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Kann die Ausbildung der Peschmerga-Soldaten gegen hybride Kriegführung helfen?

Wie sind Sie mit dem Verlauf der Ausbildung zufrieden? Wie klappt die Verständigung mit den kurdischen Kämpfern? 

Ich bin mit der Ausbildung hochzufrieden. Wir sehen auch, dass das Peschmerga-Ministerium mit der Ausbildung zufrieden ist. Wir richten uns ja mit unseren Ausbildungsinhalten danach, was die Kurden brauchen. So haben wir gerade eben erst unsere Ausbildungsabschnitte auf 25 Tage erhöht, weil das Peschmerga-Ministerium gesagt hat: „Wir finden das richtig gut, was ihr macht. Macht den Kurs länger.“ Das ist einerseits eine Bestätigung dafür, dass das, was wir hier ausbilden, genau das ist, was gebraucht wird, und andererseits auch ein gutes Beispiel dafür, wie eng unsere Abstimmung mit den Peschmerga ist. 

Wir haben mit unseren internationalen Partnern insgesamt über 4.000 Kämpfer ausgebildet, wir Deutschen davon 800. Das ist gut. Doch wir sehen auch, dass weiterhin Ausbildung notwendig ist. 

Was läuft gut, wo gibt es große kulturelle, menschliche und Ausbildungskonflikte?

Die Bundeswehr ist ja bereits erfahren mit Ausbildungsmissionen in einem anderen kulturellen Umfeld. Wir haben in Afghanistan ausgebildet, wir tun es in Mali oder hier im Irak. Wir stellen uns auf die Gegebenheiten und die Menschen ein. Wir sind hier willkommene Gäste. Und das soll auch so bleiben. Wir respektieren die Lebensgewohnheiten der Menschen. Und wir lernen täglich dazu. Für mich persönlich ist zum Beispiel unheimlich berührend zu sehen, wie die vielen tausend Flüchtlinge in Erbil aufgenommen werden. 

Ist Erbil ein sicheres Umfeld für das Aus­bildungsvorhaben? 

Erbil ist eine echte Boomtown. Das ist ja der älteste durchgängig besiedelte Ort der Menschheit. Die Millionenstadt ist in der Vergangenheit stetig gewachsen. Die internationalen Soldaten sind willkommen, speziell wir Deutschen. Die Menschen sind sehr freundlich zu uns. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Menschen hier sehr fürsorglich miteinander umgehen. Die ganze Region schultert ja die Versorgung und Unterbringung tausender Flüchtlinge. Das ist wirklich beeindruckend zu sehen. 

Natürlich gibt es auch eine grundsätzliche Gefährdung. Die sehen wir, die nehmen wir sehr ernst. Und wir stellen uns selbstverständlich darauf ein. 

Welche besonderen Herausforderungen gibt es in diesem Einsatz für die Soldaten? 

Natürlich bringt auch diese Mission ihre Belastungen mit sich. Da ist die Trennung von der Familie und die ferne Heimat. Doch alle wissen, wie wichtig die Aufgabe hier ist. Wenn wir die Kurden sehen, die hier in einem Verteidigungskrieg stehen, oder die vielen Flüchtlinge in der Stadt, dann tragen wir gern die Herausforderungen, die ein solcher Einsatz mit sich bringt. 

Thema Hybride Kriegführung: Lassen sich die Auswirkungen der neuen Kriegsstrategien – Mix aus Cyberwar, Cyberspionage, asym­metrischer Kriegführung, Drohnen, IS und Medien/Pro­paganda – vor Ort spüren? 

Unsere Mission ist eine reine Ausbildungsmission. Wir haben den Auftrag, die Peschmerga für ihren Verteidigungskampf gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) auszubilden.

Wir realisieren sehr aufmerksam, welche Mittel der IS nutzt, um seine Botschaften weltweit zu verbreiten. Da werden ja alle Verbreitungskanäle genutzt, die es aktuell gibt. Dass das eine gewisse Wirkung hat, ist unbestreitbar. 

Bekämpft diese Ausbildung der Peschmerga durchaus auch hybride Kriegführung? 

Indem wir mit unserer Ausbildung dazu beitragen, die Kampfkraft der Peschmerga zu erhöhen, stärken wir sie für den Kampf gegen den IS. Die Peschmerga verteidigen ihre Heimat, ihre Familien, ihre Dörfer und Städte gegen einen unerbittlichen und brutalen Gegner. Eine größere Motivation zu kämpfen kann keiner haben. Und so gehen die Peschmerga-Kämpfer auch in diese Ausbildung.

Welche Rückmeldungen gibt es derzeit von den Kämpfern und von den deutschen Soldaten über den Verlauf des Kampfes gegen den IS?

Wir erfahren, wie wichtig unser Beitrag ist. So sind zum Beispiel die vielen Panzerabwehrlenkraketen MILAN, die Deutsch­land an die Peschmerga geliefert hat, ein echter Trumpf auf dem Gefechtsfeld. Erst damit konnten die mit Sprengstoff vollgeladenen IS-Fahrzeuge gestoppt werden. Ganze LKWs voller Sprengstoff, mit Stahlplatten gehärtet und mit einem Selbstmordattentäter am Steuer, der in die kurdischen Stellungen einbricht und dort die tödliche Ladung umsetzt; Hier hatten die Kurden lange Zeit nichts entgegenzusetzen – bis sie die MILAN bekamen und die Fahrzeuge schon auf eine große Distanz vernichteten konnten. 

Kann der Allmachtswahn des IS überhaupt bekämpft werden? Inwiefern? Warum?

Ich kann nur sagen, dass die Kurden hier im Norden hoch engagiert und voller Mut ihre Heimat verteidigen. Dass dieser Kampf nicht einfach ist, zeigen die täglichen Nachrichten. Aber soll man nur, weil etwas nicht einfach ist, es gar nicht erst beginnen oder es mit aller Kraft fortführen?

Deutsche Hilfe durch Ausrüstung und Aus­bildung, durch Waffenlieferungen und Sup­port – verlängert diese Hilfe den Krieg gegen den IS?

Ich persönlich bin der festen Überzeugung, dass wir nicht nachlassen dürfen, um den Menschen hier zu helfen, sich gegen eine tödliche Bedrohung zu wehren. Und je schneller und effektiver diese Gefahr bekämpft wird, umso besser.

Bis Ende Januar soll die Ausbildung noch dauern – wird der Einsatz verlängert? Wenn ja, warum?

Ich kann und will den politischen Entschei­d­ungsträgern nicht vorgreifen. Ich weiß nur, dass wir gebraucht werden. Das zeigen uns täglich die Reaktionen der Menschen hier.

Dieses Interview wurde per Email mit Herrn Heymann am 07.10.2015 geführt.

Der Bundeswehreinsatz zur Ausbildung der kurdischen Peshmerga-Kämpfer im Irak soll ausgeweitet werden. Es sollen künftig bis zu 150 statt bisher 100 Soldaten teilnehmen können. Ebenso will die Bundesregierung bis zu 650 Soldaten zur Friedenssicherung ins westafrikanische Mail schicken. Weiter plant die Bundesregierung die militärische Unterstützung Frankreichs im Kampf gegen den IS in Syrien in den Bereichen Schutz, Aufklärung und Logistik. Laut Generalinspekteur der Bundeswehr Volker Wieker werden für diesen Einsatz etwa 1200 Soldaten benötigt. Damit wäre die Syrien-Mission der derzeit größte deutsche Auslandseinsatz. Allen drei Einsätzen muss der Bundestag noch zustimmen.

 

Stand: 30.11.2015

Autor

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Oberstleutnant Jan Heymann führt aktuell etwa 100 deutsche Soldaten im Nordirak, in der Millionenmetropole Erbil, wo die Bundeswehr derzeit kurdische Kämpfer trainiert. Heymann ist der Nachfolger von Oberst Stephan Spöttel, der zuvor den Bundeswehreinsatz bis Ende September 2015 anführte. Spöttel wurde tot im Hotelzimmer in Erbil aufgefunden.Heymann ist Träger des Ehrenkreuzes der Bundeswehr in Silber und derzeit in seinem dritten Auslandseinsatz. Nach verschiedenen Stationen in der Bundeswehr ist er normalerweise in der Panzergrenadierbrigade 37 in Frankenberg in Sachsen eingesetzt. Der Artillerieoffizier wurde 1974 geboren, ist 1995 in die Bundeswehr eingetreten.

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