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Mediale Schlachtfelder: Hybride Kriege und ihre kommunikative Kriegserklärung

Schon seit den Assyrern und Sumerern ist Propaganda eminenter Bestandteil von Kriegen. Sei es, um die eigenen Truppen zu mobilisieren und zu motivieren, sei es, um den Gegner zu demoralisieren. Hybride Kriegführung setzt jedoch in besonderem Maße auf (Des-)Informations- und (Mis-)Interpretationsattacken. Dies umso mehr, als herkömmliche militärische Maßnahmen und Situationen in den Hintergrund treten oder als strategische Drohkulisse dienen.

Zu der Doktrin des russischen Generalsstabs­chefs Waleri Gerassimow, dem Medienapparat „Russland Heute“ mit dem Webdienst Sputnik News und dem Auslandssender RT (vormals „Russia Today“) oder der Internet-„Troll-Armee“, die von Sankt Petersburg aus westliche Online-Foren und Kommentarspalten besetzt, wurde bereits viel gesagt und geschrieben. Seltener zur Sprache kommen grundlegende Mechanismen und vom Gegner quasi unfreiwillig „bereitgestellte“ Ressourcen, die in den Propagandakampagnen aufgegriffen werden. Darum soll es im Folgenden gehen.

Die „neuen Kriege“, wie sie Herfried Münkler Anfang der 2000er Jahre mit Blick auf vor allem postkoloniale und postsowjetische Zerfalls- und Transformationskonflikte beschrieb, charakterisieren Substaatlichkeit, Ethnisierung, Kriminalisierung und Privatisierung, das Verwischen klassischer Rollen und Identitäten der Akteure (etwa in der Unterscheidung von Zivilisten und Kombattanten) sowie die Konfusion klarer Kriegsdramaturgien mit ihren Akten und Wendepunkten: der Kriegserklärung, Entscheidungsschlachten, dem Friedensschluss. In hybriden Kriegen (aktuell an der Situation in der Ostukraine zu beobachten) kommen zusätzlich Ethnisierung und kommunikative Konfusion hinzu, und zwar dergestalt, dass unsere Vorstellung von den neuen Kriegen selbst instrumentalisiert wird. Entsprechend sollte vielleicht statt von „hybriden Kriegen“ als scheinbar eigenständiger Kraft oder Phänomen von „hybrider Kriegführung“ gesprochen werden, um hervorzuheben, dass es sich um ein breit gefächertes, bewusst eingesetztes Ensemble wirtschaftlicher, diplomatischer, IT-technologischer und vor allem eben massenmedialer Mittel und Maßnahmen handelt. Das Ziel dahinter ist, ironischerweise, wieder ein klassisches: die staatliche Einflusssicherung und -erweiterung. Wie Terrorismus (als ihr möglicher Bestandteil) ist hybride Kriegführung erheblich „Theater“, will nicht (nur) Territorium besetzen, sondern das Denken: Sie zielt ab auf die Vorstellungswelt im Kopf von Entscheidern und ihrer Wählerschaft, die im „Ideal-“ oder Extremfall ebenso zu „Proxys“ und „Irregulären“, zu Stellvertreterkämpfern für die „Sache“ werden wie Separatisten oder verirrte Spezialeinheiten auf Urlaub – wenn auch ohne Gewehr in der Hand.

Propaganda lässt sich unterschiedlich analysieren, etwa auf den Adressaten hin: Richtete sie sich z. B. ans eigene Volk, an den Gegner („psychologische Kriegführung“), ihn Unterstützende oder neutrale Dritte, die für die eigenen Konfliktdeutung und das eigene Anliegen gewonnen werden sollen? Ich konzentriere mich hier auf Letzteres, insofern etwa Ersteres typischen oder gar universellen, vielfach beschriebenen Beeinflussungsmustern folgt: das Narrativ der eigenen Notlage und Nothilfe – konkret der Schutz der russischen Bevölkerungsgruppe im Donbass gegenüber „Faschisten“ und einer euro-ukrainischen Verschwörung –, der Appell an den Nationalstolz (in dessen Folge in Russland das eigene Land weit positiver gesehen wird als noch vor wenigen Jahren) etc. Dies setzt nicht nur auf etablierte jüngere Feindvorstellungen (Nazi-Expansion, US-amerikanische Imperialisten), sondern aktiviert basale Vorstellungsmodelle des Auserwähltseins und der historischen Destination (Selbstbestimmung und Autonomie). Bereits in der Antike, in den attischen Kriegen oder in den Feldzügen Alexanders des Großen griff man auf derart ausgelegte oder fabrizierte Orakelsprüche und Gotteszeichen, die den Sieg verhießen, zurück.1    

Komplexer und bedenklicher ist demgegenüber der aktuelle PR-und-Meinungs-Krieg gegen den Westen. Er ist auf intellektueller wie konkret medienkultureller Ebene eine Art mentales und kommunikatives Aikido, insofern es die geistige Bewegungsenergie und Massekraft des Gegners gegen diesen wendet. Auch wenn die Rollenverteilung von Angreifer und Verteidiger hier selbst schon Bestandteil des Deutungskampfstils ist. 

So macht sich hybride Kriegführung zunutze, dass unsere Wahrnehmung und unser soziales und politisches Handeln maßgeblich sprachlich bzw. symbolisch organisiert sind. Wir müssen ein Minimum an Zeichen und ihre Kombinations- und Verwendungsregeln teilen, um uns in Worten und Bildern austauschen, verständigen und koordinieren zu können. Vor Gericht und in der Kirche (also in Sachen Recht und Glaube) bestimmen Begriffe in Gesetzen und Geboten, was ist und was sein soll, was wie zu verstehen und zu denken ist – weshalb Rechtskunde und Theologie eben vor allem Auslegungswissenschaften sind. Bereits aus dem Begriff „hybrider Krieg“ lassen sich denn auch zwei zentrale Problemaspekte ableiten: Ausgehend von der Biologie bezeichnet „hybrid“ eine Vermischung von (Unter-)Arten in Pflanzen- und Tierwelt, eine Kreuzung oder Bastardisierung. Aufschlussreich wie symptomatisch ist der Begriff nun inhaltlich (semantisch) wie in seiner Verwendungskarriere. So ist „hybrid“ und „Hybridisierung“ zu einem zentralen Konzept in der Literatur- und Kulturwissenschaft geworden, bezeichnen ein Vermischen von Zugehörigkeiten und Identitäten und stehen für Idee und Ansinnen, fixe Kategorien und essentialistische Vorstellungen durchaus mit politisch-kritischem Gestus zu überwinden. Von den Post-Colonial, Gender und Cultural Studies ist es so nur ein kurzer Weg zur Debatte um die (Bestimmungs-)Rechte etwa von rus­sischen Volksgruppen in der Ost-Ukraine oder zur ideologisch vorgeprägten oder verblendeten Wahrnehmung von Nichtwestlern wie „dem Russen“ oder dem („orientalistischen“) Muslim. „Hybridität“ ist in dem Kontext demnach schon wirkmächtiger Ausdruck und Signet für eine an sich aufgeklärte, durchaus gebotene Selbstkritik vor allem im liberal-akademischen Milieu, die sich freilich zur Durchsetzung konkreter politischer Ziele vereinnahmen und auf hohem Niveau instrumentalisieren lässt.   

„Hybridität“ setzt nun begrifflich voraus, dass es so etwas wie einen kategorial eindeutigen Krieg gibt, der nun mit anderen vor-, proto- oder nichtkriegerischen Formen des Handelns vermengt wird. Dieser „reine“ Krieg mit seinen klaren Schlachtenformationen, Akteursrollen, Zuständigkeiten und Phasen mag, wie es Herfried Münkler beschreibt, eine menschheitsgeschichtlich recht junge, vielleicht gar nur vorübergehende Erscheinung sein. Er war und ist jedoch nicht bloß theoretisches Geisteskonstrukt oder Schimäre, sondern Ausdruck der Bemühungen, gar Bedingung dafür, feste Definitionen und darüber zivilisatorische oder kriegsvölkerrechtliche Regeln und Rechte zu entwickeln und festzuschreiben, um von den Genfer Konventionen bis zu konkreten UNO-Resolutionen Krieg mit seiner Brutalität einvernehmlich einzuhegen, ethisch-prak­tische zu kontrollieren und eben etwa „Kriegsverbrechen“ zu verhindern oder wenigstens zu ahnden.  

Hybride Kriegführung setzt hier an und profitiert von historischen parallelen Entwicklungszuständen. Nur zwei zentrale seien hier genannt:

1.) die historische Mentalität jener westlichen Staaten und ihrer postheroischen Gesellschaft­en, die Krieg um (nahezu) jeden Preis zu vermeiden und zu verhindern suchen, sowie

2.) die medienkulturelle „Digitalisierung“ und die damit zusammenhängende Umwälzung im medial-kommunikativen und -kulturellen Bereich samt den damit einhergehenden Möglichkeiten wie Unsicherheiten.

Was Ersteres betrifft, so ist Krieg heute kein legitimes, geschweige denn probates Mittel der Politik bzw. der Wahrung und Durchsetzung von Interessen mehr. Das Helden- und Männerbild, wie es bis in die 1960er ein John Wayne im Populärfilm verkörperte, ist in der Breite gegenwärtig ebenso unvorstellbar wie heroisierende Denkmäler für Afghanistan-Soldaten. Und die einzige moralisch statthafte, gleichwohl hochumstrittene Möglichkeit des Militäreinsatzes (unter strikter Vermeidung des „Krieg“-Etiketts), die Idee der humanitären Intervention, hat mit den „Neukriegserfahrungen“ Mogadischu (1993), Ruanda (1994) und Srebrenica (1995) nachhaltig an Überzeugungskraft verloren.  

Dies läuft nun medienkulturell und -technologisch zusammen mit dem Begriff des „CNN-Effekts“, dem (vermeintlichen) Unter-Druck-Geraten von politischen Entscheidern durch die kontinuierliche Berichterstattung. Bilder der Kriegsschrecken haben spätestens seit dem Vietnamkrieg eine große Bedeutung (und sei es nur, dass man ihnen im Sinne des „Third-Person-Effekts“ eine Wirkung auf die Bevölkerung zuschreibt), was Militärführungen seither – vor allen in den letzten Golfkriegen – zu kontrollieren suchten (embedded journalism). Den „CNN-Effekt“ löste mittlerweile ab, was Moisés Naím in Foreign Policy als „YouTube Effect“ bezeichnete, dessen Einsatz Cori Dauber als „YouTube War“ beschrieb.2 Demonstranten in Istanbul, Kairo oder Hongkong, aber auch Milizionäre in Syrien laufen per Handykamera und sozialen Medien als Graswurzelberichterstatter (oder -propagandisten) etablierten Korrespondenten den Rang ab. Von der „Tagesschau“ bis „Spiegel Online“ greifen Redaktionen selbst immer mehr auf Tweets und private Online-Videos als Quellen und Bildressourcen zurück. Zugleich verlieren etablierte Medieninstitutionen und -marken mit ihren berufsethischen Standards und ihrem Fach- und Hintergrundwissen an Einfluss und geraten unter Druck: Auflagenzahlen und Reichweiten schrumpfen, gerade Jüngere nutzen das Web und seine sozialen Netzwerke verstärkt als Nachrichtenkanäle. Statt Autorität und Einordnung sind die neuen Leit- und Gütekriterien Unmittelbarkeit und Authentizität. Eine mehrfache Fragmentierung, gar Zersplitterung und Abschottung zeichnet sich ab: Während sich Nutzer mosaikhafte Lageeinzelbilder zusammensuchen, bilden und verfestigen sich Deutungsgemeinschaften, in denen aktiv wie passiv (durch Such-Algorithmen und eigene gegenseitige Meinungsverstärkung) noch die hanebüchensten Ansichten ihren Platz finden, bestätigt durch die Quellen und Belege, die jeder nach Gusto im Netz zusammensuchen, weiterverbreiten oder selbst produzieren kann. Zwischen  Enthüllungsdiensten wie „The Intercept“ oder „Wiki­leaks“ und produktiver, kritischer Medien- und Meinungsteilhabe für jedermann einerseits sowie wortkräftigen Verschwörungstheoretikern an­dererseits, die über ihr pseudoaufklärerisches „Geheimwissen“ Selbstaufwertung betreiben und für die Propaganda einzig das ist, was die westliche gelenkte „Lügenpresse“ der „gekauften Journalisten“ (U. Ulfkotte) verbreitet, liegt die „Wahrheit […] eben nicht in der Mitte“.3 Wohl aber findet hybride Kriegspropaganda autoritärer Regime mit professional aufgemachten News-Seiten und gefälschten Bürgerstimmen hier einen Nährboden, insofern mangels Übereinstimmung und Gewissheiten individuelle Auslegungen, einfaches Dafürhalten und private Weltanschauung an deren Platz treten – so wenn es etwa darum geht, ob und was „Krieg“ ist, wer Aggressor, wer „Opfer“. Diese Propaganda, die nicht am effektivsten ist, wenn sie schlicht lügt, sondern wenn sie relativiert und Überzeugungen und Emotionen formt, bedient und verstärkt nicht nur Kriegsfurcht, NATO- und Europa-Ressentiments, sondern generell Unsicherheit, Misstrauen und Paranoia. Sie unterminiert en passant gravierend, weil subtil und nachhaltig, was für Demokratien elementar ist: eine streitbare und pluralistische diskursethische Öffentlichkeit als Sphäre freier, vernünftiger Urteils- und Konsensbildung.   

Wie sich dagegen wehren, mit Gegenpropa­ganda und/oder Zensur – etwa durch das Verbot Moskauer Sender wie in Lettland und Litauen und eigener russischsprachiger TV-Angebote wie von der EU angedacht? Wie umgehen mit Blogs, Foren, Online-Kommentaren, in denen nicht nur Desinformationen, sondern auch vielleicht abstruse und vulgäre, jedoch statthafte Gegenansichten veröffentlicht werden? Vor der Vorgehens- und Effizienzfrage steht jedenfalls die ethisch-moralische, mithin die nach den Werten, die im Bemühen, sie zu schützen, selbst schnell geopfert werden. Staatszensur und -propaganda haben, nicht zuletzt aus der Erfahrung mit zwei Diktaturen in Deutschland heraus, zu Recht keinen guten Ruf. Generell aber verweist Propaganda – ähnlich „hybrid“ – vom lateinischen Wortstamm her auf die Natur, genauer: ihre Kultivierung – das Ausdehnen, Verbreiten, etwa von Pflanzen (z. B. durch Aussaat). Als Verbreitung von Meinungen bzw. des „rechten Glaubens“ geht der Begriff auf die von Papst Gregor XV. zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1622) eingesetzte gegenreformatorische „Congregatio de propaganda fide“ zurück. Bis ins 20. Jahrhundert war Propaganda keine negative Bezeichnung. Heute sind sich Propagandatheoretiker und -philosophen zumindest uneins, ob Propaganda deontologisch oder teleologisch zu bewerten ist, d. h., ob sie (in der Tradition von u. a. Jacques Ellul) als Kommunikationsart oder -modus per se abzulehnen ist, weil sie systematisch prinzipielle Wissens- und Wahrheitswerte des zwischenmenschlichen Austauschs unterläuft und damit langfristig aushöhlt, oder ob sie, neutral betrachtet, nach ihren jeweiligen konkreten Zielen bemessen als „gut“ oder „böse“, moralisch „richtig“ oder „falsch“ zu bewerten ist.4 Für einen solchen Realismus spricht, dass die idealistische Position ein sehr enges Propagandaverständnis vertritt, das zwischen Ideologie und Erziehung, PR, Werbung, Politdebatten und Aufklärungskampagnen mit der lebensweltlichen Fülle verschiedener Rhetorikansätze, Überredungs- und Überzeugungsversuche nicht in Einklang zu bringen ist. Letztendlich ist „Propaganda“ als verbrannter Begriff ebenso vielschichtig, amorph und ambivalent wie der des „hybriden Krieges“, mithin eine Frage des Gebrauchs und der Definition.     

1 Generell sei für eine lesenswerte, gar unterhaltsame Geschichte der Propaganda verwiesen auf: Taylor, Philip M. (2003): Munitions of the Mind. A history of propaganda from the ancient world to the present day (3. Aufl.), Manchester und New York.

2 Naím, Moisés (2007): „The YouTube Effect. How a technology for teenagers became a force for political and economic change.“, in: Foreign Policy, Nr. 158, Jan./Febr., S. 104, S. 103 (sic!); Dauber, Cori E. (2009): Youtube War: Fighting in a world of cameras in every cell phone and Photoshop on every Computer”. Strategic Studies Institute, United States Army War College, Carlisle, PA, www.strategicstudiesinstitute.army.mil/pubs/display.cfm

3 Zur Ukraine-Berichterstattung: Bota, Alice (2015): „Die Wahrheit liegt eben nicht in der Mitte“, Zeit Online, 13. März, unter: www.zeit.de/politik/ausland/2015-03/ukraine-berichterstattung-russland-kritik-wahrheit 

4 Für einen Überblick: Cunningham, Stanley B. (2001): „Responding To Propaganda: An Ethical Enterprise“ und Black, Jay (2001): „Semantics and Ethics of Propaganda“, beide in: Journal of Mass Media Ethics, 16. Jg., Nr. 2/3, S. 138–147 bzw. S. 121–137.­­

Autor

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Dr. des. Bernd Zywietz ist Film- und Medienwissenschaftler und Gründungs- und Vorstandsmitglied des Netz­werks Terrorismusforschung e.V. In Mainz studierte er Publizistik und Filmwissenschaft und promovierte zum Thema Terrorismus im Film in Tübingen. Er ist als Universitätsdozent, Journalist, Autor und Redakteur tätig und hat medienpraktische und -pädagogische Erfahrung. Zudem ist er Mitglied der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) und des Verbandes der deutschen Filmkritik (VDFK). Aktuell forscht er u.a. zur Online-Propaganda v.a. des „Islamischen Staates“, ihrer Gestaltung und der medienethischen Herausforderung. In diesem Rahmen berät und wirkt er bei diversen Medienbeiträgen von ARD und ZDF mit.

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