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Erster deutscher Militärpfarrer im Ebola-Gebiet – wer hilft den Helfenden?

Ebola – zum ersten Mal in der deutschen Geschichte arbeiteten Bundeswehr, Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Internationales Rotes Kreuz (IKRK) und Ärzte ohne Grenzen (MSF) zusammen. In den Ebola-Vorbereitungskursen nutzten sie gemeinsam Synergien und konnten in diesem humanitären Einsatz stark voneinander profitieren – Militärpfarrer Andreas-Christian Tübler war als erster deutscher Militärseelsorger in Liberia. Für die Helfer und Kranken war er direkt vor Ort.

Vaske: Als Sie im Ebola-Einsatz vor Ort waren, gab es zum Glück wenig infizierte Menschen, trotzdem war die ständige Angst vor Ansteckung vorhanden. Worum ging es in diesen Einsätzen genau und was ist dabei Ihre Funktion als Militärpfarrer?

Tübler: Auftrag und Ziel dieser Einsätze sowohl von der Bundeswehr als auch vom Roten Kreuz war, die Infektionskette zu unterbrechen. Es galt, die Infektionskette von Ebola von Ausbruch bis zum Ende zu unterbrechen, Erste Hilfe für die infizierten Personen zu leisten und Sicherheit für die Bevölkerung zu schaffen. Die Aufgabe des Militärpfarrers ist, die Bundeswehrsoldaten zu stabilisieren, denn wir wussten nicht genau, wie groß die Gefahr sein würde. Wir haben durchaus mit vielen Ebola-Toten im Stadium der Ausbildung in Hamburg gerechnet. Es hat sich aber herausgestellt, dass diese Befürchtung grundlos war, dennoch wurde jeder Patient in unserer Einrichtung die ersten beiden Tage bis zur definitiven Blutanalyse so behandelt, als ob er Ebola haben könnte, und das hat eine dauernde, schleichende 24/7-Bereitschaft zum Ausdruck gebracht. 

Was genau konnten Sie in Liberia in der Hauptstadt Monrovia tun? Wie war Ihr konkreter Arbeitsalltag?

Der Alltag begann 06:00 Uhr morgens und ging bis um 21:00 Uhr. Neben anderem war eine Präsenz im benachbarten Lager – bestehend aus einer Zeltstadt (200 x 200 m) mit mehreren Zelten für verwundete bzw. für verletzte Personen – notwendig, um mit den Menschen zu reden, einschließlich des Personals der Bundeswehr, des Roten Kreuzes und schließlich der Einheimischen. Am Ende des Tages gingen wir in unser Hotel zurück und sprachen über das Erlebte mit den Soldaten und gestalteten gemeinsam die Freizeit (Gottesdienste usw.).

Was genau konnten Sie den Soldaten und freiwilligen Helfern mitgeben, wie konnten Sie helfen?

Ich weiß nicht, ob man das so punktuell sagen kann. Ich war dafür da, die Gespräche im Back-Office-Bereich, also im Rückraum dessen, was man in der Zeltstadt tat, zu führen und den Soldaten die Gewissheit zu geben, dass sie gute Arbeit gemacht haben. Ich sprach mit den Beteiligten über die Probleme, die sie in bestimmten Situationen hatten. Wir hatten zum Beispiel keine Ebola-Patienten, aber wir hatten eine Reihe von HIV-Patienten, die unsere besondere Aufmerksamkeit brauchten, und das war nicht immer ganz einfach. Man sah schwere Verletzungen und abgestorbene Gliedmaßen und die seelische Situation der Patienten wie auch der Betreuungspersonen war zwiespältig, deshalb musste mit allen darüber gesprochen werden. Letztlich ist meine Aufgabe, ein offenes Ohr für die Menschen im Einsatz zu haben.

Was sagen Sie den Menschen vor Ort, um Ihnen die konkreten Sorgen zu nehmen?

Es geht darum, das Erlebte und besondere Situationen in Form von Gesprächen (Frage – Antwort) einzuordnen. Ich habe selber die Situation miterlebt, ich habe selber Besuche bei Patienten gemacht, übrigens auch bei den HIV-Patienten. Ich war zwar nicht im Ebola-verdächtigen Bereich, aber in dem Bereich, wo andere schwerkranke Personen mit anderen Infektionskrankheiten lagen. Man kann versuchen eine gemeinsame Strategie bzw. Zukunftsperspektive zu entwickeln, zum Beispiel mittels externer Förderung mit Geld, mit Überlegungen zur Verbesserung der Situation im Land oder zur Stärkung des Gesundheitssystems – aber das allein reicht natürlich nicht aus. Es gibt Korruption, die Armut ist sehr groß und die Leute handeln eher eigennützig. Es braucht eine „Supervision von außen“, Leute, die zum Beispiel stellvertretend für andere Krankenhäuser leiten. Diese Überlegungen haben wir gemeinsam entwickelt. 

Die Pharmaindustrie hat einen Wirkstoff zur Bekämpfung von Ebola gefunden. Warum ist es notwendig, die Arbeit trotzdem fortzuführen?

Ebola kann jeden Tag neu ausbrechen. Es ist nicht so, dass diese Krankheit nach vier Wochen ohne Neuerkrankung bekämpft ist. Das Krankheitsbild von Ebola gibt es schon seit über 30 Jahren. Erst als Europa durch einreisende Personen konkret bedroht war, schalteten sich Politik und Industrie ein, dies sollte sich ändern. Eine Weißhelm-Truppe soll speziell für Infektionskrankheiten ausgebildet werden, um schneller eingreifen zu können. Weiterhin gibt es viele Dörfer und Gegenden, in denen wir noch nicht waren, da diese infrastrukturell nicht zugänglich sind. Natürlich kann es sein, dass hier noch Ebola-Patienten liegen, ohne dass man es weiß. Es handelt sich in Liberia, Sierra Leone und Guinea um eine Grauzone, da niemand definitiv sagen kann, ob Ebola bekämpft ist. Deshalb muss man weiterhin achtsam sein. 

Wie groß war Ihre Angst vor Ansteckung mit Ebola?

Angst war nicht vorhanden, aber die Befürchtung ist immer mitgeschwungen. Im November letzten Jahres haben wir Meldungen gehört, dass man sich auf viele Tote einstellen muss. Zum Glück ist es nicht so weit gekommen. Angst hatte ich weniger, weil ich wusste, wenn wir uns vernünftig schützen, die Hände waschen und alle Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, dann können wir eigentlich gut mit der Gefahr leben. 

Ebola hat Ängste, Anteilnahme und Hilfe ausgelöst. Zum ersten Mal gab es eine Kooperation zwischen Bundeswehr, Rotem Kreuz und Ärzte ohne Grenzen in Vorbereitungskursen und der Arbeit vor Ort. Wie lief diese Kooperation?

Unter dem Strich lief sie sehr gut. Wir haben hervorragend zusammengearbeitet, das hat sich auch nach dem Einsatz gezeigt. Wir hatten eine gemeinsame Einsatznachbereitung, in der wir uns ausgetauscht haben und sogar Freundschaften geschlossen haben.

Auch auf der Leitungsebene lief es sehr gut. Das Problem ist, dass die Auftragslage – das kann aber auch an mir liegen – nicht so ganz klar war, dabei ging es um die Aufgabenverteilung. Als Bundeswehr sollten wir nur unterstützen, aber wir haben weitaus mehr gemacht und unter anderem medizinisch geholfen. Das Rote Kreuz war Head of Mission, jedoch könnte in Zukunft klarer definiert werden, wer welches Aufgabenprofil hat. Ansonsten war es gut, „Klarheit schafft Vertrauen“ und für Folgeeinsätze sollte bestimmt werden, welcher Auftrag besteht und wann der Einsatz zu Ende ist. Wesentliche Kritikpunkte zum Einsatz kann ich so nicht erkennen, im Gegenteil. Es war so, dass beide Seiten voneinander gelernt haben und Vorurteile abgelegt wurden. 

Denken Sie, dass solche Kooperationen für zivile Einsätze zukünftig verstärkt werden sollten? Welche Synergien könnte das haben, insbesondere für die Militärseelsorge?

Das kann schon so sein, insbesondere wenn es sich um keine Kampfeinsätze, sondern um Hilfseinsätze handelt, kann ich mir durchaus vorstellen, dass man die Ressourcen bündelt. Sofern die Auftragslage (wer macht was?) für die einzelnen Bereiche und Institutionen klar ist, können solche Kooperationen mit Ärzte ohne Grenzen, der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit oder anderen Partnern vollzogen werden. 

Militärärzte sind Ärzte und Soldaten. Haben Sie als Militärseelsorger die Erfahrung gemacht, dass Militärärzte oder Helfer in Situationen kamen, in denen diese Doppelrolle durchaus als Rollenkonflikt wahrgenommen wurde?

Im letzten Einsatz nicht. Es gibt Situationen in Kampfeinsätzen, in denen dieser Rollenkonflikt vorhanden ist. Ich selbst habe diesen Konflikt noch nicht erlebt. 

Hier war es so, dass es äußerst professionelle Ärzte waren – sowohl von Seiten des Deutschen Roten Kreuzes als auch von der Bundeswehr. Alle Ärzte hatten Erfahrung in Auslandseinsätzen, alle wussten, worauf sie sich einlassen, das waren wirklich Profis. Aber Profis mit einer weichen Seele, die ein feines Gespür für die Belange und Bedürfnisse für die Betroffenen vor Ort hatten. Das habe ich als sehr wohltuend empfunden. Damit hatten sie keinen Konflikt in ihrer Rolle, im Gegenteil, sie haben sich in ihrer Rolle richtig wohlgefühlt. 

Sie waren nicht nur im Ebola-Einsatz, sondern schon häufiger als Militärseelsorger im Ausland tätig. Welche Einsätze waren besonders prekär und wo lauerten die lebensbedrohlichen Gefahren?

Es ist immer so, dass es nie eine total entspannte Situation gibt. Selbst in Nicht-Kampfeinsätzen wie dem Ausbildungseinsatz in Mali ist es immer so, dass die Gefahr mitschwingt und ein Restrisiko bleibt – sei es durch einen Anschlag auf dem Weg zum Besuch der Botschaft (ist zum Glück nicht passiert, da die Bundeswehr alle erforderlichen Maßnahmen trifft) oder durch Ansteckung einer Krankheit. Es muss nicht sein, es reicht schon aus, wenn Sie sich mit Malaria oder mit anderen Krankheiten anstecken. Die Bundeswehr tut alles dafür, dass sie diese Gefahr reduziert, aber so ganz ungefährlich und ohne Risiko ist nichts auf der Welt.

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Andreas-Christian Tübler ist ev.-luth. Militärpfarrer und seit 2010 Leiter des Militärpfarramts Appen/Heide/Seeth. Er ist nebenamtlich Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr und war in verschiedenen Auslandseinsätzen. 2014 begleitete er das Ausbildungskontingent der Bundeswehr in Mali (Westafrika). 2015 war er freiwillig im humanitären Ebola-Hilfseinsatz in Liberia und unterstützte Soldaten und das Deutsche Rote Kreuz.

tueblergmailcom