest wenn sie bestimmten Milieus angehören, nämlich dem konservativ bürgerlichen, dem materialistisch-hedonistischen oder dem adaptiv pragmatischen.

Doch abgesehen von dieser gemeinsamen Wertehaltung haben die drei Typen heterogene Erwartungen an den Dienst, denen die Bundeswehr mit einem standardisierten Ausbildungsablauf nicht gerecht wird. Die unterschiedlichen Herangehensweisen an den Dienst führen unter den Kameraden zu gegenseitigem Unverständnis. Denn während z.B. die physischen und psychischen Belastungen für die einen an der Grenze des Akzeptablen sind, fühlen sich andere schon in der allgemeinen Grundausbildung unterfordert und vermissen das „richtig“ Militärische. Doch die Bundeswehr ist nicht darauf eingestellt, auf individuelle Bedürfnisse einzugehen. Dies ist ein Manko der Organisationskultur, mit dem alle Freiwilligentypen hadern. Die Sozialisationsmechanismen sind auf Nivellierung angelegt und nicht darauf, Persönlichkeiten zu fördern. Die integrative Wirkung, die der ehemalige Wehrdienst über die gemeinsam getragene Pflicht der Soldaten, zu dienen, entfaltet hat, ist im Freiwilligenmodell nicht mehr gegeben und stellt die Kultur der Bundeswehr vor neue Herausforderungen. 

Dass die Identifikation vieler FWDL gerade in der Stammeinheit sinkt, lässt darauf schließen, dass die Freiwilligen nicht von den als typisch soldatisch empfundenen Ausbildungseinheiten und Tätigkeiten abgeschreckt werden, auch nicht von vermeintlicher Härte und zu hohen körperlichen Anforderungen, sondern durch Langeweile, Unterforderung und nicht eingehaltenen Versprechungen in den Stammeinheiten desillusioniert werden. Jedoch gehen die Freiwilligen mit diesem Manko unterschiedlich um. Die Angepassten ziehen annehmliche Rahmenbedingungen (Planungssicherheit, solide Bezahlung) einer erfüllenden Tätigkeit vor und finden sich daher mit einer fehlenden Sinnhaftigkeit ihres Dienstes ab. Doch bei den Egotaktikern und den idealen Soldaten hat die Frage nach dem Sinn und der Selbstwirksamkeit einen hohen Stellenwert, der womöglich in den folgenden Generationen von Freiwilligen noch an Bedeutung gewinnen wird. Begnügen sich viele Jugendliche aus der pragmatischen Generation „Y“ (umschließt die Jahrgänge 1980–1999 und trifft damit auf alle Interviewten zu), der laut Shell-Jugendstudie von 2010 eine „Abnahme weltanschaulich geprägter und eine Zunahme pragmatischer Haltungen“ bescheinigt wird, noch mit akzeptablen Rahmenbedingungen, wird sich diese Haltung bei den Folgejahrgängen vermutlich ändern. Denn die Shell-Jugendstudie von 2015 bescheinigt der Generation „R“ (Jahrgänge 2000–2015) deutlich mehr Experimentierfreude und den Wunsch, zum gesellschaftlichen Wandel beizutragen. Insbesondere diese kommende Generation wird womöglich noch stärker als die derzeitigen FWDL die Sinnhaftigkeit des Dienstes hinterfragen, da die eigene Selbstwirksamkeit für sie wichtiger Bestandteil ihrer Lebensgestaltung ist.

Damit könnte die Bundeswehr in den nächsten Jahren genau die Freiwilligen verlieren, die zwar für die Organisation schwer zu bedienen sind, jedoch ihren Leitkonzepten, nämlich der Inneren Führung und dem Ideal vom Staatsbürger in Uniform, von den drei identifizierten Typen am besten entsprechen würden.

Dieser Beitrag basiert auf den Ergebnissen meiner Dissertation am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Haß, Rabea (2015): Der Freiwillige Wehrdienst in der Bundeswehr. Ein Beitrag zur kritischen Militärsoziologie. Wiesbaden.

1 In meiner Dissertation sind die Ergebnisse deutlich differenzierter dargestellt und die Haupttypen werden beispielsweise in je zwei Untertypen aufgeteilt. Auf diese Differenzierungen wird an dieser Stelle verzichtet, da in diesem Publikationsformat lediglich die in knapper Form wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst werden können.

Autorin

Foto_Hass.jpg

Dr. Rabea Haß ist Ideengeberin und Projektleiterin von Kitchen on the Run. Von 2011 bis 2014 forschte sie an der Hertie School of Governance und an der Universität Heidelberg zu den Themen bürgerschaftliches Engagement, Wirkungsmessung im gemeinnützigen Sektor und Freiwilligkeit. Sie promovierte am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main zum Freiwilligen Wehrdienst in der Bundeswehr. Aus früheren beruflichen Stationen, unter anderem beim Technischen Hilfswerk, bringt sie umfassende Erfahrung im Krisen- und Konfliktmanagement mit.

rabeakitchenontherunorg