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Neue Werte für Sanitäter? Medizinische Ethik in militärischen Kontexten

In Diskussionsrunden spüre ich immer wieder, dass jüngere Militärärzte und Sanitäter teilweise eine radikalere Ansicht zu manchen Dingen vertreten, als es die „Alten“ – und dazu zähle ich mich – tun würden.

Aus den vielen verschiedenen ethischen Dilemmata, denen wir im Sanitätsdienst ausgesetzt sind, möchte ich zunächst das Spannungsfeld zwischen Arzt und Soldat herausgreifen. Es gibt darüber seit vielen Jahren Publikationen von Sanitätsoffizieren, die einmal als Arzt und einmal als Offizier aus unterschiedlichen Blickwinkeln über ihr Rollenverständnis schreiben. Ich glaube, dass der Fokus sich insbesondere vor dem Hintergrund der Auslandseinsätze zunehmend auf die Frage richtet, die nicht nur für den Arzt, sondern generell für jeden aus dem Sanitätsdienst dahintersteckt: „Was machen wir tatsächlich in einer Kampfsituation – sind wir dann mehr Sanitäter oder sind wir mehr Kämpfer?“

Im Augenblick diskutieren wir auch mit der Unterstützung von renommierten Ethikern über die Frage, wie wir uns selbst als Sanitäter sehen. Gibt es Situationen, in denen es unumgänglich ist oder von uns ethisch geradezu gefordert wird, am Feuerkampf teilzunehmen – und wo liegen die Grenzen? Sollen wir das rote Kreuz verstecken, um nicht zur Zielscheibe zu werden, oder müssen wir uns sogar so stark wie möglich bewaffnen? 

Diese Diskussion ist bei Weitem noch nicht ausgestanden. Wir haben uns im Rahmen eines Generalstreffens Ende 2014 dieser Fragestellung als Teil eines Gesamtbilds – das Selbstverständnis des Sanitätsdienstes – gewidmet.

Ein weiteres Dilemma zeigt sich, wenn wir als Arzt, als Rettungsassistent oder als Sanitäter im Einsatz handeln. Wie ist hier das Verhältnis von uns zu unseren Patienten zu betrachten, insbesondere vor dem Hintergrund einer möglicherweise geforderten Nützlichkeitsabwägung? Wir alle kennen eine MASCAL-Situation, d. h. eine Situation, in der ein Missverhältnis zwischen einer hohen Anzahl anfallender Patienten und den zur Verfügung stehenden Ressourcen herrscht. Das bedeutet: Selbst wenn es sich bei den Patienten um unsere eigenen Soldaten handelt, machen wir auch dort im Grunde genommen eine Nützlichkeitsabwägung, indem wir die Chancen für einen Patienten, der sehr schwer verwundet ist, gegenüber der Möglichkeit abwägen, in der gleichen Situation viele andere Patienten retten zu können. Wir müssen also ab einem gewissen Punkt mangelnder personeller oder materieller Ressourcen weg von der Individualmedizin, wie wir sie in Mitteleuropa, in den USA oder in Israel kennen, hin zu einer Abwägung der Möglichkeiten in solchen Notlagen.

Das also ist aus meiner Sicht nicht das eigentliche Dilemma. Die ethische Frage lautet vielmehr: Ist uns im übertragenen Sinne das Hemd nicht näher als die Hose? Ist mir der verletzte Soldat als Bundeswehrangehöriger oder als Angehöriger meiner Koalition nicht wichtiger und wertvoller in der Behandlung als ein Zivilist oder eben auch – schlimmer noch – als ein Gegner? Wir sind eben nicht das Deutsche Rote Kreuz, sondern die Betriebssanitäter der Bundeswehr. Man muss sich darüber klar sein, dass unser Handeln in dreierlei Weise wirkt. Einmal auf mich selbst als Behandelnder: Ich habe einen ethischen und auch einen ärztlichen Anspruch an mich, den ich gerne befolgen will. Dann hat mein Handeln natürlich eine Wirkung auf den potenziellen Patienten – und wenn es ein gegnerischer Patient ist, hat es somit einen erheblichen Einfluss auf den Gegner, ob ich ihn behandle oder nicht. Und als dritte Gruppe gibt es meine eigenen Soldaten, für die ich eigentlich da bin. Diese vertrauen auf mich und verlangen von mir, vorrangig für sie da zu sein. Der gute Ruf des Sanitätsdienstes der Bundeswehr im Einsatz beruht auch auf dem Vertrauen der Truppe und insbesondere der Erkenntnis, dass wir für sie da sind – und zwar unter allen Bedingungen.

Wenn wir diesen guten Ruf dadurch verwässern, dass wir andere auch behandeln oder vielleicht zuerst behandeln, dann ist das möglicherweise in den Augen unserer eigenen Soldaten ein Problem, mit dem sie sich erst einmal auseinandersetzen müssen. Ich denke, das müssen wir auch aus der Perspektive der Einsatzverpflichtung durchaus im Blick behalten.

Das dritte Dilemma, welches ich persönlich sehe, liegt darin, dass sich Krieg und Gegner über die Jahre hinweg verändert haben. Als ich Sanitätsoffizier und junger Stabsarzt war, bestand die wahrscheinlichste Bedrohung, die ich mir denken konnte, in einem Krieg zwischen NATO und Warschauer Pakt aufgrund einer möglichen Konfrontation. Bei diesem Szenario konnte man sich auf das humanitäre Völkerrecht berufen und es gab – zumindest in der Theorie – Spielregeln, wie ich auf der einen Seite als Sanitäter oder Sanitätsoffizier durch einen Gegner behandelt werden würde und wie ich auf der anderen Seite als Sanitätsoffizier meinen Gegner behandeln sollte, wenn dieser mir als Patient gegenübertritt. Dies habe ich auch vor dem Hintergrund gegenseitiger ethischer Verpflichtungen als eine gewisse Ausgewogenheit empfunden.

In den modernen Konflikten und asymmetrischen Kriegen – wir brauchen aktuell nur in den Nordirak zu schauen – sehen wir dazu doch deutliche Unterschiede. Was wir hier sehen und in der Vergangenheit schon in Afghanistan gesehen haben, ist für mich ehrlich gesagt durchaus ein Problem. Denn der Gegner in Afghanistan oder, noch schlimmer, der IS, hat für mich eine andere Qualität. Einen Gegner der alten Art konnte ich auch emotional irgendwie verstehen. Denn dieser Gegner war ein Mensch aus meinem europäischen Kulturkreis. Er hatte prinzipiell denselben Auftrag wie ich, nur eben reziprok. Bei den neuen Kriegen – diesen asymmetrischen Konflikten –, bei denen oft furchtbare Dinge passieren, fehlt mir oft das Verständnis und ich hätte persönlich Schwierigkeiten, manche Gegner als bemitleidenswerte Individuen zu erkennen, wenn sie mir als Patienten gegenüberträten. Das macht durchaus etwas aus. Und ich erkenne auch darin ein Dilemma, dass zwischen rechtens und richtig aus meiner Sicht eine immer größere Schere klafft. Dass das humanitäre Völkerrecht in dieser Art von innerstaatlichen Konflikten immer weniger Anwendung finden kann, ist gerade für unsere Leute ein großes Problem.

Deswegen bin ich fest davon überzeugt, dass Veranstaltungen, Diskussionen, Publikationen und lebhafter Austausch zu diesen Themen in nicht unerheblichem Maße wertvoll und geeignet sind, den eigenen Wertekompass zu justieren und sich dessen bewusst zu werden, wofür wir stehen. Unser Grundgesetz, aufgeklärter Humanismus oder auch unsere Religion, um nur einige zu nennen, sind Werte, die uns tragen und die wir aus meiner Sicht den Unwerten moderner, asymmetrischer Konflikte entgegen setzen müssen.

Wir – die ältere Generation – müssen hier Verantwortung übernehmen in der Diskussion und können nicht alles den Jüngeren überlassen, auch wenn diese unstrittig die Zukunft des Sanitätsdienstes darstellen. Wir müssen die Jungen vorbereiten auf Situationen, die im Krieg oder in solchen Konflikten passieren können, damit sie eine Vorstellung und ethisches Rüstzeug für diese Dilemmata und für ihr eigenes Handeln entwickeln können. Vorantreiben müssen wir tatsächlich den Dialog mit den Jungen über diese möglichen Fragestellungen. Wir hatten in den letzten zwei Jahren eine Welle der Kriegsdienstverweigerung innerhalb des Sanitätsdienstes. Sehr viele von diesen Antragstellern, die das Recht auf Kriegsdienstverweigerung für sich in Anspruch nehmen wollten, waren erkennbar finanziell getrieben durch die Verlockungen oder vermeintlichen Verlockungen eines guten Verdienstes außerhalb der Bundeswehr. Aber ich verkenne nicht, dass auch einige dabei waren, die gerade aus einer schwierigen Situation im Einsatz heraus „wach geworden“ sind, die damit nicht zurechtkamen und gesagt haben, dass sie sich in eine solche emotionale und ethische Zwickmühle nicht mehr begeben könnten. In der Folge haben sie den Weg aus der Bundeswehr gesucht. Aus meiner Sicht war und ist es richtig, ihnen das zu ermöglichen, denn das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist per se richtig für eine Demokratie.

Bleiben wir also im Gespräch und hoffen auf zahlreiche spannende und auch kontroverse Diskussionen zu diesem Thema. Medizinische Ethik in militärischen Kontexten wird uns auch zukünftig immer wieder vor große Herausforderungen stellen.

Autor

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Generaloberstabsarzt Dr. Ingo Patschke trat 1973 in die Bundeswehr ein und ist seit 2011 Generaloberstabsarzt und Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Er wurde mit dem Ehrenkreuz der Bundeswehr in Silber (1994) und Gold (2000) ausgezeichnet und erhielt 2002 die Einsatzmedaille Bronze Fluthilfe. 2006 wurde ihm sowohl die Bundeswehr-Einsatzmedaille als auch die NATO-Medaille ISAF verliehen und er ist seit 2014 Träger des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland